© Rea Tajiri (aus: "History and Memory - For Akiko and Takashige")

Aus der ersten Person #10: „History and Memory: For Akiko and Takashige“ (1991) von Rea Tajiri

Sonntag, 23.05.2021

Die US-Filmemacherin Rea Tajiri nutzt eine Fülle medialer Bilder aus Hollywoodfilmen, Found Footage und Reeactments, um einem Erinnerungsfragment ihrer Mutter aus der Deportation japanischstämmiger US-Amerikaner im Zweiten Weltkrieg einen greifbaren Ort zu geben

Diskussion

Im Dezember 1941 wurde die Familie der US-Regisseurin Rea Tajiri nach dem Angriff auf Pearl Harbor in ein Camp nach Arizona deportiert, weil sie japanischer Abstammung war. Fotografieren war dort streng verboten, deshalb existieren vom Leben im Lager keine Bilder. Esther Buss geht in ihrem Siegfried-Kracauer-Blog einem medienkritischen Essay von Rea Tajiri nach, in dem die Filmemacherin die schmerzende Leerestelle mit „unzugehörigen“ Bilder aus Hollywood-Filmen, Found Footage, Reenactments und aktuellen dokumentarischen Aufnahmen füllt.


Die Filmemacherin weiß nicht, wo das Bild herkommt, aber es war schon immer in ihrem Kopf: Mitten in der Wüste füllt ihre Mutter an einem Wasserhahn ihre Feldflasche auf, das Wasser ist kalt, es fühlt sich gut an. In „History and Memory: For Akiko and Takashige“ (1991) ist die Szene in Form eines Reenactments zu sehen, mit der Filmemacherin Rea Tajiri als Stellvertreterin der Mutter. Es ist ein kurzes, flüchtiges Fragment, durch das der Kamera abgewandte Gesicht und die Zeitlupe seltsam entrückt. „History and Memory“ ist der Versuch, das Bild in einer Geschichte zu verorten oder anders gesagt: die nicht-überlieferte Erinnerung in die überlieferte Geschichte einzutragen.

Rea Tajiri in "History and Memory" (Rea Tajiri)
Rea Tajiri in "History and Memory" (© Rea Tajiri)

Nach dem Angriff auf Pearl Harbor und dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg im Dezember 1941 wurde die Familie von Rea Tajiri zusammen mit rund 120 000 an der Westküste lebenden Japaner:innen und amerikanischen Bürgern japanischer Herkunft als „Alien Enemys“ in Lager interniert; ihre Häuser mussten sie zurücklassen, den Besitz verkaufen. Die sogenannten „War Relocation Centers“ lagen im Landesinneren auf oft unwirtlichem Gelände und waren in großer Eile aufgebaut worden. Tajiris Mutter kam in ein Lager in Poston, Arizona, das die „Umsiedlungsbehörde“ mitten in einem Reservat der Native Americans errichtet hatte, der Vater diente währenddessen in der US-amerikanischen Armee.


Die Internierung: ein blinder Fleck

Anfang der 1980er-Jahre wurde die Internierung von der Regierung offiziell als rassistische Politik anerkannt; die noch lebenden Opfer bekamen Entschädigungen zugesprochen. Dennoch zogen sich viele der Betroffenen aus dem Gefühl einer kollektiven Scham über Pearl Harbor in Schweigen zurück. Auch in der Kindheit und Jugend von Rea Tajiri, die zur dritten Generation der Zugewanderten (Sansei) gehört, war die Zeit der Internierung ein blinder Fleck. Im Film spricht sie einmal von dem Gefühl, in einer Familie mit Geistern zu leben. So stand ein loses Erinnerungsbild – die Mutter füllt in der Wüste ihre Feldflasche auf – einer Ansammlung von Bildern gegenüber, die vor allem das weiße Amerika produziert hatte: Nachrichtenbilder, Bilder aus Propagandafilmen, Hollywood-Kinobilder. Mit Ausnahme weniger Aufnahmen – eine davon ist im Film zu sehen – sind aus der Perspektive der Internierten keine visuellen Dokumente überliefert; Kameras waren in den Lagern verboten.

„History and Memory“ beantwortet die Leerstelle in Form eines medienkritischen Essays. Found Footage, Reenactments und aktuelle dokumentarische Aufnahmen, das Voice-Over der Filmemacherin und die Stimmen ihrer Familienmitglieder werden zu einer extrem dichten, dialektischen Erzählung verwoben. Oft konkurrieren die verschiedenen Medien um die Aufmerksamkeit der Betrachterin. Das Material wird überlagert, geschichtet, manchmal kommen sich Quellenangaben und die Vorspanntitel von Hollywoodfilmen fast in die Quere. Mit dem demonstrativ ins Zentrum gesetzten Schriftzug „HISTORY“ wird das Bild mit einem weiteren Element strapaziert.

„There are things which have happened in the world while there were cameras rolling, things we have images for“, sagt Tajiri, während man US-amerikanische und japanische Nachrichtenbilder des Angriffs auf Pearl Harbor sieht, gefolgt von Ausschnitten aus „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953) von Fred Zinnemann. „There are other things which happened while there were no cameras watching, which we restage in front of cameras to have images of“, heißt es weiter zu Kinobildern aus John Fords „December 7th“ (1943) und „Die Schlacht von Hawaii und in der Malaien-See“ (1942) von Kajiro Yamamoto, ein von der japanischen Regierung in Auftrag gegebenes Propagandawerk, das die Kampfhandlungen täuschend echt darstellte und mit authentischem Nachrichtenmaterial kombinierte. Und schließlich zu Schwarzbild: „There are things which have happened for which the only images that exist are in the minds of the observers present at the time, while there are things which have happened for which there are no observers, except the spirits of the dead.“ In Rolltiteln ist zu lesen, wie das Haus der Familie über Nacht auf einen Truck geladen und abtransportiert wurde; es „spricht“ der Geist des Großvaters.


Der Film vermeidet alles Repräsentative

Auf einer Reise über Salinas, der ersten Station der Internierung, nach Poston macht Tajiri den Standpunkt der Baracke aus, in der die Mutter lebte. Die Ortsbegehung ist im Film eine knappe Notiz. „History and Memory“ vermeidet alles Repräsentative, auch Kathartische, es gibt kein Geheimnis zu enthüllen, keine überraschenden Zeugen zu finden, alle Spuren führen in die schon vorhandenen Bilder. Körperlos schreiben die Sprechenden ihre Erinnerungen in die Hollywoodbilder hinein. Über Szenen aus Alan Parkers Film „Komm und sieh das Paradies“ (1990), der aus Sicht eines weißen Ehemanns die Internierung schildert, lässt Tajiri ihren Neffen seine sehr persönliche Kritik aus der „Chicago Tribune“ vorlesen. Zum Spiegel der eigenen Erfahrungen wird jedoch der Film Stadt in Angst“ (1955) von John Sturges.

Ein Spiegel für eigene Erfahrung: "Stadt in Angst" (imago/Ronald Grant)
Ein Spiegel für eigene Erfahrungen: "Bad Day at Black Rock - Stadt in Angst" (© imago/Ronald Grant)

Spencer Tracy spielt darin einen Mann, der in einer abgelegenen Kleinstadt im Südwesten nach Spuren eines verschwundenen Farmers namens Kamoko sucht. Der Gesuchte wird nicht auftauchen. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor wurde er von Farmern aus Fremdenhass gelyncht. Für Tajiri steht das Verschwinden von Kamoko aus Black Rock für das Verschwinden der Betroffenen aus der Geschichte. Sie kann die Lücke nicht füllen. Aber es gibt jetzt eine „Story“, in der das Erinnerungsfragment seinen Platz gefunden hat. Inmitten von ihr unzugehörigen Bildern.


Hinweis

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

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