Passionen: Gefängnisausbruch

Diskussion

Die Neuverfilmung von Henri Charrières Roman „Papillon“ fällt wohl unter die Kategorie „Remakes, die die Welt nicht braucht“: Die 1973 erschienene erste Adaption mit Steve McQueen und Dustin Hoffman als Häftlingen, die aus einer Strafkolonie in Französisch-Guayana entkommen wollen, dürfte schwer zu toppen sein. Egal, ich werde mir den neuen Film trotzdem ansehen! Aus demselben Grund, aus dem ich mich tapfer durch vier Staffeln, ein Spielfilm-Spin off und ein unseliges verspätetes Sequel der Serie „Prison Break“ gekämpft habe: Wenn es um Gefängnisausbrüche geht, bin ich immer dabei.

Dass das mit einer latenten kriminellen Ader zu tun haben könnte, die sich in der Identifikation mit verurteilten Verbrechern äußert, streite ich rundheraus ab. Schließlich ist in der Motivwelt des Gefängnisfilms die Frage, wer da kriminell ist – das System oder der Ausbrecher, der sich dagegen auflehnt – in der Regel mit „das System“ zu beantworten. Zentrale Klassiker des Genres wie „Der Gefangene von Alcatraz oder die Kultserie „Auf der Flucht“ stammen bezeichnenderweise aus den kritischen 1960er- und 1970er Jahren, als das Misstrauen gegen staatlichen Institutionen auf breiter Front seinen Niederschlag im Kino fand, u.a. in diversen Polit- und Paranoia-Thrillern. In Gefängnisfilmen geht es um den heroischen Widerstand des Individuums gegen den Zwang von Strukturen und die Schwerkraft von Machtgefällen, die letztlich immer amoralischer sind als das, was der Einzelne auf dem Kerbholz hat. Wobei der Knast-Mikrokosmos mit seinen sadistischen Wärtern, korrupten Direktoren und Duschraum-Vergewaltigern als eine Art dunkler Zerrspiegel der Gesellschaft draußen vor den Wachtürmen und Stacheldrahtzäunen fungiert.

In dem Film, der mich in Sachen Gefängnisausbruch im frühen Teenager-Alter angefixt hat, war die Sache mit dem kriminellen System besonders klar: In John Sturges’ „Gesprengte Ketten“ („The Great Escape“) aus dem Jahr 1962 sind die Kerkermeister die Nazis und die Ausbrecher alliierte Kriegsgefangene, die aus einem Lager in Bayern entkommen wollen. Unter ihnen: Steve McQueen, der sich später auch in „Papillon“ von unmenschlichen Internierungsbedingungen nicht unterkriegen ließ. In „The Great Escape“ spielt er eine in ihrem Individualismus absolut umwerfende Figur, die sich nicht nur den deutschen Wächtern permanent widersetzt, sondern auch unter den Mitgefangenen ein Solitär bleibt, der sich in die soldatisch-kameradschaftliche Gruppe nicht so richtig eingliedern will. Am Ende geht es eigentlich schlecht für ihn aus; das Motorrad, mit dem er den Nazis über grüne Wiesen davon prescht, bleibt tragischerweise an der Grenze, die Freiheit schon in Reichweite, in einem Grenzzaun hängen. Trotzdem ist es ein hoffungsvolles, stolzes Ende, wenn McQueens Figur schließlich wieder in einem Einzelhaft-Loch sitzt und einmal mehr beginnt, einen Baseball gegen die Wand zu werfen, um sich die Zeit im „Bunker“ zu vertreiben (und damit ein renitentes Geräusch zu erzeugen, das ein großartiges akustisches Ausrufezeichen hinter den hartnäckigen Widerstandsgeist der Figur setzt) . Man darf getrost davon ausgehen, dass das nicht ihr letzter Fluchtversuch war.

Plakat zu "Gesprengte Ketten", © Twentieth Century Fox
Plakat zu "Gesprengte Ketten", © Twentieth Century Fox


McQueen und sein Baseball sind längst Genre-Ikonen; herbei zitiert wurden sie z.B. von Tom Cruise in der Eröffnungssequenz von „Mission: Impossible - Phantom Protokoll“ (2011), in der Cruise alias Ethan Hunt zunächst in einem russischen Knast auf der Pritsche liegt und à la McQueen mit einem Ball spielt, um alsbald stilvoll auszubrechen: Das Ganze funktioniert als fast tänzerische Choreografie, bei der Hunt von seinem Computer-Nerd-Kollegen (Simon Pegg), der sich ins Sicherheitssystem des Gefängnisses gehackt hat, von außerhalb des Knasts den Weg hinaus geebnet bekommt und ihm nur noch mit souveräner Flüssigkeit folgen muss.

Sowieso Choreografie: Die Helden von Gefängnis-Ausbruchsfilmen mögen Rebellen sein, die der Knast-Hackordnung ein Schnäppchen schlagen; trotzdem befriedigt das Genre nicht zuletzt auch Kontrollfetischisten, die nichts lieber mögen als gut durchdachte Pläne und eine ordentliche Vorbereitung. Parallel zum Heist-Movie-Genre, in dem es um raffinierte Einbrüche in Banken, Museen, Spielcasinos geht, besteht ein Gutteil des Reizes beim filmischen Gefängnisausbruch im intelligenten Plotting. Das System mit seiner Dauer-Überwachung und seinen Mauern, Gittern und Schlagstöcken mag stärker sein als der Gefangene; aber kein System ist perfekt, und mit Grips und Hartnäckigkeit lassen sich Schwächen finden und ausnutzen: eine klassische David-gegen-Goliath-Konstellation. Die wirkt sich positiv auf die Helden-Bilder aus, die man in dem Genre serviert bekommt. Zwar verirrt sich ab und an auch ein Muskelprotz in die Reihen der Ausbrecher-Könige (etwa Silvester Stallone und Arnold Schwarzenegger in „Escape Plan“), der klassische Gefängnisausbruchsheld à la Clint Eastwood in "Flucht von Alcatraz" ist aber eher von der zähen und cleveren Sorte. Die Sorte, die wenn nötig lange warten kann, bis der metaphorische Stein aus der Schleuder den Riesen endlich trifft: Im besten Gefängnisfilm aller Zeiten, „Die Verurteilten“ nach einer Erzählung von Stephen King, vergehen für die Hauptfigur (Tim Robbins) rund zwanzig Jahre, bis der mit fantastischer Ausdauer vorbereitete Ausbruch und die Rache an der korrupten Gefängnisleitung endlich reif für die Durchführung sind.

Ob Charlie Hunnam und Rami Malek in der Neuverfilmung von „Papillon“ solche Fußstapfen füllen können? Aber selbst wenn nicht: von Steve McQueen und seinen Gefährten in „Gesprengte Ketten“ kann man lernen, dass es Größe hat, das scheinbar Unmöglich zu probieren, selbst wenn man am Ende scheitert. Hauptsache, der Freiheitsdrang bleibt lebendig.

Foto Startseite/oben: aus "Papillon" (2017), © Constantin

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