© IMAGO / Ritzau Scanpix

Viggo Mortensen

Dienstag, 10.08.2021

Der Schauspieler Viggo Mortensen erzählt in seinem Regiedebüt „Falling“ von tiefen Rissen in einer Familie, in der sich auch die gesellschaftliche Polarisierung – nicht nur der USA – widerspiegelt.

Diskussion

24 Jahre lang kämpfte der dänisch-US-amerikanische Schauspieler Viggo Mortensen darum, seine Familiengeschichte in einen Film zu verwandeln, den er nun mit „Falling“ realisiert und dabei neben der Hauptrolle auch erstmals die Regie übernommen hat: Ein Sohn kümmert sich um seinen dementen Vater, obwohl der ihn noch immer wegen seiner Homosexualität brüskiert und zwischen beiden tiefe weltanschauliche Gräben klaffen.


„Ich bin von Natur aus dickköpfig, und ich habe in meiner Laufbahn auch immer viel Glück gehabt.“ Viggo Mortensen spricht mit leiser Stimme, höflich, aber auch eindringlich. Er ist ruhig, fast bedächtig; mitunter klingen ein feiner trockener Humor und leiser Sarkasmus an. Der Sohn eines dänischen Vaters und einer US-amerikanischen Mutter wurde 1958 in New York geboren, verbachte seine Kindheit aber in Argentinien. Das hat ihn geprägt, in einer Mischung aus Abenteuerlust, Anpassungsfähigkeit und einem kosmopolitischen Weltverständnis. Heute lebt er in Madrid. Dass er etwas mit Film machen wollte, wusste Viggo Mortensen schon als 13-Jähriger, nachdem ihn seine Mutter zu ersten Mal ins Kino mitgenommen hatte: Da erwachte der Wunsch, an diesen Geschichten teilzuhaben, zu lernen, wie man Filme erzählt und das Publikum damit berührt.


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Viele kennen ihn als Gefährten des Hobbits Frodo, der sich in den „Der Herr der Ringe“-Verfilmungen von Peter Jackson den Heerscharen des dunklen Herrschers Sauron entgegen stellt. Jetzt ist aus Aragorn selbst ein Regisseur geworden. Mortensens Regiedebüt „Falling“ (ab 12. August im Kino) ist ein Herzensprojekt, das er über viele Jahre verfolgt hat, ein sehr persönliches, fast autobiografisches Werk. „24 Jahre lang habe ich versucht, den Film zu machen. In dieser Zeit habe ich viel gelernt, viele Filme gesehen und einige Drehbücher geschrieben; vor allem aber habe ich mit sehr guten Teams und exzellenten Regisseuren gearbeitet.


Mortensen bei der Präsentation von "Falling" im Berliner Kino International 2020 (© 2020 PROKINO Filmverleih GmbH)
Mortensen bei der Präsentation von "Falling" im Berliner Kino International 2020 (© Prokino)

„Der Herr der Ringe“ war für Mortensen dabei wie eine Filmschule: „Peter Jackson und das Team kamen fast alle aus Neuseeland, ein Land, das bis zu diesem Moment zwar über eine Filmgeschichte verfügte, aber noch nie eine Produktion in dieser Dimension stemmen musste. Nirgendwo auf der Welt hatte sich ein Regisseur je so vielen Herausforderungen gestellt. Doch Peter Jackson löste alle Probleme und überwand alle Hindernisse. Zunächst nur mit einem Drehteam, doch streckenweise waren es bis zu sieben Teams, die parallel gearbeitet haben. Wir drehten eineinhalb Jahren lang und kamen ein Jahr später zurück, um einzelne Szenen zu verbessern und zusätzliche zu drehen. Ich habe miterlebt, wie dieses Team gewachsen ist und sich verbessert hat. Da war dieser optimistische neuseeländische Geist am Werk, dieses „Ja, wir können das!“ Von Peter Jackson und dem ganzen Team habe ich gelernt, dass es beim Dreh keine unlösbaren Probleme gibt.“


Alles festhalten, nichts vergessen

Falling“ erzählt von der Gegenwart und der Vergangenheit einer Familie. Dabei sind vor allem Erinnerungen an seine eigene Mutter eingeflossen, sagt Mortensen: „Nach ihrem Tod begann das Projekt zu reifen. Ich fing an, das Drehbuch zu schreiben, und notierte alles akribisch in kleinen Schulheften, etwa die Gespräche, die ich bei der Beerdigung geführt oder mitgehört hatte. Ich wollte alles festhalten, selbst wenn ich mich anders an Ereignisse erinnerte, die ich selbst erlebt hatte. Natürlich auch die Dinge, die meine Eltern erzählt hatten, die aber von ihren Freunden ganz anders geschildert wurden. Erinnerungen sind etwas sehr Subjektives. Ich habe das alles aufgeschrieben, in all seiner Widersprüchlichkeit. Daraus entstand im Laufe der Zeit eine Erzählung, aus der sich später ein Drehbuch entwickelte.“ Aus den Gefühlen und den Erinnerungen der Kindheit habe er eine fiktive Filmerzählung geschaffen. „Meine Geschwister werden den einen oder anderen Dialog im Film wiedererkennen, deswegen habe ich ihnen auch den Film gewidmet. Aber es ist ein Spielfilm auf der Basis der Gefühle für meinen Vater und für meine Mutter und dessen, was sie mir beigebracht haben.“


Beim Dreh von "Falling" (© 2020 PROKINO Filmverleih GmbH)
Beim Dreh von "Falling" (© Prokino)

Mortensen spielt in „Falling“ auch die Hauptrolle des offen homosexuell lebenden Sohnes John, der sich um seinen Vater kümmert und sich mit ihm auseinandersetzt: „Ich hatte anfangs nicht vor, in dem Film mitzuspielen. Erst recht nicht in einer Hauptrolle. Doch es war für die Finanzierung entscheidend. Ich kannte Lance Henriksen schon lange und wir standen in einem sehr intensiven Austausch. Für ihn war die Rolle des Vaters auch eine große Herausforderung; er fühlte sich sicherer, mich auch als Schauspieler an seiner Seite zu haben. Wir haben die Dreharbeiten sehr gut vorbereitetet. Ich wusste genau, wie wir es machen würden, mit der Bildgestaltung und der Ausstattung. Es war anstrengend, Regie zu führen und selbst eine Rolle zu spielen, aber ich konnte dem Team voll vertrauen. Als Schauspieler stand ich dabei auf dem denkbar besten Platz, um die wunderbare Leistung von Lance Henriksen zu bewundern. Er hat so energisch und so komplex gespielt!

Es war auch wunderbar, das alles später noch einmal im Schneideraum zu erleben. Diese Nähe empfindet man wahrscheinlich nur, wenn man selbst Schauspieler ist. Wobei sicherlich nicht jeder Schauspieler als Regisseur unbedingt gut mit Darstellern umgehen kann. Es gibt ja auch Kollegen, die für sich ihren Text lernen und keinen Millimeter von ihrer Rolle abweichen, egal, was die anderen ihnen anbieten. Sie haben ihre starre Rolle und gewinnen damit vielleicht sogar Preise; aber sie verlieren auch viel durch ihre mangelnde Flexibilität. Nur ein neugieriger, aufgeschlossener Schauspieler kann andere Schauspieler führen.“


Mortensen mit Lance Henriksen (© 2020 PROKINO Filmverleih GmbH)
Mortensen mit Lance Henriksen (© Prokino)

Die Generation der Väter

Tatsächlich trägt Lance Henriksen in der Rolle des Vaters den Film. Der von ihm verkörperte Willis ist ein zwiespältiger Charakter, durchaus auch angelegt als Porträt einer Generation. Doch es war Mortensen sehr wichtig, dass es keine Karikatur des bösen alten weißen Mannes wurde: „Die Figur verkörpert die Generation meines Vaters mit all ihren Schwierigkeiten. Er war kein US-Amerikaner, sondern Däne und erlebte die deutsche Besetzung und eine Zeit der weltweiten Unterdrückung. Er kam aus einer ländlichen Familie und hatte fünf Brüder. Wie fast alle Männer dieser Generation wuchs er mit dem schlechten Vorbild einer Familie auf, in der der Vater als Patriarch alles bestimmte. Das hat ihn auch in seinem Verhalten uns Kindern und unserer Mutter gegenüber geprägt.

Das Autobiografische in ‚Falling‘ findet sich insbesondere in der Beziehung zwischen den Eltern, die über Rückblenden gezeigt wird. Also in den Anfängen, in Johns Kindheit. Man spürt da schon dieses Rechthaberische und Unflexible bei Willis, obwohl die Liebe noch groß ist und die Atmosphäre noch harmonisch wirkt. Mein Vater war nicht genau so wie Willis, aber besaß alles, was diese Generation ausmachte: die Intoleranz, den inneren Widerstand gegen den Fortschritt, die Liebe zur Familie. Er hatte auch ein klares Konzept von Männlichkeit mit einem sehr reduzierten Raum für Frauen. Das spiegelt sich in der Willis-Figur wider, wenn sie die vielfältigen Interessen ihrer Ehefrau fürs Zeichnen oder für klassische Musik oder den Austausch mit ihren Freundinnen nur als Bedrohung wahrnehmen kann. Diese Bitterkeit und die Ressentiments, dieser Widerstand gegen alles Neue, sind Zeichen einer Unsicherheit, die vielleicht viele Menschen kennzeichnet, wenn sie älter werden. Doch für die Generation der Patriarchen war es ganz besonders schwer, sich zu entspannen oder die Veränderungen innerhalb der Gesellschaft zu akzeptieren. Das alles verkörpert Lance Henriksen ganz wunderbar in seiner Rolle.“


Lance Henriksen in seiner Rolle als Willis (© 2020 PROKINO Filmverleih GmbH)
Lance Henriksen in seiner Rolle als Willis (© 2020 PROKINO Filmverleih GmbH)

Dennoch kümmert sich John um seinen Vater, als dessen Demenz immer offener zu Tage tritt. Für Viggo Mortensen ist diese soziale Verantwortung ein Erbe der Mutter: „Für mich ist die Mutter das Gewissen und die moralische Stütze des Films. Sie ist eine meist schweigsame Person, aber dadurch ein Vorbild und die moralische Heldin. John hat diese Momente der Empathie und des Mitgefühls schon als Junge entwickelt, trotz des Vorbilds seines Vaters. Doch auch Willis verfügt über überraschende Züge, weil Menschen nie eindimensional sind. Manchmal überrascht er durch Zärtlichkeiten seiner Frau und den Kindern gegenüber, doch das sind Ausnahmen, ganz seltene Momente.“


Einmal etwas richtig machen

Eine solche Ausnahme ist auch die Schlussszene von „Falling“, die für Mortensen einer der wichtigsten Momente des Films ist, weil hier die Kommunikationsblockade durchbrochen wird: „Wir sehen die Unfähigkeit der ganzen Familie, mit dem Vater zu kommunizieren. Er hat eine Mauer um sich herum gebaut. Es wäre leicht, sich auf die Position zurückzuziehen, dass der alte, bösartige Starrkopf, der alle Welt immer nur beleidigt hat, das auch verdient hat. Warum sollte man überhaupt mit einem reden, der stets undankbar, rassistisch, frauenfeindlich und homophob war? Aber dann sagt ihm sein Sohn: „Ich bin glücklich. Einmal in deinem Leben hast du etwas richtig gemacht.“

„Falling“ ist ein Film über das unausweichliche Schicksal, älter zu werden. Das trifft auch auf John zu, aber natürlich besonders auf Willis: „Vielleicht sind die Menschen jetzt in Zeiten der Pandemie sich bewusster, dass es alte Menschen gibt, wie schwierig ihr Leben ist, wie zerbrechlich und isoliert. In dem Film geht es auch um das Alter, um die Angst, krank zu werden und zu sterben. Was wird aus mir, wenn ich krank werde? Wer wird sich um mich kümmern? Es geht aber auch um die Frage, ab wann es zu viel wird, wenn man sich um jemand anderen kümmert? Und es geht natürlich um unser aller Kommunikation und um die Schwierigkeiten, uns untereinander zu verständigen. Auch darum, zu vergeben und sich selbst zu vergeben.“

Willis und John stehen auch für zwei Pole der US-Gesellschaft und deren extreme Polarisierung, die in der Präsidentschaft von Donald Trump ihren bisherigen Höhepunkt fand. Als Mortensen 2016 mit dem finalen Drehbuch begann, startete Trump seine Wahlkampagne: „Diese Polarisierung war immer schon da, lange vor Trump. Sie ist die zweite große Pandemie in den USA, aber nicht nur dort. Die Mischung aus Vorurteilen, Überheblichkeit, Provinzialität, Dumpfheit und Dummheit liegt in der Natur des Menschen. In den letzten Jahren ist sie nicht nur in den USA höchst ansteckend geworden.“ Trump ist für Mortensen als Präsident gescheitert, aber nicht mit seinem Grundbedürfnis, dass alle über ihn reden: „Wir haben 2019 gedreht. Ich wollte aber nicht, dass Trump einen so großen Schatten auf die Geschichte wirft, daher habe ich die Handlung ins Jahr 2009 verlegt, kurz nach Obamas Amtsantritt.“ Natürlich zeige der Film die tiefe Spaltung zwischen einer ländlich-konservativen und einer urban-modernen Gesellschaft, aber darüber hinaus gehe es um den oftmals scheiternden Dialog in Familien: „Dabei will ich keine Lösungen aufzeigen. Als Zuschauer mag ich die Filme, die nicht alles lösen, die Fragen offenlassen und einen dazu bringen, über die Protagonisten nachzudenken. Ich wollte einen Film machen, den ich auch als Zuschauer gerne sehen würde.“

Artwork zu "Falling" (© 2020 PROKINO Filmverleih GmbH)
Artwork zu "Falling" (© Prokino)

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