Anna May Wong

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Ihre Leinwandpräsenz war immer größer als das Exoten-Stereotyp: Die 1905 geborene US-Schauspielerin war der erste Hollywoodstar mit asiatischen Wurzeln. Obwohl die Rollen, die ihr angeboten wurden, immer wieder exotistische Projektionen spiegelten und von rassistischen Klischees geprägt waren, faszinieren ihre Auftritte auch heute noch. Das beweist aktuell eine Filmreihe im Berliner Kino Arsenal.


„Anna May Wong – der Name klingt farbig gerändert, markig und leicht wie die winzigen Stäbchen es sind, die in einer Schale Tee sich zu mundvollen duftlosen Blüten entfalten.“ So beginnt Walter Benjamin seinen kurzen Text „Gespräch mit Anna May Wong. Eine Chinoiserie aus dem alten Westen“, der 1928 aus einem Interview mit der soeben in Berlin eingetroffenen Schauspielerin hervorging. Wong, die als erste amerikanische Schauspielerin chinesischer Herkunft zum Hollywood-Star aufgestiegen war, hatte den USA zeitweilig den Rücken gekehrt, nachdem ihr nur noch exotische Nebenrollen angeboten wurden. Unter dem deutschen Regisseur und Produzenten Richard Eichberg, mit dem sie insgesamt drei Filme drehte, erweiterte sich ihr Rollenrepertoire ganz entscheidend, was nach ihrer Rückkehr in die USA zwei Jahre später Wirkung zeigte. Das „Othering“ blieb in ihrer Schauspielerinnenlaufbahn allerdings bis zuletzt eine bittere Konstante – und auch in Benjamins Beschreibung wird Wong orientalisiert und zur „Anderen“ stilisiert, selbst wenn er sich noch so bemüht, sie zu normalisieren: „ ...befremdlicher ist, wie lange es dauerte, bis in Amerika die Chinesin zum Filmen zugelassen wurde oder sich entschloß“. Und später: „... dunkelblaues Kostüm, hellblaue Bluse, gelbe Krawatte darüber – man möchte einen chinesischen Vers dafür wissen“.


Zwischen "China Doll" und "Dragon Lady"

Die stille, geduldige, von ihrem weißen Lover verschmähte „China Doll“ und die verführerische, aber hinterhältige „Dragon Lady“, die zu Messer, Kette und anderen Waffen greift, waren die Rollen, die für Anna May Wong in der Regel vorgesehen waren. Sie bleibt in den Filmen immer die Ausnahmefrau, durch ihre Andersartigkeit markiert und darf schon deshalb keinen weißen Mann glücklich lieben; ihn auch nur zu küssen verbot in Hollywood seit 1930 der Production Code). Als „love interest“ muss sie irgendwann abgeschüttelt, verlassen und durch ein meist blondes Liebesobjekt ersetzt werden.

Tränen fließen in schöner Verlässlichkeit – „ ... sie liebt die traurigen Szenen. Ihr Weinen ist unter den Kollegen berühmt“, schreibt Benjamin. Oft wird sie durch frühzeitiges Sterben aus dem lästigen „Liebesdreieck“ geschafft – meist durch einen opferhaften Selbstmord oder auch einen tragischen Unfall. Manchmal erfährt Wong vom männlichen Helden aber auch aufrichtige Bewunderung wie in dem amerikanischen Propagandafilm „Lady from Chungking“ (1942), wo sie eine Partisanenführerin im japanisch besetzten China spielt, oder auch in „Tiger Bay“ von J. Elder Wills (1934). „You’re so unlike all my previous conceptions of the Chinese!", meint ein englischer Abenteurer einmal voll des Lobes zu der hochpatenten Kneipenchefin — und verknallt sich trotzdem in ihre Ziehschwester, eine harmlose Wasserstoffblondine.



Wong war in Hollywood die Premium-Darstellerin fürs exotische Flair, dabei nahm man es mit der Zugehörigkeit mitunter nicht gar so genau: In „The Alaskan“ (1924) spielte Wong eine Inuit, in „The Desert’s Toll“ (1926) eine amerikanische Ureinwohnerin. Dass sich bei der Besetzung asiatischer Hauptfiguren das „Yellowfacing“ durchsetzte (weiße Darstellerinnen spielen mit erheblichem Einsatz maskenbildnerischer Künste Asiatinnen): auch das musste Wong schmerzhaft erfahren. In der aufwändigen Produktion „The Good Earth“ (1937), einer Romanverfilmung, die in China unter chinesischen Bauern spielt, ging die Hauptrolle an die deutsche Schauspielerin Luise Rainer. Auch die Nebenrolle, für die Wong zu Probeaufnahmen eingeladen war, wurde mit einer Österreicherin besetzt.


Größer und mächtiger als jedes Steroty

Über Anna May Wong zu schreiben, geht nicht ohne einen analytischen Blick auf rassistische Rollenbilder – und nicht ohne den Hinweis auf Hollywoods Problem mit der Abbildung einer auch damals schon gesellschaftlich längst Wirklichkeit gewordenen Diversität. Trotzdem – und das ist das Tolle an Anna May Wong – ist ihre Leinwandpräsenz immer größer und mächtiger als das Stereotyp. Nie verschwindet sie dahinter – was das Stereotyp freilich nicht besser macht.

Bei der aktuellen Filmreihe im Berliner Kino Arsenal (noch bis 29. Juni), die Wong nicht nur als außergewöhnliche Schauspielerin würdigt, sondern auch als Grenzgängerin zwischen den Kontinenten und Kulturen, kann man sich derzeit selbst ein Bild von ihr und ihrer Kunst machen. Und darüber staunen, wie sich bei Wong Schönheit, Glamour, Intelligenz und Sex-Appeal zu einer elektrisierenden Kraft bündeln.

Wenn Anna May Wong auf der Leinwand auftaucht, verliert man meist das Interesse an den anderen Darstellern, schaut nur noch auf sie. Selbst hinter den eindeutig unterwürfigen Rollen kommt der Typ des Flappers, der sie tatsächlich war, zum Vorschein: Wong strahlt eine überwältigende Coolness und Eleganz aus, ihr Markenzeichen war der geometrisch frisierte, gelegentlich zu einem Rechteck in die Stirn gezogene Pony. Mit ihrer androgynen Figur und ihrer tiefen Stimme, die ihr mit Aufkommen des Tonfilms noch mal eine ganz andere Autorität verlieh, avancierte Wong nicht zuletzt zu einer Ikone der homosexuellen Community – speziell unter asiatischen Cross-Dressern gilt sie bis heute als stilprägend.

In Chester M. Franklins Madame-Butterfly-Adaption „The Toll of the Sea“ (1922) wurde die 1905 als Wong Liu Tsong in Los Angeles geborene Anna May Wong, deren Großeltern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus China nach Kalifornien eingewandert waren, mit nur 17 Jahren über Nacht zum Star. In dem im frühen Technicolor-Verfahren produzierten Film, einem der ersten Farbfilme überhaupt, spielt sie die romantische Chinesin Lotus Flower, die sich in einen in Seenot geratenen Amerikaner verliebt, der sie schwängert und alleine zurücklässt. Auch wenn das Ende schwer zu verkraften ist – Lotus Flower überlässt ihr uneheliches Kind dem Vater und seiner neuen amerikanischen Ehefrau, bevor sie sich ins Meer stürzt –, ist hinter der übertriebenen Demut der Figur unschwer ein sarkastischer Tonfall auszumachen: „I’m very happy that honorable Mr. Allen brings his sweet wife to see me.“

Douglas Fairbanks war beeindruckt und engagierte Wong, die er in einem Interview „a modest little person“ nannte (tatsächlich überragte sie ihn an Körpergröße) für das komplett überspannte orientalische Märchen „The Thief of Bagdad“ (1924). Unter der Regie von Raoul Walsh ist sie in einem unfassbaren Kostüm – der delirierende Traum eines orientalischen Bikinis – als intrigante mongolische Sklavin einer Kalifentochter zu sehen.


"Ich gehöre nicht zu Euch"

Die drei Eichberg-Filme, von denen der dritte auch ihr erster Tonfilm war, gehören sicherlich zu Wongs interessantesten Arbeiten. In den ersten beiden Filmen spielt sie eine im Bohème- und Vaudeville-Milieu Gestrandete, der das Glück nur momenthaft gegönnt ist. In der deutsch-britischen Koproduktion „Song. Die Liebe eines armen Menschenkindes“ (1928), bekannt auch unter dem Titel „Schmutziges Geld“, wird sie die Partnerin und Tänzerin eines Messerwerfers. Als sich eine Annäherung zwischen dem groben Artisten und der grazilen Song anbahnt, meldet sich auch schon seine Vergangenheit in Form einer früheren Liebe zurück.

In den von Wongs Leistung durchaus angetanen Filmkritiken wurde die Schauspielerin einerseits mit exotischen Zuschreibungen versehen – etwa in der Betonung ihrer Porzellanhaftigkeit –, andererseits überschwänglich eingemeindet. Eine deutsche Zeitung schrieb: „Anna May Wong gehört jetzt uns und wir lassen sie nicht mehr gehen.“ In „Großstadtschmetterling. Ballade einer Liebe“ (1929) wird sie als Vaudeville-Tänzerin Mah die Muse eines erfolglosen russischen Straßenmalers, der das Mädchen hinauswirft, als er sich fälschlicherweise hintergangen sieht. Als der vermeintliche Betrug aufgeklärt wird, ist der Künstler bereits mit einer Frau aus dem gehobenen Bürgertum zusammen. Mahs eindrucksvoller Abgang – wortwörtlich sagt sie: „Ich gehöre nicht zu euch“ – wirkt dabei wie ein Meta-Kommentar zu ihrem ewigen Status als Außenseiterin. Einige Kritiker vermissten das spezifisch „Chinesische“ in Wongs Darbietung, Eichberg habe die exotischen Qualitäten der Schauspielerin nicht stark genug herausgearbeitet – retrospektiv gesehen wohl das größte Kompliment, das Wong je zuteilwurde.

Der letzte Eichberg-Film „Flame of Love“ (1930) bleibt im etablierten Rollenrepertoire. Wong spielt Hai-Tang, Tänzerin, Sängerin und Star eines chinesischen Gesangs- und Tanzensembles, das im zaristischen Moskau gastiert. Zum ersten Mal durfte Wong vor laufender Kamera einen weißen Schauspieler küssen – und das ohne anschließend zu sterben. Allerdings wurde die Kuss-Szene nach einigen Kontroversen in den Verleihkopien wieder herausgeschnitten. Wongs Ehrgeiz, ihre Karriere aktiv zu gestalten, zeigte sich auch darin, dass sie in allen drei Sprachversionen des Films (es gibt eine deutsche, eine französische und eine englische) mitwirkte, während die männlichen Hauptdarsteller jeweils ausgetauscht wurden.

Josef von Sternbergs Abenteuerfilm „Shanghai Express“ (1932), in dem Wong eine chinesische Prostituierte verkörpert, ist mit Abstand der bekannteste Film unter ihrer Mitwirkung – auch wenn die stets perfekt ausgeleuchtete Bühne in der Hauptsache Shanghai Lily (Marlene Dietrich) gehört. Als enigmatisches Mitglied einer zusammengewürfelten Reisegesellschaft im Schnellzug von Peking nach Shanghai bringt sie einmal, auf ihre Ehrbarkeit angesprochen, mit hinreißendem Understatement den Satz vor: „I must confess, I don’t quite know the standard of respectability that you demand in your boarding house, Mrs. Haggerty.“ Nachdem der Zug von einer Rebellengruppe aufgehalten wird, ist sie es, die ihren Mitreisenden ohne viel Aufheben das Leben rettet. Man hätte sich für Wong mehr Rollen wie diese gewünscht, vielleicht sogar, wie Benjamin es imaginiert, „in einem Film, der dem Gewebe unserer Zwiesprache ähnlich sein möge“.


Fotos: Deutsche Kinemathek


Die Filmreihe mit Werken von Anna May Wong läuft noch bis 29.6. im Berliner Kino Arsenal. Informationen dazu finden sich hier.

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