© Freunde der Deutschen Kinemathek (aus: "Extreme Private Eros: Love Song 1974")

Aus der ersten Person #14: „Extreme Private Eros: Love Song 1974“ von Kazuo Hara

Freitag, 16.07.2021

Der japanische Regisseur Kazuo Hara filmt in dem intimen Dokumentarfilm seine Ex-Partnerin Miyuki Takeda und deren radikalen Feminismus

Diskussion

Der japanische Regisseur Kazuo Hara filmt in dem intimen Dokumentarfilm seine Ex-Partnerin Miyuki Takeda, ihre neuen Partnerschaften und ihren hochimpulsiven Kampf für den radikalen Feminismus. Esther Buss geht in ihrem Siegfried-Kracauer-Blog der Verschiebung der Erzählinstanz nach, die im Laufe des Films vom Regisseur zusehends auf Miyuki Takeda übergeht.


Ein filmisches Porträt als Fortsetzung einer Beziehung unter anderen Bedingungen und mit anderen Mitteln: so ließe sich Gokushiteki Erosu: Renka 1974, ein Pionierwerk des japanischen First-Person-Kinos aus dem Jahr 1974, vielleicht in einem Satz beschreiben. Protagonistin, Heldin, Superpower, Subjekt und Objekt des Films von Kazuo Hara ist die radikale Feministin Miyuki Takeda, die Ex-Partnerin des Filmemachers. Nach drei Jahren des Zusammenlebens, kurz nach der Geburt des gemeinsamen Kindes, wollte Miyuki ihren eigenen Raum; sie trennte sich, hielt aber weiter engen Kontakt.

Anlass für die filmische Zusammenarbeit, so Hara im Voiceover, war ihre Entscheidung, mit dem Baby nach Okinawa zu ziehen. „Ich musste etwas tun“, erklärt er mit seiner sanften Stimme zu Porträts von Miyuki, darunter auch Nacktfotos der Hochschwangeren im Stil von Mugshots: „Der einzige Weg, mit ihr in Verbindung zu bleiben, war es, diesen Film zu machen. Ich ließ die Kamera laufen, weil ich sie sehen wollte.“ Das „extrem Private“ spricht im Film die Sprache der politischen Revolte, auch die Form des Dokumentarischen zielt gegen die bürgerliche Kultur. Völlig unvermittelt wird man in intime Situationen hineingeworfen; Haras Kamera ist stets nah an Gesicht und Körper, in vielen Szenen steht ein Standmikrofon im Bild.

Akustische Nahaufnahme: "Extreme Private Eros: Love Song 1974"(Freunde der Deutschen Kinemathek)
Akustische Nahaufnahme: "Extreme Private Eros: Love Song 1974" (© Dt. Kinemathek)

Die Tonspur ist nicht weniger wild. Lippensynchronität ist hier eher die Ausnahme, manchmal liegen auch heftige Wortgefechte auf schweigenden, in sich verpuppten Gesichtern. Die Trennung von Ton und Bild hat einen starken Effekt, Blicke und Gesten wirken viel konturierter gezeichnet. Der eigentliche Sprengstoff des Films aber ist Miyuki Takeda. Hara lässt sich von ihrer draufgängerischen Energie völlig affizieren und ich mit ihm.

Extreme Private Eros: Love Song 1974 dokumentiert mehrere Zusammentreffen in Okinawa und später in Tokio über einen Zeitraum von ungefähr zwei Jahren. Mit jedem Mal findet der Filmemacher seine ehemalige Partnerin in einer neuen Lebenssituation wieder, jede davon ist eine weitere Station in ihrem hochimpulsiven Kampf gegen die (nicht nur japanische) heteronormative Gesellschaft, das Konzept der Kleinfamilie und die Rolle, die der Frau zugewiesen wird.

Kurz nach der Trennung lebt Miyuki in einer konfliktreichen lesbischen Beziehung, bevor sie ein Verhältnis mit einem auf der Insel stationierten afro-amerikanischen GI eingeht, von dem sie bald schwanger wird. Zwischenzeitlich gründet sie mit ebenfalls radikalisierten Verbündeten eine Wohngemeinschaft für „Barmädchen“ (ein anderer Begriff für Sexarbeiterinnen), bevor sie am Ende dem erotischen Leben eine Absage erteilt und in einer Mutter-Kind-Kommune anderen Frauen bei der Geburt hilft. Am westlichen Feminismus und seiner Idee von Sisterhood lässt sich Miyukis chaotische Praxis jedoch kaum messen. Auch von Freiheit im traditionell-emanzipativen Sinn hält sie nicht viel: „Ich bevorzuge das Gefühl der Angst. Alles ist zu einfach, wenn man frei ist.“

"Extreme Private Eros: Love Song 1974 (Dt. Kinemathek)
"Extreme Private Eros: Love Song 1974 (© Freunde der Deutschen Kinemathek)

Beim erstem Wiedertreffen wird Hara Zeuge eines heftigen Streits zwischen Miyuki und ihrer jungen Geliebten, der später auch handgreiflich wird. Miyuki sucht die Konfrontation: „Sag ja oder nein. Ich mag das oder ich hasse das. Es macht Spaß oder es macht nicht Spaß. Sag es einfach!“ Hara beobachtet die Situation mit einer sprachlosen Faszination für Miyukis Unerbittlichkeit und Rage; in seiner Insistenz, alles sehen und erfassen zu wollen – sein Körper und die Kamera werden eins – liegt aber auch eine Schaulust, die womöglich nicht ganz frei ist von Rache. Oder anders gesagt: Haras Blick ist ein von weiblicher Radikalität extrem angefixter „male gaze“, wobei sein Begehren weniger erotisch als politisch ist.


Die Rolle des Regisseurs ist schwer zu fassen

Hara ist als Figur schwer zu fassen, auch weil er sich als Erzählinstanz immer mehr aus dem Film zurückzieht. Anfangs ist seine Rolle noch weitgehend transparent, er ist gleichzeitig Beobachter, Adressant und ein Element im Beziehungsgeflecht. Gerade im ersten Teil ist Extreme Private Eros: Love Song 1974 auch ein Film wechselnder Dreierbeziehungen. Miyukis Verhältnis mit dem Schwarzen Paul und ihre damit verbundenen „racial politics“ (sie fetischisiert die „andere“ Hautfarbe, bevorzugt am Ende sogar ganz offen das „gemischte“ Kind) lösen bei Hara einen Anfall von Eifersucht aus; in der einzigen Szene, in der er im Bild zu sehen ist, bricht er in Tränen aus.

Als er beim nächsten Besuch mit seiner neuen Frau und Arbeitspartnerin Sashiko Kobayashi auftaucht (sie ist bis heute die Produzentin seiner Filme) verschiebt sich die Konstellation. Miyuki, der die neue Situation missfällt, wirft Kobayashi vor, bei einem Projekt mitzumachen, das nicht „ihres“ sei, und spricht ihr die Emanzipation ab. Das Gespräch wird aber vor allem zu einer Abrechnung mit Hara, über dessen Rolle als Mann und Ex-Partner sie intime Einblicke gewährt. Während sie mit seiner Lebensgefährtin spricht, sucht sie immer wieder offensiv den Blick zur Kamera und gestikuliert – „Er ist gut mit Worten. Deshalb traue ich ihm nicht.“


"Extreme Private Eros: Love Song 1974 (Dt. Kinemathek)
"Extreme Private Eros: Love Song 1974 (© Freunde der Deutschen Kinemathek)


Interessanterweise verkörpert Hara aber weder in diesem noch sonst irgendeinem Moment die Macht der Sprache. Er sagt wenig und wenn, dann klingt das mehr vage als „gut mit Worten“. Was den Film so schwer fassbar macht, ist nicht nur der annähernde Selbstverlust der First Person, sondern auch sein affekthafter Begriff von politischem Handeln. Die Rhetorik der radikalen Linken ist hier so abwesend wie eine konkrete Idee von Gesellschaft und Zukunft – aber nur so kann der Film zu einer Bühne für Miyuki Takeda werden, die das Wort und die Macht über das Bild immer mehr an sich nimmt.

Kurz vor ihrer Rückkehr aufs Festland nimmt sie in Form eines zornigen Pamphlets Abschied von den „Frauen von Okinawa“, die sich von „schwarzen Männern mit großen Schwänzen“ benutzen ließen. Nach den anfänglichen Szenen in kleinen, vollgestopften Innenräumen begibt sich der Film mit Miyuki in die nächtlichen Bars und auf die Straßen der Stadt. Doch anstatt das Interesse der Frauen zu wecken, ziehen sie und Hara die Aufmerksamkeit von „Gangstern“ auf sich, die sie feindselig beschimpfen und die Flugblätter zerreißen.


Höhepunkt des Films: Eine Hausgeburt

Den vorläufigen Abschluss und Höhepunkt des Films bildet die Geburt von Miyuki Takedas Tochter in Haras Apartment, eine Hausgeburt ohne Hebamme als ein weiterer Beweis der eigenen Furchtlosigkeit, ein Survival-Test (ihr Wunsch, ein Kind alleine auf die Welt zu bringen und sich dabei von Hara filmen zu lassen, wird früh geäußert). Bei allem drastischen dokumentarischen Realismus mischt sich in die Szene auch ein irritierend erotisches Moment, das auch ein Fenster zum pink eiga öffnet.

Beim finalen Teil filmt Hara aus der Untersicht zwischen die Beine seiner Protagonistin (Kobayashi hält derweil mit der distanzierten Haltung einer Reporterin das Mikrofon an den Bauch der Gebärenden), allerdings merkt er vor lauter Aufregung nicht, dass das Bild inzwischen komplett unscharf ist. Der technische Fehler wirkt wie ein erneuter Kontrollverlust von Seiten Haras, und doch schreibt sich seine Persona umso sichtbarer ins Bild hinein. Als das Kind auf der Welt ist, hat man dennoch das Gefühl, Miyuki habe den Film irgendwie „gewonnen“. Extreme Private Eros: Love Song 1974 zeigt, um mit Vivian Gornick zu sprechen, das unverkleidete Selbst: als Rohmaterial.


Hinweis

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

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