© Woche der Kritik ("Ivana the Terrible")

Distanzen brechen: Woche der Kritik bei der Berlinale 2020

Freitag, 28.02.2020

Die „Woche der Kritik“, die parallel zur „Berlinale“ bereits zum sechsten Mal stattfand, braucht sich um ihre Zukunft nicht zu sorgen

Diskussion

Die „Woche der Kritik“, die parallel zur „Berlinale“ bereits zum sechsten Mal stattfand, braucht sich um ihre Zukunft nicht zu sorgen. Auch im Umfeld der neu aufgestellten „Berlinale“ büßt die Alternativ-Veranstaltung nichts an Attraktivität ein. Das zeigte zur Eröffnung schon die „Cinema plural“-Konferenz, aber auch die verblüffenden Filmprogramme und die angeregten Podiumsdiskussionen.


In der autofiktionalen Komödie „Ivana the Terrible“ (2019) von Ivana Mladenović kehrt die in Bukarest lebende Schauspielerin Ivana (Ivana Mladenović) erschöpft und mit den Nerven am Ende zu ihrer Familie in der serbischen Heimatstadt Kladovo zurück. Ivana, die an Erstickungs- und Verzweiflungsanfällen leidet, würde am liebsten untertauchen, doch das ist nicht möglich, denn im Ort ist sie so etwas wie eine Berühmtheit. Der Bürgermeister versucht die Heimkehrerin für ein Tourismus-Event einzuspannen und etwas von ihrem bescheidenen Glanz abzubekommen. Außerdem will eine Liebesbeziehung mit einem viel jüngeren Mann vor dem boshaften Geschwätz der Nachbarschaft geschützt werden. Alles ist irgendwie anstrengend, alle wollen irgendwie was, nur Ivana weiß nicht, was genau sie eigentlich will.

Ivana Mladenović, Regisseurin und Schauspielerin, macht in „Ivana the Terrible“ erneut das Leben zu einem Film, wie sie auch schon in ihrem Debütfilm „Soldiers. A Story from Ferentari“ (2017) auf autobiografische Erfahrungen ihres Hauptdarstellers zurückgegriffen hatte. Freunde, Familie und Ex-Lover agieren in der geskripteten Geschichte einer Frau, die wahrscheinlich am falschen Platz ihren Platz sucht.

Eine autofiktionale Komödie: "Ivana the Terrible" von Ivana Mladenović
Eine autofiktionale Komödie: "Ivana the Terrible" von Ivana Mladenović

Mladenović changiert dabei zwischen Kunstfigur und einer Version ihrer selbst, die nicht weit neben der eigenen Subjektivität liegt. Zusammen mit Oliver Bassemirs „[Bordeaux], ma bile“ (2019), einer zehnminütigen Anti-Stadtführung durch die grauen Vororte von Bordeaux, eröffnete „Ivana the Terrible“ das Filmprogramm der 6. „Woche der Kritik“ (19.-27.2.2020).


Ein dezenter Richtungswechsel

Mit der losen Anordnung, dem impliziten Befragen der eigenen Position sowie der Suche nach Streit war „Ivana the Terrible“ ein passender Auftakt für die Veranstaltung. Denn die „Woche der Kritik“ gab sich – nachdem sie in der Vergangenheit zur kuratorischen Überformung neigte – diesmal zwar gewohnt debattenfreudig, aber dennoch auch betont spontan und richtungsoffen. Mit dem thesenfreien „Streitgespräch“, das sich an zwei Abenden an das Filmprogramm anschloss, wurde ein neues Format erprobt. Und mit dem Wiener Diskollektiv, das mit seinen „Trouble Features“ genannten Doppelprogrammen selbst nach Reibungen zwischen Film und Film sowie Film und Publikum sucht, war außerdem erstmals ein Kuratorenkollektiv eingeladen, einen ausgewählten Film mit einem Überraschungsfilm zu ergänzen.

Thematisch offen und pluralistisch präsentierte sich auch die obligatorisch am Vorabend der „Berlinale“ stattfindende Konferenz. Unter dem Titel „Cinema plural. Eine Konferenz ohne Thema“ waren „Bekannte und Unbekannte“ aus Theorie und Praxis einer offenen Einladung gefolgt, ihre Anliegen vorzustellen oder im Rahmen von Workshops zu diskutieren. Es gab ein Podiumsgespräch zum „Filmaktivismus gegen rechts“ und eine Debatte zur Filmbildung. Senem Aytaç, eine Vertreterin des türkischen Filmkollektivs Altyazi, berichtete über die Verschärfungen von Zensur und Selbstzensur unter der Erdoğan-Regierung und mit welchen Mitteln die Gruppe versucht, das Selbstbewusstsein der türkischen Filmszene zu stärken.


Auf der Suche nach einer neuen „Cinephilie“

Ein Blogbeitrag des Filmemachers Franz Müller, in dem er die Abkapselung des deutschen Kinos beklagt, war Ausgangspunkt für ein Podiumsgespräch zwischen Müller, der Dokumentaristin Annekatrin Hendel und dem Stand-Up-Comedian Jan Overhausen, die über die Möglichkeiten oder – in Folge des Bildungs- und Filmfördersystems – Verunmöglichungen eines klassenübergreifenden Erzählens diskutierten.

"Ganze Tage zusammen" von Luise Donschen
"Ganze Tage zusammen" von Luise Donschen

Eine gewisse Hermetik und Undurchlässigkeit – in diesem Falle der Filmkritik – stand auch in dem Programm zur „neuen Cinephilie“ in der Kritik. Der US-amerikanische Filmkritiker Girish Shambu publizierte unlängst in der Zeitschrift „Film Quarterly“ ein Manifest mit dem Titel „For a New Cinephilia“. In scharfer Abgrenzung zur „alten“, patriarchalen Cinephilie, die ihre Bestimmung darin sieht, „das Leben um das Kino herum zu organisieren“, forderte er in Berlin im Gespräch mit der Filmkritikerin Jessica Kiang komplexere filmische Rezeptionsweisen, die sich nicht in der ästhetischen Erfahrung erschöpfen, sondern stärker gesellschaftliche Kontexte wie auch Fragen der Repräsentation einbeziehen.

Die „alte Cinephilie“ mag zwar längst nicht so hegemonial sein, wie Shambu sie darstellt. Und auch die Polarisierung von Ästhetik und Politik ist in der Filmkritik nicht neu. Doch ebenso wichtig erscheint seine Forderung nach einer weniger autorenfixierten und weniger narzisstischen Filmbetrachtung sowie die die nach einer Öffnung der Cinephilie für andere soziale Milieus und gesellschaftliche Wirklichkeiten. „Egal, wie leidenschaftlich unsere Liebe für dieses Medium ist: die Welt ist größer und erheblich wichtiger als das Kino“, lautet der Schlusssatz von Shambus Manifest, der nachhallte, als man schon wieder tief in der Festivalblase versunken war.

Im ersten „Berlinale“-Jahr unter der künstlerischen Leitung des Cinephilen Carlo Chatrian hat sich auch die Position der Woche der Kritik verschoben. Gegründet wurde sie als extrem konturierte Veranstaltung in einem extrem unkonturierten Umfeld. Damit stieß die Alternative zum „Berlinale“-Potpourri mit Diskussionen, die grundsätzlich thematisch angelegt waren, anstatt ein Werk nach Hintergründen und Intentionen zu befragen, in eine echte Lücke. In diesem Jahr aber gab es bei der Berlinale so viele „Veranstaltungen“ wie nie; allein das „Forum“ organisierte anlässlich seines 50. Jubiläums einen ganzen „Panel“-Tag. Die Unabhängigkeit der „Woche der Kritik“ von der „Berlinale“ (ob gewollt oder nicht) kann so betrachtet nur von Vorteil sein. Als beweglicher, anti-institutioneller Organismus muss sie keinem „Profil“ treu bleiben: Sie kann in jedem Jahr neu auf die jeweiligen Begebenheiten reagieren.


Alleinstellungsmerkmale der „Woche der Kritik“

Um Alleinstellungsmerkmale der „Woche“ braucht man sich nicht zu sorgen. Neben der Programmierung eines kürzeren und eines längeren Films sind es teils unorthodoxe Paarungen, auf die man nicht unbedingt kommen würde – wie etwa die beiden Filme zum Themenabend „Distanzen brechen“. Luise Donschen porträtiert in ihrer rund 20-minütigen fragmentarischen Erzählung „Ganze Tage zusammen“ (2019) junge Menschen im Umfeld eines Epilepsie-Zentrums in Bielefeld. Ein junges Mädchen, das die Einrichtung bald verlassen wird, lernt schwimmen und liest in der Bibliothek in einem Buch über ihre Krankheit. Ein Mitschüler entkernt einen Granatapfel. Ein anderer näht und macht Musik. Ein Kind streichelt einen Hasen.

Die Einstellungen (Kamera: Helena Wittmann) sind präzise kadriert, die Blickwinkel mitunter ungewöhnlich niedrig und nah. Das 4:3-Format ist ein enger Rahmen, aber es gibt darin unglaublich viel Raum und Luft. Die Verbindungen liegen zwischen den einzelnen Bildern – und außerhalb des Bildrahmens, wie in einer Szene, in der eine Klasse einen Film betrachtet, wovon man ausschließlich die Reaktionen auf den Gesichtern sieht.

Dokumentarisch: "Faith" von Valentina Pedicini
Dokumentarisch: "Faith" von Valentina Pedicini

Einem komplett anderen Begriff von Intimität folgt der immersive Dokumentarfilm „Faith“ (2019) von Valentina Pedicini. Aus einer extremen Nahsicht filmt Pedicini die isolierte Gemeinschaft einer italienischen Sekte, die vor 20 Jahren von einem Kung-Fu-Meister gegründet wurde und auf krude Weise christliche Religion mit fernöstlicher Disziplin verbindet. Die Sektenmitglieder, ebenfalls Kampfkunstathletinnen und -athleten, werden von ihrem „Maestro“ mit quasi-militärischem Körperdrill, hypermaskuliner Einpeitsch-Musik („Du bist die Macht“), Selbstbespiegelungsritualen und – das wird zumindest angedeutet – sexueller Macht kontrolliert. Die kontrastreichen Schwarz-weiß-Bilder homogenisieren die durch Kleidung und rasierte Köpfe ohnehin schon gleichgeschalteten Körper. Zudem arbeitet die Inszenierung die Polarität heraus, deren Selbstverständnis die Sekte begründet: Licht und Dunkelheit.

Der Anziehung des Films oder besser gesagt: der anziehenden Abstoßung kann man sich nur schwer entziehen, doch als filmisches Gebilde ist „Faith“ kaum weniger geschlossen als die Gemeinschaft selbst. Pedicinis Ansatz ist extrem „cinematisch“, ihre Beobachtung tarnt sich als geradezu spielfilmartige Erzählung mit Figurenkonflikten, dramaturgischen Bögen und bildtechnischen Auflösungen, die das Dokumentarische mitunter komplett vergessen lassen.


Über Anmut und Schönheit

Im Anschluss an die Vorführung diskutierten Karim Aïnouz, Valentina Pedicini, Helena Wittmann und Mathieu Landais über dokumentarische Haltungen, Intimität und das Verhältnis der Filme zu Narration. Andere Abende der „Woche“ kreisten um die Potenziale des „Slow Cinema“ und die Eigengesetzlichkeiten des „anmutigen und schönen Kinos“. Themen wie diese findet man in den Filmgesprächen der „Berlinale“ dann eben doch nicht.

Kommentar verfassen

Kommentieren