Eine provokative Filmkritikerin: Pauline Kael

Freitag, 14.06.2019

Eine Würdigung der kompromisslosen US-amerikanischen Kritikerin (1919-2001) zum 100. Geburtstag

Diskussion

Als Filmkritikerin nahm die am 19. Juni 1919 geborene Pauline Kael nicht nur in den USA eine Ausnahmestellung ein: Statt sich einer Filmtheorie zu verschreiben, näherte sie sich dem Kino mit hochpersönlichen Vorlieben, die sie in geschliffenen Texten formulierte. Kontroverse Positionen zu geschätzten Werken entstanden dabei ebenso wie Hymnen auf umstrittene Filmemacher, mit denen sie vielen jungen Regisseuren zum Durchbruch verhalf. Würdigung einer zeitlebens Unangepassten.


„Sie trampeln mit Cowboystiefeln durch diese Seiten. Gehen Sie!“ (Leserbrief an Pauline Kael während ihrer Zeit beim „New Yorker“)

Pauline Kael ist ein großer Name der Filmkritik. Die vor einem Jahrhundert geborene Autorin vereint die künstlerischen, würdevollen und unbestechlichen Ansatzpunkte der Filmkritik mit den bösartigen, manipulativen und machtbesessenen Tendenzen der Branche. Sie ist so faszinierend wie widersprüchlich, gleichermaßen sprachlich klar und persönlich undurchdringlich, dass man nicht anders kann, als sie immer wieder zu lesen. Wie an einer eigentlich unerwünschten Sendung im Fernsehen kann man an ihren Texten hängenbleiben. Manchmal vor allem deshalb, weil man nicht einverstanden ist, aber sich wundert, wie gut sie trotzdem argumentiert und vor allem, wie lustig und unterhaltsam sie schreibt.

Hat man einmal mit dem Lesen begonnen, setzt sich ihre Stimme fest; man sieht die beschriebenen Filme noch einmal, nur dieses Mal sieht man sie anders, sieht mehr. Man fühlt sich provoziert, inspiriert, irritiert. Man hasst sie und man muss viel lachen. Manchmal kann man gar nicht glauben, wie hart, ja untergriffig sie schreiben konnte. Ein Beispiel dafür findet sich in ihrem Text zu Werner Herzogs Fitzcarraldo. Darlegend, dass Herzog behauptete, er wäre nur einmal in seinem Leben in einer Oper gewesen und es hätte ihm nicht gefallen, schreibt Kael in Klammern: „Man stelle sich den Zuschauer vor, dessen erster Film ‚Fitzcarraldo‘ ist.“

Texte, die eine Reaktion erzwingen

Ihr Schreiben löst immer etwas aus. Enthusiastische Zustimmung oder vehementen Widerspruch. Es gibt kaum einen Text von Kael, zu dem man sich nicht positionieren müsste. Daraus entstand über die Jahre das Bild einer äußerst widersprüchlichen Autorin. Wie so oft gibt es zu viele, die nur wenige Texte kennen und sich trotzdem eine Meinung über die Person bilden. So wird gerne behauptet, dass sie Trashfilme der hohen Kunst vorgezogen habe. Das ist eine gewagte These für eine Autorin, die große Würdigungen für Ingmar Bergman oder Jean Renoir geschrieben hat. Vielmehr ging es Kael darum, das Kino vor der Akademisierung zu retten. In vielen Texten sah sie das voraus, was heute Realität ist. Eine Spaltung des Kinos zwischen Kunst und Kommerz, die letztlich in eine Elitarisierung mündet. Sie beschrieb beispielsweise Hiroshima, mon amour von Alain Resnais als eine Arthouse-Fantasie für die Elite. Ein Film, der genau wie die US-amerikanischen Filme etwas verkaufen

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