© Cross Cult (Ausschnitt aus dem Cover von "They called us Enemy")

They called us Enemy

Freitag, 05.06.2020

Der Darsteller des Lieutenant Sulu aus der „Raumschiff Enterprise“-Serie erzählt in einem Comic von seinen Erfahrungen, als Kind in einem Lager für japanisch-stämmige US-Amerikaner interniert gewesen zu sein

Diskussion

George Takei, der Darsteller des Lieutenant Sulu aus der „Raumschiff Enterprise“-Serie, verbrachte seine Kindheit in einem Internierungslager für japanisch-stämmige US-Amerikaner. In einem autobiografisch inspirierten Comic, der kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen ist, erzählt er von seinen bitteren Erfahrungen mit Rassismus im eigenen Land.


„LAW & ORDER!“, twittert Donald Trump am 1. Juni als Reaktion auf die antirassistischen Proteste nach der Ermordung von George Floyd durch einen weißen Polizisten. „STAR TREK!“, kontert der zehn Jahre ältere George Takei trocken in einem Retweet. George Takei ist vor allem durch seine Darstellung des asiatisch-stämmigen Steuermanns des Raumschiff Enterprise, Lieutenant Sulu, bekannt. In den letzten Jahren ist der seit 2005 offen schwul lebende Schauspieler außerdem immer häufiger als LGBTQ-Aktivist und Kämpfer gegen Rassismus in Erscheinung getreten. Schon als Kind hat Takei in den USA am eigenen Leib schmerzhaft erfahren müssen, was Rassismus ist.


George Takei (l.) steuerte als Lieutenant Sulu das Raumschiff Enterprise durch die Weiten des Alls.
George Takei (l.) steuerte als Lieutenant Sulu das Raumschiff Enterprise durch die Weiten des Alls.

Bereits 1994 veröffentlichte er seine Autobiografie „Zu den Sternen“. Jetzt ist unter dem Titel „They called us Enemy“ ein Comic erschienen, in dem Takei vor allem von seinen Kindheitserlebnissen erzählt, denen ein lange verdrängtes, düsteres Kapitel der US-amerikanischen Geschichte zugrunde liegt. Denn als japanisch-stämmiger US-Amerikaner verbrachte George Takei als Kind während des Zweiten Weltkriegs vier Jahre in einem schwer bewachten Internierungslager.


Star Trek als dezidiert humanistische Utopie

Nur eingefleischte Trekkies wissen, dass Lieutenant Sulu nach der Sulusee benannt ist, einem Nebenmeer des Pazifischen Ozeans. Nach Gene Roddenberry, dem Erfinder von „Star Trek“, sollte Sulu den asiatischen Kontinent repräsentieren, ungeachtet der vielen Uneinigkeiten, Kämpfe und Kriege, die diesen Raum belasteten. Was für Sulus Figur gilt, gilt auch für den friedliebenden Charakter der Enterprise-Crew und der gesamten, vernünftigen und friedlichen Erde im 23. Jahrhundert, wie sie Roddenberry für das „Star Trek“-Universum als Utopie formuliert hat. Konflikte entstehen erst mit „fremden Welten, unbekannten Lebensformen und neuen Zivilisationen“. Doch auch dort ist nie Eroberung und Unterdrückung das Ziel, sondern Neugierde und Erkundung. Es ist eine Utopie aus den Zeiten des Kalten Kriegs, Anfang der 1960er-Jahre nach dem Koreakrieg und während des Eintritts der USA in den Vietnamkrieg von Roddenberry dezidiert humanistisch erdacht.


Schon in Roddenberrys erster Serie „The Lieutenant“ wurde 1964 in der zensierten Folge „To set it right“ Rassismus thematisiert. Die Crew der Enterprise war von Anfang an multiethnisch und divers besetzt mit gleichberechtigten Menschen und extraterrestrischen, menschenähnlichen Lebewesen; sie vereinte Amerikaner und Russen sowie asiatische Amerikaner mit Afroamerikanern, Männer und Frauen. Die Rolle des Kommunikationsoffiziers überließ das Drehbuch mit Lieutenant Uhura einer schwarzen Frau. Deren Darstellerin Nichelle Nichols wollte 1966 aus der Serie aussteigen, da sich Protest gegen die tabubrechende Besetzung mit einer schwarzen Frau regte. Doch Martin Luther King bat Nichols persönlich, weiterzumachen, um der Black Community als Vorbild zu dienen. 1968 führte eine Hypnose sogar zu einem ersten Kuss der US-Fernsehgeschichte zwischen einem Weißen und einer Schwarzen. Doch nach drei Staffeln war Schluss mit „Star Trek“; es folgte lediglich noch eine Animationsserie.

Unendliche Weiten: Die Führungscrew der USS Enterprise
Unendliche Weiten: Die Führungscrew der USS Enterprise

Dann aber führten der wachsende Kultstatus der Serie sowie der Erfolg von „Star Wars“ 1979 schließlich zum ersten „Star Trek“-Kinofilm, dem bis heute zwölf weitere folgten. 1987 wurde auch die Serie weitergeführt, inklusive zahlreicher Spin-offs mit insgesamt über 700 Folgen. Über 1000 Comics und an die 700 Romane ergänzen das „Star Trek“-Universum. Lieutenant Sulu ist in der Kernhandlung immer mit dabei. Von der allerersten Folge im Jahr 1966 bis 1969 hat ihn George Takei gespielt, und das ist vielleicht kein Zufall.

Takei lieh 1973 und 1974 seine Stimme der Animationsfortsetzung, spielte Sulu ab 1979 in den ersten sechs Kinofilmen, sprach seine Figur in den 1990er-Jahren in sechs Videospielen und tauchte für je eine Folge in den Spin-offs „Voyager“ und „New Voyages“ auf, zuletzt im Jahr 2007, also gut 40 Jahre nach seinem ersten Einsatz im Raumschiff Enterprise. Aktuell ist der 83-Jährige in der Horrorserie „The Terror“ zu sehen.


Angestachelt durch politische Agitation

In der Graphic Novel „They called us Enemy“ erzählt George Takei mit Hilfe der Autoren Justin Eisinger und Steven Scott sowie der Zeichnerin Harmony Becker aus seinem Leben. Den Großteil des Comics machen seine Kinderjahre aus, in denen Takei unter der Internierung zu leiden hatte. Während Sulu, der Steuermann der Enterprise, in San Francisco geboren ist, kam Takei 1937 als erstes von drei Geschwistern in Los Angeles zur Welt. Sein Vater war als Teenager in die USA ausgewandert, während seine Mutter in den USA geboren wurde, während der Schulzeit aber in Japan lebte. Mit vier Jahren ändert sich für Takei, dessen Eltern einen mittelständischen Reinigungsbetrieb aufgebaut hatten, das Leben grundlegend. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Jahr 1941 erklären die USA Japan den Krieg. Angestachelt durch politische Agitation, entlud sich der Unmut über die aus Japan stammenden Mitbürger in den USA, der oft in Rassismus mündete und von dort in blanke Gewalt. Die Politik sprach vom „Japaner-Problem“, da man davon auszugehen habe, dass ihr „Blut“ sich für den japanischen Kaiser und gegen die USA richten würde, egal was sie verlauten ließen.

Plötzlich waren alle Japaner: "They called us Enemy"
Plötzlich waren alle Japaner: "They called us Enemy"

Japanisch-stämmige Amerikaner standen von nun an unter Generalverdacht. Nachdem zuerst ihr Vermögen eingefroren oder wegen vermeintlich feindlicher Aktivitäten enteignet und eine Ausgangssperre verhängt worden war, deportierte man im Frühling 1942 rund 120.000 Menschen japanischer Herkunft – ob mit oder ohne US-amerikanischem Pass – zwangsweise von der Westküste in zehn Internierungslager im Osten. In zwei dieser Lager verbrachte Takei seine Kindheit, vom vierten bis zum achten Lebensjahr, schwer bewacht und unter ärmlichsten Bedingungen.


Aus dem Schlaf gerissen

Der Comic beginnt damit, dass der kleine George und seine Familie aus dem Schlaf geklingelt und von bewaffneten Soldaten in ein Lager gebracht werden. Zunächst ist das für den Jungen zwar verunsichernd, aber doch eher spannend und wie ein überraschender Urlaub, denn die Besorgnis erregenden Begleitumstände versteht er nicht. Dem Leser werden die politischen Hintergründe und gesellschaftlichen Kontexte in Einschüben erklärt – durch den viel älteren George, der in der Gegenwart auf Veranstaltungen immer wieder von dieser Zeit berichtet.

Die Mutter weint, als die Familie Takei deportiert wird.
Die Mutter weint, als die Familie Takei deportiert wird.

Die junge Zeichnerin Harmony Becker, die selbst einen multi-ethnischen Hintergrund hat und auch schon in Südkorea und Japan lebte, illustriert die Geschichte in einem westlich beeinflussten Manga-Stil. Die Schwarz-weiß-Zeichnungen mit vielen Grautönen bedienen mit ihren zarten Konturlinien eine leicht schematische Sachlichkeit, während insbesondere die Kinder in emotionalen Momenten im Stil von Mangas sehr expressiv in Szene gesetzt sind. So entsteht ein spannender Kontrast zwischen den akkurat wiedergegebenen historischen Ereignissen und der ganz unterschiedlichen Wahrnehmung der Kinder.


Die Welt da draußen

Erst auf den letzten 25 der gut 200 Seiten marschiert Takei im Galopp durch seine Karriere, wobei ihm auch hier die historische Aufarbeitung des Themas wichtiger ist als seine Arbeit als Darsteller. Den Untertitel „Eine Kindheit im Internierungslager“ darf man wörtlich nehmen. In der Graphic Novel geht es nicht um den Schauspieler Takei und auch nicht um die Serie „Star Trek“. Den Zusammenhang zwischen Takeis Kindheitserlebnissen und seiner Mitwirkung an dieser auch auf humanistischer Ebene wegweisenden Serie muss der Leser selbst erschließen. Vielleicht hilft dabei ein Zitat von Gene Roddenberry, das auch aus George Takeis Mund stammen könnte: „Bis die Menschen ihre Unterschiede nicht nur zu tolerieren, sondern zu schätzen gelernt haben, verdienen sie es nicht, ins Weltall aufzubrechen und die unendliche Vielseitigkeit dort draußen zu erkunden.“

Tausende US-Bürger mit japanischen Wurzeln landeten in Lagern.
Tausende US-Bürger mit japanischen Wurzeln landeten in Lagern.

Literaturhinweis

The called us Enemy – Eine Kindheit im Internierungslager. Von George Takei mit Justin Eisinger, Steven Scott (Text) und Harmony Becker (Zeichnungen). Cross Cult Verlag, Ludwigsburg 2020. 208 S., 25,00 EUR. Bezug: in jeder Buchhandlung oder hier.

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