Walt & Roy Disney im Comic

Donnerstag, 11.07.2019

Die Comic-Biografie „The Moneyman" und andere Comics zu Disney und seinen wunderbaren Figuren

Diskussion

Roy Disney? Hieß der nicht Walt? Ja, und nein! Experten wissen, dass Roy Disney der ältere Bruder von Walt Disney ist. Dessen bahnbrechende Zeichentrickfilme mit weltberühmten Figuren wie Mickey Mouse oder Donald Duck kennt jeder, was auch für die Freizeitparks wie Disney World gilt. Doch viele weniger bekannte Details über Walt Disney und seine Firma, die sich vom „Start-up“ in den 1920er-Jahren zum gewaltigen Medienimperium entwickelt hat, lassen sich eher über die Stimme von Walt Disneys älterem Bruder Roy Disney erzählen. Das zumindest ist die Grundannahme von „The Moneyman“, einem Comic des italienischen Zeichners. Seine Comic-Biografie wurde 2016 in Italien veröffentlicht und ist im Frühjahr 2019 auch in deutscher Übersetzung erschienen.

Die Geburt einer Filmlegende

Die Rahmenhandlung führt ins Jahr 1971, als Roy zur Einweihung des Walt Disney World Resort nach Orlando reist und dort im Hotel auf eine Frau und ihre Tochter trifft. Ihnen erzählt er seine Lebensgeschichte, die eigentlich 1893 in Chicago beginnt. Bezeichnenderweise aber hebt Roys Erzählung erst 1907 an, als sein acht Jahre jüngerer Bruder Walt das erste Mal sein Zeichentalent zu erkennen gibt. Einige Umzüge später entkommen die Brüder dem strengen Vater in den Ersten Weltkrieg nach Frankreich, später dann flüchten der Bankangestellte Roy und der Werbezeichner Walt in die berufliche Selbstständigkeit.

Mit Hilfe von Illustratoren wie Ub Iwerks gründet der 19-jährige Walt Disney die Laugh-O-gram Studios und realisiert dort neben seinem Werbe-Job in Nachtarbeit erste Filme: Märchenadaptionen, die in den Kinos von Kansas City laufen, später auch in New York. 1923 produziert die Firma „Alice’s Wonderland“, der kunstvoll Realfilm und Zeichentrick miteinander verbindet. Darin lässt sich ein Mädchen zunächst die höchst lebhafte Arbeit im Trickstudio zeigen und träumt sich dann in eine Zeichentrickwelt hinein. Laugh-O-gram geht bankrott, aber Disney reist mit dem Film nach Hollywood und findet einen Verleih, der „Alice’s Wonderland“ in Serie gehen lässt. Das Disney Brothers Cartoon Studio, später Walt Disney Studio, ist geboren.

Visuell eher schlicht

Bahnbrechende kreative Einfälle, wie man sie bereits im Frühwerk von Disney findet, muss man in der Comic-Biografie allerdings suchen. Der Rückblick in historisierend wirkenden Sepiatönen ist visuell und narrativ eher schlicht und sachlich gehalten, während die bemühte Rahmenhandlung in Stil und Farbauswahl glatt und regelrecht industriell wirkt. „The Moneyman“ ist kein Autorenwerk im klassischen Sinn, das als Werk eines Zeichners oder in der klassischen Comic-Arbeitsteilung von Autor und Zeichner entstanden wäre. Neben De Santa als Ideengeber, Szenarist, Koordinator und künstlerischem Leiter werden Filippo Zambello als Ideengeber und Szenarist, Lorenzo Magalotti als Illustrator und Letterer sowie Giulia Priori und Lavinia Pressato als Koloristinnen und Letterinnen genannt. Das ähnelt schon eher der Arbeitsteilung einer US-amerikanischen Zeichenfabrik. Nicht umsonst hat De Santa auch schon für Disney gearbeitet.

Seitenansicht aus "The Moneyman"
Seitenansicht aus "The Moneyman"

Durch die Biografie erfährt man, dass auch unter den Disney-Brüdern die Arbeitsteilung klar geregelt war: Walt steuerte die kreativen Ideen bei, Roy bemühte sich, den finanziellen Rahmen für die Filme zu schaffen; er fungierte als klassischer Filmproduzent. So sollte es ihr Leben lang bleiben. Das aber geht bei Walts radikaler Zielstrebigkeit und Kompromisslosigkeit, die Roy viele Nerven kosten, nicht ohne Reibereien ab.

„Jede Woche ein neuer Wahnsinn“, klagt er über die Ideen seines jüngeren Bruders, der auch in moralischen Fragen nicht gerade zimperlich ist: Originalzeichnungen von Bewerbern behält er zu Recherchezwecken ein, von Kollegen kupfert er nicht nur die Technik ab, sondern übernimmt auch ganze Sequenzen. Roys Einwand, dass das Diebstahl sei, fegt Walt wütend beiseite. Während eines Streiks im Jahr 1941 liefert der verärgerte Walt dem FBI Informationen, die in der McCarthy-Ära für die Denunzierten noch schlimme Folgen haben. Walt Disney aber denkt einzig und allein an die Fertigstellung seiner Filme.

Zwiespältiges Porträt des Medienmoguls

Im Journalismus wäre es ein kapitaler Fehler, der Faszination seines Gegenstands unkritisch zu erliegen. In Biografien erlebt man das allerdings häufig. Doch De Santa lässt kritische Töne nicht missen: Walt Disney wird von Anfang an als zwiespältiger Charakter beschrieben. Um seine kreativen Ziele zu erreichen, die er in einem für alle Mitarbeiter erschöpfenden Tempo immer weiter steckt, geht er nicht zimperlich vor.

Er ist ein Idealist, der sein Umfeld mitunter zur Verzweiflung treibt. Nicht zuletzt den „Moneyman“ Roy, der über Jahrzehnte hinweg fürchtet, dass Walts Perfektion die Firma in den Ruin stürzt. Gerade in den schweren Jahren der Großen Depression will Walt als einer der Pioniere zuerst den Tonfilm und dann den Farbfilm austesten. Die Resultat sprechen für ihn: „Steamboat Willie“ oder „Flowers and Trees“ und „Three little Pigs“ aus der Reihe „Silly Symphonies“ sind allesamt erfolgreich.

Aus "Steamboat Willie"
Aus "Steamboat Willie"

Dank eines neuen Finanziers und des Wechsels zu United Artists als neuem Verleih kommen die Disneys endlich aus den roten Zahlen heraus. Mit einem weiteren Verleiherwechsel zu RKO folgt dann im Jahr 1937 der erste abendfüllende Zeichentrickfilm in Farbe: „Schneewittchen“. Dass die Firma in den 1940er-Jahren erneut schwere Jahre zu bewältigen hat, liegt zwar auch an der wirtschaftlichen Misere während des Zweiten Weltkriegs, aber mehr noch Walt Disneys Perfektionismus. Jeder neue Film muss besser als der vorherige sein, jede technische Neuerung muss sofort adaptiert werden.

In den 1950er-Jahren kann die Firma ihren Siegeszug fortsetzen: mit zahlreichen abendfüllenden Zeichentrickfilmen, die heute allesamt zu den Klassikern zählen, mit einem frühen Engagement im Fernsehen, ersten Freizeitparks und schließlich auch mit Dokumentarfilmen – den True Life Adventures. Hierfür haben die Disneys den Buena-Vista-Verleih gegründet und mit Filmen wie „Die Wüste lebt“ erfolgreich neues Terrain erkundet.

De Santa erzählt von all dem im Galopp. Ein Leben auf 160 Comic-Seiten – das muss ausschnitthaft bleiben. Der Gefahr irritierender Auslassungen entgeht De Santa dabei nicht. Die Lücken werden mit künstlerischen Freiheiten gekittet – er lässt weg, vereinfacht oder sortiert Details neu, mitunter entgegen der Chronologie. Das ist legitim. Ein wenig Vorwissen kann zum (kritischen) Verständnis der Lektüre nicht schaden. Denn viele Szenen funktionieren mehr als anekdotische Aneinanderreihung von Fakten denn über ihre dramaturgischen Qualitäten. Der Kreativität und Innovation der Disney-Filme wird die ambitionierte Comic-Biografie aber nicht ganz gerecht.

Spektakuläre Disney Comics

Wie eine filmische Hommage an Walt Disney aussehen könnte, hat der Kurzfilm „Get a Horse“ (2013) gezeigt, der einen Strip im Stil der ganz frühen Disney-Filme spektakulär mit aktueller Technik kombiniert, wenn die Schwarz-weiß-Figuren immer wieder aus der Leinwand heraus in den Kinosaal fliegen – in Farbe und 3D. Das wäre ganz im Sinn eines Innovators wie Walt Disney gewesen.

Mit seiner aktuellen Disney Comic Reihe gelingt dem französischen Verlag Glénat eine adäquate Hommage an die Kreativität des berühmten amerikanischen Trickfilmers und die unzähligen Comics rund um seine Figuren.

Dass sich „The Moneyman“ nicht den Comics, sondern ausschließlich den Filmen widmet, entspricht nicht nur Walt Disneys eigenen Interessen, sondern auch der Firmenstruktur. Während die Zeitungsstrips mit Disney-Figuren noch bei Disney entstanden, wurden die Disney-Comics in der Regel von anderen Verlagen in Lizenz hergestellt. Viele berühmte Zeichner von Mickey Mouse & Co. waren nie für die Walt Disney Company tätig. Allerdings wurde eine große Zahl der bedeutendsten Comic-Künstler über die Disney-Comics sozialisiert.



Das zeigt auch die Disney-Comics von Glénat, die auf Deutsch beim Egmont Verlag erscheint und den Innovationsgeist und die Kreativität von Disney eindrucksvoll würdigt. Hier haben sich bekennende Disney-Fans wie Lewis Trondheim, Cosey, Régis Loisel, Keramidas oder Tebo, aber auch offizielle Disney-Zeichner wie Silvio Camboni oder Fabrizio Petrossi der Welt von Mickey Mouse bemächtigt, und dreist, aber respektvoll neue Geschichten erkoren.

Die Ergebnisse reichen von surrealem Action-Irrsinn, eingebunden in das Konzept angeblich verschollener Hefte, die nun wieder aufgetaucht seien, über Kapitalismuskritik in Form einer Zombie-Story mit ausgedehnten Slapstick- und Prügelszenen im filmischen Querformat bis zu Liebesdramen und allerlei Genrestücken.

Anfang Juli 2019 ist die deutsche Übersetzung des achten Bandes der aufwändig und hochpreisig gestalteten Reihe erschienen. Lewis Trondheim jagt in „Horrorfikland“ Mickey, Donald & Co. über Friedhöfe, Spukschlösser und gruselige Krankenhäuser. Gegenüber einem solches Spektakel wirkt Alessio de Santas akkurate Biografie notgedrungen etwas bieder.

Cover "Horrifikland"
Cover "Horrifikland"

Bibliografische Hinweise

The Moneyman –Die Geschichte von Roy und Walt Disney. Von Alessio De Santa, Filippo Zambello, Lorenzo Magalotti, Giulia Priori, Lavinia Pressato. Knesebeck Verlag, München 2019. 176 S., 24 EUR.

Horrofikland. Von Walt Disney, Lewis Trondheim, Alexis Nesme. Egmont Comic Collection, Berlin 2019. 56 S. 29 EUR. Anbieter: Egmont Comic Collection




Fotos: Knesebeck Verlag/Egmont Verlag/Disney

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