© GC Cinema (aus: "Annette" von Leos Carax)

Zeichen, die die Welt versteht: Zum Auftakt von Cannes 2021

Dienstag, 06.07.2021

Heute startet das 74. Filmfestival in Cannes, das sich unter Corona-Bedingungen als mächtiger Verteidiger des Kinos versteht

Diskussion

Heute startet das 74. Filmfestival in Cannes, das unter Corona-Bedingungen alles daransetzt, das Kino als Sehnsuchtsort hochleben zu lassen, an dem sich nicht nur die Zukunft der Filmbranche entscheidet, sondern in gewisser Weise auch die der Menschheit verhandelt wird. Mit einer ungewohnten Fülle an Filmen lotet das Festival die ganze Bandbreite der Siebenten Kunst aus, vom strengen Arthouse-Kino bis zum „Fast & Furious 9“-Blockbuster. Jurypräsident ist Spike Lee, dessen Konterfei auch das offizielle Festivalplakat ziert.


So richtig kann man es sich immer noch nicht vorstellen, dass heute Abend tatsächlich das 74. Filmfestival de Cannes (6.-17.7.2021) startet, bei dem sich bislang stets euphorisierte Menschenmassen über den Boulevard de la Croisette drängelten und Schwärme von Fotografen und Autogrammjägern auf die Stars lauerten. Doch die Veranstalter um Thierry Frémaux und Pierre Lescure haben Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um das wichtigste Festival der Welt nicht nochmals verschieben zu müssen. Das im Frühjahr noch zum „Vaccinodrome“ umfunktionierte „Palais de Festival“ an der Cote d‘Azur hat sich aufs Neue herausgeputzt, wenn auch nur im kleinen Schwarzen, denn auch das Defilee über den roten Teppich findet unter strengen Auflagen statt: keine Küsschen und Umarmungen, mit Abstand und – zumindest beim Publikum – mit Maske, allerdings stilvollendet und elegant.

Von Cannes soll in diesem Jahr mehr als jemals zuvor ein zentrales Signal ausgehen: dass die Welt das Kino braucht, nicht nur Filme, und dass es sich lohnt, aus den heimischen Wohnhöhlen hervorzukriechen und in einem Saal wie dem Grand Theatre Lumiere mit zweieinhalbtausend Menschen Platz zu nehmen, einzutauchen in eine atmende, mitfühlende, mitfiebernde Menge, die sich im Geschehen auf der Leinwand verliert, verzaubern lässt und danach auf irgendeine Weise verwandelt in die Welt zurückfindet.

"A Hero" von Asghar Farhadi (Amirhossein Shojaei)
"A Hero" von Asghar Farhadi (© Amirhossein Shojaei)

Das ist der Kern der Festivalkunst, auf die man sich in Cannes vielleicht noch ein wenig mehr als andernorts versteht und mit der sich die Filmbranche halb verzweifelt, halb trotzig gegen ihren Bedeutungsverlust stemmt; das letzte Jahr war ein Desaster, weltweit sanken die Einnahmen an den Kinokassen um zwei Drittel, und noch ist es nicht ausgemacht, dass sich die Menschen wieder auf ihre früheren Vorlieben besinnen. Deshalb will Cannes eine wahres Feuerwerk entzünden, das nicht zu übersehen ist und für alle Vorlieben das Richtige vorhält, von hehrer Filmkunst wie dem Eröffnungsfilms „Annette“ des französischen Monomanen Leos Carax bis hin zum Mega-Hollywood-Spektakel „Fast& Furious 9“, bei dem Vin Diesel im Cinema de la Plage am nächtlichen Strand von Cannes den Turbo zündet.


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Das Programm der 74. Ausgabe ist für Cannes-Verhältnisse geradezu überladen; wo sonst kaum Kompromisse gemacht und zur Not auch verdiente Filmschaffende vor den Kopf gestoßen werden, breitet sich 2021 eine ungewohnte Fülle aus, etwa die zusätzliche Reihe „Cannes Premiere“ mit Arbeiten, die es nicht in die „Selection officielle“ geschafft haben, auf diese Weise aber doch nach Cannes eingeladen wurden. Darunter finden sich beispielsweise die neuen Werken von Andrea Arnold („Cow“), Kornél Mundruczó („Evolution“), Gaspar Noé („Vortex“) oder Marco Bellocchio („Marx can wait“).

Hinzu kommen „Séances de minuit“ (Mitternachtsvorstellungen) und Sonderaufführungen, etwa „Babi Yar. Context“ von Sergei Loznitsa oder der Omnibusfilm „The Year Of The Everlasting Storm“ mit Beiträgen unter anderem von Jafar Panahi, Laura Poitras und Apichatpong Weerasethakul. Zur bunten Fülle passt auch, dass bis kurz vor Festivalbeginn noch ein Dutzend Filme nachnominiert wurde und mit der französischen Komödie „OSS 117: Alerte rouge en Afrique noire“ von Nicolas Bedos überdies ein potenzieller Publikumshit als Abschlussfilm gewählt wurde. Quasi im Gegenzug wurde die Nebenreihe „Un certain regard“ entrümpelt und neu ausgerichtet; ihr Fokus gilt nur wieder dem ursprünglichen Ziel, nämlich dem jungen, innovativen Filmschaffen einen Sprung ins internationale Arthouse-Kino zu verschaffen.

"Lingui" von (Pili Films)
"Lingui" von Mahamt-Saleh Haroun (© Pili Films)

Sichtlich um Attraktivität bemüht sind auch die „Rendez-vous with…“-Veranstaltungen, die bis 2018 noch als „Masterclasses“ firmierten und je einem berühmten Filmschaffenden gewidmet waren; in diesem Jahr finden sich Stars wie Jodie Foster, Matt Damon, Steve McQueen, Marco Bellocchio und Bong Joon-ho zu nachmittäglichen Gesprächen ein, wo sie über sich, ihre Kunst und was sie über die aktuelle Situation oder die generelle Lage der Welt denken, Auskunft geben. Das Format glänzte bislang durch sein filmgeschichtliches Fundament und die gute Vorbereitung der Moderatoren, die im Dialog mit den prominenten Künstlern über gängige Talk-Formate weit hinausgelangten.


Französische Filme dominieren

Der Blick in die Wettbewerbsauswahl mutet vertraut an; hier dominieren europäische und asiatische Werke, wenngleich mit „The French Dispach“ von Wes Anderson, „Flag Day“ von Sean Penn und „Red Rocket“ von Sean Baker auch drei US-amerikanische Filme laufen. Das französische Filmschaffen ist (über-)präsent: neben „Annette“ und der Co-Produktion „Benedetta“ von Paul Verhoeven konkurrieren die neuen Filme von Jacques Audiard („Paris, 13th Distric“), Catherine Corsini („La fracture“), Julia Ducournau („Titane“), Bruno Dumont („France“), François Ozon („Everything Went Well“) sowie Mia Hanson-Love („Bergman Island“) um die „Goldene Palme“. Ein Schelm, wer dabei das Mantra von Festivalchef Thierry Frèmaux hinterfragt, dass immer nur die Qualität den Ausschlag gäbe, unabhängig von Nationalität, Geschlecht, Religion, Land oder sonstigen Connections…

"Bergman Island" von Mia Hansen-Love (CG Cinéma)
"Bergman Island" von Mia Hansen-Love (© CG Cinéma)

Besonders vielversprechend hingegen Werke wie „Petrov’s Flu“ des in Russland lange inkriminierten Regisseurs Kirill Serebrennikow, der in dem noch vor Corona begonnenen Film von einer pandemischen Grippewelle fantasiert, die nicht nur allegorisch über die russische Gesellschaft hinwegfegt. Der iranische Regisseur Asghar Farhadi kehrt in „A Hero“ in seine Heimat zurück und drehte in Farsi; Ari Forman nutzt das Animationsformat für „Where Is Anne Frank“ und Ryûsuke Hamaguchi stürzt sich in „Drive My Car“ auf eine Murakami-Adaption. Nur außer Konkurrenz läuft das Anime „Belle“ des japanischen Regisseurs Mamoru Hosoda, das kurz vor Festivalbeginn nominiert wurde und von einem schüchternen Mädchen erzählt, das in einer virtuellen Welt als Sängerin alle in Bann schlägt.

Stichwort Geschlecht: Das Festival rühmt sich zwar, in der Juryauswahl erstmals mehr Frauen als Männern aufzubieten (die Palmen werden in diesem Jahr von Jessicia Hausner, Maggie Gyllenhaal, Mélanie Laurent, Mati Diop und der Sängerin Mylene Farmer vergeben; die Männer in der Runde sind Tahar Rahim, Song Kang-ho und Kleber Mendonça Filho; Jury-Präsident ist der kämpferische Spike Lee, dessen markantes Konterfei überdies das diesjährige Festivalplakat ziert). Doch mit den mühsam auf vierzig Filme von Frauen addierten Quorum blamiert sich Cannes erneut als ziemlich „old school“; auch vier Jahre nach dem 50/50-Protest weiblicher Filmschaffender aus dem Jahr 2018 bleibt das Festival weiterhin eine adäquate Antwort schuldig.

Enigmatisches Plakat: Cannes 2021 mit Spike Lee (Festival de Cannes)
Enigmatisches Plakat: Cannes 2021 mit Spike Lee (© Festival de Cannes)

Auf der Suche nach Entdeckungen

Doch wie immer regiert die Papierform nur so lange, bis das Festival begonnen und sein eigenes Flair entfaltet hat. Die Sehnsucht nach echtem Kino und nach Filmen, die die Welt braucht, um sich besser zu verstehen, bricht sich hoffentlich eingeständig Bahn; noch immer sind echte Entdeckungen der Lohn für lange Festivaltage.

Das 72. Cannes-Festival findet vom 6. bis 17. Juli unter strengen Hygiene- und Pandemie-Bedingungen statt. Besucher müssten entweder geimpft sein, über einen negativen PCR-Test oder einen 48-stündigen Schnelltest verfügen; da in Frankreich die Kinos ohne Platzbeschränkungen in Betrieb sind und das Departement Alpes-Maritimes den niedrigsten Inzidenz-Wert in Frankreich hat, gibt es keine weiteren Einschränkungen; allerdings müssen in den Kinosälen und auf dem Festivalgelände Masken getragen werden.


Übersicht über das Filmprogramm Cannes 2021


Wettbewerb

„Annette“ von Leos Carax (Eröffnungsfilm)

„Tre Piani“ von Nanni Moretti

„Everything Went Fine“ von François Ozon

„A Hero“ von Asghar Farhadi

„Bergman Island“ von Mia Hansen-Love

„Benedetta“ von Paul Verhoeven

„The Story Of My Wife“ von Ildikó Enyedi

„Flag Day“ von Sean Penn

„Titane“ von Julia Ducournau

„The French Dispatch“ von Wes Anderson

„Red Rocket“ von Sean Baker

„Petrov’s Flu“ von Kirill Serebrennikov

„France“ von Bruno Dumont

„Nitram“ von Justin Kurzel

„Memoria“ von Apichatpong Weerasethakul

„Lingui, The Sacred Bonds“ von Mahamat-Saleh Haroun

„Paris 13th District“ von Jacques Audiard

„The Restless“ von Joachim Lafosse

„La Fracture“ von Catherine Corsini

„Casablanca Beats“ von Nabil Ayouch

„The Worst Person In The World“ von Joachim Trier

„Compartment No.6“ von Juho Kuosmanen

„Ahed’s Knee“ von Nadav Lapid

„Drive My Car“ von Ryusuke Hamaguchi


Außer Konkurrenz

„Aline, The Voice Of Love“ von Valérie Lemercier

„Stillwater“ von Tom Mccarthy

„The Velvet Underground“ von Todd Haynes

„Emergency Declaration“ von Han Jae-Rim

„De Son Vivant“ von Emmanuelle Bercot

„Bac Nord“ von Cédric Jimenez

„Where is Anne Frank" von Ari Folman


Midnight Screening

„Bloody Oranges“ von Jean-Christophe Meurisse

Tralala“ von Jean-Marie Larrieu

„Suprêmes“ von Audrey Estrougo


Cannes Premiere

„Hold Me Tight“ von Mathieu Amalric

„Cow“ von Andrea Arnold

„Love Songs For Tough Guys“ von Samuel Benchetrit

„Deception“ von Arnaud Desplechin

„Jane Par Charlotte“ von Charlotte Gainsbourg

„In Front Of Your Face“ von Hong Sang-Soo

„Mothering Sunday“ von Eva Husson

„Evolution“ von Kornél Mundruczo

„Val“ von Ting Poo, Leo Scott

„JFK Revisited: Through The Looking Glass“ von Oliver Stone

Vortex“ von Gaspar Noé


Special screenings

„H6“ von Yé Yé

„Black Notebooks“ von Shlomi Elkabetz

„Mariner Of The Mountains“ von Karim Aïnouz

„Babi Yar, Context“ von Sergei Loznitsa

„The Year Of The Everlasting Storm“ von Jafar Panahi, Anthony Chen, Malik Vitthal, Laura Poitras, Dominga Sotomayor, David Lowery, Apichatpong Weerasethakul

„New Worlds, the craddle of a civilzation“ von Andres Muscato

„Mi iubita, mon amour“ von Noémie Merlant

„Are you lonesome tonight?“ von Wen Shipei


Un Certain Regard

„The Innocents“ von Eskil Vogt

„After Yang“ von Kogonada

„Lamb“ von Valdimar Jóhannsson

„Noche De Fuego“ von Tatiana Huezo

„Bonne Mère“ von Hafsia Herzi

„Blue Bayou“ von Justin Chon

„Moneyboys“ von C.B Yi

„Freda“ von Gessica Généus

„Un Monde“ von Laura Wandel

„Commitment Hasan“ von Hasan Semih Kaplanoglu

„House Arrest“ von Alexei German Jr.

„Let There Be Morning“ von Eran Kolirin

„Unclenching The Fists“ von Kira Kovalenko

„Women Do Cry“ von Mina Mileva, Vesela Kazakova

„Rehana Maryam Noor“ von Abdullah Mohammad Saad

„Great Freedom“ von Sebastian Meise

„La Civil“ von Teodora Ana Mihai

„Gaey War“ von Na Jiazuo

Mes frères et moi“ von Yohan Manca


Quinzaine des Réalisateurs

Murina“ von Antoneta Alamat Kusijanović

Clara Sola“ von Nathalie Álvarez Mesen

The Hills Where Lionesses Roar“ von Luàna Bajrami

Ali & Ava“ von Clio Banard

Magnetic Beats“ von Vincent Maël Cardona - Magnetic Beats

A Chiara“ von Jonas Carpignano

Between Two Worlds“ von Emmanuel Carrère

The Sea Ahead“ von Ely Dagher

The Tsugua Diaries“ von Miguel Gomes“ von Maureen Fazendeiro

The Souvenir Part II“ von Joanna Hogg

A Night of Knowing Nothing“ von Payal Kapadia

Our Men“ von Rachel Lang

Integralded“ von Radu Muntean

The Employer and the Employee“ von Manuel Nieto Zas -

Hit the Road“ von Panah Panahi -

Fragments“ von Jean-Gabriel Périot -

A Brighter Tomorrow“ von Yassine Qnia

Europa“ von Haider Rashid

The Tale of King Crab“ von Alessio Rigo de Righi, Matteo Zoppis

Medusa“ von Anita Rocha da Silveira

Furuta“ von Alice Rohrwacher, Pietro Marcello, Francesco Munzi

The Braves“ von Anaïs Volpé

Ripples of Life“ von Shujun Wei

Neptune Frost Saul Williams“ von Anisia Uzeyman


Semaine de la Critique

Robuste“ von Constanze Meyer

The Gravedigger's Wife Khadar“ von Ayderus Ahmed

Feathers“ von Elie Grappe

Zero Fucks Given“ von Julie Lecoustre & Emmanuel Marre

Amparo“ von Simón Mesa Soto - Amparo

Libertad“ von Clara Roquet

Small Body“ von Laura Samani

Olga“ von Omar El Zohairy

A Tale of Love and Desire“ von Leyla Bouzid


Special Screenings

Anaïs in Love“ von Charline Bourgeois-Tacquet

A Radiant Girl“ von Sandrine Kiberlain

Bruno Reidal - Confessions of a Murderer“ von Vincent le Port

Petite Nature“ von Samuel Theis


L'acid

Little Palestine, Diary of a Siege“ von Abdallah Al-Khatib

Vedette“ von Claudine Bories, Patrice Chagnard

Aya“ von Simon Coulibaly Gillard

Down With the King“ von Diego Ongaro

The Candidate“ von Thomas Paulot

Ghost Town“ von Nicolas Peduzzi

Soy Libre“ von Laura Portier

A Corsican Summer“ von Pascal Tagnati

Venus by the Water“ von Lin Wan

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