Filmklassiker: Die Büchse der Pandora

Donnerstag, 07.11.2019

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Auf Lulu stürzen sich die Männer wie Motten ins Kerzenlicht. Und sie verbrennen. Aber auch die Femme fatale ereilt der vorzeitige Tod, am Ende von Frank Wedekinds Bühnenstück „Die Büchse der Pandora“. Asta Nielsen hat die Lulu in gleich zwei Stummfilm-Versionen gespielt, später waren Nadja Tiller, Anne Bennent und Jessica Schwarz in der Rolle der arglosen Verführerin zu sehen. Doch als Film-Lulu schlechthin gilt Louise Brooks. Die aus Kansas stammende Schauspielerin machte Georg Wilhelm Pabsts „Büchse der Pandora“ unsterblich, obwohl die Kritiker sich zur Uraufführung 1929 vor allem an der Hauptdarstellerin stießen. „Ein sehr schönes Mädchen voll hübscher, reizvoller Ungezwungenheit. Doch ohne Erdgeist, ohne Sinnenkraft“, schrieb der Rezensent des Berliner Tagblatts.

Arglose Verführerin: Louise Brooks als "Lulu"
Arglose Verführerin: Louise Brooks als "Lulu"

Anders urteilten Henri Langlois, Gründer der Cinémathèque Française, und James Card, erster Direktor des Filmarchivs im George Eastman House, nach dem Zweiten Weltkrieg. Beiden galt Brooks als Hauptattraktion der Verfilmung, die das Schicksal vieler anderer Stummfilme zu teilen drohte: nach dem Siegeszug des Tonfilms nicht nur aus den Kinos, sondern auch den Archiven zu verschwinden. Doch Langlois und Card öffneten die Filmbüchse der Pandora wieder, sorgten 1952 für eine notgedrungen lückenhafte Aufführungskopie von Pabsts Film aus erhaltenen Fragmenten. Die ebenso vergessene Louise Brooks wurde zu einer Retrospektive nach Paris eingeladen – und avancierte zur Filmikone. Die Schauspielerin starb 1985. Langlois zog sie sogar zwei berühmten Kolleginnen vor: „There is no Garbo, there is no Dietrich, there is only Louise Brooks“, jauchzte der große Cinephile.

Louise Brooks tanzt förmlich über die Leinwand


Pandora“ erscheint jetzt in einer optimierten Restaurierung, die der von Enno Patalas erstellten Arbeitskopie für das Münchener Filmmuseum aus den 1980ern folgt. Louise Brooks ist immer noch ein Ereignis. Die legendäre dunkle Bubikopf-Frisur rahmt ihre leuchtenden Augen. Brooks tanzt geradezu über die Leinwand, lässt so ihre Broadway-Vergangenheit bei der „Ziegfeld Follies“-Revue durchschimmern. Danach wurde sie bei Paramount vor allem als „Flapper“ (die Flatterhafte, die sich über Benimmregeln hinwegsetzt) eingesetzt. Georg Wilhelm Pabst entdeckte Brooks in einem Howard-Hawks-Film („In jedem Hafen eine Braut“, 1928) und holte sie nach Berlin. Auch im tragisch verdüsterten Finale in London, wenn sich Lulu prostituieren muss und von Jack the Ripper (Gustav Diessl) erstochen wird, überzeugt die Schauspielerin. Außerdem ist der Film auch sonst stark besetzt, mit Fritz Kortner, Carl Goetz und Alice Roberts (als lesbische Gräfin Geschwitz) in weiteren Rollen.

Herausragend choreografiert Pabst gerade die Gruppen- und Massenszenen, darunter eine fulminante Varieté-Sequenz und die Prozess-Szene, die in Lulus Flucht aus dem Gerichtssaal mündet. Trotz des vom Dramatiker Frank Wedekind übernommenen Titels „Die Büchse der Pandora“ integrierte Pabst auch Handlungselemente des Dramas „Erdgeist“, mit dem die „Lulu“-Tragödie beginnt. Insofern ist „Pandora“ also eine gestraffte Adaption der fünfaktigen „Lulu“, in der Wedekind die beiden 1895 und 1905 veröffentlichten Teile 1913 zusammengeführt hatte.



Kameranegativ-Material wurde beim „Pandora“-Comeback der 1950er-Jahre und seither nicht gefunden. Die Chancen, dass noch etwas auftaucht, gehen gegen Null. Aus den vorhandenen, technisch nicht berauschenden Materialien aus Paris, Prag und Moskau war bereits die „Pandora“-Fassung der Pabst-Retrospektive auf der Berlinale 1997 zusammengesetzt. Es folgte eine Überarbeitung zwischen 2006 und 2009 mit Digitaltechnik; die Restaurierung verdankte sich amerikanischen Sponsoren. Vor allem „Playboy“-Gründer Hugh Hefner investierte in das Projekt. Die von Hefner 1998 fürs Fernsehen produzierte 60-Minuten-Dokumentation „Looking for Lulu“ gehört leider nicht zum Bonusmaterial des nun erschienenen Mediabooks, dafür gibt Michael Pabst, der Sohn des Regisseurs, Einblicke in dessen Leben und Arbeit („Der Schatten meines Vaters“).

Lulus Ausstrahlung kommt auch in der neuen Mediabook-Edition zur Geltung


Die vorliegende Fassung wurde maßgeblich vom George Eastman House produziert. Martin Koerber von der Deutschen Kinemathek verantwortet das Restaurierungskonzept. Wie Körber im Begleitheft schreibt, galt es „die für die Arbeitsweise von Pabst kennzeichnende flüssige Montage lückenlos wiederherzustellen“. Für Fluss und Kolorit – Salon- und Tanzmusik der 1920er – sorgt auch die Musik von Peer Raben. Zunächst für ein Streichquintett komponiert, schrieb Raben den Score für die 1997er-Berlinale zur Orchesterfassung um. Frank Strobel dirigierte das Ensemble Kontraste kurz darauf noch einmal für eine ZDF-Einspielung, die als Tonspur der neuen DVD und Blu-Ray zugrunde liegt. Dass die Optik aus archivarischen Gründen nicht optimal ist, tut Louise Brooks’ Ausstrahlung wie dem wunderbaren Film letztlich keinen Abbruch. Man muss sich klarmachen, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, solche Filmschätze zu heben und zu pflegen. Für das Publikum gilt: Keine Angst, die „Büchse der Pandora“ zu öffnen lohnt sich!


Am 15.11. erscheint "Die Büchse der Pandora" beim Label Atlas Film als wertiges Mediabook (DVD plus BD). Die Extras enthalten u.a. die Dokumentation "Der Schatten meines Vaters: Michael Pabst über G. W. Pabsts Die Büchse der Pandora", in der Robert Fischer den Sohn des Regisseurs interviewt (D/USA 2006, 35 Min.). Des Weiteren umfasst die Edition ein Booklet mit analytischen Texten zum Film.


Fotos: © Atlas Film

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