Plötzlich bricht die Wolkendecke auf und gibt den Blick auf ein riesiges Raumschiff frei, das brennend vom Himmel stürzt und wenige Sekunden später mit einer riesigen Explosion in eine Waldlandschaft kracht. Das sieht umso wirkungsvoller aus, weil es ganz beiläufig geschildert wird. Gigantische Raumschiffe sind allerdings nicht das Einzige, mit dem der südkoreanische Film „Hope“ in die Fußstapfen der Hollywood-Blockbuster tritt; Außerirdische und Monster bevölkern diese originelle Variante eines Kinos, das gleichzeitig sehr kommerziell und trotzdem sehr „auteurhaft“ ist, also über eine individuelle Handschrift verfügt.
„Hope“ stammt von dem 52-jährigen Regisseur Na Hong-jin und ist schon aufgrund seiner Produktionsgeschichte interessant. Denn Na Hong-jin wurde von den Co-Produzenten Alicia Vikander und Michael Fassbender ausgesucht. Das zeugt von genauerer Kenntnis oder guter Beratung, denn Na Hong-jin steuerte mit „The Chaser“ (2008), „The Yellow Sea“ (2010) und „The Wailing“ (2016) drei der aktuell besten koreanischen Filme bei. Im Vergleich zu seinen Landsleuten Bong Joon-ho und Park Chan-wook ist Na Hong-jin bislang noch relativ unbekannt. Das könnte sich durch den zwei Stunden und vierzig Minuten langen „Hope“ ändern, weil der sehr kurzweilige Film eine vorbehaltlose Verteidigung des elementarsten Action- und Abenteuerkino-Vergnügens darstellt. „Hope“ erzeugt Spannung, überrascht und bannt die Zuschauer regelrecht in ihren Sitz.
Der Film kommt sogleich zur Sache
Die Handlung spielt in oder nahe einer kleinen Hafenstadt namens Hope. Der Ort liegt unweit der demilitarisierten Zone, die Süd- von Nordkorea trennt. Na Hong-jin verzichtet weitgehend auf Erklärungen, sondern wirft die Zuschauer unmittelbar in eine Jagd, bei der eine ländliche Gemeinschaft von einem seltsamen Wesen heimgesucht wird, das man in den ersten 40 Minuten nicht zu Gesicht bekommt. Dafür begegnet man zunächst einem Polizisten (Hwang Jung-min), dem Jäger auf einem Feld den Kadaver einer Kuh zeigen, die auf ziemlich grausige Art zu Tode gekommen ist. Die schweren Wunden stammen vermutlich von Klauen oder Pranken, die sich allerdings keinem gewöhnlichen Tier zuordnen lassen.
Wenig später eskalieren die Ereignisse. In der Ferne fallen Schüsse, am Horizont steigen Rauchsäulen auf. In der Stadt tobt offenbar ein riesengroßes Etwas, das sogar Häuser durchbrechen kann, Autos in die Luft schleudert und über riesenhafte Kräfte verfügt. Menschen rennen besinnungslos schreiend davon, auf den Straßen liegen Tote.
„Hope“ kommt damit sogleich zur Sache. Ohne die Figuren auf konventionelle Weise vorzustellen, werden sie durch ihre Handlungen und ihre Reaktionen auf die Gefahr charakterisiert, in einem wilden Strudel aus Verfolgungsjagden mit dem Auto, zu Fuß und sogar zu Pferd, durch Straßen und Wälder, aus Konfrontationen und Gewaltausbrüchen, die mit einem außergewöhnlichen Aufwand an technischen und produktionellen Mitteln aneinandergereiht werden.
Angriff auf Urängste
Der Polizist Seok (Hwang Jung-min) ist die eine der beiden Hauptfiguren, seine Kollegin Yim (Jung Ho-yeon) die andere. Yim ist jung, smart und cool – und kann intuitiv mit allen möglichen Waffen umgehen. Sie schafft es auch, das zunächst unverwundbar erscheinende Wesen so schwer zu verletzen, dass es einen Unterschenkel verliert. Kurz zuvor war das unglaublich schnelle Monster kurz zu sehen; mit einer menschenähnlichen Figur, aber wesentlich größer und von grün-brauner Hautfarbe. Sein Gebiss ähnelt dem eines Piranhas. Es hat zottelige lange schwarze Haare, ist ziemlich schmutzig und bedient die verschiedensten Urängste: Horror, Schrecken, Ekel, Schmutz, Nacktheit.
Nachdem die Polizistin das Monster verwundet hat, ändern sich die Verhältnisse abrupt. Von da an jagt nicht mehr das Monster Menschen, sondern wird selbst gejagt. In dieser Umkehrung kann man durchaus einen Kommentar auf die koreanische Gesellschaft sehen, auf ihre Gewaltbereitschaft und Militarisierung, aber wohl auch auf die untergründige Gewalt aller modernen Gesellschaften. Die Polizisten sind ihrerseits von einem gnadenlosen Jagdtrieb besessen; sie agieren instinktiv, brutal und hemmungslos und werden angesichts des Monsters selbst monströs. Erkennbar ist auch, dass anscheinend viele Bürger Waffen besitzen oder schnell an schwere Waffen herankommen. Überall herrscht Gewalt. Bei der ununterbrochenen Verfolgungsjagd wird auf Schäden an Menschen und Material keine Rücksicht genommen.
Dann wird das Monster tatsächlich zur Strecke gebracht. Allerdings geht anschließend alles noch mal von vorne los, denn im Wald gibt es mehr als ein Monster. So nimmt „Hope“ allmählich eine Wendung hin zu einem Science-Fiction-Fantasy-Film. Denn es bleibt nicht aus, dass einem die Monster sympathisch werden; aus reinen Mordmaschinen werden Wesen, für die man Verständnis aufbringen kann.
Nahezu unaufhörlich in Bewegung
Es geht dann weiter und weiter, in verschiedenen Settings, mit immer neuen aufregenden Bildern und Wendungen. Dabei verblüfft nicht allein die spektakuläre Wirkung dieser Sequenzen, sondern vor allem die Präzision, mit der sie konstruiert sind. Die Inszenierung schafft es, dass man jederzeit den Raum und die Position der Figuren innerhalb des Raums erfassen kann; der Schnitt erzeugt Geschwindigkeit, ohne in hektische Überstürzung abzugleiten, und sowohl die Filmmusik als auch der Einsatz von Geräuschen tragen dazu bei, in eine narrative Maschinerie hineingezogen zu werden, die sich mit Höchstgeschwindigkeit vorwärtsbewegt. Die frenetische, nahezu unerschöpfliche Bewegung ist die große Leistung von „Hope“; Geschwindigkeit, Wucht und Chaos sind mit außergewöhnlicher Präzision choreografiert.
Es wäre aber voreilig, „Hope“ darauf zu reduzieren. Denn Na Hong-jin spielt unablässig mit Informationen und den Erwartungen der Zuschauer und zwingt dazu, sich aufdrängende Erklärungen für das Geschehen immer wieder infrage zu stellen. Jede neue Information kann die Bedeutung des zuvor Gesehenen verändern, und was eben noch offensichtlich erschien, ist wenige Minuten später längst nicht mehr eindeutig.
So werden bis auf zwei Monster alle anderen zur Strecke gebracht. Die beiden letzten Alien-Figuren sind dann auch nicht mehr aufs Töten aus, sondern stehen irgendwann einfach auf einer Landstraße herum und führen einen pathetisch-sinnleeren Dialog. „Hope“ wandelt sich damit weiter – zu einem großen Science-Fiction-Fantasy-Epos mit Kaisern, Prinzen und Figuren, die entschlossen sind, das Schicksal der Menschheit in die Hand zu nehmen.
Bis an äußerste Grenzen
Da bereits an einer Fortsetzung gearbeitet wird, sollte man nicht ausschließen, dass man später nochmal gezwungen wird, einen großen Teil dessen, was man jetzt verstanden zu haben glaubt, neu und anders zu interpretieren. Vielleicht ist das großartige Action-Spektakel „Hope“ genau das, wonach es aussieht; vielleicht aber sind die Verfolgungsjagden, die Gewalt und der Humor lediglich der Ausgangspunkt eines weitaus komplexeren und thematisch ambitionierteren Projekts. Wie auch immer die Fortsetzung aussehen mag: „Hope“ hält über 160 Minuten lang Spannung, Interesse und Vergnügen aufrecht, indem Verfolgungsjagden, Gewalt, Drama und einige gut platzierte humoristische Momente miteinander vermischt werden. Der Film wirkt damit in einem Moment, in dem das US-amerikanische Actionkino in erschöpften Formeln und Franchises gefangen zu sein scheint, wie der Versuch, dieses Genre neu zu beleben und bis an die äußerste Grenze von Exzess und visuellem Delirium voranzutreiben. Na Hong-jin erfindet damit nicht nur das Actionkino neu, sondern auch das Kino – indem er es an seine Ursprünge zurückführt, ins Universum von Georges Méliès, zu Spektakel, Zirkus und Achterbahnfahrt.