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Im Affekt #16: Von Politik umweht

Freitag, 14.08.2020

Der US-Sender HBO hat „Vom Winde verweht“ eine Einführung verpasst, die den Film vorbildlich kontextualisiert. Gut so, analysiert Till Kadritzke in Auseinandersetzung mit zwei anderen Auffassungen

Diskussion

Keine Angst vor Kontext! Wer das Kino als genuine Kunstform ernst nehmen will, sollte die Einordnung von angeblich zeitlosen Meisterwerken begrüßen. Till Kadritzke hat sich in seinem “Affekt”-Blog mit dem Einführungsvideo zu „Vom Winde verweht“ beschäftigt, mit dem der Film wieder zurück auf den HBO-Plattformen gelandet ist.


„Ist das noch Kunst oder kann das weg?“ Auf dieses beliebte Bonmot brachen ein paar Feuilleton-Kommentare herunter, was HBO im Mai 2020 verkündete: dass man im Zuge der aktuellen Debatten um Polizeigewalt gegen Afroamerikaner und strukturellen Rassismus das eigene Programm neu bewerten wolle. Der Klassiker „Vom Winde verweht“ sollte daher vorerst von den Plattformen verschwinden, um dann mit einer historischen Einordnung versehen wieder online gestellt zu werden.


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In der „Welt“ sah Hanns-Georg Rodek den Film schon vollständig vom Winde verweht, fantasierte einen Fall von Selbstzensur herbei und polterte, Kunst falle unter das „überragende Gebot der freien Meinungsäußerung“, und zwar selbst in dem „schwer erträglichen Fall, dass sie einen Missstand eher affirmiert als kritisiert.“ Die „Spiegel“-Autoren Philipp Oehmke und Tobias Rapp nutzten das Beispiel in ihrer Reportage zur sogenannten „Cancel Culture“ und zählten schon im Teaser auf: „Serienepisoden werden gelöscht, Hollywoodfilme mit Einführungsseminaren versehen…“

Mal abgesehen von dem Unterschied, dass Oehmke und Rapp zumindest begriffen hatten, was Rodek vercheckt oder bewusst ignoriert hatte – dass der Film nicht verbannt, sondern kontextualisiert werden sollte –, argumentierten die Kritiken an der HBO-Praxis mit unterschiedlichen Strategien bezüglich ihrer Vorstellung von Kino. Rodek mobilisierte das Kino als erhabene Kunst, als Teil einer Sphäre der Freiheit, der man mit Politik besser nicht zu Leibe rückt. Oehmke und Rapp schlug mit ihrer Gegenüberstellung von „Hollywood“ und „Seminar“ dagegen in eine andere Kerbe: Kino als unschuldige Unterhaltung. Sogar Produkte der Kulturindustrie Hollywood, schien der Teaser zu sagen, würden nun akademisch aufbereitet und mit hochtrabenden Einführungen versehen.

Ob nun „Dieser Film ist Kunst!“ oder „Dieser Film ist doch nur Hollywood“: In den Augen der Kommentatoren soll mit „Vom Winde verweht“ anscheinend wie mit Transaktionen in Pandemie-Zeiten verfahren werden: möglichst kontaktlos. Dahinter steht die Vorstellung, dass die Verbindung des Werkes mit dem Politischen entweder einem großen Klassiker der Filmgeschichte etwas nehmen oder einem bloßen Unterhaltungsprodukt etwas geben würde, das dieses nun wirklich nicht benötige.


Keine Kunst ohne Kontext

Das ist eigentlich merkwürdig. Wenn ich mir eine Ausstellung im Museum ansehe, dann hängt da selten Kunst ohne Kontext, dann informieren Texttafeln, Videos oder Begleithefte über die Künstlerin und ihre Zeit, liefern biografische, historische, politische Einordnungen, sprechen über Einflüsse und Effekte. Und die Unterhaltungsmaschine Hollywood wurde bekanntermaßen auch schon ganz unverblümt politisiert, etwa zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs. An dieser Stelle fände man „Einführungsseminare“ wohl nicht ganz so albern wie bei vorgeblich zeitlosen Klassikern.

Das „Einführungsseminar“ ist jetzt jedenfalls da, es ist gerade mal viereinhalb Minuten lang und lässt sich auf YouTube ansehen. Im Auftrag von Turner Classic Movies führt die Filmhistorikerin Jacqueline Stewart darin anschaulich und prägnant in die Produktionsgeschichte der Verfilmung des Romans von Margaret Mitchell ein. Vom riesigen Erfolg des Films über die Vorgeschichte der Produktion kommt Stewart schließlich zu einer politischen Debatte, die keine Ausgeburt der „Cancel Culture“ des 21. Jahrhunderts ist, sondern den Film von seiner Entstehung an begleitet hat. Produzent David O. Selznick musste sogar noch vor Drehbeginn der skeptischen National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) zusichern, auch die „Gefühle von Minderheiten“ zu berücksichtigen.

Stewart bindet auch den symbolischen Rassismus des Films klug an den konkreten Rassismus in seinem Produktions- und Rezeptionsumfeldes an. Wurden die schwarzen Bediensteten im Film als untertänig oder unfähig dargestellt und die Grauen der Sklaverei ignoriert, so durften ihre schwarzen Darsteller aufgrund der Segregationsgesetze in Georgia nicht einmal der Premiere des Films beiwohnen. Bei der „Oscar“-Verleihung erhielt Hattie McDaniel zwar als erste Schwarze einen Schauspiel-„Oscar“, saß bei der Zeremonie aber nicht beim Filmteam, sondern an einem eigenen Tisch am Rande des Saals. Ein Lehrbuchbeispiel der symbolischen und materiellen Ebene des Rassismus: Die Mehrheitsgesellschaft imaginiert ihre unterdrückten Subjekte als kindlich und wohlmeinend, schließt diese zugleich aber gewaltsam aus.

Unterschiedliche Welten: Hattie McDaniel, Olivia de Havilland, Vivien Leigh (v.l.)
Unterschiedliche Welten: Hattie McDaniel, Olivia de Havilland, Vivien Leigh (v.l., © Imago images/Everett Collection)

Eine solche historische Einordnung nimmt einem Film wie „Vom Winde verweht“ nichts! Sondern sie nimmt den Film als spezifische Kunstform vielmehr erst ernst. Weil Film eine Kunstform ist, die auf eine sehr unmittelbare Weise mit Welt hantiert; die auf finanzielle und menschliche Ressourcen und auf einen gesellschaftlichen Produktionszusammenhang angewiesen ist; die von einem Massenpublikum rezipiert wird, das sie häufig nicht als Kunst, sondern als Unterhaltungsangebot wahrnimmt. Das macht das Kino so faszinierend, so wirkmächtig, so gefährlich, so einordnungsbedürftig.


Kino als gesellschaftliche Bildermaschine

Aber eben auch so wichtig als historische Quelle: Schließlich hält Stewart ein Plädoyer dafür, Filme wie „Vom Winde verweht“ zu bewahren und zu zeigen: „Diese Filme zeigen auf, welche Bilder und Geschichten Hollywood für akzeptabel hielt, und die ein Mainstream-Publikum unterhielten und faszinierten.“ Filmklassiker hatten und haben einen großen Einfluss auf tradierte Vorstellungen von Geschichte, erklärt Stewart, und gerade „Vom Winde verweht“ habe das Bild von Sklaverei, Bürgerkrieg und der Reconstruction-Ära ganzer Generationen von Zuschauern und Zuschauerinnen geprägt.

Dies ist eine Dimension, die sowohl Rodeks triumphalen Kunstbegriff wie auch Oehmkes und Rapps spöttischen Clash zwischen Hollywood und Seminar abgeht: das Kino als Bildermaschine, die ihre Zeit eben nicht nur reflektiert, sondern aktiv an ihr mitarbeitet. „Kino war eigentlich einmal das Gegenteil von Belehrung“, schreiben Oehmke und Rapp. Vielleicht denken sie dabei an den anderen großen Bürgerkriegsklassiker „Birth of a Nation“, ein Film, der die Old-South-Nostalgie in rassistische Affekte übersetzte, dem Ku-Klux-Klan zur Renaissance verhalf und zugleich das brennende Kreuz als Symbol spendierte. Aber wahrscheinlich eher nicht.


Alle Beiträge des Blogs „Im Affekt" von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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