Ein kleines Paket lauert im Briefkasten. Eine Unschuldige, noch dazu eine Mutter, holt es ab. Sie bringt es ins Haus, wo der Ehemann gerade mit der Tochter spielt. Sie löst ihn ab, tauscht das Paket gegen die Spielzeug-Teetasse, tauscht ohne es zu wissen, sein Leben gegen ihr eigenes. Im Nebenzimmer öffnet der Mann das Paket. Die Detonation ist so stark, dass sie das Mini-Teehaus mit Schutt eindeckt. Der Mann ist eines von drei Todesopfern der 16 Briefbomben, die Ted Kaczynski, der Unabomber, zwischen den Jahren 1978 und 1995 verschickte. 23 weiter wurden verletzt und verstümmelt
Von Experimenten geschaffen?
Der Mann, oder besser: der Junge, den Janus Metz' Film kurz darauf zeigt, ist nicht der Unabomber. Noch ist er Ted Kaczynski (Jacob Tremblay), Harvard-Student. Ted ist einer der jüngsten und begabtesten an der Elite-Hochschule, und seiner Herkunft und seines Temperamentes wegen – Ted stammt aus einem einfachen Haushalt, fühlt sich fremd und meidet seine Kommilitonen – ein Sonderling. Als solcher ist der Junge Kaczynski das eigentliche Zentrum des Films. Die große Frage im Falle Unabombers ist und bleibt: War Kaczynski immer der Unabomber oder haben die Experimente der CIA ihn dazu gemacht.
Im Film werden die tatsächlich durchgeführten Experimente von Henry Murray (Russell Crowe) geleitet, einer Ersatz-Vaterfigur, der sich Ted ganz anvertraut. Die Experimente werden als Debattier-Duelle getarnt, zielen aber eigentlich darauf ab, Muster der Gehorsamkeit in Ted (und anderen Probanden) zu erkennen und mit psychischem Stress gezielt zu reproduzieren. Teds Gegenüber beleidigt ihn, schreit ihn an, drischt gezielt auf private Geheimnisse ein, die Ted dem Professor zuvor preisgegeben hat. Der junge Student schlägt zurück, dichtet sich innerlich ab, zieht sich sichtbar aus empathischen Denkansätzen und zunehmend aus der Menschlichkeit zurück.
Überschaubares Psychogramm
Das Ende dieses Prozesses ist bekannt. Die Spannungsbögen baut sich der Film dennoch nicht über den Prozess der psychologischen Folter des jungen Ted, sondern entlang der Ermittlungen, die das FBI sukzessive zum erwachsenen und mittlerweile in seine Waldhütte eingezogenen Unabomber führt. Während die Männerriege des Teams noch nach einem vereinsamten und gewalttätigen Proletarier fahndet, dem ominösen, hinter Sonnenbrille und Hoody versteckten Serienmörder, ist FBI-Agentin Joanne Miller (Shailene Woodley) die Einzige, die mit Hilfe der Linguistik, den tatsächlichen Mann hinter den Briefbombem-Attentaten ausfindig macht. Sie erkennt den hochgebildeten Einzelgänger im elaborierten Vokabular seines Manifests, in dem von ihm formulierten Hass gegenüber Bildungsanstalten, Elternfiguren und Technologie.
Wo zahllose filmische und literarische Auseinandersetzungen mit Kaczynski die Relevanz seiner Thesen aufgreifen, ihn gar zum Theorieträger erheben und eine schier endlose Quelle der Faszination in der grausamen und zugleich überromantisierten Konsequenz finden, mit der Kaczynski seine Leben gewalttätig technophob und zugleich naturnah zu gestalten versuchte, wo also die Komplexität des Unabomber-Phänomens in alle möglichen Gesellschaftsbereiche und zeitgenössische Problemstellungen überschwappt und Kaczynski selbst mal Opfer, mal Täter, mal Wahnsinniger, mal Prophet und mitunter alles zugleich ist, bleibt „Unabomber“ ein überschaubares Psychogramm mit Fahndungs-Anhängsel. Letzteres muss die Spannung substituieren, die sich in den prägenden Jahren Kaczynskis nur bedingt findet.
Kaum Momentum im Wechsel der Ebenen
Im Wechsel zwischen dem Ermittlungs-Prozedere und der Vergangenheit, sprich, zwischen Ted Kaczynski und dem Unabomber, gewinnt „Unabomber“ kaum Momentum. Der Film findet nicht den Übergang von einem zum anderen, stößt nie zu den Gemeinsamkeiten zwischen dem Genie und dem Serienkiller vor und findet ebenso wenig die tragischen Widersprüche, die beide einmal voneinander getrennt haben mögen. Zwischen dem jungen Ted Kaczynski und dem Unabomber steht schlicht die Zeit. „Unabomber“ überspringt sie mit ein paar wenigen Schnitten und damit auch weite Teile des tragischen Faszinosums des Unabombers.