© imago images / Reporters (Porträt von Chantal Akerman, Brüssel 1995)

Filmliteratur: „Chantal Akermans Verschwinden“

Dienstag, 09.06.2020

Die Autorin Tine Rahel Völcker unterzieht die Filme von Chantal Akerman in deren Heimatstadt Tarnów im Südosten von Polen einer eingehenden Betrachtung.

Diskussion

In den Filmen von Chantal Akerman stößt man immer wieder auf das markante Spannungsverhältnis von Nachdruck und Leere. Ihm widmet die Autorin Tine Rahel Völcker mit „Chantal Akermans Verschwinden. Les Rendez-Vous de Tarnów“ ein ungewöhnliches Buch, das Akermans Werke in deren vom Nazi-Terror schwer heimgesuchten Heimatstadt Tarnów einer intensiven Betrachtung unterzieht.


Die Filme von Chantal Akerman (1950-2015) sind von einer Dringlichkeit, an der man nicht vorbeikommt. Mitunter scheint auch etwas Zwanghaftes in ihnen wirksam zu sein, das sich in den Figuren widerspiegelt, etwa in den rituellen, geradezu obsessiven Alltagsverrichtungen der Jeanne Dielman in „Jeanne Dielman“ (1975) oder auch in der Beharrlichkeit, mit der Akerman in ihrem letzten Film „No Home Movie“ (2016) von ihrer alten, kranken, sich langsam aus der Welt zurückziehenden Mutter vergeblich eine ganz bestimmte Geschichte hören will – was nämlich genau geschah mit der jüdischen Familie unter dem Terror der Nazis. Direkt oder indirekt begegnet man in ihren Filmen immer wieder dem Schweigen: dem der Mutter, aber auch einem kollektiven Schweigen. So wird eine scheinbare Abwesenheit zu einer spürbaren Präsenz, zu einem beständigen Wachhalten.

Die in Berlin lebende Autorin und Dramatikerin Tine Rahel Völcker hat ein Buch über Akerman geschrieben, das sich mit eben diesem Spannungsverhältnis aus Nachdruck und Leere befasst, und sie tut dies auf eine ungewöhnliche Weise.

Akermans Filme & die Herkunft ihrer Familie

Chantal Akermans Verschwinden. Les Rendez-Vous de Tarnów“ ist eine Mischung aus Reisebericht, Spurensuche, Erinnerungserzählung und essayistischer Filmbesprechung. Mit Akermans Filmen „Saute ma ville“ (1968), „Briefe von zu Haus“, „Rendezvous d’Anna“, „Aus dem Osten“ und „Là-bas“ im Gepäck reist die Autorin in die 70 Kilometer östlich von Krakau (und 150 Kilometer östlich von Auschwitz-Birkenau) gelegene Stadt Tarnów, den Geburtsort von Akermans Großmutter und Mutter. Ein Jahr vor Kriegsbeginn emigrierte die Familie nach Brüssel. Natalja Akerman, die ein Jahr vor Akermans Selbstmord im Jahr 2015 starb, überlebte Auschwitz; der Rest der Familie wurde fast vollständig in den Konzentrationslagern ausgelöscht.

Völcker möchte Akermans Filme nach Tarnów „zurückbringen“, sie dort zeigen. Doch niemand in Tarnów hat den Namen Akerman je gehört; statt Neugierde begegnen ihr Nichtinteresse und Gleichgültigkeit. Auch auf ihren zahlreichen Wegen durch die Stadt trifft Völcker trotz der einen oder anderen Gedenktafel auf eine hartnäckige Geschichte des kollektiven Vergessens und Verdrängens. Während der deutschen Terrorherrschaft verlor Tarnów innerhalb von eineinhalb Jahren die Hälfte der gesamten Einwohnerschaft; von über 25 000 Tarnówer Juden haben im Ort selbst nur neun Menschen in einem Versteck überlebt. Doch im örtlichen Museum existiert zum fünfhundertjährigen jüdischen Leben der Stadt gerade einmal eine kleine Vitrine.

Mit im Gepäck: Akermans Film "Briefe von zu Haus"
Mit im Gepäck: Akermans Film "Briefe von zu Haus" (©Paradise/I.N.A./Unité Trois/ZDF)

„Chantal Akermans Verschwinden“ ist von einem aufmerksamen Blick für Details bestimmt; der Bericht wird gelegentlich selbst zum Bewegtbild. Oftmals führen Beobachtungen, die die Autorin bei ihren Streifzügen und Begegnungen mit Menschen macht, in Akermans Filme und Texte hinein und umgekehrt. So versucht Völcker von Tarnów aus nach dem New York zu schauen, das Akerman in ihrem Film „Briefe von zu Haus“ (1976) festhielt. Wie sich die Filme von Akerman denn nun mit der Stadt vertragen, will der Taxifahrer wissen – „Do you think they’re getting friends?“

Ein ortsspezifisches „close reading“

Völcker schreibt: „Vorgestern, mit ,Briefe von zu Haus‘, haben der Film und die Stadt einander abgestoßen, zunächst, der New-York-Film versperrte sich meinem Blick aus Tarnów, zunächst. ,Rendezvous d’Anna‘ hat mich gestern auf einen Schlag zurückkatapultiert nach Deutschland, hat mich auf meine deutsche Herkunft verwiesen, und heute – heute geht es um Ohnmacht und ich habe das Gefühl, heute begegne ich dem Film in der Stadt mit jedem Schritt“.

Völckers Reise führt sie auch in den Wald von Buczyana, einen der Orte, an dem Tarnówer Juden hingerichtet wurden, und ins Ruhrgebiet, den Schauplatz von „Rendezvous d’Anna“. Unweigerlich führt das Nachdenken über die Filme zu einem Nachdenken über die Erinnerungskultur und das Nachwirken der Shoah, selbst da, wo ihre Spuren überschrieben wurden und das Gedenken ausgelöscht ist.

„Chantal Akermans Verschwinden“ ist ein in viele Richtungen offenes Buch. Dass die Autorin gelegentlich ein paar Runden um sich selbst dreht – sie führt selbstreflexive Krisengespräche –, muss man nicht mögen. Den bisherigen Texten, die über Chantal Akerman und ihre Filme geschrieben wurden, und das sind nicht wenige, fügt es ein komplett neues Schreiben hinzu. Man könnte es als ein mit eigenen Wahrnehmungen angereichertes ortsspezifisches „close reading“ charakterisieren.

"Rendezvous d'Anna"
"Rendezvous d'Anna" (©Hélène/Paradise/ZDF)


Chantal Akermans Verschwinden. Les Rendez-Vous de Tarnów. Von Tine Rahel Völcker. Verlag Spector Books. Leipzig 2020. 159 S., 18 EUR. Bezug: in jeder Buchhandlung oder hier

Kommentar verfassen

Kommentieren