Übersinnliche Klänge

Freitag, 10.08.2018

Über die leidenschaftliche Affäre des Kinos mit Celli und Cellisten

Diskussion

2018 ist das Jahr des Cellos. Eine Wahl ganz im Sinne des Kinos. Denn das Cello veredelt nicht nur Filmmusiken, sondern übernimmt bisweilen auch eine tragende Rolle oder wandelt sich sogar zum Protagonisten. Annotationen über eine leidenschaftliche Affäre des Kinos mit Cello & Cellisten.


Ein Lockruf in eine fremde Sphäre! Alles an dem großen, geschmackvoll eingerichteten Anwesen muss auf die Jugendliche einschüchternd wirken, die aus kleinkriminellen Verhältnissen stammt. Doch als Mona (Natalie Press) in „My Summer of Love“ (2004), einem Liebesdrama von Pawel Pawlikowski, zum ersten Mal das Haus der gleichaltrigen Tamsin (Emily Blunt) betritt, die aus einer gut gestellten Familie stammt, zieht sie eine zarte Melodie unwiderstehlich an. Tamsin erzeugt diese Klänge auf ihrem Cello; dass sie gerade Camille Saint-Saëns’ „Schwan“ aus dem „Karneval der Tiere“ spielt, muss Mona wie eine Verheißung erscheinen: „Der Schwan“ war auch der Name des Pubs, in dem sie groß geworden ist und den ihr religiös erweckter Bruder soeben geschlossen hat; die Gefühle, die diese Musik in ihr auslöst, überträgt Mona unmittelbar auf deren Erzeugerin. Selbst wenn aus diesen Emotionen am Ende kein dauerhaftes Glück entsteht, hat sich Monas Wahrnehmung von diesem Moment an für immer verändert. Über den Klang des Cellos haben sich ihr Ausblicke in eine andere Welt eröffnet, die ihr durch nichts mehr genommen werden können.

Verführerischer Klang: "My Summer of Love"
Verführerischer Klang: "My Summer of Love"

Regisseur Pawlikowski knüpft mit dieser Szene, in der ein Instrument zum Vermittler zwischen unterschiedlichen Lebenswelten wird, an den Ruf des Cellos an, unter allen Musikinstrumenten der menschlichen Stimme am nächsten zu kommen. Mit seinem warmen, weichen Klang, dem großen Stimmvolumen von den kraftvollen tiefen Lagen bis zu bemerkenswerten Höhen und dem scheinbar klagenden Ton besitzt es in jedem Fall viele musikalische Vorzüge. Dass sich das Cello in der Konzertwelt dennoch nicht in die vorderste Reihe hat spielen können, liegt auch daran, dass ihm zwei exaltiertere Instrumente den Rang ablaufen: das durch imponierende Größe und einen machtvollen Klang raumfüllende Klavier und die selbstbewusste, spitztönige Violine, die beide ein leidenschaftliches Spiel bis hin zur Ekstase nahelegen. Das Cello erscheint demgegenüber von Natur aus gemütlicher und zurückhaltender, seine Wirkung auf die Zuhörer viel weniger berechnend, auch wenn sie ebenso überwältigend ausfallen kann.

Das Kino besitzt eine Schwäche für solche etwas einfache Charakterisierungen von Instrumenten und überträgt diese gern auf die dazugehörigen Musiker. In Abgrenzung zu Klaviervirtuosen und Teufelsgeigern hat sich für Cellisten auf der Leinwand das Image introvertierter Künstler etabliert, die sich nicht um jeden Preis in den Vordergrund spielen müssen. Stattdessen ist ihnen eine Zurückhaltung zu eigen, die bei professionellen Musikern an den Rand der beruflichen Selbstdemontage gehen kann. In „Renn, wenn du kannst“ (2009) von Dietrich Brüggemann begegnet man in der jungen Cello-Studentin Annika (Anna Brüggemann) einer geradezu musterhaften Vertreterin dieser Schüchternheit. Sie gerät bei Solo-Auftritten leicht aus der Fassung und vermasselt ihr Spiel, weshalb sie ihre Zukunft als „Tutti-Schwein“ in den hinteren Orchesterreihen vorgezeichnet sieht. Das optimistische Drehbuch kreiert jedoch eine ultimative Bewährungsprobe: Während eines Konzerts muss Annika für die Cello-Solistin einspringen, die sich an der Hand verletzt hat, und meistert di

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