© HDW (Ausschnitt aus einem Gemälde von Ulrike Ottinger)

Das wilde Denken: Ulrike Ottinger über „Paris Calligrammes“

Mittwoch, 10.06.2020

Ein Gespräch mit der Filmemacherin, die sich mit „Paris Calligrammes“ an die wilde Zeit in Paris während der 1960er-Jahre erinnert

Diskussion

Anfang März 2020 startete "Paris Calligrammes" von Ulrike Ottinger mit viel Rückenwind im Kino, da die 77-jährige Filmemacherin bei der „Berlinale“ gerade für ihr Lebenswerk geehrt worden war. Doch dann unterbrach die COVID-Pandemie die hoffnungsvolle Kinoauswertung. Jetzt kommt das kaleidoskopartige Filmmosaik wieder ins Kino, in dem sich die Künstlerin an die wilde Zeit in Paris während der 1960er-Jahre erinnert.


„Biete Welt“, lautete der Lockruf Ihrer Protagonistin im gleichnamigen Filmpoem „Madame X – Eine absolute Herrscherin“ von 1978. Welche Erinnerungswelt weckt das Paris der frühen 1960er-Jahre heute in Ihnen? Und warum wollten Sie in „Paris Calligrammes“ noch einmal aus dieser Zeit erzählen?

Ulrike Ottinger: Ich habe jetzt mit 77 Jahren noch einmal versucht, das zu erzählen, was mich in diesen jungen Jahren umgetrieben hat. Nicht nur mich alleine, sondern auch viele meiner damaligen deutschen wie französischen Freunde: Der Umgang mit dem kolonialen Erbe, die politische wie künstlerische Auseinandersetzung mit der Zäsur des Zweiten Weltkriegs und dem Schrecken der Shoah, was in der jungen Bundesrepublik keine Themen waren. Hier wurde so viel verdrängt und vergessen! Bald schon konnten dieselben Männer, die vorher Nazis waren, ihre Karrieren fortsetzen, was ich einfach nur widerlich fand. Aus diesem engstirnigen Klima wollte ich damals als 20-Jährige schnellstmöglich heraus.


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Als junge Künstlerin mit hehren Idealen waren Sie 1962 von ihrer Heimat Konstanz aus in Ihre mit Eulen bemalte Isetta Richtung Paris gestiegen...

Ottinger: ...und ein Motorschaden machte mir gleich einen Strich durch die Rechnung...


... auf den Sie am Anfang von „Paris Calligrammes“ mit ein wenig Melancholie und noch mehr Selbstironie zurückblicken. Ihre neue Filmcollage, zu der es 2019 auch eine Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt gab, ist deutlich zugänglicher als mancher Ihrer früheren Filme.

Ottinger: Eigentlich war es einer der anstrengendsten Filme, an denen ich je gearbeitet habe. Zwei Jahre lang habe ich unglaublich viel Material gesichtet und immer wieder lange überlegt: Ist das jetzt der richtige Ausschnitt für dieses Gefühl? Welche Musik soll ich nehmen, welche Assoziationen wecke ich mit diesem O-Ton? In „Paris Calligrammes“ wollte ich gerade im ersten Teil deutlich machen, wie vital die Intellektuellenszene in Fritz Picards Antiquitätenbuchhandlung „Librairie Calligrammes“ war und wie offen alle darin miteinander umgegangen sind. Das Glück meines Metiers ist es ja, dass ich immer wieder etwas dazulerne und durch die Recherchen immer neugieriger werde. Ich vergleiche diesen Prozess oft mit einem riesigen Mosaik, in dem alle Steinchen perfekt ineinanderpassen müssen. Dieses Ineinanderfügen ist die Kunst der Collage.

Ausstellungsansicht von "Paris Calligrammes" im Haus der Kulturen der Welt in Berlin
Ausstellungsansicht von "Paris Calligrammes" im Haus der Kulturen der Welt in Berlin

In Picards legendärem Gästebuch, das Sie nach jahrelanger Suche für Ihren Film wiederfanden, stehen so prominente Namen wie Paul Celan, Annette Kolb, Hans Arp, Max Ernst oder Walter Mehring, die als „entartete Künstler“ vor dem Naziterror ins Exil flohen. Picards Buchhandlung entwickelte sich dadurch rasch zu einem multikulturellen Schmelztiegel.

Ottinger: Neben den Exil-Schriftstellern und Intellektuellen gingen bei Picard bald auch die berühmten Professoren und Ethnologen, die zu dieser Zeit am Collège de France lehrten, ein und aus. Das war für mich und meinen künstlerischen Werdegang enorm wichtig, zumal viele von ihnen sehr gut Deutsch sprachen und wir in diesem speziellen Milieu untereinander auch stark politisierten, weil manche von ihnen gerade erst aus dem Algerienkrieg zurückgekommen waren. Die Stimmung war sehr aufgeheizt, wie später auch noch mal beim Generalstreik und den Studentenprotesten im Mai 1968, die ich von meiner winzigen Dachkammer in der Nähe der Universität aus hautnah mitverfolgen konnte. Wir waren jung und wollten nach vorne stürmen! Der intellektuelle Zirkel entwickelte sich für mich sehr schnell zu einem Korrektiv, das mich stark prägte; ich begann mich dann auch in meinen Bildern immer mehr mit Politik und Geschichte auseinanderzusetzen.


Einige aus diesem Kreis hatten sich bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren politisch engagiert oder im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft.

Ottinger: Ja, Hubert von Ranke gehörte zu denen oder Pierre Bourdieu. Durch sie lernte ich mich auch mit verschiedenen politischen Ideen wie dem Sozialismus oder dem Kommunismus weiter zu beschäftigen, obwohl gerade die kommunistische Partei in Paris damals stark vom Stalinismus geprägt war. Selbst Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir fühlten sich ihr in den Anfangsjahren nach dem Krieg sehr nah.


Paris Calligrammes funktioniert als Filmkunstwerk wie das Flanieren im Geiste Walter Benjamins. „Den Typus des Flaneurs schuf Paris“, heißt es in dessen „Passagen-Werk“. In diesem Sinne wandert man auch durch Ihre Filmkapitel und trifft dabei pausenlos auf so Erhellendes wie Groteskes, Politisches wie Humoristisches, was unterm Strich ein vielschichtiges Soziogramm der Kulturmetropole Paris in der Mitte des 20. Jahrhunderts ergibt. Mittendrin: der „Kosmos Kino“, wie Sie ihn in Ihrem Off-Kommentar bezeichnen.

Ottinger: Paris bedeutete für mich in dieser Zeit vor allem Zukunft. In Deutschland war die Kultur dermaßen am Boden, dass ich es am Bodensee einfach nicht mehr aushielt. Überall herrschte diese Verlogenheit, der Muff und das permanente Wegschauen! In einer Stadt wie Konstanz wurde überall camoufliert, obwohl jeder wusste, wer bei den Nazis war und welche Familien unter dem Regime besonders gelitten hatten. Bei Henri Langlois konnten wir in der Cinémathèque française dann endlich das sehen und nachholen, was bei uns von den Kinoleinwänden verschwunden war.

Auf nach Paris! Ulrike Ottinger Mitte der 1960er-Jahre.
Auf nach Paris! Ulrike Ottinger Mitte der 1960er-Jahre.

Diesem Lockruf folgten damals viele Vertreter des „Neuen Deutschen Films“: Margarethe von Trotta, Ula Stückl, Volker Schlöndorff, Wim Wenders. Alle waren dort und pilgerten begeistert zu Lotte Eisner.

Ottinger: Obwohl sie mich überhaupt nicht mochte (lacht). Ich dagegen habe sie heiß geliebt. Trotzdem bin ich leidenschaftlich in die Cinémathèque gerannt. Eisner verehrte die jungen deutschen Filmemacher wie Werner Herzog, aber mich konnte sie irgendwie nie richtig einschätzen. Das musste ich dann einfach so hinnehmen, wenngleich ich sie bis heute verehre.


Glauben Sie, dass dieser Typus des Flaneurs, wie ihn Benjamin beschrieb und dem man in Ihren Arbeiten immer wieder begegnet, in der Filmlandschaft bald ausstirbt? Und in welchem Zustand befindet sich das „Kinodispositiv“?

Ottinger: Die Frage lautet hierbei immer: für wie lange? Natürlich sehe ich, dass das Kino, egal ob das US-amerikanische, das europäische oder ein anderes immer uniformer wird. Das erlebe ich auch selbst immer wieder, wenn ich mit Filmstudenten zusammenkomme. Das hängt meiner Meinung nach aber sehr stark mit der rasanten Entwicklung der Sozialen Medien zusammen. Darin hört man nur noch das, was man hören möchte. Ein öffentlicher Diskurs, wie ich ihn als Studentin in Paris erlebt habe, wird zunehmend schwieriger. Natürlich gibt es neue Protestbewegungen wie „Fridays for Future“, die sich sehr auf die Klimathematik konzentrieren, was absolut richtig und wichtig ist. Aber im Grunde liegt es vor allem an unserem Lebensstil, dass sich die sogenannte „Dritte Welt“ zu uns aufmacht. Da ist die Katastrophe absehbar. Ich bin der Meinung, dass wir heute wieder in einer mindestens genau so großen Umbruchssituation wie in den 1950er-Jahren leben. Dabei geht vor allem die politische Moral flöten! Denn wenn jemand wie etwa die Bundeskanzlerin Merkel Moral zeigt, dann wird man bestraft und abgesägt.


Sie hatten in Ihren Pariser Jahren „Wildes Denken“ bei Claude Lévi-Strauss studiert und wurden stark von Pierre Bourdieus „Milieu“-Theorie geprägt. Was ist aus Ihrer Sicht davon für die Filmkunst geblieben? Bourdieus „Habitus“-Begriff etwa scheint inzwischen doch obsolet, weil sich Nachwuchsregisseure oder Filmstudenten heute kaum noch für die Geschichte ihres Mediums interessieren und meist nur noch in ihren eigenen Blasen kreisen.

Ottinger: Ich sehe das sehr kritisch, was aber auch damit zusammenhängt, dass Film bei uns kein Unterrichtsfach ist und Deutschland im Gegensatz zu Frankreich kein besonders cinephiles Land ist. Wenn ich auf verschiedenen Festivals unterwegs bin, werde ich als Regisseurin in der Regel begeistert empfangen und gefeiert, genauso wie das in Frankreich immer schon üblich war, wo die Regisseurin mitsamt ihrem Team automatisch im Fokus steht. In Deutschland stehe ich dagegen normalerweise alleine vor dem Publikum. Meine Filme entstehen daher weiterhin als „Ein-Frau-Betrieb“: Ich recherchiere und produziere selbst und bleibe dadurch unabhängig.


Wie schwierig ist es für Sie, eine kaleidoskopartige Filmcollage wie „Paris Calligrammes“ zu produzieren? Sie stammen noch aus einer Generation, die in den 1970er- und 1980er-Jahren Gleichgesinnte in den Fernsehredaktionen und Filmförderungsanstalten fanden. Die sind inzwischen aber entweder im Ruhestand oder schon verstorben wie jüngst Joachim von Mengershausen.

Ottinger: Natürlich ist das sehr mühsam. Da geht es ja noch gar nicht um die gigantische Archivarbeit im Hintergrund oder komplizierte Rechtefragen. Alleine für „Paris Calligrammes“ habe ich über 500 Stunden Material gesichtet und ausgewählt. Hinter dem, was jetzt so elegant kompiliert aussehen mag, steckt jedes Mal eine ungeheure Anstrengung. Wenn ich an die Fernsehredakteure von damals zurückdenke: Da wäre niemals einer aufgestanden und hätte mir von vornherein erklärt, dass dieses und jenes nicht geht und ich so einen Stoff gar nicht erst angehen sollte. So etwas ist heute aber anscheinend normal, und ich habe es auch in Filmseminaren häufig schon genau so gehört. „Ihr müsst kämpfen!“, sage ich dann oft zu den jungen Leuten. Lasst euch eure Ideen und Meinungen bloß nicht verbieten.

Das Triptychon "Dieu de guerre" malte Ulrike Ottinger 1967/1968 in Paris
Das Triptychon "Dieu de guerre" malte Ulrike Ottinger 1967/1968 in Paris

Im Rahmen der 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin werden Sie mit der „Berlinale Kamera“ geehrt. Viele Ihrer Filme, für die Sie stets selbst hinter der Kamera standen, liefen in den vergangenen Jahrzehnten im „Forum“. Welche Bedeutung hat dieser Preis für Sie?

Ottinger: Mir ist jeder Preis sehr wichtig, weil er Aufmerksamkeit für meine Arbeit schafft. Ich habe ja keinen großen Apparat hinter mir, und auch nicht die nötigen Werbemittel für meine Filme. Auf diese Weise eröffnet jeder Preis die Möglichkeit, mit der Arbeit an einem neuen Film beginnen zu können. Seit Jahren habe ich zwei komplett ausgearbeitete Drehbücher für Spielfilmproduktionen in der Schublade liegen.


Eines davon ist ein Vampirfilmprojekt, an dem Sie schon lange arbeiten...

Ottinger: Ganz genau. Aber auch „Diamond Dance“ über die jüdische Diaspora und den Diamantenhandel. Für dieses Filmprojekt habe ich acht Jahre recherchiert, aber leider nie das Geld zusammenbekommen. Im Gegenteil: ich habe damit schon sehr viel Geld verloren. Trotzdem möchte ich diesen Film, wie auch den Vampirstoff, unbedingt noch machen.


Die „Berlinale“ steht nach der langen Kosslick-Ära gerade mitten in einem Erneuerungsprozess. Wohin werden diese Reformen führen? Was erwarten Sie von der neuen Doppelspitze um Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian aus künstlerischer Sicht?

Ottinger: Beide sind große Filmkenner und leidenschaftliche Filmliebhaber. Ich denke, dass zunächst die Girlanden verschwinden müssen. Ich wünsche mir, dass man sich wieder ganz auf die Filme und deren Ästhetik konzentriert. An der neuen Leitung gefällt mir, dass sich beide bewusst als Gastgeber verstehen und öffentlich zurücknehmen. Dieser Stil eines gewissen Understatements steht der „Berlinale“ gut, weil so die Filme wieder deutlich in den Fokus rücken und nichts anderes.

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