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Vulkan der Erinnerung

Dienstag, 09.11.2021

Ein Interview mit Regisseur Andreas Kleinert über seinen Film „Lieber Thomas“, mit dem er eine zwischen Fiktion und Wahrheit changierende Annäherung an den Schriftsteller Thomas Brasch wagt

Diskussion

Thomas Brasch (1945-2001) war ein Mensch zwischen zwei Welten. Für die DDR war er zu unangepasst; seine Werke wurden nicht veröffentlicht. Im Westen feierten seine Bücher wie etwa „Vor den Vätern sterben die Söhne“ Erfolge, doch auch hier ließ sich Brasch nicht vereinnahmen. Der Film „Lieber Thomas“ von Andreas Kleinert lehnt sich in einem Mix aus Essay, Fiktion und Wirklichkeit an das Leben des Schriftstellers an und wird zur fulminanten Liebeserklärung an diesen radikalen Rebellen, der 1976 in die Bundesrepublik übersiedelte, dort aber nie wirklich heimisch wurde. Ein Blick auf das 20. Jahrhundert und einen in sich widersprüchlichen Künstler.


Die Frage aller Fragen: Wer war Thomas Brasch?

Andreas Kleinert: Für mich ist er ein Künstler, der exemplarisch für das 20. Jahrhundert steht und auch noch für unsere heutige Situation. Wenn man seine Essays liest oder auch seine Interviews, merkt man, was für ein aktueller Denker er ist. Auf viele Fragen, die uns umtreiben, hat er schon eine Antwort gesucht, natürlich auch eine sehr provokante. Aber man muss Thomas Brasch nicht kennen, um den Film zu sehen und zu verstehen. Natürlich ist er nicht mehr in aller Munde und nicht mehr so präsent wie beispielsweise Heinrich Böll, aber darum ging es uns nicht. Brasch versinnbildlicht ein deutsch-deutsches Schicksal. Er war ein Energiebündel, einer, der unangepasst das Leben feiert und nie Ruhe gibt. Es war uns wichtig, einen Menschen als Künstler zu zeigen, aber wir konzentrieren uns nicht auf ein Künstlerschicksal, sondern auf einen Charakter, der extrem aneckt, extrem provokant, extrem unruhig und unzufrieden mit sich selbst ist, der sich in permanenter Widerständigkeit zerreißt, aber auch eine Lust empfindet, sich zu reiben und widersprüchlich zu sein. Das ist nicht nur schmerzhaft, das ist auch gut.


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Eine Lust an der Zerstörung?

Kleinert: Absolut. Das ist das, was uns fasziniert, aus der Sicht von heute, wo wir alle oft in politischer Korrektheit erstarren und uns überlegen, wie man dieses oder jenes überhaupt sagen, über dieses oder jenes nachdenken soll. Wir mutieren zu einer Kontrollgesellschaft; Brasch war das Gegenteil. Dem war es egal, ob er eine gute oder eine schlechte Presse bekam, ob er provozierte oder nicht. Er hat seine Meinung einfach rausgehauen. Lernen können wir auch von seiner Beziehungsmodernität, gerade jetzt, wo der Trend zu ganz klassischen Bildern von Mann, Frau, Kind und Familie zurückgeht und man am liebsten auch noch Verlobung feiert wie vor 100 Jahren. Er ging auf andere Menschen zu, lebte intensive Beziehungen. Auch nach der Trennung blieb er den Frauen verbunden; er hatte alle Frauen bis zum Ende bei sich in seiner Seele.

Andreas Kleinert (© Wild Bunch, Peter Hartwig)
Andreas Kleinert (© Wild Bunch/Peter Hartwig)


Wann ist Ihnen Thomas Brasch erstmals literarisch begegnet?

Kleinert: Während meiner Zeit an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg, durch ein kleines Gedichtbändchen, das in der DDR in der Reihe „Poesiealbum“ herauskam. Ich habe mir aus dem Westen einiges wie „Vor den Vätern sterben die Söhne“ besorgt, dann seinen ersten Film „Engel aus Eisen“ gesehen. Nach der Wende hat mir der Produzent Joachim von Vietinghoff viel über Brasch erzählt. Er kannte ihn sehr gut durch die Zusammenarbeit bei „Engel aus Eisen“ und „Der Passagier - Welcome to Germany”. Wir Filmhochschulstudenten wussten, dass Brasch von der Schule geflogen war; ein Tabu-Thema in DDR-Zeiten. Wir haben auch von der Flugblattaktion gegen den Einmarsch der Russen in Prag erfahren, von seinem Knastaufenthalt und dass er in der DDR nicht publizieren durfte. Als Studienanfänger bewundert man natürlich Radikalität, weil man selbst radikal sein will. Das war in der DDR nicht so einfach.

War er eine Art Vorbild für Sie?

Kleinert: Vorbild klingt immer so komisch. Aber wenn man anfängt, Filme zu machen, sucht man sich Leitfiguren, die sich nichts gefallen lassen, sich nicht anpassen. Toll fand ich, dass er im Westen nicht über die DDR herzog, sondern integer geblieben ist, sich nicht hat vereinnahmen lassen, wie so viele nach der Wende. Da waren plötzlich alle politische Kämpfer und die ganze Zeit im Widerstand, dabei waren sie brav und hielten den Mund. Im Film sagt Brasch den Satz „Wenn ich auf die andere Straßenseite ziehe, sage ich ja auch nicht, da drüben wohnt ´ne Sau“.

Nach dem Mauerfall fehlte der „Exotenbonus“; man ließ Brasch in der Versenkung verschwinden.

Kleinert: Als er das Spiel nicht mehr mitspielte, hat man ihn fallen gelassen. Er war ja auch kein leichter Partner; er war anstrengend und in sich selbst zerrissen. Im Westen konnte er zwar alles veröffentlichen, aber er fühlte sich nicht wohl, weil er eine Verlogenheit spürte, die Abhängigkeit vom Geld, dass seine eigentliche Radikalität nicht gewollt wurde. Nur wenn sie sich gegen den Osten richtete. Als man anfing, ihn mit Ideologien zu umarmen, schaltete er auf stur.

Haben Sie keine Angst, den Zuschauer mit dem Wechsel von Wahrheit und Fiktion in Ihrem Film zu verwirren?

Kleinert: Wir machen ein vielschichtiges Angebot, aber wir geben keine Denkschemata vor. Ich erzähle über einen jungen Mann, der anfängt, an der Filmhochschule zu rebellieren, der nicht systemkonform sein will, der sich mit seinem Vater streitet und seinen Bruder liebt. Wir können nicht das gesamte Werk präsentieren, sondern nur Filmausschnitte oder Gedichte; wir zeichnen seinen Lebensweg skizzen- und collagenhaft und hoffen, dass man Lust bekommt, die Türchen im eigenen Kopf zu öffnen. Aber da soll jeder seine eigenen öffnen. Es geht um Männer und Frauen, es geht um Sex, um die Mauer und Fragen wie „Was ist Freiheit?“, „Was ist Heimatlosigkeit?“, „Wo gehöre ich hin?“.

Albrecht Schuch als Thomas Brasch ( Zeitsprung Pictures/Wild Bunch Germany/Peter Hartwig)
Albrecht Schuch als Thomas Brasch ( © Zeitsprung Pictures/Wild Bunch Germany/Peter Hartwig)


Wie haben Sie sich mit Drehbuchautor Thomas Wendrich der Figur angenähert?

Kleinert: Wir kennen Brasch aus verschiedenen Perspektiven. Er hat ihn sogar persönlich erlebt. Wir haben einfach gesammelt, gesammelt und gesammelt. Es war alles noch viel länger und üppiger; am Ende mussten wir kräftig aussortieren. Wir verfügten eher über zu viel als zu wenig Material. Wir haben alle abgeklappert, die mit uns reden wollten, seine Frauen, seine Freunde. Und haben uns mit dem beschäftigt, was er selbst erzählt hat. Das waren ja auch Legenden, die nicht immer stimmten. Das Prozedere dauerte über zehn Jahre.

Wieso dieser lange Zeitraum?

Kleinert: So einen Film bekommt man nicht so leicht finanziert, bei einem Schwarz-Weiß-Film über einen Dichter rennen einem die Geldgeber nicht gerade die Türen ein. Wir haben auch versucht, den Stoff immer mehr zu verdichten. Ich wollte einen richtigen Kinofilm und nicht einen Fernsehfilm im Kinoformat. „Lieber Thomas“ sollte ein echter cineastischer Aufschlag werden.

Warum die Wahl von Schwarz-Weiß?

Kleinert: Schwarz-Weiß gibt uns die Möglichkeit, die Zeiten zu verwischen. Je mehr man in Farbe geht, umso mehr muss man in eine ästhetische Konkretheit kommen. Schwarz-Weiß nimmt uns mit wie ein altes Foto, es verschafft Distanz und sagt: das ist vergangen. Auch die Traumsequenzen werden verwischt, die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktionalität. Wir wollten diese Eindeutigkeit vermeiden. Der Film ist ein Strudel, ein Vulkan der Erinnerung an Brasch, aber er ist eine Erinnerung. Wir schauen auf etwas, was hinter uns liegt, aber wir wollen durch die Charaktere so modern wie möglich sein.

Was macht Albrecht Schuch zum idealen Thomas Brasch?

Kleinert: Ich habe mich sehr früh von der Idee getrennt, auf Ähnlichkeit zu setzen, das hätte die Auswahl beschränkt. Wir suchten einen Schauspieler, der diesen Charakter stemmt, der über Braschs Sensibilität verfügt, aber auch über seine enorme Männlichkeit. Brasch war sehr viril. Das alles bringt Albrecht Schuch mit, ein kluger und sensibler Kopf mit klarer Bodenhaftung.

Welches Label geben Sie dem Film? Er ist ja keines der üblichen Biopics.

Kleinert: Ich würde sagen, eine Traumreise über einen Dichter mit biografischen Bezüglichkeiten. Wie in der Musik etwa eine Variation über ein Thema. Wir maßen uns nicht an zu sagen, so war Brasch. Die einzelnen Figuren sind nochmal anders als in Wirklichkeit. Wer eine dokumentarische Messlatte an den Film anlegt, wird nicht glücklich damit. Darum geht es uns nicht. Es geht uns um ein Gefühl. Wie ich die Frauen zeige, war eine ganz bewusste Entscheidung, da fließen meine Erinnerungen als Jugendlicher und als Kind ein, dieses Moderne an den DDR-Frauen, ihr Selbstbewusstsein, ihre Unabhängigkeit. Ihnen wollte ich auch ein Denkmal setzen.

Jella Haase verkörpert in "Lieber Thomas" Braschs Freundin Katharina Thalbach (© Zeitsprung Pictures/Wild Bunch Germany, Peter Hartwig)
Jella Haase verkörpert in "Lieber Thomas" Braschs Freundin Katharina Thalbach (© Zeitsprung Pictures)


Was war die Triebfeder, die Brasch immer wieder anspornte?

Kleinert: Er war sicherlich nicht der versteckte Künstler, der sagt, mir ist es egal ob jemand mein Werk sieht oder nicht. Brasch war ein wirkungsbewusster Mensch, der seine Befriedigung darin fand, als Mensch und als Künstler zu wirken, selbst wenn er nicht veröffentlicht wurde. Geprägt hat ihn das Kadettensystem, die Unterdrückung in der Familie, was auch ein Sinnbild für den Staat war, den man liebte, der aber auch ängstigte. Seine Vaterfigur ist eine absolute Symbolfigur, auch für das, was dieses Land ausgemacht hat. Wir arbeiten uns doch alle an unseren Eltern ab.

Thomas Brasch war alles, nur kein Engel. Wie haben Sie da die Balance gehalten?

Kleinert: Das ist natürlich alles sehr subjektiv. Viele, die uns beraten haben, sagten immer wieder, lasst dieses oder jenes weg. Aber ich finde, wenn man eine Persönlichkeit mit Liebe darstellt, kann man viele Seiten einbeziehen; eine Heroisierung lag uns jedenfalls fern. Sein vielgestaltiges Werk mit Gedichten, Übersetzungen, dem unvollendeten Roman vermittelt ein tolles Sinnbild für seine Situation. Er hatte so viel zu sagen, aber es passte in keine Form mehr. Man muss sich ja nur vorstellen, wie aus 16 000 Seiten ein 100-seitiges Bändchen entstand. Es gehört zum Schicksal eines jeden Künstlers, nicht da anzukommen, wo man hinwill, sondern immer irgendwo und irgendwie vor dem großen Ziel zu scheitern. Mit der Unvollkommenheit des Lebens haben wir alle zu tun. Ein Leben wird nie so perfekt, wie wir uns das vorstellen. Jedes Schicksal hat seine eigenen Sehnsüchte und seine eigenen Realismen, die aufeinanderstoßen. Dieser Widerspruch ist für uns mal leichter, mal schwerer auszuhalten.

Welche Bedeutung hat die Einteilung in Kapiteln, subsumiert unter Zeilen aus seiner Prosa?

Kleinert: Wir lieben seine Gedichte und wollten sie verwenden, ohne sie ständig zu zitieren. Also haben wir versucht, das elegant über Figuren einzufügen. Das Gedicht „Papiertiger“, das uns so wichtig war, haben wir einfach aufgegliedert, um dem Film eine Reihung zu geben und eine Zeittafel zu vermeiden. Emotionale Kapitel waren wunderbar über diese Gedichtzeilen zu vermitteln, etwa durch seinen berühmten Satz „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“.

Welche „Botschaft“ soll ein junger Mensch aus Ihrem Film mitnehmen?

Kleinert: Lasst euch nicht vereinnahmen oder manipulieren. Achtet nicht darauf, was andere über euch denken. Und wenn ihr Fehler macht, egal. Daraus kann man lernen. Sei du selbst.


© Zeitsprung Pictures/Wild Bunch Germany, Peter Hartwig
© Zeitsprung Pictures/Wild Bunch Germany, Peter Hartwig

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