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Im Affekt #17: Abschied von Linda Manz

Dienstag, 25.08.2020

Ein Nachruf auf die US-Schauspielerin Linda Manz und ihr unvergessliches Voice-over in „Days of Heaven“

Diskussion

Nach dem Tod der US-Schauspielerin Linda Manz wurde viel über „Out of the Blue“ von 1980 geschrieben, ihren ganz großen Auftritt in der Kinogeschichte. In seinem „Affekt“-Blog lässt Till Kadritzke ihren ersten Auftritt in „Days of Heaven“ – und ihr unvergessliches Voice-over - noch einmal ausführlich Revue passieren.


Schlammforscherin wollte sie werden, die Erde erforschen, nicht die oben, sondern die unterm Boden. Jetzt ist sie gestorben: Linda Manz (20.8.1961-14.8.2020). Natürlich stimmt das nicht so richtig, natürlich hat auch Linda Manz Figuren gespielt, in ihren wenigen Filmauftritten. Aber in „Days of Heaven“ hieß das Mädchen eben auch Linda, und überhaupt hat sie einmal gesagt, dass sie stets irgendwie auch sie selbst war, in ihren wenigen Filmen.


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Das Voice-over zu „Days of Heaven“ hat Linda Manz improvisiert, über dem Rohschnitt des Films. Also ein bisschen wie eine Komponistin, die für eine Filmmusik verantwortlich zeichnet, sich inspirieren lässt von den Bildern. Und wer wäre nicht inspiriert von den Aufnahmen die zuerst Néstor Almendros und dann Haskell Wexler für Terrence Malick in der Magic Hour geschaffen haben? Ich stelle mir also vor, wie Linda Manz diese Bilder sieht, wie sie sich in diesen Bildern sieht, in den Weizenfeldern, und dann assoziiert, kommentiert, fabuliert. „I just watched the movie and rambled on“, hat sie einmal erzählt.

Es waren einmal nur sie und ihr Bruder, so fängt Linda dieses Voice-over an, mit dieser so jungen und doch schon so gebrochenen Stimme, mit dieser naiven Weisheit, einer weisen Naivität, als käme diese Jugend erst zum Schluss, als hätte sie alles schon gesehen, als erinnerte sie sich an längst vergangene Begebenheiten und würde sie doch gerade erst erleben. Manchmal fühle ich mich alt, sagt Linda später tatsächlich, als wäre mein ganzes Leben schon vorbei. Als gäb’s mich schon nicht mehr.

Linda Manz in "Days of Heaven" (© imago images/Everett Collection)
Linda Manz in "Days of Heaven" (© imago images/Everett Collection)

Eine eigensinnige Erzählerin

Aber zunächst verdichtet sich der sogenannte Plot. Linda und ihr Bruder Bill, gespielt von diesem merkwürdig jungen Richard Gere, heuern bei einer Farm an, zusammen mit Abby, Bills Freundin. Abby und Bill, erzählt Linda, sagen immer allen, sie seien Geschwister, damit es kein Gerede gibt. Linda ist eine zuverlässige Erzählerin, dort im Voice-over, aber zugleich eine eigensinnige. Sie erzählt auch von einem Typen namens Ding-Dong und seinen apokalyptischen Visionen. Die ganze Welt wird in Flammen aufgehen, Flammen von überall, die Berge und das Wasser in Flammen, Menschen und Tiere werden herumrennen, halb verbrannt, die Guten schlüpfen im Himmel unter, die Schlechten wird Gott nicht einmal hören. Und tatsächlich: Die Welt wird in Flammen aufgehen, die Welt dieses Films, aber wer gehört zu den Guten, wer zu den Schlechten?

Ein paar brauchen mehr, als sie haben; ein paar haben mehr, als sie brauchen. „Just a matter of getting us all together.“ Linda erkennt ein System: „Wenn du nicht arbeitest, fliegst du direkt raus. Sie brauchen dich nicht. Sie können immer jemand anderen kriegen.“ Aber da ist auch Bewunderung: „Die Reichen haben’s echt raus.“ Da ist echtes Mitleid gegenüber dem Farmer, dem Kapitalisten: „Irgendwie tat er mir leid, weil er niemanden hatte, der bei ihm war, seine Hand hielt, wenn er Aufmerksamkeit brauchte oder so. That’s touching.“

Sam Shepard spielt diesen Farmer, dem gar nicht so ganz klar war, so erzählt es Linda, was ihm an Abby auffiel. Vielleicht, vermutet sie, war es die Art, wie der Wind durch Abbys Haare blies. Es ist ja auch gleich, es gibt kein Zurück mehr: Der Farmer ist verliebt, und Bill ist eifersüchtig, aber er hat auch einen Plan. Sollen sie doch heiraten, todkrank ist dieser Farmer doch. (Der Farmer wusste, er würde sterben, sagt Linda, und er wusste, er könne nichts dagegen tun.) Und dann würden sie erben, und sie wären wieder zusammen, und alles wäre gut. (Ihr Bruder hatte es satt, wie der Rest von ihnen zu leben, sagt Linda, er hatte keine Lust mehr.)


Kindsein heißt Selbstermächtigung

Linda versteht das: „Du lebst nur einmal auf dieser Erde, und so lange du das tust, solltest du es schön haben.“ Das kindliche Begehren richtet sich nicht aufs einfache, sondern aufs bessere Leben, und dieser Film weiß: Kindsein heißt nicht Unschuld, sondern Selbstermächtigung. „Days of Heaven“: Dafür die Freundin erstmal an den Feind vergeben, für die eigene gemeinsame Zukunft. Aber es klappt: Auf einmal sind sie reich, Abby und ihre vermeintlichen Geschwister. Auf einmal leben wir wie Könige, erzählt Linda, erzählen den ganzen Tag Witze und liegen rum.

Aber der echte König stirbt nicht. Ein Arzt muss gekommen sein, vermutet Linda, der hat ihm irgendein Medikament gegeben. Der Plan verläuft sich. Linda glaubt, der Teufel ist auf der Farm. Und dass Abby den Farmer liebt. „Nobody’s perfect“, sagt Linda, und bekräftigt das gleich nochmal: Es hat noch nie eine perfekte Person gegeben, man ist halt zur Hälfte Engel, zur Hälfte Teufel. Da geht schon alles den Bach runter, die Heuschreckenplage, der Mord, die Flucht, und so weiter.

Linda überlebt, findet eine Freundin. Zwei Mädchen an den Bahngleisen, ohne Zukunft, aber mit einem Leben vor sich. Und ein letztes Mal die zerbrochene, aber so stabil wieder zusammengeflickte Stimme dieses alten Kindes im Voice-over: „Dieses Mädchen, sie wusste gar nicht, wo sie hinging, oder was sie tat. Sie hatte kein Geld. Vielleicht würde sie jemanden kennenlernen. Ich hoffte, dass alles gut wird für sie. Sie war mir eine gute Freundin.“


Vielleicht endlich da

Linda Manz war die Tochter einer alleinerziehenden Mutter, rannte viel weg von Zuhause, wechselte häufig die Schule. Wenn sich Linda also tatsächlich schon als Kind so fühlte, als gäb’ es sie nicht mehr, dann ist sie jetzt, wo es sie wirklich nicht mehr gibt, vielleicht endlich da. Erfüllt sich den Berufswunsch von einst: „I’ve been thinking what to do with my future. I could be a mud doctor, checking out the Earth, underneath.“


Hinweise

"Days of Heaven" ("In der Glut des Südens") ist deutsch synchronisiert als DVD bei Paramount/Universal erschienen. Außerdem ist der Film digital via Amazon Prime, Rakuten TV, AppleTV und Microsoft verfügbar.

Ein Transkript des gesamten Voice-Overs findet sich hier.

Alle Beiträge des Blogs „Im Affekt" von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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