Das menschliche Drama

Montag, 25.03.2019

Neue österreichische Dokumentarfilme positionieren sich bei der „Diagonale ’19“ in Graz gegen den rechten Populismus

Diskussion

Die „Diagonale ’19“ in Graz macht Front gegen den rechten Populismus. Beim „Festival des österreichischen Films“ blickten vor allem Dokumentarfilme auf demagogische Umtriebe, mit denen Ängste geschürt und Wahlen gewonnen werden. Unliebsame Sender wie Ö1 müssen hingegen um ihre Existenz fürchten, weil die öffentlich-rechtliche Finanzierung in Frage gestellt wird.


Der Trailer der diesjährigen „Diagonale ’19“ (19.-24.3.2019) zeigt ein farbig schillerndes Wasserrad, das vor nächtlicher Kulisse immer mehr Fahrt aufnimmt. In die Drehbewegung montiert der Experimentalfilmer Johann Lurf knappe Inserts: „Angst schüren“, „Bedrohung konstruieren“, „Hetze“, „Wahlen gewinnen“, „vom Wesentlichen ablenken“, „mehr Hetze“, „mehr soziale Kälte“, „mehr soziale Konflikte“, „mehr Wahlen gewinnen“. Und dann die resümierende Texttafel: „Nationalismus ist Gift für die Gesellschaft“.

Tatsächlich ist in Österreich das Klima rauer geworden. Die seit 2017 amtierende Regierung übt sich gerne in rechtskonservativer Demagogie. Filme halten dagegen: das österreichische Kino in widerständiger Nachdenklichkeit. Etwa Nathalie Borgers mit ihrem Dokumentarfilm „The Remains – Nach der Odyssee“. Darin werden zwei Erzählstränge verflochten. Beobachtungen von der Insel Lesbos, der Alltag von Menschen, die dort Leichen von Flüchtlingen bergen, nach Vermissten suchen, Gräber pflegen. Und im zweiten Strang das konkrete Beispiel einer syrischen Migrantenfamilie in Wien, die bei stürmischer Überfahrt 13 Angehörige verlor, Frauen und Kinder. Das zwischen Izmir und der griechischen Insel Samos gesunkene Boot wurde nie geborgen; der Schmerz über das vermeintlich eigene Versagen steht dem Vater und seinen beiden erwachsenen Söhnen ins Gesicht geschrieben.

"The Remains - Nach der Odyssee"
"The Remains - Nach der Odyssee"

Das Zucken im Gesicht des Vaters

Borgers begleitet die Überlebenden auf die Ämter und zum Roten Kreuz; so geht es darum, einen in Deutschland lebenden Bruder, der vereinsamt und nach dem Tod seiner Kinder psychisch erkrankt ist, nach Österreich zu holen – und wie dies an der Bürokratie zu scheitern droht. Der Film benötigt keinen Kommentar, die langen Kamerablicke in die Augen der Familienmitglieder, auf ihre Handbewegungen, das nervöse Zucken im Gesicht des Vaters, oder der Tisch voller Psychopharmaka, sprechen Bände.

Dass Borgers dabei auch Auslassungen wagt, also nicht über die kurdische Problematik der Familie und deren konkrete Fluchtgründe reflektiert, erhebt den Film aus der Reportage in die Kunst. Das Schicksal einer Familie steht hier für etwas Allgemeineres: für eine menschliche Tragödie schlechthin. Dass „The Remains – Nach der Odyssee“ den Großen Dokumentarfilmpreis der „Diagonale“ gewann, ist eine kluge Entscheidung.

In „Refugee Lullaby“ porträtiert die israelische Regisseurin Ronit Kertsner einen Mann, der eine ungewöhnliche Entscheidung für sein Leben getroffen hat: Hans Breuer, ein charismatischer österreichischer Wanderhirte. Beim Hüten seiner Schafe singt er jiddische Lieder; nachts, wenn die Herde schläft, fährt er mit dem Auto zur ungarischen Grenze, um Geflüchtete zu unterstützen. Seine Hilfsbereitschaft resultiert aus Erfahrungen, die seine eigene Familie machen musste: Der Vater, ein jüdischer Kommunist, floh 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs ans NS-Regime; die einzige offene Grenze für ihn war die zum faschistischen Italien.


Der jüdische Hirte

Breuer selbst war nicht imstande, sich einer Gesellschaft anzupassen, die aus Alt-Nazis bestand und aus Leuten, die denen nichts in den Weg gelegt hatten; deshalb wählte er den Hirtenberuf als Refugium in freier Natur. Dem allgemeinen Verdrängen und Vergessen setzt er seine Leidenschaft für das vielfach verschüttete jiddische Liedgut entgegen. Am Ende zeigt Kertsner, wie er mit pakistanischen Flüchtlingen in einer elenden Unterkunft das jiddische „Jam dari dari“ anstimmt: ein fast schon biblisches Bild in einem hochemotionalen, aber nie sentimentalen Film.

"Refugee Lullaby"
"Refugee Lullaby"

Für ihr filmisches Sittenbild „Inland“ recherchierte Ulli Gladik mehr als zwei Jahre im 10. Wiener Stadtbezirk „Favoriten“, der bei früheren Wahlen stets eine Hochburg der Sozialdemokratie war, jetzt aber mehrheitlich von FPÖ-Anhängern bevölkert ist; demokratische Freiheit glauben viele hier im lautstarken Protest zu finden. Das Gefühl der Gemeinsamkeit, das früher die Sozialdemokratie zu vermitteln verstand, scheint inzwischen von den Rechten gepachtet zu sein, obwohl deren Antworten auf die diffusen Ängste der Menschen nur in populistischen Phrasen bestehen.

Um zu erfahren, was die „einfachen Leute“ des Arbeiterbezirks umtreibt, hört die Regisseurin nicht nur genau hin, sondern sucht auch den Dialog, bei dem sie sich gelegentlich in subtiler Gegenrede übt. Dabei belegt „Inland“ – ähnlich wie sein deutsches Pendant „Montags in Dresden“ von Sabine Michel –, wie schwer oder fast unmöglich es ist, versteinerte Haltungen gegenüber „den Fremden“ oder „der Lügenpresse“ aufzubrechen. Immerhin gelingt es Gladik dank eines langen Atems, ihre Gesprächspartner zu verbalen Einsichten zu bewegen. Dass die Versprechungen rechtskonservativer Parteien letztlich nur ein Deckmäntelchen sind, um den Sozialabbau für alle, bis hin zur bürgerlichen Mittelschicht, zu beschleunigen, sind Erkenntnisse, die angesichts des einfältig-aggressiven Stammtischgeschwätzes zunächst eher nicht zu erwarten waren.


Hommage ans Radio

Wie notwendig in komplexen Zeiten unabhängige Medien sind, belegt „Gehört, gesehen – ein Radiofilm“ von Jakob Brossmann und David Paede, eine Hommage an den anspruchsvollen Journalismus im österreichischen Sender Ö1. Wie viel Detailarbeit in den Programmen steckt, welche Vielfalt an Themen und Sichtweisen auf Politik, Kultur, Wissenschaft und das Leben, skizziert der Film anhand zahlreicher Miniaturen: von der Opernübertragung bis zum Porträt eines Fachmanns für Moose. Er zeigt die Begeisterung von Journalistinnen und Journalisten, Musikern, Geräuschemachern bis zum Reinigungspersonal; er begleitet die Entstehung neuer Reihen, das tagtägliche Ringen um Sinn und Form.

Dabei ist „Gehört, gesehen – ein Radiofilm“ durchaus nicht unkritisch. Wenn bei einer Redaktionskonferenz höhere Einschaltquoten zur dringenden Notwendigkeit erklärt werden, fragt man sich, warum auch ein durch Gebühren finanziertes öffentliches Kulturradio wie ein Kaninchen auf die Schlange starren muss. Und wenn der Leiter des Senders die Belegschaft darauf einschwört, angesichts von Kürzungen bei den Programminhalten nichts über die Gründe und Sparzwänge verlauten zu lassen, wirkt das eher defensiv.

Während der Dreharbeiten flammten Diskussionen auf, in denen die Rechten in Österreich forderten, die Rundfunkgebühren abzuschaffen – zugunsten eines vom Kanzleramts oder Innenministerium ausgelobten und jährlich neu zu verhandelnden Budgets, mit entsprechenden Abhängigkeiten. Diese Gefahr ist noch nicht ausgestanden; der Film kommt als Plädoyer für die Freiheit der Medien zur besten Zeit.


Der Fundus des Meeres-Dokumentaristen Hans Hass

Abseits aktueller politischer Debatten gelang dem Biologiestudenten Oliver Bruck mit seinem Dokumentarfilmdebüt „Exploring Hans Hass“ ein Beispiel für ein spannendes zeit- und kulturgeschichtliches Essay. Bruck war auf Unmengen an Filmmaterial gestoßen, das der 2013 im Alter von 94 Jahren verstorbene Taucher, Meeresbiologe, Filmemacher und Humanethnologe Hans Hass zur Entsorgung bestimmt hatte. Bruck nahm dies zum Anlass, tiefer in die Biografie von Hass einzusteigen und Zeitzeugen ausfindig zu machen, die an dessen Arbeit teilgenommen hatten, auch das Abenteuer zu wagen, Jahrzehnte alte Negative entwickeln zu lassen.

"Exploring Hans Hass"
"Exploring Hans Hass"

Entlang dieser Recherche entstand ein facettenreicher, in mancher Hinsicht sogar philosophischer Film. Über die Lebensträume eines Menschen – und dass sich am Ende doch nichts so fügt, wie es einmal gedacht war. Über den Reiz, einer „vergangenen“ Kultur – hier: der analoge Film – auf die Spur zu kommen; der fast zauberische Vorgang, bei dem aus scheinbar toter Materie neues Leben erwächst. Dass Bruck hochbetagte Menschen, die an Hass’ legendären Reisereportagen „Abenteuer im Roten Meer“ (1951) und „Unternehmen Xarifa“ (1954) vor die Kamera holte und über ihre Erlebnisse berichten, gehört zu den bewegenden Momenten dieses gleichsam mit staunenden Augen realisierten Films. Manches wirkt auch naiv, etwa das fast völlige Ausblenden der NS-Zeit. Eine solche Leerstelle ist wohl Brucks Alter und dessen überschwänglicher Empathie gegenüber Hass zuzuschreiben. Da wäre Genaueres zu sagen gewesen. Dennoch gehört „Exploring Hans Hass“ zu den Entdeckungen der diesjährigen Diagonale.


Eine Auflistung aller Preise der "Diagonale '19" findet sich hier.


Fotos: Diagonale

Kommentar verfassen

Kommentieren