Mit Behutsamkeit. Hans Wintgens Filmbeobachtungen der DDR

Freitag, 16.08.2019

Ein schmaler Band entdeckt das Werk des DEFA-Dokumentaristen Hans Wintgen

Diskussion

Der 1949 geborene Hans Wintgen gehört zu den unbekannten Regisseuren des DEFA-Dokumentarfilms. Das liegt zum einen daran, dass er zwischen seiner ersten Übung an der Konrad-Wolf-Filmhochschule „Drei Abzüge ohne Rand“ (1977) und seinem letzten Film „Der rote Milan“ (1991) nur ein schmales Gesamtwerk realisieren konnte. Zum anderen wurden viele seiner Arbeiten auch beargwöhnt, beschnitten oder gleich ganz verboten. „Wenn die Eltern Geld verdienen“ (1982) galt beispielsweise jahrelang als verschollen; dem Regisseur wurde erklärt, der Film sei vernichtet worden. Erst 1989 fand er sich im Panzerschrank des Direktors des DEFA-Dokumentarfilmstudios wieder. Unter solchen Umständen war der Name Hans Wintgen tatsächlich nur wenigen ein Begriff.

Das beginnt sich langsam zu ändern. Das Filmmuseum Potsdam stellte unlängst einige seiner Arbeiten wieder öffentlich vor. Auch über eine DVD-Edition wird derzeit nachgedacht. Beides geht auf ein Buch zurück, das Anne Barnert über Wintgen schrieb und das in der von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen herausgegebenen Reihe „Filit“ im Berliner Verbrecher Verlag erschien: „Mit Behutsamkeit. Hans Wintgens Filmbeobachtungen der DDR“.

Zeitgeschichtliches DDR-Panorama

In gründlichen Sichtungen und langen Gesprächen mit dem Regisseur hat sich die Autorin seinem Werk genähert. Sie beschreibt es als spannendes zeitgeschichtliches Panorama der DDR in den 1970er- und 1980er-Jahren, das der individuellen Lebenssituation, den Empfindungen und Erfahrungen von Menschen aller Lebensalter beizukommen versuchte: Kindergartenkinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Berufstätige, Greise.

Für die Staatliche Filmdokumentation beim Filmarchiv der DDR drehte Wintgen dann auch eine ursprünglich 159 Minuten lange Studie „Gespräche in einer strahlentherapeutischen Klinik“ (1985), einen Film über Krankheit und Tod. Vor seinem Regiestudium hatte Wintgen bereits ein Psychologiestudium (1970-1974) absolviert; diese Ausbildung prägte auch die Filme.

Resümierend schreibt Barnert: „Das Behutsame und Zurückhaltende – das Weiche –, das sich in seinen Filmen beobachten lässt, ist bei ihm eine ästhetische Haltung. (…) Hans Wintgen verzichtet auf Hilfsmittel wie Kontrast, Effekt und Sensation; auch Kommentar und Musik fehlen. Die Kamera agiert langsam, oft ist sie völlig unbewegt. (…) Es gibt nur wenige Schnitte. (…) Mit diesem Rückbau an filmischen ,Schalen und Bewehrungen‘ wird das Ausgangsmaterial seiner Filme deutlich: die im Alltag vorgefundenen Bilder und Töne samt ihren Rissen.“

Bis in die Kameraperspektive hinein

Jede von Wintgens Arbeiten wird im Buch genau analysiert, bis hin zu einzelnen Kameraperspektiven und ihrer Sinnhaftigkeit im erzählerischen Fluss. So verweisen etwa die langsamen, nahen Kamerafahrten auf Höhe der Kinder in „Wenn die Eltern Geld verdienen“ auf die Enge des Raums in einem Kindergarten, dessen Erziehungsziel letztlich vor allem auf Selbstkontrolle und -beherrschung ausgerichtet ist. Über die letzte Einstellung des Films schreibt Barnert: „Die Kamera vollzieht hier auf der Außenanlage der Einrichtung einen langsamen, über zwei Minuten andauernden Rundschwenk von 360 Grad. Dieser führt die kahle, abweisende Umgebung der neugebauten Plattenbaufronten Marzahns vor, die während der gesamten Kameradrehung das Filmbild mehr oder weniger ausfüllen. Es entsteht ein Gefühl des Eingekreist-Seins, das Bezug nimmt auf die am Beginn des Films gezeigte Enge im Kindergarten.“

Ähnlich detailliert und präzise in der Erfassung der künstlerischen Mittel und ihrer Wirkung nähert sich die Autorin auch anderen Filmen Wintgens, etwa der einstündigen Dokumentation „In Berlin 16.10.89 – 4.11.89“ (1989), die er gemeinsam mit Jochen Denzler und Petra Tschörtner realisierte, „Frank“, das Porträt eines in den turbulenten Wendemonaten vor der Entlassung stehenden Gefängnisinsassen, oder das Gespräch mit einem Stasioffizier in „Der rote Milan“. Von dem Film „Geschieden“ (1986) über eine zerbrochene Familie existiert nach den Eingriffen im DEFA-Dokumentarfilmstudio nur noch ein Rudiment. Selbst Kurzfilme, die fürs Kinderfernsehen realisiert wurden, erregten die Auftraggeber derart, dass man sie der Zensur unterwarf: „Gute Nacht“ (1983), der „wie ein Traum“ erscheinen sollte und parallele Geschichten in einem Kinderzimmer und der Außenwelt in Beziehung setzen wollte, war für die auf Rationalität gepolten Gemüter in den Leitungsfunktionen des DDR-Fernsehens zu spielerisch und fantasievoll, zu „anders“.

Bei den Recherchen zu dem Buch begegneten der Autorin viel Kleingeistigkeit, Borniertheit und Ignoranz, sei es in den überlieferten Dokumenten von Film und Fernsehen als auch in den Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit, das Wintgen auch ins Visier genommen hatte. Dass bei Barnert daraus eine zornige Sicht auf DDR-Verhältnisse resultiert, ist ihr nicht zu verdenken; dass dies eine Reihe arg undifferenzierter allgemeiner Wertungen zur Folge hat, schmälert jedoch den Wert ihres Textes. So genau sie im Beschreiben szenischer Details ist, so pauschal urteilt sie, wenn es ums große Ganze geht.

Pauschale Urteile

Ihre These von der „Sprachlosigkeit des DDR-Dokumentarfilms“ ist ebenso zu hinterfragen wie die wie in Stein gemeißelte Feststellung: „Wer sich nicht bedingungslos als Freund zu erkennen gab, wurde zum Feind.“ Im Text verfestigt sich ein DDR-Bild ohne Zwischentöne. Dass das „DDR-Bildungssystem insgesamt für Filmemacher grundsätzlich ein Tabu darstellte“, ist aber ebenso ungenau wie der Satz, die Zensur habe überall dort eingegriffen, „wo Passagen von Filmen als Abweichung vom idealen Selbstbild der DDR verstanden und als moralisches Versagen der sozialistischen Gesellschaft gedeutet werden konnten“. Nein, auch der DDR-Film war kein monolithischer Block. Es gab Phasen des Aufbruchs und der Stagnation, der Möglichkeiten und Beschneidungen, der vorsichtigen Liberalität und der Eiszeit. Nur Gut und nur Böse trifft es nicht.

Insgesamt ist der Band aber ein wichtiger Baustein zur Dokumentarfilmgeschichte der DEFA.


Mit Behutsamkeit. Hans Wintgens Filmbeobachtungen der DDR. Von Anne Barnert. Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 128 S., mehrere Abb., 18 EUR

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