© Imago/Tinkeres (Lichtgestaltung im Kino Zoopalast, Berlin)

Das Kino im Streaming-Zeitalter

Mittwoch, 20.10.2021

Wie geht es weiter nach Corona? Der Untergang der Kinokultur scheint kaum noch aufzuhalten

Diskussion

Das Siegfried-Kracauer-Jahresstipendium 2022 geht an den Filmjournalisten und Filmwissenschaftler Daniel Kothenschulte, wie am 19. Oktober 2021 vom Verband der Deutschen Filmkritik bekannt gegeben wurde. Nach der aktuellen Stipendiatin Esther Buss, deren Essays und Blogbeiträge der Filmdienst als Medienpartner des Siegfried-Kracauer-Stipendiums publiziert und die uns durch 2021 begleiten, wird Kothenschulte, der u.a. als Filmkritiker für die „Frankfurter Rundschau“ tätig ist und seit 1991 auch als Filmdienst-Autor tätig ist, sich im Rahmen seines Stipendiums im neuen Jahr dem Thema „Kino gegen den Stream - Filmkultur nach der Krise“ widmen.

Schon am 10. Februar 2021 hatte sich Kothenschulte mit dem Artikel „Das Kino im Streaming-Zeitalter“ angesichts des Corona-Lockdowns mit dem Thema befasst; der Text lässt sich als Vorgeschmack auf das, was er 2022 in seinen Essay- und Blogbeiträgen erkunden will, sehen. In diesen möchte Kothenschulte, aus der Geschichte früherer Kinokrisen, die schon mit dem Ende der Stummfilmzeit begannen, in die Zukunft blicken. Und Möglichkeiten aufzeigen, wie auch heute wieder eine lebendige Kultur daraus werden kann. Neben meiner Arbeit als Kritiker und Autor habe ich über die Jahre als Stummfilmpianist, Kurator und Hochschullehrer gearbeitet und Kino dabei immer wieder auch für mich neu definiert. So ist ein Archiv aus Forschungen, Gesprächen mit Künstlern und Überlegungen entstanden, das ich gerne an den Fragen der Gegenwart brechen möchte.“



„Sehen Sie meine Filme nicht auf dem Handy an“, flehte Martin Scorsese, nehmen Sie wenigstens ein iPad. Das war kein bitterer Scherz, sondern die gallige Konsequenz eines dramatischen Medienwandels, der das Kino von Grund auf verändert. Wie wird es weitergehen nach Corona? Der Untergang der Kinokultur scheint kaum noch aufzuhalten.

Die gemeinsame Presseerklärung der deutschen Kinowirtschaft vom 9. Februar 2021 klingt fast flehentlich. „Es ist Zeit, dass das kulturelle Leben nach Deutschland zurückkehrt, auch wenn die Pandemie noch nicht überwunden ist. Jüngst hatte die Kulturministerkonferenz die frühzeitige Öffnung der Kulturbetriebe als relevante Lebensbereiche angeregt. Die wirtschaftlich besonders stark betroffene Kino- und Filmwirtschaft benötigt dringend eine Perspektive, um wieder Fuß zu fassen.“

Ohne in den Ton von Forderungen zu verfallen, erbitten die Verfasser zumindest keine Benachteiligung gegenüber Geschäften und der Gastronomie sowie ein bundesweit einheitliches Vorgehen. Es sind bescheidene Wünsche, wenn man bedenkt, dass bisher keine Infektions-Hotspots in Kinos dokumentiert wurden und auch auf dem Filmfestival Venedig im September 2020 kein einziger Corona-Fall festgestellt wurde. Kenner der Branche beeindruckt an dieser Erklärung besonders die Vollständigkeit, mit der sich ihre sonst nicht immer für Einmütigkeit bekannten Vertreter zusammenfanden – von den Kommunalen Kinos bis zum Verband der Filmverleiher. Abgesehen von den guten Gründen, die es gibt, öffentliche Orte generell zu meiden und keinerlei Anreize zu schaffen, sich überhaupt unter das Volk zu mischen: Der Umgang der Politik mit der Kultur war während der Corana-Krise mitunter so erniedrigend, dass allein der sachliche Ton dieses Schreibens imponiert.


Kultur ist für eine freie Gesellschaft lebenswichtig

Im offiziellen Text der Verordnung zum November-Lockdown hatte es unter Punkt „c“ geheißen: „Geschlossen werden Institutionen und Einrichtungen, die der Freizeitgestaltung zuzuordnen sind. Dazu gehören: Theater, Opern, Konzerthäuser und ähnliche Einrichtungen, Kinos, Freizeitparks und Anbieter von Freizeitaktivitäten (drinnen und draußen), Spielhallen, Spielbanken, Wettannahmestellen und ähnliche Einrichtungen, Prostitutionsstätten, Schwimm- und Spaßbäder, Saunen, Thermen, Fitnessstudios, Wellnesseinrichtungen, Museen, Zoos und ähnliche Einrichtungen.“ Wer Museen und Freudenhäuser schon deshalb für ähnliche Einrichtungen hält, weil man in ihnen seine Freizeit verbringen kann und den Verkehr in ihnen deshalb für gleichermaßen gefährlich hält, weiß nicht, was Kultur ist. Dass Kultur für eine freie Gesellschaft lebenswichtig ist, scheint jedenfalls vergessen.

Niemand weiß, wie viele Kinos nach den Corona-Lockdowns noch dauerhaft öffnen werden. Vielleicht wird man später sagen, das Virus habe den Ausschlag zum großen und endgültigen Kinosterben gegeben. So wie der Komet, der die Saurier tötete. Tatsächlich war der dramatische Wandel in der Bewegtbildbranche schon im Herbst 2019, als sich das Virus gerade erst in Wuhan seine ersten menschlichen Wirte suchte, in vollem Gange. Sie ist von den dramatischen Ereignissen erst übertönt und schließlich mit dem Lockdown vertagt worden.

Kulminationspunkt: "The Irishman" von Martin Scorsese (imago/ZUMA Wire)
Kulminationspunkt: "The Irishman" von Martin Scorsese (© imago/ZUMA Wire)

Die Zukunft des Kinos als Kunstform

Martin Scorsese wandte sich damals an die Zuschauer der populären Filmsendung des Kritikers Peter Travers: „Sehen Sie sich meine Filme nicht auf dem Handy an! Bitte nehmen sie dazu wenigstens ein großes iPad.“ Wie ist es um die Zukunft des Kinos bestellt, wenn nicht einmal der berühmteste Regisseur der USA einen Filmtheaterbesuch zum Erlebnis seiner Werke für notwendig hält?

Im November 2019 hatte die Debatte über die Zukunft des Kinos mit Scorseses Netflix-Produktion „The Irishman“ einen Höhepunkt erreicht. Ein neuer „Scorsese“ sollte doch noch immer nicht nur ein cinephiles Publikum in Scharen die Filmtheater locken. Doch an einer breiten Kinoauswertung schien der Streamingdienst kaum interessiert. Schließlich möchte man gerade mit solch prestigeträchtigen Großproduktionen eingefleischte Filmfreunde als Abonnementen werben. Wer dennoch ins Kino für das dreieinhalbstündige Epos ging, musste sich wie ein Streikbrecher fühlen. Immerhin boykottierten sowohl das Filmfestival von Cannes als auch ein großer Teil der deutschen Kinobetreiber die Produktionen von Netflix, da sie höchstens ein paar Wochen exklusiv auf Leinwänden laufen.

Niemand stellte dabei die Frage, ob sich Streaming- und Kinoproduktionen vielleicht auch in ihrer Konzeption unterscheiden. Anders als in den 1970er-Jahren, als das Fernsehen zum wichtigen Filmproduzenten wurde und man sich über spezifische Ästhetiken und Publikumspräferenzen stritt, scheint das Digitalzeitalter diese Frage für obsolet zu erklären. Dabei ist ein so gravierender Medienwandel, wie wir ihn gerade erleben, nicht allein durch technischen Wandel zu erklären.


Das erste große Kinosterben

Zwischen 1957 und 1968 sank in Deutschland die Zahl verkaufter Kinokarten von 800 auf 200 Millionen. Dafür war nicht allein das Fernsehen verantwortlich. Der Babyboom spielte eine weitere Rolle und begünstigte einen Generationswechsel. Die Älteren blieben zu Hause und jüngere Zuschauer bestimmten mit ihrer Nachfrage das Filmangebot: Karl-May-Filme, Italo-Western, Lümmel- und Aufklärungsfilme und der erfolgreichste Film in bundesdeutschen Kinos überhaupt, Walt Disneys Abschiedswerk, „Das Dschungelbuch“.

Stand auch am Ende einer Umbruchsphase: "Das Dschungelbuch" (Walt Disney)
Stand auch am Ende einer Umbruchsphase: "Das Dschungelbuch" (© Walt Disney)

In der aktuellen Umbruchphase bleiben vermehrt jüngere Zuschauer zu Hause. Bis in die 1960er Jahre war das Kino eine Unterhaltungsform, in der alle Bevölkerungsschichten zusammenkamen. Auch wenn man zwischen Parkett, Balkon und Loge wählte, sah man doch denselben Film. Viele der ersten Filmtheoretiker wie etwa Siegfried Kracauer waren fasziniert von dieser neuen, sozialen Qualität des Massenmediums. Nach der Kinokrise der 1960er-Jahre differenzierte sich das Filmangebot stark aus. Die Zeit, in der sich in anspruchsvollen Kinos ein studentisches Publikum tummelte, ging in den späten 1990er-Jahren ihrem Ende entgegen. Ihre Klientel wird immer älter, während jetzt der Besuch populärer Blockbuster in den Multiplexen für eine verarmende Unterschicht zum Luxus zu werden droht.


Eine Renaissance des Studio-Kinos der 1950er-Jahre

Die Streamingdienste binden das Publikum, das dem Kino verloren geht, mit einem besonderen Angebot: Nutzungszeiten rund um die Uhr, serielle Formate oder Überlängen bei Einzelfilmen, die nicht mehr am Stück gesehen werden müssen. Jugendliche und junge Erwachsene werden durch ein gewaltiges Angebot an Serien angesprochen, in denen die Genres des populären Kinos wiederkehren. Die gefeierte Renaissance des seriellen Erzählens ist eigentlich eine Renaissance des US-amerikanischen Studio-Kinos der 1950er Jahre. Netflix und Amazon präsentieren sich in ihrer Selbstdarstellung wie die Filmstudios der Vergangenheit, Disney + betont umso mehr das traditionelle Image des Konzerns. Im Vergleich zum Fernsehen bemerkt man einen hohen Produktionsstandard und die sorgfältige Dialogarbeit in den Serienproduktionen. Individuelle Regieleistungen erscheinen dagegen nur in prestigeträchtigen Einzelfilmen gefragt. Eine Tugend des klassischen Films ist dagegen vielfach unerwünscht – stringente Dramaturgien und die Reduktion auf das Wesentliche. Der Markt verlangt ein Strecken der Geschichten über lange Laufzeiten oder viele Folgen; sie werden eher über vertiefende Figurenzeichnungen entwickelt als über ihre Plots. Eine Sorge, die sich Filmemacher, die für das Kino arbeiten, bleibt den Autoren serieller Formate zudem erspart: Wer wünscht sich noch ein befriedigendes Ende, wenn man nicht weiß, ob nicht doch noch eine Staffel angehängt wird?


Was zeichnet den Kinobesuch im digitalen Zeitalter aus?

Wenigstens das wäre noch ein Grund, ins Kino zu gehen. Aber worin besteht eigentlich das Besondere eines Kinobesuchs im digitalen Zeitalter? Ist ein digitales Kinoerlebnis überhaupt noch mit dem vergleichbar, was es früher ausgemacht hat? Ist es nicht längst jedem passionierten Filmfan möglich, einen Videoprojektor zu erwerben, der Filme in 4k-Auflösung auf die heimischen Wände wirft?

Mit der flächendeckenden Digitalisierung der Kinos, in Deutschland mit Millionenaufwand gefördert, verschwand bereits im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends das analoge Abspiel nahezu vollständig aus dem Filmalltag. Betrauert wurde das nur von einer kleinen Minderheit; eine öffentliche Debatte über den Erhalt analoger Filmprojektion fand nicht statt, trotz Regisseuren wie Quentin Tarantino, der nicht müde wird zu erklären, dass er nie verstehen werde, wie etablierte Kollegen auf digitalem Träger drehen können.

Die Filmindustrie begrüßte die Umstellung, die in Produktion und Vertrieb Kostenersparnis verhieß. Kommunale Kinos und Filmclubs, die noch über analoge Projektoren verfügen, können seither zwar auf ein „Alleinstellungsmerkmal“ verweisen, ein wichtiges „Asset“ im Sprachgebrauch der sogenannten Kulturwirtschaft. Doch alles, was ihnen zum Abspielen bleibt, sind immer rarere Sammlerkopien. Die wertvollen Verleihkopien der Filmarchive werden dagegen kaum noch verliehen; sie könnten bei Beschädigung kaum noch ersetzt werden. Neue Restaurierungen erscheinen fast ausschließlich digital, was es bei Stummfilmen in den meisten Fällen unmöglich macht, die exakte Bildfrequenz abzuspielen. So wird es auch für hoch spezialisierte Abspielorte schwierig, Filmgeschichte adäquat zu vermitteln. Dennoch werden diese Institutionen, sofern ihnen die öffentlichen Mittel erhalten bleiben, immer wichtiger werden.

Beherbergt derzeit noch das älteste Kino in Stadt: Der Kölner Kunstverein Die Brücke (imago stock&people)
Beherbergt derzeit noch das älteste Kino in Köln: Die Brücke (© imago stock&people)

Sind die Kinos der Zukunft bespielte Denkmäler?

Aber können wir wirklich annehmen, nach dem Ende der Corona-Lockdowns würde es wieder ein Kino geben wie früher, von einzelnen Großereignissen wie „James Bond“ und saisonalen Filmfestivals einmal abgesehen? Es ist das Alltägliche des Kinos, die Selbstverständlichkeit eines Kinobesuchs, die uns verloren gehen wird. Und damit die Essenz dieser Kulturform. Denn Kino ist eben nicht Oper, Theater oder Museum.

Es könnten am Ende nur noch ein paar kommunale Kinos übrigbleiben, möglicherweise auch einige neue Multimedia-Museen, die Filmfestivals beherbergen könnten, wenn es sonst keine Säle mehr dafür zu mieten gibt.

Der Ruf nach einer Musealisierung der Kinos, wie ihn etwa Lars Henrik Gass unter anderem im Filmdienst vorgebracht hat, ist eine berechtigte Reaktion auf die Geringschätzung des Films in zahllosen deutschen Kommunen, die wie etwa die Millionenstadt Köln viel Geld in ihre Opernhäuser und Theater stecken, aber sich nicht einmal ein kommunales Kino leistet. Was läge da näher als wenigstens ein Kino in jeder Stadt als bespieltes Denkmal zu erhalten? Doch moderne Multimedia-Museen, so vielseitig einsetzbar und populär sie sein mögen, werden uns die Kinos nicht ersetzen, weder in ihrer spezifischen Architektur noch als Aura gelebter Geschichte. Erst recht werden sie nicht das „Dispositiv Kino“ vermitteln können, also den komplexen Sinnzusammenhang zwischen der offenen Vielfalt des Filmangebots, seiner Präsentation und dem Publikum. Also ein ums andere Mal das, was das Erlebnis einer Filmerzählung in einem Filmtheater in über 100 Jahren ausgemacht hat.


Erhaltet die Traditionskinos!

Mein Vorschlag lautet deshalb: Die Musealisierung sollte nicht mit schicken Neubauten beginnen, sondern mit dem Erhalt wenigstens eines noch existierenden Traditionskinos in jeder Stadt. Die Essener Lichtburg ist hier ein Beispiel, das International in Berlin, das Gartenbaukino in Wien. Aber auch kleine Kinos wie etwa die Kölner Filmpalette oder das Frankfurter „Mal seh’n“ können das Wunder bewirken, Film authentisch zu erleben.

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. In Köln kämpft gerade der Filmclub 813 (ich bin selbst ein Mitglied und muss mich hier jeden Kommentars enthalten) um seinen Verbleib in einem bedeutenden Kulturbau, dem ehemaligen British Council. Die Räumungsklage, angestrengt durch den Hauptmieter, einen traditionsreichen Kunstverein, gefährdet auch die Innenausstattung des Kinosaals mit der Bestuhlung aus den 1960er-Jahren, die Eigentum des Filmclubs ist. In Köln ist es der letzte historisch komplette Kinosaal; dies nur als Beispiel für das rasante Verschwinden solcher Orte.

Aber die Diskussion um den Erhalt der Filmkultur könnte gerade durch die Musealisierung in eine gefährliche Sackgasse geraten. Es ist unwahrscheinlich, dass die Kommunen ein Verständnis für das Spezifische dieser Kulturform entwickeln und sie nicht der Bildenden Kunst unterordnen. Der Kunstkontext (oder wie man dort sagen würde, das „Dispositiv Kunst“) hat längst seine eigene Spielart des Bewegtbilds kultiviert. Man versteht dort schlichtweg nicht dasselbe unter dem Medium Film.


Der Kunstbetrieb ist nicht die Rettung des Kinos

Auch wenn es unter den Künstlern, die mit Bewegtbildern arbeiten, viele Grenzgänger zum Kunstbetrieb gibt – Steve McQueen, Shirin Neshat, Matthias Müller oder Christoph Girardet. um nur einige Beispiele zu nennen, sind ebenso im Filmkontext aktiv – wäre die Vorstellung naiv, dass sich Kunstmuseen temporär in Kinos verwandeln könnten, die Kinofilme auch als Kinofilme zeigen.

Coverausschnitt aus "Raumgeben": Das Loew's Theatre in Louisville, Kentucky (Vorwerk 8)
Coverausschnitt aus "Raumgeben": Das Loew's Theatre in Louisville, Kentucky (© Vorwerk 8)

125 Jahre Kinogeschichte haben unzählige Filmtheorien, aber vergleichsweise wenige Kinotheorien hervorgebracht. Heide Schlüpmann hat in ihrem neuen Buch „Raumgeben – der Film dem Kino“ eine sehr persönliche Geschichte der Erforschung dieses schwer fasslichen Kulturortes nachgereicht. „Film ist nicht Kunst“, sagt sie an einer Stelle. „In vieler Hinsicht nicht. Film ist nie nur das Werk eines ‚Autors‘. Film ist auch die bloße Kameraufnahme. Film ist wiederum nicht reines Handwerk, er ist grundlegend Reproduktionstechnik. Vor allem trat Film aus dem Kosmos bürgerlicher Kultur heraus und entfaltete sich als Massenkultur. Selbst wenn Filmemacher sich als Autoren, als Künstler positionierten, blieben die Übergänge zwischen ihren ‚Meisterwerken‘ und der Masse der Filme fließend.


Etwas wird bleiben – aber was?

Schlüpmann blickt auch auf eine Goldene Zeit der Filmforschung zurück, die noch immer in den Festivals in Pordenone und Bologna lebendig ist. Seit den späten 1980er-Jahren wurde der etablierte Kanon in Frage gestellt und unbekannte, insbesondere frühe Werke wiederentdeckt. Aber eine Kulturförderung, die „Leuchtturmprojekten“ mehr Aufmerksamkeit gibt als der flächendeckenden Rettung des Unbekannten, wird nachfolgenden Generationen solche Entdeckungen vielleicht unmöglich machen. Dann stürbe mit den Kinos auch das Filmerbe.

Es wird nicht alles untergehen. Filmfestivals werden uns weiterhin mit den herausragenden Werken aus aller Welt versorgen, ein neugieriges Publikum ist ihnen sicher. Vielleicht werden sich die großen Medienkonzerne einzelne Häuser leisten, um ihren Produkten die entsprechende Aufmerksamkeit zu verleihen. Es wird Privatinitiativen geben von Cinephilen, von Künstlern oder Stummfilmmusikern. Und natürlich nachwachsenden Filmkünstlerinnen und Künstlern; auch das analoge Filmmaterial wird uns auf absehbare Zeit erhalten bleiben.

Mit dem Verlust der Kinokultur aber verlieren wir nicht nur gemütliche Sessel, feierliche Leuchter oder den heute schon selten gewordenen Vorhang. Wir verlieren einen Ort, der weder allein dem bürgerlichen Publikum gehörte noch der breiten Masse. Einen Ort, in dem man nicht gesehen werden möchte, sondern einfach nur verschwindet. Im Film.

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