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Blinde Flecken – ein Comic zu Marlene Dietrich

Dienstag, 12.10.2021

Ein Comic erzählt von Marlene Dietrichs Leben

Diskussion

Im Verlag Knesebeck ist eine Comic-Biografie erschienen, die sich dem international bekanntesten Star widmet, den das deutsche Kino hervorgebracht hat: Marlene Dietrich. Das Leben der vor rund 120 Jahren, am 27.12.1901, geborenen Schauspielerin, die nach ihrem Wechsel nach Hollywood zu einer Ikone des Kinos der „Goldenen Ära“ wurde, wird darin als subjektiver Rückblick der alten Dietrich aufgerollt.


Man kann wie Steve McGarry versuchen, ein ganzes Leben auf einer Seite zusammenzufassen. Der britische Zeichner und Cartoonist hat in seiner Reihe „Biography“ nicht nur unzählige Fußballer und Musiker:innen, sondern auch Regisseure wie Ron Howard oder Schauspieler:innen – solche Ikonen wie Sean Connery oder Humprey Bogart, aber auch jüngere Darstellerinnen wie Hayley Atwell, Lupita Nyong’o oder Natalie Dormer – mit einem kurzen, aus wenig Bildern und Text zusammengestellten Abriss auf einer Seite porträtiert. Man kann sich wie der japanische Mangaka Shigeru Mizuki aber auch auf über 1500 Seiten einem Leben widmen – im Fall seiner dreibändigen Autobiografie dem eigenen. Und man kann den Mittelweg gehen und ein Leben in einem handlichen Comicalbum von rund 100 Seiten erzählen. In diesem Format sind in letzter Zeit einige Comic-Biografien zu Alfred Hitchcock (im Splitter Verlag) oder Marilyn Monroe (bei Panini) erschienen – eine weitere zu Marlene Dietrich soll bei Panini am 14. Dezember 2021 folgen. Entsprechend der Länge sind diese Comics weder besonders ausführlich und akribisch noch wählen sie den Kunstgriff einer extremen Verknappung wie Steve McGarry. Es geht im seichten „Coffee Table“-Galopp durch ein ganzes Leben.


Einblicke ins Leben der wohl bekanntesten deutschen Diva

Mit Marlene Dietrich – Augenblicke eines Lebens“ ist bereits kürzlich im Verlag Knesebeck eine erste Comic-Biografie der wohl bekanntesten deutschen Schauspielerin erschienen, die sich auf etwas mehr als 100 Seiten dem langen, 91-jährigen Leben der Ikone Marlene Dietrich widmet. Im Schnitt sind das gut ein Lebensjahr auf einer Seite. Dem Galopp durch die Jahrzehnte, von einem schicksalhaften Ereignis zur nächsten Karriereentscheidung, ist man als Leser:in also auch hier ausgeliefert: In den 1920er-Jahren ist die verhinderte Musikerin über das Theater beim Film gelandet, wo sie ihren späteren Ehemann Rudi Sieber kennenlernt, mit dem sie ein Kind hat und der sie mit Josef von Sternberg bekannt macht, dem Regisseur von „Der blaue Engel“, ihrem Durchbruch. Der Erfolg bringt sie zusammen mit Sternberg als erste deutsche Schauspielerin nach Hollywood, wo sie mehrere Filme mit Sternberg, dann mit Lubitsch, Hitchcock und Wilder an der Seite von Cary Grant, Gary Cooper, James Stewart oder JohnWayne dreht. Ende der 1930er-Jahre lernt sie Jean Gabin kennen und lieben. Sein Einsatz gegen die Nazis bringt sie dazu, als Sängerin zur Truppenbetreuung zu gehen – ihre deutsche Staatsbürgerschaft hatte sie zum Entsetzen der Nazis, die sie für ihre Propaganda missbrauchen wollten, da schon abgelegt.

Comic "Marlene Dietrich" (© Claudia Ahlering, Julian Voloj/Knesebeck Verlag)
Comic "Marlene Dietrich" (© Claudia Ahlering, Julian Voloj/Knesebeck Verlag)

Nach dem Krieg konnte sie an ihre früheren Erfolge mit Arbeiten für Hitchcock oder Fritz Lang anschließen, widmete sich als Schauspielerin in Filmen wie Stanley KramersUrteil von Nürnberg“ (1961) und mit ihren zunehmend größeren Erfolgen als Sängerin aber auch immer wieder der deutschen Vergangenheit, wenn sie es beispielsweise wagte, auf ihrer Israel-Tournee Lieder auf Deutsch zu singen oder sich den langjährigen Anfeindungen als „Vaterlandsverräterin“ auf deutschen Bühnen zu stellen. Bis Mitte 70 tourte sie als Sängerin um die Welt, 1979 drehte sie mit „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ nach 15-jähriger Pause einen letzten Film. Die letzten zehn Jahre bis zu ihrem Tod 1992 verließ sie ihr Appartement in Paris nicht mehr. Angeblich verließ sie nicht mal ihr Bett.


Eine unzuverlässige Erzählerin

Dort setzten die Zeichnerin Claudia Ahlering und der Autor Julian Voloj an, der mit Comicbiografien über den Superman-Erfinder Joe Shuster oder den Maler Jean-Michel Basquiat schon Erfahrungen in dem Genre gesammelt hat (gemeinsam haben Ahlering und Voloj außerdem einen Comic über Gangs im New York der 1970er-Jahre realisiert). Der Lebensabend der Diva fungiert in „Marlene Dietrich – Augenblicke eines Lebens“ als erzählerische Klammer; und Ahlering und Voloj installieren eine unzuverlässige Erzählerin: Denn die Geschichte erzählt uns Lesern niemand Geringeres als die 91-jährige Dietrich selbst, die einem jungen Journalisten namens Leon ihre Lebensgeschichte anvertraut. Sogar Leon, der nur halbwegs gut auf das Interview vorbereitet ist, entgeht nicht, dass sich hier ein paar Ungereimtheiten und Widersprüche eingeschlichen haben, und auch ein paar blinde Flecken zeigen sich.

Comic "Marlene Dietrich" (© Claudia Ahlering, Julian Voloj/Knesebeck Verlag)
Comic "Marlene Dietrich" (© Claudia Ahlering, Julian Voloj/Knesebeck Verlag)

Aber Marlene Dietrich wischt seine Zweifel so schnell hinfort, wie sie mitunter das Thema und die Zeitebene wechselt. Da ist er dann wieder – der hastige Galopp einer Comicbiografie durch ein ganzes Leben. Nur haben Voloj und Ahlering ein dramaturgisches Konzept gefunden, das sprunghafte Erzählen, das sich schon im Untertitel „Augenblicke eines Lebens“ andeutet, inhaltlich zu legitimieren. Ob die vielen Verkürzungen und vagen Hinweise ohne großes Vorwissen auf Seite der Leserschaft funktionieren, bleibt dennoch fraglich. Und auch bei den schönen Aquarellzeichnungen von Ahlering, die mitunter mit leichten Verzerrungen und Ungenauigkeiten arbeitet, ist Aufmerksamkeit geboten. Sonst übersieht man die mitunter nur dezent angedeuteten Zeitsprünge. Und dann könnte man am Ende ähnlich verwirrt vor Marlene Dietrichs Biografie stehen, wie sie selber kurz vor ihrem Tod.


Comic "Marlene Dietrich - Augenblicke eines Lebens" (© Knesebeck Verlag)

Literaturhinweis

Marlene Dietrich – Augenblicke eines Lebens. Von Julian Voloj (Autor) und Claudia Ahlering (Illustratorin). Knesebeck Verlag 2021. 140 S. 24 EUR. Erhältlich zum Beispiel über die Website des Verlags.

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