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Im Affekt #20: Lob der Gefühllosigkeit

Freitag, 09.10.2020

Till Kadritzke entdeckt in Christopher Nolans Zeitreise-Actionfilm "Tenet" ein Musterbeispiel für seine Gedanken über das filmische Denken als Teil der affektiven Erfahrung

Diskussion

In der Diskussion über Christopher Nolans Zeitreise-Actionfilm „Tenet“ fällt oft der Begriff der Emotionslosigkeit. Till Kadritzke hält dies in seinem „Affekt“-Blog für eine unzureichende Interpretation. Wo andere Filme ihr Spektakel mit einem Übermaß an Emotionen legitimieren wollen, steckt in Nolans Kino immer schon ein Vertrauen in die Überwältigungskraft von Bilderwelten.


Kino ist in erster Linie Affekt, erklärt die Filmwissenschaftlerin, und meint damit, dass uns Filme erstmal affizieren, bevor sie uns zu denken geben. An dieser Prämisse und ihren ästhetischen wie politischen Implikationen wollte ich mich in diesem Blog abarbeiten. Bislang aber habe dieses Projekt nicht ganz so stringent verfolgen können. Zu vielfältig waren die Themen, die sich mir Woche für Woche anboten, zu kurz war die Vorbereitungszeit, um Linien systematischer zu verfolgen.

Im neuen Film von Christopher Nolan, dem ersten Kino-Blockbuster seit der Corona-Pause, ist diese Sicht aufs Kino Programm. „Versuchen Sie gar nicht erst, es zu verstehen“, sagt die Wissenschaftlerin dem Protagonisten von Tenet. Damit ist nicht nur Nolans Kino umrissen, sondern auch die Theorie des filmischen Affekts: Wider die Kognition.

Man glaubt also der Wissenschaftlerin, dass man es mit dem Verstehen lieber lassen sollte, und vertraut dem Protagonisten, dass er der Protagonist ist, selbst wenn andere Figuren das anzweifeln mögen. Man glaubt Christopher Nolan auch irgendwie, dass das alles eine innere Logik besitzt; inwieweit sie mit einer äußeren Logik zusammenhängt, ist erstmal nicht so wichtig. Man glaubt das alles bereitwillig, weil Bilder und Sound Design für so viel Kohärenz sorgen, dass die Erzählung durchaus disparat sein kann.

Der Schrecken steht den Figuren nie ins Gesicht geschrieben ( Warner Bros.)
Der Schrecken steht den Figuren nie ins Gesicht geschrieben (© Warner Bros.)

Imagemaking vor Storytelling

Film ist - manchmal - Storytelling, immer aber Imagemaking. Das Storytelling ist mir bei Nolan in der Regel recht egal; Nerds tun, was sie eben tun, das Imagemaking ist meistens grandios. Weil vor allem die Bilder von Tenet mit einer gewissen Lockerheit überwältigen, weil sie selbst die in Gebäude hereinbrechenden Flugzeuge eher so aus dem Ärmel schütteln, weil sie ihre eigene, ziemlich verrückte Welt tatsächlich setzen – nicht groß herleiten, nicht lange erklären oder gar selbst bewundern, sondern einfach setzen.

Das ist der Unterschied zu anderen Action-Regisseuren, die große und spektakuläre Bilder einerseits nochmals verdoppeln müssen – der dröhnendste Sound zum krassesten Crash – und andererseits durch Close-ups legitimieren, durch große Emotionen oder dramatische Dialoge. Bei Nolan steht der Schrecken niemandem ins Gesicht geschrieben. Der Soundtrack erklärt nicht die Größe der Bilder, vielmehr sind Sound und Bilder Komponenten eines größeren Gefüges.

In Tenet entspricht diese Form auch dem Inhalt. Denn im Plot macht Nolan mit der Physik das, was er im Bild mit dem Film in seiner Gänze macht: spielerischer Größenwahn, erhabener Unsinn. Mit den Gesetzen der Physik Phänomene zusammenbauen, die man noch nicht gesehen hat, und diese Operation dafür benutzen, filmische Phänomene zu schaffen, die noch nicht denkbar waren.

Ein unterkühltes, ein emotionsloses Kino soll das sein, und das stimmt auch irgendwie; vielleicht waren Emotionen in einem emphatischen Sinne in keinem Film von Nolans bislang so abwesend wie in diesem. Als Individuen spielen die Menschen hier keine Rolle, eher als Vektoren oder als Gattungswesen. Selbst die Liebe kommt in Teneteigentümlich physikalisch daher. Das stärkste persönliche Gefühl scheint das des Oberschurken zu sein: mit dem nahen Tod nicht klarzukommen und dafür gleich die ganze Welt mitnehmen wollen.

Die Antwort auf die Frage nach einer Person ist ein Konzept ( Warner Bros.)
Die Antwort auf die Frage nach einer Person ist ein Konzept (© Warner Bros.)

Affekt versus Emotionen

In der Kulturtheorie wird der Affekt den Emotionen oft entgegengesetzt – der Affekt als eine physische Kraft, die uns fühlen lässt; die Emotion hingegen als persönliche Bedeutung, mit der wir den Affekt aufladen, das, was wir fühlen. Eine bessere filmische Illustration als Nolans Kino scheint schwer denkbar. Es geht um Rhythmus, nicht um den Moment, es geht um Physik, nicht um Psychologie, es geht um Bewegung, nicht um Einsicht. Ständig wird etwas affiziert, nirgendwo wird gefühlt. Oder verstanden.

„Wer wird den Anruf beantworten?“, fragt Kat (Elizabeth Debicki) einmal, als der namenlose Protagonist (John David Washington) ihr einen Plan erklärt, der mit einem Telefon zu tun hat. „Posterity“, ist die Antwort. Die Nachwelt. Typisch Nolan: Die Antwort auf die Frage nach einer Person ist ein Konzept. Die Frage, wer hier die Zügel in der Hand hält, führt ins Leere. Kein „Deus ex Machina“, sondern einfach nur Machina.

Selbst wenn ich der Affekttheorie des Kinos also manchmal müde bin und das Politische in Stellung bringe, um zu zeigen, dass es den neutralen, rein physischen Affekt so eben nicht gibt, er nicht erfahrbar ist ohne eine Erfahrungswelt, die immer spezifisch und zugleich gesellschaftlich geprägt ist: In den Filmen von Christopher Nolan genieße ich tatsächlich nichts anderes als diesen Affekt.


Denken als Teil der affektiven Erfahrung

Nicht, weil man hier das Denken ausschalten könnte, wie es manchmal heißt, sondern gerade weil das Denken selbst Teil der affektiven Erfahrung wird: slso die Zeit zurückdrehen, in die Vergangenheit reisen, etwas verändern, das eigene Ich zurückspulen, mit sich selbst kämpfen. Auch Subjektivität ist Physik, bloß keine falsche Psychologie; fort mit Biografien, Motivationen, Hintergründen!

Und natürlich: Her mit Spider-Man, Bond, Schiffen, Flugzeugen, Feuerwehrautos, diesem ganzen Spielzeuguniversum, das sich nach Italien, Ostasien, Norwegen, New York globalisiert. Und anders als in Mission: Impossible müssen die Missionen überhaupt nicht umständlich für unmöglich erklärt werden, um sie dann doch möglich zu machen. Denn es ist ja von vornherein alles möglich, es ist ja alles nur Zeit, Raum und Materie. Gefühllos und kalt? Gefühle sind kalt, weil sie die Sachen persönlich nehmen. Wo es unpersönlich wird, geht’s um die Welt.


Alle Beiträge des Blogs Im Affekt von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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