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Komplize, Träumer, Seismograf: Zum Tod von Jean-Claude Carrière

Freitag, 12.02.2021

Eine Würdigung des großen Drehbuchautors und Kinomenschen Jean-Claude Carrière (19.9.1931-8.2.2021)

Diskussion

Er war einer der ganz großen Kino-Auteurs des 20. Jahrhunderts, der Luis Buñuel die Bedeutung der Träume erschloss und mit Volker Schlöndorff „Die Blechtrommel“ in eine filmische Form goss. Dennoch darf man den leidenschaftlichen Geschichtenzähler Jean-Claude Carriére nicht auf die Rolle eines genialen Drehbuchautors reduzieren, der an nahezu 100 Filmen mitgewirkt hat. Von seiner bleibenden Bedeutung als Seismograf gesellschaftlicher Prozesse zeugen auch die sechzig Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Essays aus seiner Feder.


„Als 16-Jähriger habe ich Jean-Claude in einer Fernsehsendung gesehen. Er sprach von all den großen Regisseuren, mit denen er als Drehbuchautor zusammengearbeitet hatte, von Milos Forman, Louis Malle, Jacques Deray, Volker Schlöndorff, und natürlich vor allem von Luis Buñuel. Es war die Art, wie er davon erzählte, die ich als sehr originell empfand und die auf mich einen eigentümlichen Zauber ausübte. Ich träumte davon, ihm zu begegnen.“ Als Louis Garrel beim Filmfest München 2019 seinen Film „Ein Mann zum Verlieben“ vorstellte, erzählte er voller Bewunderung von seinen Begegnungen mit Jean-Claude Carrière, mit dem er das Drehbuch zu „Ein Mann zum Verlieben“ erarbeitet hatte.

Was Garrel an dem 52 Jahre älteren „legendären Drehbuchautor“ faszinierte, war also zuerst die zauberische Art, mit der Carrière von seiner Arbeit erzählte. Darin war etwas von der besonderen Beziehung zu spüren, die Carrière zu den Regisseuren herstellte, mit denen er arbeitete; eine Beziehung der Freundschaft, Intimität und Komplizenschaft. Carrières Credo lautete: Es kommt bei der Zusammenarbeit mit einem Regisseur, den man mag, darauf an, genau zu erspüren und aus ihm hervorzuholen, was ihn am ausgewählten Stoff interessiert und reizt, auch wenn der Regisseur selbst sich darüber noch gar nicht im Klaren ist. Drehbucharbeit als Hebammenkunst. Kein Zufall, dass er mit seinen Lieblingsregisseuren über viele Jahre und Projekte hinweg freundschaftlich verbunden blieb.


Vier wichtige Gemeinsamkeiten

Berühmt machten Jean-Claude Carrière vor allem die Adaptionen zweier großer Romane: im Jahr 1979 bearbeite er zusammen mit Volker SchlöndorffDie Blechtrommel“ von Günter Grass; 1988 wurde dann Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Philip Kaufman verfilmt, mit Juliette Binoche, Daniel Day-Lewis und Lena Olin in den Hauptrollen. Entscheidend für Carrières Renommee und zum Zeugnis seiner Genialität aber wurde seine Zusammenarbeit mit Luis Buñuel (1900-1983), der dreißig Jahre älter war als er. Neun Drehbücher schrieben sie zusammen, sechs davon wurden zu Filmen, zu Schmuckstücken in Buñuels Oeuvre, darunter als die größten Erfolge „Belle de Jour“, „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ und „Dieses obskure Objekt der Begierde“. Filme, an denen Volker Schlöndorff das Wagnis der „Kombination von ästhetischer Avantgarde und Mainstream-Kino“ lobte: „Niemand sonst als Jean-Claude hätte es gewagt, extrem konventionelle Handlungsstränge mit solch wilden surrealistischen Ideen zu kombinieren.“

Volker Schlöndorff und Jean-Claude Carrière bei der gemeinsamen Arbeit an "Die Blechtrommel" (imago/ZUMA Press)
Volker Schlöndorff und Jean-Claude Carrière bei der gemeinsamen Arbeit (© imago/ZUMA Press)

Beim Filmfestival in Cannes begegneten sich Buñuel und Carrière 1963 zum ersten Mal. Buñuels erste Frage war: „Trinken Sie Wein?“ Antwort: „Ich trinke nicht nur Wein, ich bin Sohn eines Winzers aus dem provinziellen Süden Frankreichs!“ Buñuel war höchst erfreut, denn er wollte Octave Mirbeaus Roman „Tagebuch einer Kammerzofe“ verfilmen und suchte nach einem Drehbuchautor, der sich im ländlichen Leben auskannte. Carrière schien also der passende Mann zu sein, und die Zusammenarbeit sollte unter einem guten Stern stehen, denn die beiden entdeckten bei ihren ersten Treffen vier wichtige Gemeinsamkeiten: die Liebe zum Wein, das mediterrane Lebensgefühl, die Wertschätzung der Freundschaft, die katholische Erziehung.

Über ihre Differenzen sprach Buñuel 1963 in Toledo bei einem Interview für das französische Fernsehen: „Die Spanier, ich zum Beispiel, wissen alles über die französische Kultur. Die Franzosen ihrerseits haben nicht den blassesten Schimmer von der spanischen Kultur. Nehmen Sie zum Beispiel Monsieur Carrière hier, er war Geschichtslehrer, aber bis zu seiner Ankunft gestern war er überzeugt, Toledo sei eine Motorradmarke!“


Die Träume verleihen der Fantasie Flügel

Wie sah die Zusammenarbeit konkret aus? Darüber kann man in Buñuels Memoiren „Mein letzter Seufzer“, die aus langen Gesprächen mit Carrière destilliert wurden, viele hübsche Beschreibungen und Anekdoten finden. Man zog sich für Wochen, manchmal sogar für Monate, an einen abgeschiedenen Ort zurück. Nur die beiden Männer, ohne jeglichen „Anhang“, ohne Verbindung zu irgendeiner Großstadt. Ein beinahe mönchisches Szenario. Miteinander arbeiten heißt miteinander leben. Man arbeitete zweimal drei Stunden täglich am Drehbuch, speiste zusammen, unternahm Spaziergänge und – das gehörte zum Ritual - erzählte sich morgens beim Frühstück die Träume. Träume sollen den Tag eröffnen und der Fantasie Flügel verleihen.

Die außerordentliche Bedeutsamkeit des Traums zählt zu den zentralen Lektionen, die der junge Buñuel als Mitstreiter der surrealistischen Bewegung lernte und sein Leben lang befolgte. Der Traum eröffnet die Sphäre von Phantasma und Begehren, er stellt sich kritisch und provokant einer Wirklichkeit entgegen, die von den erstarrten Konventionen der bürgerlichen und religiösen Ordnung geprägt ist, von Heuchelei, Konformismus, verlogener Moralität und von der Fake-Rationalität einer Roboter-Gesellschaft, die Triebe unterdrückt und sich dem Begehren widersetzt. Aus dem Traum speisen sich Revolte, Blasphemie und generell das künstlerische Schaffen. Dem Ruf des Traumes folgen heißt, „die Fähigkeiten des Kindes wiederzuerlangen, die geheimnisvolle Macht, die aus dem Tautropfen einen Diamanten macht und aus dem Diamanten den Schuh von Aschenputtel“ (Octavio Paz). Das Bekenntnis zum Traum wird zum Bekenntnis der Freiheit.

Jean-Claude Carrière gehörte zur Nouvelle-Vague-Generation; er war ein Jahr jünger als Jean-Luc Godard, mit dem er an zwei Filmen arbeitete: „Rette sich, wer kann (das Leben)" und „Passion“. Zum Kino kam er über die Zusammenarbeit mit Jacques Tati und Pierre Etaix. Etwa 60 Drehbücher hat er verfasst oder entscheidend mitgestaltet. Nimmt man die Filme hinzu, für die er als Berater oder Skriptdoktor tätig war, ergibt sich eine Liste von nahezu 100 Titeln. Er tummelte sich in allen Genres, suchte die Vielfalt. Er war auch Zeichner, Schauspieler (zum Beispiel bei Abbas Kiarostami), schrieb Chansons für Juliette Gréco, Jeanne Moreau, Brigitte Bardot. Auch das Theater interessierte ihn, über vier Jahrzehnte hinweg wurde er zum Mitarbeiter von Peter Brook, übersetzte für ihn einige Shakespeare-Stücke neu und machte mit ihm das gewaltige, vom elefantenköpfigen Gott Ganesha diktierte indische Epos „Mahabarata“ zum Theaterereignis.


Ein religionssüchtiger Atheist

Seine literarischen Arbeiten umfassen etwa sechzig Titel: Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Übersetzungen, Adaptionen, Biografien (etwa über Max Linder). Themen seiner philosophisch-politischen Essays waren der Friede, das Nichts, der Glaube. Er war bekennender Atheist, aber am Religiösen brennend interessiert. Er studierte christliche Häresien, wovon Buñuels „Die Milchstraße“ Zeugnis gibt, tauchte aber auch in buddhistische, hinduistische und persische Mythen, Glaubenszeugnisse und Weisheitslehren ein. Er war mit dem Dalai Lama befreundet. In seinem Buch über den Glauben, „Croyance“ (2015), zeigte er sich erschüttert und alarmiert von den neuen „Heiligen Kriegen“. Warum wird der Glaube schon wieder als licence to kill benutzt, als Rechtfertigung, „Ungläubige“ zu töten?

Jean-Claude Carrière (19.9.1931-8.2.2021 ǀ © imago images/Eastnews)
Jean-Claude Carrière (19.9.1931-8.2.2021 ǀ © imago images/Eastnews)

In seinem Buch „Die Kontroverse von Valladolid“, das Regisseur Jean-Daniel Verhaeghe 1991 als Fernsehfilm in Szene setzte, hatte er herausgearbeitet, welchen Horror die Verbindung von Religion und Gewalt hervorbringen kann: am Beispiel der katholischen Spanier, die zu Beginn der Neuzeit als Konquistadoren, getrieben von ihrer Gier nach Gold, die Indios versklavten und massakrierten. Damals versuchten „humanistische Gelehrte“ philosophisch „rational“ herzuleiten, dass die Indios keine wirklichen menschlichen Wesen seien und ihnen gegenüber also jede Form der Tyrannei und Bestialität gerechtfertigt sei.

So wurde der leidenschaftliche Geschichtenerzähler und Mythen-Erkunder Jean-Claude Carrière immer wieder auch zum Seismografen gesellschaftlicher Prozesse. Zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen wurden ihm zuteil, darunter der Ehren-„Oscar“ für das Lebenswerk. Zu seiner Wesensart gehörte es, Inspirator und Organisator zu sein. Er rief diverse Theater- und Filmfestivals ins Leben; zehn Jahre lang war er Leiter der Filmhochschule FEMIS in Paris. Buñuel nannte ihn „einen Mann vom Lande, der sich für alles, was ihm begegnete, begeistern konnte“.

Am 8. Februar 2021 ist Jean-Claude Carriére im Alter von 89 Jahren in seinem Haus in Paris gestorben.

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