Letzte Runde (2022)

Dokumentarfilm | Deutschland 2022 | 78 Minuten

Regie: Elizaveta Snagovskaia

Statistisch gesehen trinkt jeder Deutsche im Jahr rund zehn Liter reinen Alkohol; in Russland sieht es nicht viel anders aus. Der einfühlsame Dokumentarfilm porträtiert je zwei Männer und zwei Frauen aus Deutschland und Russland, die regelmäßig zu viel Alkohol konsumieren und die alle mehr oder weniger ernsthaft versuchen, vom Trinken loszukommen. Die Regisseurin problematisiert dabei unaufdringlich auch ihren eigenen Alkoholkonsum und kommt ihren Figuren sehr nahe. Besonders eindrücklich vermittelt sich die manchmal unterstützende, oft aber auch destruktive Rolle von Freunden, die mit dem Kleinreden des Wunsches nach Abstinenz die eigene Sucht zu überspielen scheinen. - Ab 14.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2022
Produktionsfirma
Leykauf Film/HFF München
Regie
Elizaveta Snagovskaia
Buch
Elizaveta Snagovskaia
Kamera
Artem Ignatov · Dino Osmanovic · Pius Neumaier · Anne Misselwitz
Schnitt
Ulrike Tortora
Länge
78 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Einfühlsame Doku über vier Deutsche und Russen, die regelmäßig zu viel Alkohol konsumieren und versuchen, vom Trinken loszukommen.

Diskussion

Das Bier mit den Kollegen nach der Arbeit, die Tequila-Shots beim Ausgehen am Wochenende, die noble Weinbegleitung zum Abendessen: der Genuss von berauschenden Getränken gehört zum Leben vieler Menschen dazu. Auf jährlich 13,4 Liter reinen Alkohol kommen Berechnungen für Deutschland. In Russland sind es etwas weniger, wenn man den Zahlen Glauben schenken mag, welche die WHO dazu veröffentlicht.

Elizaveta Snagovskaia hat für ihren Dokumentarfilm „Letzte Runde“ vier Menschen begleitet, die abstinent leben möchten oder sich wenigstens zum Ziel gesetzt haben, eine Zeitlang aufs Trinken zu verzichten. Lisa aus München geht es darum, ihr Leben neu in den Griff zu bekommen, sich „ohne Alkohol wieder zu spüren“. An ihrer feierwütigen Umgebung erahnt man, was es oft erschwert, mit dem Trinken aufzuhören: der eigene Freundeskreis. Dort hört sie Verharmlosungsfloskeln wie „Wenn Alkohol nicht auch ganz toll wäre, würden nicht so viele Menschen trinken“ oder „Alkohol ist ein Freund, der immer da ist“. Wem Lisa erzählt, dass sie einige Zeit gar nicht trinken wollte, wird sofort der Sinn dessen hinterfrag. Denn es droht eine Saufkumpanin verloren zu gehen; zudem wird das eigene Suchtverhalten in Frage gestellt. Fraglich ist aber auch, ob diese Freunde auch dann noch da sind, wenn Lisa nicht mehr mit ihnen trinkt.

Die Erzählung vermittelt sich über Alltagsszenen

„Letzte Runde“ entstand maßgeblich in der Corona-Zeit – was sich an der Allgegenwart der Masken im Alltag erkennen lässt. Snagovskaia arbeitet wenig mit Einzelinterviews, sondern vermittelt ihre Erzählung vor allem über Alltagsszenen. Die Methode, Figuren durch Einblicke in ihr Leben einzuführen, erinnert an fiktionales Erzählen. Dennoch hat man durchgängig das Gefühl, etwas Dokumentarisches zu sehen. Auch wenn Puristen sich an manchem etwas gemacht wirkenden Setting stoßen mögen. Auf einen einordnenden Kommentar zu verzichten, tut dem Film erkennbar gut.

Auch der junge Koch Boris muss sich vor seinen Freunden rechtfertigen, wenn sie in der russischen Stadt Tambow auf der Straße trinken, ohne immer so genau zu wissen, was sie da eigentlich hinunterkippen. Seine häufigen Sturzverletzungen im Suff, das ständige Erbrechen? Halb so wild, scheinen die Freunde zu denken. Die Gymnastiklehrerin Jenya dagegen wird von ihrer Mutter auf ihrem Weg in die Abstinenz bestärkt. Auch ihre Kinder betonen, dass sie am angenehmsten ist, wenn sie nicht trinke.

Die Regisseurin Elizaveta Snagovskaia betrifft das Thema auch persönlich: Sie selbst trinkt nach eigener Einschätzung ebenfalls deutlich zu viel. Zur Alkoholikerin wurde sie erst in Deutschland, wo sie meist Bier trinkt. Für kurze Momente wird sie selbst zum Subjekt, ohne sich aber zum eigentlichen Zentrum des Geschehens zu machen. An „Letzte Runde“ kann man lernen, wie man unaufdringlich subjektiv erzählt.

Wie repräsentativ das Trinkverhalten der Protagonisten für Deutschland oder Russland sein soll, wird dagegen nicht recht deutlich. Russland als Referenzrahmen scheint vor allem der russischen Herkunft der Regisseurin geschuldet zu sein. Jenseits des Filmthemas vermittelt sich in den Bildern des zeitgenössischen Russlands, ob beabsichtigt oder nicht, ein omnipräsenter Nationalismus.

Ein Test, was man aushalten kann

Dem jungen Vater Thomas kommt man in „Letzte Runde“ am nächsten. In einer Suchtklinik erzählt er seiner Therapiegruppe von seinen positiven Erfahrungen. Vor einem Rückfall wird ihn das aber nicht bewahren. Einen Besuch im Chemnitzer Fußballstadion sieht der Fan von Dynamo Dresden als Test dessen, was er aushalten kann – denn Fußball ist bei ihm seit jeher mit Alkohol verbunden. (Suchtexperten halten solcherlei Durchhalte-Proben übrigens für ziemlich leichtsinnig).

An ihm wie auch an den anderen Protagonisten lässt sich erkennen, dass Elizaveta Snagovskaia bemerkenswerte Porträts gelungen sind, da sich die Figuren vor der Kamera auf erstaunliche Weise öffnen – ohne dass der Film zu irgendeinem Zeitpunkt zur peinlichen Selbstentblößung auszuarten droht.

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