© Alice Debord (Ausschnitt aus dem Buchcover)

Den Bilderstaub verachten: Guy Debord

Donnerstag, 25.06.2020

Das Österreichische Filmmuseum vervollständigt seine Beschäftigung mit dem Werk des französischen Schriftstellers und Filmemachers Guy Debord mit einer fulminanten zweibändigen Buchedition, die das Feuer seines Denkens neu entfachen kann

Diskussion

Der französische Schriftsteller und Filmemacher Guy Debord (1931-1994) zählt zu den raren Bilderstürmern des Kinos, dessen radikale Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen auch vor dem Kino oder noch genereller dem Medium Film nicht Halt machte. Das Filmmuseum in Wien hat sich seines Werkes angenommen und ergänzt dies jetzt durch eine fulminante Buchedition, die das Feuer von Guy Debords situationistischem Eros neu entfachen kann.


Oftmals dümpelt das Kino mal mehr und mal weniger gefällig vor sich hin. Man wird inspiriert oder beglückt, man kommt ins Denken oder nicht. Seltener begegnet man einem Schaffen, das ganz grundlegende Fragen ans Leben stellt und sich längst verfestigte Sicherheiten hinterfragt. Ein Kino und Denken, das einen aus der Bahn werfen kann. Das Werk des französischen Autors und Filmemachers Guy Debord (1931-1994) gehört mit Sicherheit zu dieser raren Spezies. Gleichzeitig fühlt man sich fast schuldig, darüber zu schreiben.

In Zeiten, in denen die Filmszene mal dringlich nachvollziehbar, mal hilflos anbiedernd um die Wichtigkeit des Kinos wirbt, gleicht ein Buch mit den Schriften und Notizen des Anti-Cineasten Guy Debord einer handfesten Störung. Man muss aber gleichermaßen auch festhalten, dass Debord immer dann im meisten stört, wenn er am wahrsten spricht. Mehr noch, als der vielbesungene Sand im Getriebe zu sein, ging es ihm darum, das Getriebe zu zerschlagen. In der Narration seines Films „In girum imus nocte et consumimur igni (1978) beschreibt er seine Aufgabe: Gemeinsam mit den Situationisten wolle er Öl zum Feuer bringen.

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Eine Art Lebensbilanz "In grium imus nocte et consumimur igni" (1978; Foto: Alice Debord)

"Laut eigener Aussage Filmemacher"

„Laut eigener Aussage Filmemacher“. So charakterisiert Guy Debord sich selbst. Die Veröffentlichung seiner ins Deutsche und Englische übersetzten Filmtexte, Notizen und eines extrem reichen Konvoluts an Kommentaren und Verweisen durch das Österreichische Filmmuseum und den Synema Verlag übernimmt diese Selbstbeschreibung in ihrem Klappentext. Das in zwei Bücher aufgeteilte Werk ist eine fulminante Veröffentlichung. Das liegt zum einen an Debord selbst, aber auch an den zahlreichen vertiefenden Anmerkungen des Herausgebers Werner Rappl. Der legt sämtliche literarischen, philosophischen und filmischen Querverbindungen frei, weshalb man sich bei der Lektüre beinahe so fühlt, als würde man Debords Denkprozess unmittelbar mitverfolgen. Karl Marx, Blaise Pascal, „Abrechnung in Shanghai“, Carl von Clausewitz oder Dante Alighieri: Es ist ein Lektüreschlüssel, der ganz nebenbei auch Debords virtuosen Umgang mit Zitaten offenlegt.

Der Blick auf die Gedanken wirkt auch deshalb unverstellt, weil die filmische Provokation fehlt. Zwar integriert die Publikation Fotos und zahlreiche Beschreibungen der in den Filmen sichtbaren Bilder, aber allein schon deshalb, weil man innehalten und nachblättern kann, verändert sich die Begegnung mit den teils überschäumenden, bewusst schwer verdaulichen Gedankenströmen. Ein Film wie „Geheul für Sade (1952) ist eben nicht nur Darlegung einer Theorie, sondern auch ihre Umsetzung. Konsequent wie nur wenige Vertreter eines revolutionären Kinos verfolgte Guy Debord neben der anvisierten Umwälzung der Gesellschaft auch eine Veränderung der Form (über Ästhetik, so schreibt er, würde man ohnedies nur nach ein paar Gläsern, leicht amüsiert diskutieren).


Die Textwerdung der Filme

Die beiden Bände „Guy Debord: Das filmische Gesamtwerk“ erscheinen einige Jahre nach der Präsentation von Debords Filmen in Wien. Auf die Filmwerdung seiner theoretischen Überlegungen folgt nun also eine Textwerdung der Filme. Allerdings macht es kaum Sinn, das eine ohne das andere zu denken. Entscheidend wäre es, den ganzen Werkkörper, wie Debord in einem Zitat von Lucien Goldmann aufzeigt, in die Gesamtsituation zu integrieren. Doch was ist die Gesamtsituation? Ist es die historische Betrachtung von Debords Arbeiten im Herzen und später im Schatten der Pariser Mai-Unruhen? Befindet man sich mit Debord in einer Welt, die Olivier Assayas in seinem Film „Die wilde Zeit“ beschwor? Eine Welt des Aufbruchs, der Revolte, die vom Geist der Verführung beseelt ist? Sind es die gesellschaftlich-politischen Bedingungen, die sein Hauptwerk „Die Gesellschaft des Spektakels (1967) provozierten, oder jene, die ihn in den 1970er-Jahren dazu brachten, eben dieses Werk für die Leinwand zu adaptieren? Oder sind es die Bedingungen, in denen seine Filme heute rezipiert wurden, jene Zeit, in der diese beiden Bücher erscheinen? Dem Namen nach würde eine Gesamtsituation wohl alle diese Aspekte umfassen oder zumindest das, was sie gemeinsam haben: den Konflikt der gesellschaftlichen Produktivkräfte und der gesellschaftlichen Verhältnisse. Also auch das gesellschaftliche Verhältnis zwischen Personen.

Filmstill aus "Die Gesellschaft des Spektakels" (Foto: Alice Debord)
Filmstill aus "Die Gesellschaft des Spektakels" (Foto: Alice Debord)

„Das Kino, von dem ich hier rede, ist jene unsinnige Nachahmung eines unsinnigen Lebens, eine fein ausgeklügelte Darstellung, erfinderisch darin, nichts zu sagen, gut geeignet, eine Stunde Langeweile durch die Widerspiegelung eben dieser Langeweile totzuschlagen“, schreibt Debord und meint damit alles, was man unter Kino versteht. Einen Filmemacher wie Jean-Luc Godard bezeichneten die Situationisten als Repräsentanten einer formalen Pseudo-Freiheit und als Pseudo-Kritiker von Bräuchen und Werten. Eine Pressekonferenz von Charlie Chaplin in Paris störte Guy Debord als Teil einer Gruppe von Lettristen mit einem Flugblatt, das den Filmstar attackierte: „Chaplin, Erpresser der Gefühle, Meistersinger des Leidens“. Das sind nur zwei Beispiele. Man kann sich wundern, dass Debord ausgerechnet von einer, zumindest dem Image nach, cinephilen Institution wie dem Österreichischen Filmmuseum gezeigt und verlegt wird. Denn die kulturelle Vermittlung dieses Werks gliedert es gewissermaßen in die Warenkette der Kulturindustrie ein. Plötzlich steht Guy Debord in einer Reihe mit Joe Dante oder Dominik Graf.


Auch das Anti-Kino ist Kino

Eine mitreißende Begründung dafür liefert der ehemalige Direktor des Filmmuseums, Alexander Horwath, im Vorwort der Ausgabe. Er schreibt von einer nötigen oder zumindest möglichen Wiederaneignung. Sein eigener Ansatz ist ein Anti-Kino-Kanon als das einzige, was vom Kino langfristig bleiben werde. Horwath umgeht die theoretische, über der Kritik stehende Abkehr Guy Debords von jeglicher Zugehörigkeit mit einer rhetorischen Geste der Umarmung. Auch das Anti-Kino sei Kino, vielleicht sogar das wahre Kino, ein Kino, das den Weg weisen könne; die Cinephobie Debords sei aus einer Cinephilie entstanden und damit wesensverwandt. Darin äußert sich nicht zuletzt ein großer Glaube an die utopische Kraft des Kinos. Dort, wo Debord im Kino einen Ort sieht, den es nicht gibt, findet Horwath einen wünschenswerten, alles einschließenden Ort.

Debords Cinephobie bezog sich unter anderem darauf, dass er eine Welt ablehnte, die sich in Bildern erkannte. Er wollte Filme machen, „die den Bilderstaub verachten, aus dem sie gemacht sind.“ Einen weniger theoretischen und eher emotional verzweifelnden Ansatz lieferte jüngst Frank Beauvais in seinem Film „Just don’t think I’ll scream (2019). Der Film zeigt eine Bilderflut, Ausschnitte aus Filmen, die der Filmemacher in einer Phase der Isolation gesehen hat. Zugleich präsentiert er eine große Leere, in den Worten von Debord: ein langweiliges Nichts. Als Einfluss nannte Beauvais auch Guy Debord.

Auf den Spuren Guy Debords: "Just Don't Think I'll Scream" von Frank Beauvais (Foto: Berlinale)
Auf den Spuren Guy Debords: "Just don't think I'll scream" von Frank Beauvais (Foto: Berlinale)

Man fragt sich, was Debord mit all den Bildern gemacht hätte, die wir heute konsumieren. In einer Anmerkung entdeckt er selbst, dass seine Kritik des Kinos veraltet sein könnte. Das durch Bilder vermittelte gesellschaftliche Verhältnis sei heute eine Sache der Clips. Das vielzitierte Spektakel, so verweist der Herausgeber Werner Rappl in seinen Anmerkungen, meint im Französischen jede Art theatralischer Darbietung. Debord versteht darunter auch die autonome Bewegung des Unlebendigen, eine Welt also, in der nicht mehr außerhalb von Bildern gedacht wird.

Damit einher geht auch ein kapitalistisches Zeitmodell, dass sich als fortschreitend versteht und das vom Kino so übernommen wurde. Debord verachtet am Kino, dass es nur als Spiegel der Verhältnisse agiert. Er betreibt eine Philosophie, die diese Kritik bis ins kleinste Detail ausbalanciert. Alles, was nicht sämtliche Zustände umwälzen will, ist per se abzuschaffen. Das beginnt bei Lebensläufen an Universitäten, geht über pseudo-kritisches Denken (in seinem Film „Widerlegung aller Urteile, der lobenden wie der feindlichen, die bislang über den Film ,Die Gesellschaft des Spektakels‘ abgegeben wurden“ aus dem Jahr 1975 entlarvt er die Mechanismen der feuilletonistischen Kritik) und stellt sich letztlich gegen jede Form von Abgeschlossenheit. Frei nach Godard darf bei Debord ein Film weder einen Anfang, eine Mitte oder ein Ende haben und schon gar nicht in dieser Reihenfolge. Diese attackierende Haltung erinnert mal an Walter Benjamin oder Bertolt Brecht, mal an die Selbstdarsteller des zeitgenössischen Filmfestivalzirkus, die à la Albert Serra ihre eigenen Filme über die Kritik stellen.


Das Feuer Guy Debords neu entfachen

Die Synema-Publikation vermag das Feuer Guy Debords neu zu entfachen. Im Vergleich zum Kino sind die Mainstream-Medien unserer Zeit viel offensichtlicher Ausdruck gesellschaftlicher Missverhältnisse. Die neuen Bilder transformieren alles und alle deutlich effektiver in Ware. In der Filmkultur wird oft darüber nachgedacht, wie man die sogenannten Neuen Medien für sich nutzen kann. Man spricht dann von Innovationen und einem „mit der Zeit gehen“. Es ist genau jene Zeit, gegen die Guy Debord rebellierte. Die aufrichtigste Haltung versteht das Kino heute historisch, klammert sich an Modi der Präsentation und Repräsentation, verteidigt das Kino als sozialen oder ästhetischen Raum. Das betrifft die Arbeit der Filmfestivals, die Frage nach Online-Angeboten sowie die Filme selbst. Wie man mit diesem Raum umgehen könnte, um weder dem Diktat des kapitalistischen Fortschritts zu unterliegen, noch um sich auf altbewährten, bisweilen aber auch abgenutzten Modi auszuruhen, wird kaum je zur Debatte gestellt. Der nur selten ausgesprochene Konflikt einer Gesellschaft, die eigentlich die Chance hätte, weder zurück zum Alten zu kehren, noch etwas Neues zu suchen (ist doch das Neue Leitprinzip des Alten), findet bei Guy Debord die unmissverständliche Antwort: Man könnte etwas Anderes versuchen.


Die beiden Werke über Guy Debord aus dem Synema Verlag
Die beiden Bände über Guy Debord aus dem Synema Verlag

Hinweis

Guy Debord: Das filmische Gesamtwerk. Hrsg. von Werner Rappl. 2 Bände, insgesamt 480 S., zahlr. Abb., 32 EUR. Bezug: in jeder Buchhandlung oder hier.

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