© Universal ("Wer die Nachtigall stört")

Die besten Heimkino-Editionen: Die „Silberlinge“

Freitag, 16.12.2022 16:40

Eine 60th Anniversary Limited Edition von "Wer die Nachtigall stört" wird mit dem „Silberling“ ausgezeichnet.

Diskussion

DVDs, Blu-rays und 4K-UHD-Scheiben sind nicht nur Trägermedien für Filme, sondern bieten durch ihre Aufmachung und ihr Bonusmaterial einen beträchtlichen Mehrwert. Die besten dieser Editionen werden von filmdienst.de mit dem „Silberling“ ausgezeichnet. Dieses Gütesiegel hat sich aktuell eine 60th Anniversary Limited Edition von "Wer die Nachtigall stört" (1962) verdient.


Angehörige von Anwälten sind in Gerichtsfilmen in der Regel dazu da, um zu zeigen, dass der Held, der gerade dabei ist, einen aussichtslosen Fall zu gewinnen, zu viel arbeitet und sein Privatleben vernachlässigt. Ein zumeist unergiebiger Subplot. Filme wie „Die zwölf Geschworenen“ oder „Die Zeugin der Anklage“ sind da erfrischende Ausnahmen, indem sie das Privatleben ihrer Helden schlicht aussparen und sich ganz auf den selbstlosen Kampf gegen die Ungerechtigkeit konzentrieren. Als Gregory Peck alias Atticus Finch seinen Fall in „Wer die Nachtigall stört“ eher beiläufig übernimmt, ist seine Frau tot und seine beiden Kinder in der Regel mit der Haushälterin allein zu Haus in der kleinen Stadt Maycomb, Alabama. Wieder so einer dieser menschelnden Subplots, die vom Fall ablenken, könnte man meinen. Und der Fall, den die Autorin Harper Lee in der Romanvorlage in den 1930er-Jahren verortet, hat es in sich: Ein Schwarzer wird von einem Vater und seiner volljährigen Tochter beschuldigt, diese belästigt, geschlagen und vergewaltigt zu haben. In den Südstaaten jener Zeit eigentlich ein klarer Fall. Schuldig! Wozu noch eine Verhandlung?

Doch es wird verhandelt werden – aber erst, nachdem die Hälfte des Filmes bereits verstrichen ist. Davor entwickelt der Subplot um die Kleinfamilie des Anwalts ein Eigenleben. Während die Recherchen für den Fall diffus jenseits der sichtbaren Leinwand verbleiben, sehen wir den Kindern beim Spielen zu. Das Courtroom-Drama verliert seinen Courtroom und gerät zur Coming-of-Age-Geschichte; zumal alles auch noch von der Tochter Scout in der Retrospektive erzählt wird.

Kindliche Nebenfiguren sind für den Film enorm wichtig (© Universal Pictures International Germany GmbH)
Kindliche Nebenfiguren sind für den Film enorm wichtig (© Universal Pictures International Germany GmbH)

Eine gar nicht nebensächliche Nebenhandlung

Robert Mulligans Film gehört zu den eigentümlichsten Geschichten, die jemals in einen Gerichtsfilm verarbeitet wurden. Und zeigt ganz nebenbei, wie ungerecht doch die Bezeichnung „Nebendarsteller“ ist, die im Deutschen die „Supporting Actors“, also die Unterstützenden, bis heute diskreditiert. In der ersten Stunde geht es um Kinder in einer Kleinstadt, in der die heile Welt zu Hause scheint. Doch da gibt es auch die grantige alte Nachbarin, die sich über die freche Scout, ihren älteren Bruder Jem und den nerdigen Großstadtbesuch Dill aufregt. Und es gibt dieses finstere Haus an der Ecke mit dem unfreundlichen Alten, der seinen geistig zurückgebliebenen Bruder Arthur „Boo“ Radley versteckt, manche sagen sogar, im Haus ankettet. Viel Platz für viel Abenteuer, und viel Ablenkung vom Gerichtsfall. Doch das scheinbar Nebensächliche ist hier in Wahrheit elementar. Es gibt einen Einblick in den Mikrokosmos einer Stadt, und untersucht dabei den Boden, auf dem die latente Diskriminierung als „anders“ Angesehener gedeiht, die im Gerichtsfall dann an die Oberfläche dringt.

Courtroom-Drama mit ungewöhnlichem Fokus (© Universal Pictures International Germany GmbH)
Courtroom-Drama mit ungewöhnlichem Fokus (© Universal Pictures International Germany GmbH)

Und es berichtet von der aufkeimenden Hoffnung, diese Schranken im Kopf einmal zu überwinden, wenn nämlich eine Generation nachwächst, für die Scout und Jem stehen. Eine Generation, die erkennt, dass blinde Vorurteile nichts taugen. Eigentlich braucht man die Gerichtsverhandlung gar nicht, wenn man nur Scout und Jem beim Spielen, beim Erleben und beim Fragenstellen verfolgt. „Wer die Nachtigall stört“ ist ein Glücksfall, der auch 60 Jahre nach seiner Premiere noch zeitlos und packend von der Utopie des „In-Frieden-Lebens“ erzählt.

Neu erschienen in bester Bildqualität & mit reichem Bonusmaterial

In einem der vielen Interviews, die im Bonusmaterial zu sehen sind, wird einmal gefordert, man möge doch den Besuch einer Vorstellung des Filmes für jeden zur Pflicht machen, einfach nur, um Augen zu öffnen. Vielleicht eine naive Vorstellung, aber sie zeugt auch von der Kraft, die diesem so undogmatischen Film immer noch innewohnt.

„Wer die Nachtigall stört“ ist, sechzig Jahre nach seiner Premiere, in einer wunderbaren Edition erschienen. Nicht nur, weil der Film anlässlich seines Jubiläums erst jetzt in seiner bereits 2012 restaurierten 4K-Variante erschienen ist, die die brillante Schwarz-weiß-Kamera würdig zu Geltung bringt. Es ist vor allem auch das Bonusmaterial, das hier den Blick weitet. Allein die Quantität lässt aufhorchen. Zwei 90-minütige Dokumentarfilme, fünf weitere, die eine Stunde füllen, sowie ein Audiokommentar des Regisseurs Robert Mulligan, den er zusammen mit seinem Freund und Produzenten Alan J. Pakula bereits 1998 kurz vor dessen Tod für die US-amerikanische LaserDisk eingesprochen hat.

Es sind auch hier die vermeintlichen Nebensächlichkeiten, die das Gesellschaftsbild, das ja 1962 – also noch vor der großen Bewegung des Aufbegehrens um Martin Luther King – entworfen wurde, weiter vervollständigen und aktualisieren. So etwa die neu produzierte Dokumentation „Wer die Nachtigall stört: Alle Blickwinkel“ (25 Min.), die aufzeigt, wie wenig der Film (und seine Botschaft) gealtert ist. Sicher, US-amerikanische Soziologen und Filmwissenschaftler mögen zu Recht konstatieren, dass ein potenzielles Remake heutzutage den schwarzen Figuren mehr Raum geben würde. Im Kern erzählt der Film die Geschichte der Täter, besser, wie sich ein Teil jener befähigt, die Taten zu realisieren und zu überwinden. Die Botschaft, es mögen doch mehr werden, ist so aktuell und brennend wie damals.

Filmisch-analytisch, aber nicht minder auch gesellschaftspolitisch gehen der Dokumentarfilm „Beängstigende Symmetrie“ (90 Min., ebenfalls 1998 für die DVD-Premiere produziert) und der Audiokommentar der beiden Filmemacher Robert Mulligan und Alan J. Pakula vor. Die Phrase „Wie hat man das gemacht… und warum…?” kann nicht fundierter mit Substanz gefüllt werden als hier.

Als krönenden Abschluss wäre noch „Ein Gespräch mit Gregory Peck“ (98 Min.) zu nennen. Regisseurin Barbara Kopple beginnt ihren 2000 fürs Fernsehen produzierten Dokumentarfilm mit einigen Sequenzen aus einer Frage/Antwort-Show, mit der der über 80-jährige Schauspieler über mehrere Wochen quasi auf Tour gegangen ist. Nicht mit Entourage oder Moderator, sondern einfach nur: ein Theater, ein älterer, plaudernder Herr auf der Bühne und das Publikum, das Fragen stellen darf. So simpel, so faszinierend. Erst langsam offenbart der Dokumentarfilm seine wahre Struktur, nämlich, dass die Shows aus unterschiedlichen Städten auch Aufhänger für ein tiefgründiges, ebenso kurzweiliges wie ehrliches Porträt sind, in dem Szenen aus den Backstage-Garderoben und von daheim ein ungewöhnliches „Home-Movie“ kreieren, das den Star „nahbar macht. Man beginnt zu verstehen, dass die Kunstfigur „Atticus Finch“, die das American Film Institute in seinem „100 Jahre Film“-Ranking bei den „Helden“ noch vor Indiana Jones und James Bond auf Platz 1 wählte, aus weit mehr besteht als aus den Worten und Taten aus dem Drehbuch. Es ist schön, wenn sich langsam das ganze Bild offenbart, in einer Edition zum Film wie dieser hier. Jörg Gerle


Diskografischer Hinweis

Wer die Nachtigall stört. USA 1962, Regie: Robert Mulligan. 129 Min. FSK: ab 12. 60th Anniversary Limited Edition: Erschienen am 8. Dezember 2022 bei Universal als 4K UHD und Blu-ray.

Bonusmaterial u.a.: „Wer die Nachtigall stört: Alle Blickwinkel“ (Dokumentarfilm), „Beängstigende Symmetrie“ (Featurette), „Ein Gespräch mit Gregory Peck“ (Dokumentarfilm), „Academy Awards - Die Beste Schauspielerische Dankesrede“ (Featurette), „Amerikanisches Filminstitut - Preis für das Lebenswerk für Gregory Peck“ (Featurette), „Auszug aus der Feierstunde ‚Hommage an Gregory Peck‘“ (Featurette), Audiokommentar von Regisseur Robert Mulligan und Produzent Alan J. Pakula.

Die hochpreisige deutsche Edition enthält zudem im Schuber noch ein 44-seitiges Booklet inklusive Notizen von Gregory Peck und Original-Storyboards, Postermotiv-Karten und einen originalen Filmstreifen-Cell aus dem Film. In Großbritannien ist zudem eine weit günstigere, weil abgespecktere Version ohne die Gadgets erschienen, die ebenfalls die deutsche Tonspur enthält und im Internet bestellbar ist.


Weitere "Silberlinge"

Silberling für Collector’s Edition "Kampf der Welten" & "Der jüngste Tag"

Das Ende kommt unverhofft und ohne schleichende Vorwarnungen. Es reichen schlicht eine richtige Berechnung wissenschaftlicher Daten („Der jüngste Tag“, 1951) oder der Einschlag eines seltsamen Objekts aus dem All („Kampf der Welten“, 1953), und schon ist nichts mehr, wie es war. Man muss dazu sagen, dass der Science-Fiction Film der 1950er-Jahre beseelt war von den Ängsten angesichts des Kalten Krieges und der Aussicht, dass die Atombombe stündlich das Ende der Menschheit heraufbeschwören könnte. Dass 2022 Endzeit-Befürchtungen wieder aktuell sind – sei’s wegen Klimawandel, sei’s wegen politischer Krisen – lässt auch die zwei Filme wieder aktuell werden, die zwischenzeitlich ein wenig außer der Mode gekommen waren: Die H.G.-Wells-Verfilmung „Kampf der Welten“ und „Der jüngste Tag“ jonglieren beide stimmungsvoll mit der Apokalypsen-Paranoia. Zu verdanken hat sie die Filmgeschichte dem auf Tricktechnik spezialisierten Produzenten George Pal (1908-1980).

Für die Filmbranche der USA war Pal ein Glücksfall. Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten integrierte man den österreichisch-ungarischen Künstler, der sich in den frühen 1930ern in Berlin als Trickfilm-Experte profiliert hatte, 1940 nach einer Odyssee über die Tschechoslowakei, Frankreich und die Niederlande in den US-Unterhaltungsbetrieb, wo er beim Studio Paramount zu einem der wichtigsten Produzenten für Science-Fiction-Sujets avancierte, die in den 1950er-Jahren florierten. Auch wenn er mit Puppentrickfilmen angefangen hatte, dachte Pal immer groß. Was passiert, wenn Welten zu kollidieren drohen oder wenn der rote Mars seine Bewohner zu uns schickt, um gegen uns Krieg zu führen? Das Ergebnis kann kein gutes sein – aber ein spektakuläres!

"Der jüngste Tag" (© Paramount Pictures)
"Der jüngste Tag" (© Paramount Pictures)

Weltuntergang mit „Oscar“-reifem Wumms

1951 erschien „Der jüngste Tag“ (OT: „When Worlds Collide“) in den Kinos und führte den Zeitgenossen vor Augen, dass es nur Auserwählten vergönnt sein wird, zu überleben, wenn ein Stern, der größer als die Erde ist, auf den blauen Planeten zurast. Regisseur Rudolph Maté zeigte, dass der Mensch nicht immer menschlich bleibt, wenn der Tod naht. Zum Glück der Filmfiguren fliegt im Schlepptau des Todessterns auch noch ein Trabant mit, auf dem wenigstens einige Charaktere eine neue Zivilisation gründen können – die sicher nur genauso mittelmäßig werden wird wie die alte. Ganz und gar nicht mittelmäßig waren dabei die Spezialeffekte von Gordon Jennings: Sie wurden 1952 mit einem „Oscar“ geehrt.

Der jüngste Tag“ ist der Blu-ray-Bonusfilm zum eigentlichen Highlight einer jüngst bei Paramount erschienenen „Collector’s Edition“. Sie beherbergt den ebenfalls restaurierten, aber deutlich bekannteren Katastrophenreißer „Kampf der Welten“ auf 4K UHD. Ebenfalls mit einem „Oscar“ für die Spezialeffekte ausgezeichnet, beschäftigt er sich mit einer fiktiven Alien-Invasion, die bereits 1938 bei einer Radioadaption von Orson Welles für reale Panik auf den Straßen gesorgt hatte, weil die schreckliche Vorstellung von einem todbringenden Überfall der Marsianer einfach zu nachvollziehbar und lebensecht schien.


Wo die Menschheit scheitert, siegt die Natur

Im Kino ist das von Byron Haskin inszenierte Spektakel nicht minder eindrücklich, auch wenn es klarer als Fantasie auszumachen ist als das Radio-Hörspiel. Das Publikum ließ sich dennoch gefangen nehmen von der unbesiegbar scheinenden Armada fliegender Raumschiffe, die aussehen wie riesige, strahlenspuckende Mantarochen und eine Spezies langgliedriger Noppenfüßlinge auf die Erde bringen, die nach der Weltherrschaft strebt.

"Kampf der Welten" (© imago/United Archives International)
"Kampf der Welten" (© imago/United Archives International)

Während 1951 in „Der jüngste Tag“ noch für den Großteil der Weltbevölkerung alle Hilfe zu spät kommt, ist es bei der von H.G. Wells inspirierten Marsianer-Geschichte ausgerechnet ein irdisches Bakterium, das der geschlagenen Menschheit zu Hilfe kommt. Da, wo Krieg und alles Martialische nutzlos verpufft, bietet manchmal die Natur den letzten Ausweg. Eine auch heute noch schöne, pazifistische Aussage, die uns gleichermaßen zur Vorsicht und zur Rücksicht vor Gottes Schöpfung mahnt.

Im ausgezeichneten, bereits 2005 zur DVD-Special Edition erstellten Audiokommentar der beiden über 80-jährigen Hauptdarsteller Gene Barry und Ann Robinson relativiert Robinson voller Inbrunst einige Drehbuchschwächen. Angesichts des bevorstehenden Endes der Welt binnen sechs Tagen musste ihre Figur einst sagen: „Genauso lange wie Gott zur Erschaffung der Welt brauchte!“ – und empfindet das inzwischen als einen der pathetischsten Sätze, den sie je (und noch dazu aus ihrem eigenen Munde) gehört habe. „Wie hätte sich wohl eine Bette Davis zu diesem Text verhalten?“

Wir werden es nie erfahren, wohl aber noch viele andere Anekdoten der herrlich redseligen Ann Robinson und des schon leicht tatterigen Barry. Zudem enthalten im üppigen Bonusmaterial der filmhistorisch bemerkenswerten Edition ist noch ein zweiter Audiokommentar. Hier geben Filmemacher und Science-Fiction-Fan Joe Dante, Filmhistoriker Bob Burns und Buchautor Bill Warren („Keep Watching the Skies!“) neben amüsanten vor allem fachlich fundierte Informationen über den Filmklassiker preis. Letzterer stammt aus dem Jahr 2005 und war bereits 2020 auf der US-amerikanischen Criterion-Collection-Blu-ray des Films erschienen. Von dieser stammt auch das informative Dokufeature „The Sky is Falling“ (30 Min.), das die Genese des Films noch einmal Revue passieren lässt. Auch mit dabei ist das zehnminütige Feature „H.G. Wells: Der Vater des Science-Fiction“, in dem der Autor des Stoffes gewürdigt wird. Als finales Schmankerl gibt es jenes 60-minütige Radiofeature von 1938, das den Ruhm des Stoffes begründete: „Kampf der Welten“ von Orson Welles.

"Kampf der Welten" (© Paramount Pictures)
"Kampf der Welten" (© Paramount Pictures)

Wer sich für ein paar Postkarten und Kühlschrankmagnete der beiden Raumschiffe aus „Der jüngste Tag“ und „Kampf der Welten“ interessiert, der kann sich für die deutsche Deluxe-Variante der Box entscheiden. Ansonsten reicht auch die Standardverpackung mit den identischen Disks der beiden 2018 restaurierten Filmen in einem Schuber, der bislang nur in Großbritannien neben der Deluxe-Variante erhältlich ist. Zu bedenken ist allenfalls, dass in jedem Fall die letzten zehn Minuten der deutschen Tonspur im „Bonusfilm“ „Der jüngste Tag“ asynchron zum Bild laufen. Wer indes die Edition nicht in Deutschland, sondern das englische Pendant via Internet in Großbritannien ersteht, zahlt wenigstens deutlich weniger und bekommt den deutschen Ton dennoch geboten.



Diskografischer Hinweis

Kampf der Welten. USA 1953. R: Byron Haskin. 85 Min. Ab 16 & Der jüngste Tag. USA 1951. R: Rudolph Maté. 81. Min. Ab 12. Collector’s Edition (4K UHD plus HD) erschienen bei Paramount.

Bonusmaterial: Ein Audiokommentar mit den Hauptdarstellern Ann Robinson und Gene Barry, ein Audiokommentar mit dem Filmemacher Joe Dante und den beiden Filmhistorikern Bob Burns und Bill Warren, das Dokufeature „Der Himmel fällt herunter - Die Produktion von ‚Kampf der Welten‘“ (30 Min.), die Featurette „H.G. Wells: Der Vater des Science Fiction“ (10 Min.) sowie das Original-Hörspiel aus dem Jahre 1938 „The Mercury Theatre on the Air Presents The War of the Worlds Radio Broadcast" (60 Min.) von Orson Welles.


Silberling für das "Addams Family"-Mediabook bei Capelight

Ein perfekter Weihnachtsfilm. Zumindest die ersten zwei Minuten. Bis zu dem Augenblick, in dem der fröstelnde Weihnachts-Chor mit seinen Songs „Carol of the Bells“ und „Deck the Halls“ durch das heiße Öl gestoppt wird, das die Addams Family zur Abwehr ungebetener Gäste vor Heiligabend an der Tür bereithält. Bei der „Addams Family“ ist alles ein wenig anders – und irgendwie doch nicht. Im Grunde ist die Addams-Sippschaft ein Muster an Spießigkeit, will sagen: traditionsbewusst, konservativ, treusorgend, häuslich. Und kinderliebend… zumindest als Braten zu Feiertagen!

Traumpaar: Anjelica Huston und Raul Julia (© Capelight Pictures)
Traumpaar: Anjelica Huston und Raul Julia (© Capelight Pictures)

Die Addams Familie als morbide zu bezeichnen, ist eine dezente Untertreibung. Immerhin hat sie eine für ein abgeschnittenes Körperteil noch höchst lebendige Menschenhand als „Haustier“ und als Lieblingsspiel der kleinen Wednesday die Lebensverkürzung ihres jüngeren Bruders in petto – und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Geboren als Schwarz-Weiß-Cartoon für das Lifestyle Magazin „The New Yorker“ in den späten 1930er Jahren, avancierte die Familie in diversen Trick- und Realfilmadaptionen zu einem beliebten Unterhaltungsformat in TV und Kino. 1991 erfand Barry Sonnenfeld die Geschichten um Gomez, Morticia, Onkel Fester, Granny, Butler Lurch, den Kids und das Eiskalte Händchen neu für die große Leinwand. In Farbe und für US-amerikanische Unterhaltung grenzwertig respektlos.

Makabrer Sidekick: Das Eiskalte Händchen (© Columbia TriStar)
Makabrer Sidekick: Das Eiskalte Händchen (© Columbia TriStar)

Wunderbar besetzt mit Anjelica Huston als Dame des Hauses, Raul Julia als Patron, Christopher Llyod als bucklige Verwandtschaft und Christina Ricci als Wednesday, das gar nicht nette „Liebeleinchen“. Sie spielen alle so distinguiert böse, als würden sie es ernst meinen. Gerade das macht das ganze Spektakel so unerhört lustig.


Ein gelungenes Revival

Inzwischen sind die Jahrzehnte ins Land gegangen und zwei mittelmäßig animierte, weniger amüsante, nur brachiale Animationsfilme haben die radikalen Familienfilme des letzten Jahrtausends fast vergessen gemacht, da erhält zumindest der erste Teil der Familien-Saga aus den 1990er-Jahre ein Revival zum Widerentdecken: Der Film ist beim Label Capelight neu erschienen.

Das Material zum Film ist alles andere als üppig. Auch international beschränkt sich das Bonusmaterial auf eine alte Werbefeaturette (7 Min.), eine Kurzbetrachtung des Regisseurs auf „seinen“ filmischen Ansatz bezüglich des Addams-Universums (17 Min.) und ein kurzes „persönliches“ Willkommen von Barry Sonnenfeld kurz vor dem Hauptfilm. Doch dieser Hauptfilm ist nicht nur perfekt restauriert und auf 4K-Niveau gebracht, sondern auch erstmals komplett. Das Cover wirbt mit „mehr Mamushka“ und referiert damit auf die musikalische Qualität des Films, die dem Regisseur sehr am Herzen lag. Er engagierte für die Tonuntermalung Marc Shaiman, der 1992 noch am Anfang seiner Karriere stand und seither mit sieben „Oscar“-Nominierungen (u.a. für „Schlaflos in Seattle“ und „Mary Poppins‘ Rückkehr“) zu den ganz Großen der Branche zählt. Sein Ansatz zu „Die Addams Family“ ist weniger gothic als mitreißend, denn er unterstützt – augenzwinkernd, wo er nur kann – die Ausgelassenheit, die dem Film unter der grauen Spinnenwebfassade innewohnt. Höhepunkt ist besagter Initiationstanz „Mamushka“, in dem Gomez und Fester Addams ihre wahre Bruderschaft zementieren. Eine ausgelassene Mazurka, die innerhalb der Ballsequenz auch visuell zu den Höhepunkten des Films zählt und jetzt in einer um gut einer Minute längeren Fassung zu sehen ist.

Wer in die Tiefe der Analyse steigen will, dem sei indes das 24-seitige Booklet empfohlen, das nicht nur mit Fotos bestückt ist, sondern durch eine fundierte Betrachtung des Films von Marco Heiter glänzt. Hier erfährt man Genaueres über die visuellen Pointen des früheren Kameramanns Sonnenfeld, der im Team mit seinem Director of Photography Owen Roizman („The French Connection“, „Der Exorzist“, „Tootsie“) die Komödie nicht nur über den Wort-, sondern vor allen den Bildwitz definiert. Der Text geht aber auch auf Grundsätzlicheres ein, etwa was „Verrücktsein“ oder „das Unheimliche“ in der Welt der Addams Family bedeutet.

Nein, vom Sujet her ist „The Addams Family“ sicher kein perfekter Weihnachtsfilm. Doch vom Geist her kann es kaum einen besseren geben, ist er doch ein mitreißend-wohliges Loblied auf Familien- und Gemeinsinn in Zeiten, in denen das Trennende überhandnimmt.




Diskografischer Hinweis

Addams Family. USA 1991. R: Barry Sonnenfeld. Mit Anjelica Huston, Raul Julia, Christina Ricci. 101 Min. FSK: ab 12; f. Mediabook: 4K UHD plus Blu-ray. Anbieter: Capelight.

Bonus: „Barry Sonnenfeld präsentiert den ‚More Mamushka!‘-Extended Cut“, „Werbe-Featurette“, „Barry Sonnenfeld über die Addams Family“


Silberling für die Limited Collector's Edition von "Phase IV" bei Capelight

Er hat nur einen einzigen abendfüllenden Film inszeniert, aber dennoch die Filmwelt revolutioniert. Saul Bass gehört zu den begnadeten Designern des letzten Jahrhunderts. In Hollywood sorgte er für den richtigen „Look“ etlicher Großproduktionen, indem er etwa zu Alfred Hitchcocks „Psycho“, Otto Premingers „Exodus“ oder Stanley Kubricks „Spartacus“ die Vorspann-Sequenzen und das Grafik-Design zum Werbematerial (Plakate, Logos) beisteuerte. Doch als Regisseur gelang nur ein „kleiner“, fast kammerspielartiger Genrefilm. Phase IV“ ist mitnichten einer der üblichen Monsterfilme, die das Science-Fiction-Genre in regelmäßigen Abständen hervorbringt. Ähnlich wie schon in dem 1971 entstandenen Mikrobenthriller „Andromeda – tödlicher Staub aus dem All“ von Robert Wise, wird hier vielmehr wissenschaftlich akribisch (und daher umso verstörender) die zerstörerische Macht einer winzigen Spezies durchgespielt, die sich (durch mysteriöse interplanetarische Ereignisse initiiert) plötzlich als intelligente Gemeinschaft geriert. In „Phase IV“ sind es zunächst Ameisenvölker in einer abgelegenen Hochebene Arizonas, bei denen ein Wissenschaftler von Intelligenz gesteuerten Widerstand gegen menschliches Handeln erkennt.

"Phase IV" (© Capelight Pictures)
"Phase IV" (© Capelight Pictures)

Der Schrecken kommt beiläufig daher, nichtsdestotrotz ist der Film aber nachhaltig verstörend, da er es wagt, den Menschen in seiner Funktion als Krönung der Schöpfung grundsätzlich in Frage zu stellen.

Wie hilflos wir letztendlich sind, wenn die Natur einen anderen Masterplan verfolgt als wir, zeigte pseudodokumentarisch bereits ebenfalls 1971 der von Walon Green inszenierte Film „Die Hellstrom Chronik“. Auch hier geht es um die finale Unterlegenheit der Spezies Mensch gegenüber der Natur. Auch hier sind es die großartigen, angsteinflößenden Makroaufnahmen von Ken Middleham (der auch von Bass für „Phase IV“ engagiert wurde), die die Insekten als Masterminds erscheinen lassen. Es sind Filme als Fanal gegen die Unvernunft, die sich in den 1970er-Jahren ausbreitet und die Vernichtung der Umwelt allenfalls als Kollateralschaden einer prosperierenden Wirtschaft konstatiert.

Agieren die „Vögel“ bei Alfred Hitchcock (1963) noch eher ungerichtet gegen die Menschen, ist der „Nature Horror“ der 1970er-Jahre eine gezielte Gegenwehr gegen die „Bestie Mensch“. Sei es in brachialer, fast schon komödiantischer Weise wie in George McCowans „Frogs“ (1971), in dem sich Amphibien für die Umweltverschmutzung der Bewohner einer kleinen Insel vor Florida rächen. Sei es als finale Lektion, die uns die Ameisen in Saul Bass’ „Phase IV“ erteilen.

Menetekel für die Menschheit (© Capelight Pictures)
Menetekel für die Menschheit (© Capelight Pictures)

Die Gewaltigen des Produktionsstudios Paramount, die dem prominenten und für seine Kurzfilme bereits mit „Oscar“-Nominierungen versehenen, aber beim Publikum noch recht unbekannten New Yorker eine Chance auch als Regisseur geben wollten, staunten nicht schlecht, als Saul Bass weniger mit einem Suspense-Schocker als mit einem intellektuell verkopften Kammerspiel aufwartete, das (ob des geringen Produktionsbudgets) als „2001 – Odyssee im Weltraum light bezeichnet wurde. Der Film geriet nach seinem Flop an der Kinokasse in Vergessenheit, obwohl er von der Kritik, von Umweltaktivisten und Philosophen gefeiert wurde.

Wie „Die Hellstrom Chronik“ bis heute, war „Phase IV“ lange Zeit über legale Quellen nur schwer erhältlich, bis Paramount ihn 2012 in Deutschland auf DVD herausbrachte. Allerdings nicht restauriert und ohne jegliches Bonusmaterial. Das ändert sich nun 2022: Das deutsche Label Capelight Pictures veröffentlichte den Film nun als 3-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook.


Booklet & Bonusmaterial

Als erstes besticht das 48-seitige Booklet. Wer bislang noch nicht viel über die Produktionsgeschichte des Films wusste, wird hier im Essay von Leonhard Elias Lemke trefflich aufgeklärt. Der Filmjournalist gibt zu sämtlichen Teilaspekten des nicht nur genretechnisch, sondern auch philosophisch höchst vielschichtigen Werks erschöpfend, aber nicht weitschweifig Auskunft. Zudem wird auf das reichlich beiliegende Bonusmaterial eingegangen, das nicht nur die analytischen Featurettes „An Ant’s Life – Die Kontextualisierung von PHASE IV“ über die Filmwirkung und „Bass on Titles“ über die Vorspannarbeiten des Regisseurs enthält, sondern auch seine fünf Kurzfilme, von denen „Why Man Creates“ 1968 den „Oscar“ erhielt.

Ebenso wichtig wie die inhaltliche Einordnung des Filmes von Lemke sind die editorischen Kommentare zur Filmversion, die durch die Anmerkungen von Torsten Kaiser (TELEFilm Restauration & Preservation) über die Restaurierungsarbeiten ergänzt werden. Sie erklären ein wenig mehr, warum „Phase IV“ als „Lightversion“ von „2001 – Odyssee im Weltraum“ beschrieben wurde. Zu Unrecht, muss man sagen, denn Bass’ mysteriöser Prolog und vor allem sein ausladender Epilog erinnern zwar stark an Kubricks bahnbrechende Halluzinationen in seinem Weltraumepos, sind jedoch alles andere als nachgemacht. Vielmehr musste Bass sie auf Geheiß der Produzenten von Paramount umschneiden und kürzen, sodass der Film bislang nur ansatzweise die wirkliche Vision des Regisseurs zeigte. Zum Glück ist seit kurzem wenigstens wieder der mit 17 Minuten fast doppelt so lange letzte Akt des Films wiederentdeckt worden und im Bonusmaterial nun separat abspielbar. Durch die ausführlichen Anmerkungen im Booklet wird auch dem interessierten Laien deutlich, wie sehr die ursprüngliche Kinoversion von der Urfassung abweicht.

Saul Bass ist wahrlich ein Visionär, der sich nicht hinter Kubrick zu verstecken braucht. Sein Hauptwerk gehört ebenso wiederentdeckt wie seine leichteren, ja fast schon verschmitzten Kurzfilme. In einer Mischung aus Animation und Realfilm nimmt er nicht nur die Leistungen menschlichen Schaffens aufs Korn (etwa in „Why Man Creates“), sondern wusste schon 1980 (in „The Solar Film“), dass die Öl-Lobby der perfekte Verhinderer des Fortschritts ist. Im Abspann seines Kurzfilms schreibt er: „Die Sonne schenkte uns eine Welt, sie kann uns eine Zukunft schenken. Jeder stimmt zu, dass Solarenergie eine gute Technik ist. Doch den Forschern fehlt das Geld. Sie könnten das ändern. Bereits 1985 könnte die Solarenergie einen entscheidenden Beitrag zu unserer Energieversorgung leisten. Worauf warten wir noch?“ Ja, worauf haben wir 42 Jahre gewartet? Auf das Ende der Welt?




Diskografischer Hinweis

"Phase IV" - 3-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook (der Film auf Blu-ray und DVD, plus Bonus-Blu-ray). GB/USA 1974; 84 Min; FSK: ab 12. Regie: Saul Bass. Anbieter: Capelight.

Bonusmaterial:

Audiokommentar (engl. ohne Untertitel) der Filmhistoriker Allan Bryce und Richard Holliss; Alternativer und regulärer Filmanfang im Splitscreen-Vergleich (9 Min.). Der von Saul Bass ursprünglich vorgesehene letzte Akt des Films (17 Min.). Die Featurettes „An Ant's Life – Die Kontextualisierung von PHASE IV“ (21 Min.), „Bass on Titles“ (34 Min.) und ein „Vorher-Nachher-Vergleich“ der Restaurierungsarbeiten (14 Min.). Fünf Kurzfilme:

The Searching Eye (1964, 18 Min.)

Why Man Creates (1968, 25 Min.)

Notes on the Popular Arts (1978, 20 Min.)

The Solar Film (1980, 10 Min.)

Quest (1984, 30 Min.)


Silberling für zwei „Dr. Who“-Spielfilme aus den 1960ern bei StudioCanal

Filmgeschichte ist relativ. Heute genießt die „Dr. Who“-Reihe nicht nur in Großbritannien Kult-Status, sondern weltweit und nicht zuletzt auch bei deutschen Fans. Doch das war nicht immer so. Die amüsanten Abenteuer des fahrigen britischen Zeitreisenden, die es mittlerweile auf 39 Staffeln in 60 Jahren und zwei Kino-Spin-offs aus den Jahren 1965 und 1966 gebracht haben, brauchten Zeit, sich in Deutschland durchzusetzen; man traute dem Doktor in seiner teleportierenden Polizeitelefonzelle – im Gegensatz zu „Raumschiff Enterprise“ – lange kein Potential auf dem deutschen Markt zu. Es mussten erst die Privatsender Einzug halten, bis in den 1990er-Jahren die kultige Albernheit von „Doctor Who“ auch hierzulande hoffähig wurde. Den beiden „Dr. Who“-Kinofilmen aus den 1960ern blieb aber weiter eine deutsche Veröffentlichung verwehrt. Erst im Zuge internationaler Rechteverflechtungen ist der Sprung über den Kanal nun nach einem guten halben Jahrhundert gelungen, dank dem britischen Arm des StudioCanal-Konzerns, der die Filme aufwendig restauriert in sein Portfolio „herausragender Filmklassiker“ aufgenommen hat; StudioCanal Deutschland hat sie auch hierzulande veröffentlicht. So kommt es, dass die beiden völlig unbekannten, indes in der Hauptrolle prominent besetzten Filme für die deutschen „Whovians“ nun unter anderem in aufwendigen und nicht gerade preiswerten 4K-Steelbooks vorliegen.


Peter Cushing vs. Roboter-Diktatur

In erster Linie handelt es sich bei „Dr. Who und die Daleks“ (1965) sowie „Dr. Who – Die Invasion der Daleks auf der Erde 2150 n. Chr.“ (1966) um Filme über eine Spezies von Robotern, die sich anschickt, die Macht über ihren eigenen Planeten „Skaro“ und im Folgenden auch über die Erde zu übernehmen und dabei die Menschen, die hier wie dort in unterschiedlicher Ausprägung leben, zu unterjochen. Dass dies nicht geschieht, dafür sorgt besagter Doctor Who, der im ersten Teil unfreiwillig, im zweiten Teil mit Bedacht in die Zukunft reist, um den jeweiligen Zeitgenossen zusammen mit seinen Enkelinnen Susan und Barbara sowie seiner Nichte Louise beizustehen. Während die Serie versucht, ein veritables und stringentes Universum um den Zeitreisenden zu kreieren, sind die beiden Filme in erster Linie äußerst bunte und nur grob an die Erzähllinie andockende Vertreter für die große Leinwand.

"Doctor Who und die Daleks" (© StudioCanal)
"Doctor Who und die Daleks" (© StudioCanal)

Sie machen wenig Sinn, haben aber mit dem aus vielen Hammer-Horror-Filmen bekannten Peter Cushing als Doctor ein prominentes Zugpferd und mit den Daleks blinkende und sich knarzend in einer Computermenschensprache unterhaltende Antagonisten, die man besonders für Kinder gut als gefährliche und doch nicht allzu beängstigende „Feinde der Menschen“ nutzen konnte. Wie man im Bonusmaterial der beiden Heimkinopremieren erfährt, verhinderte die Zensurbehörde in England die Ausstattung der ungelenken Rollroboter mit Flammenwerfern als Waffe, damit die Kinder später beim Nachspielen nicht auf „dumme Gedanken“ kommen. Dafür hat man sie dann mit Staubkanonen versehen, die eher an Feuerlöscher als an Feuerwaffen erinnern.


Von Kritikern verachtet und doch vielgeliebt

Trotz nicht gerade hymnischer Kritiken avancierten die beiden Kinofilme in Großbritannien zu veritablen Kassenschlagern. Die „London Times“, der „Guardian“ und das britische Filmfachblatt „Empire“ fragten sich nun anlässlich der Wiederaufführung 2022 als Doppelprogramm in den englischen Kinos, ob denn die Filme wirklich so schlecht seien, wie man sie in Erinnerung hatte? Ja und nein!

"Dr. Who: Die Invasion der Daleks auf der Erde 2150 n. Chr." (© STUDIOCANAL)
"Dr. Who: Die Invasion der Daleks auf der Erde 2150 n. Chr." (© STUDIOCANAL)

Diese Zerrissenheit spiegeln auch die Audiokommentare der beiden prächtigen Heimkinoeditionen wider, die den Film in exorbitant buntem Technicolor und brillanter Plastizität präsentieren. Filmkritiker-Ikone Kim Newman, Drehbuchautor Robert Shearman sowie die Darsteller Mark Gatiss, die an der Neubelebung der Serie ab 2005 mitwirkten, sowie Jennie Linden (Barbara) und Roberta Tovey (Susan) aus der 1960er-Film-Besetzung geben sich alle Mühe, neben der Begeisterung (und der Befangenheit) auch ein wenig Substanz zu entdecken. Ja, man könnte die pazifistische Grundeinstellung der Filme loben und den selbstlosen Kampf des Proletariats gegen deren Unterjochung durch die Eliten postulieren. Dabei scheint aber doch immer das schiere kindliche Vergnügen an dem aus heutiger Sicht nostalgisch anmutenden Spektakel mit seinen auch für die Entstehungszeit recht schlichten, aber charmanten Spezialeffekten durch. Ein Vergnügen, das heute wie damals seine Berechtigung hat.

Schaut man sich zudem noch die Interviews mit den Beteiligten sowie die Featurettes über die Spezialeffekte sowie die einstündige Dokumentation über die Entstehungsgeschichte der Filme an, kommt man zum Schluss, dass hier ein Stück Filmgeschichte gewürdigt wird, dass es zwar niemals in den Qualitäts-Kanon der besten Filme schaffen wird, aber als popkulturelles Phänomen allemal wert ist, dem Vergessen entrissen zu werden. Schön, dass man solche Entdeckungen beschert bekommt. Schade, dass sie hierzulande den Sprung auf die große Leinwand nicht schaffen werden.




Diskografischer Hinweis

Dr. Who und die Daleks. GB 1965. R: Gordon Flemyng. Mit Peter Cushing, Jennie Linden, Roberta Tovey. 80 Min. FSK: ab 6. In restaurierter Fassung als Blu-ray und 4K UHD erschienen bei StudioCanal.

Bonusmaterial:

Zwei Audiokommentare mit den Darstellern Jennie Linden & Roberta Tovey sowie dem Filmkritiker Kim Newman und den Autoren Robert Shearman & Mark Gatiss. Featurette „Das Erbe der Daleks: Zielplanet Skaro“ (16 Min.), Interview mit Filmbuchautor Gareth Owen (8 Min.), Dokumentation zur Rezeptionsgeschichte („Dalekmania“, 58 Min.) und zur Restaurierung (11 Min.).

Dr. Who: Die Invasion der Daleks auf der Erde 2150 n. Chr. GB 1966. R: Gordon Flemyng. Mit Peter Cushing, Jill Curzon, Roberta Tovey. 85 Min. FSK: ab 12. In restaurierter Fassung als Blu-ray und 4K UHD erschienen bei StudioCanal.(restaurierte Fassung als Blu-ray und 4K UHD)

Bonusmaterial:

Audiokommentare mit dem Filmkritiker Kim Newman und den Autoren Robert Shearman & Mark Gatiss. Featurette „Das Erbe der Daleks: Invasion der Erde“ (16 Min.), Interview mit Filmbuchautor Gareth Owen (4 Min.) und Darsteller Bernard Cribbins (4 Min.). Dokumentation zur Rezeptionsgeschichte („Dalekmania“, 58 Min.) und zur Restaurierung (11 Min.).



"Silberling" für die „Ultimate Edition“ von "Pitch Black"

Irgendwo in den Weiten des Alls. Ein Transportschiff gerät in Schwierigkeiten und muss auf einem nicht domestizierten Planeten notlanden. An Bord sind ein paar Pilger, eine dreiköpfige Familie, ein Kopfgeldjäger und seine Beute: Riddick (Vin Diesel), ein unberechenbarer Killer. Von der Besatzung überlebt neben den Passagieren nur die Andockpilotin Fry (Radha Mitchell). Als sich die Verstörten aus dem Wrack quälen, empfängt sie die brütende Hitze einer wüstenartigen Steppe. Auf dem mondgroßen Planeten sorgen nicht weniger als drei Sonnen für einen 24-stündigen gleißenden Tag und dafür, dass scheinbar alles Leben verdorrt. Doch was Bounty Hunter Johns (Cole Hauser) noch weit mehr beunruhigt als die Hitze und die fehlenden Vorräte, ist das spurlose Verschwinden seines Häftlings. Fortan wähnen sich die Überlebenden ihres Lebens nicht mehr sicher. Tatsächlich ist aber nicht Riddick ihr Problem: In den schattigen Ritzen der zerklüfteten Oberfläche hausen lichtscheue Ungeheuer, die nur darauf warten, endlich ihren Hunger nach Fleisch zu stillen. Und die Sonnen stehen günstig, denn schon bald bringt die dreifache Sonnenfinsternis turnusmäßig eine 24-stündige Nacht...

Gestrandet auf einem Planet mit mörderischen Bewohnern: "Pitch Black" (© Universal/Turbine Medien)
Gestrandet auf einem Planeten mit mörderischen Bewohnern: "Pitch Black" (© Universal/Turbine Medien)

Es braucht Mut für einen solchen Film. David Twohy war nie ein Filmemacher der ersten Garde. Er hat als Drehbuchautor Debakel wie „Waterworld“ oder „Die Akte Jane“ verantwortet, andererseits aber auch Respektables wie „Auf der Flucht“ oder seinen unterschätzten, bei uns nur im Heimkino erschienenen „The Arrival – Die Ankunft“. Twohy ist ein Science-Fiction-Fan mit Visionen, und wenn ihm nicht zu viele Produzenten und Megastars (wie bei „Waterworld“) hereinreden, dann gelingen ihm originäre, in vielen Belangen außergewöhnliche Werke.

Schon sein Drehbuch zu „Pitch Black – Planet der Finsternis“ ist radikal. Wer ist Feind, wer Freund? Neben etlichen Schockmomenten sorgen die sich immer wieder neuformierenden Fronten von Pro- und Antagonisten für Spannung. Durch die (seinerzeit) ohne Stars „belastete“ Besetzung hat zunächst jeder der Charaktere die gleichen Sympathiepunkte, die sich im Laufe des Films beträchtlich umverteilen. Wer am Ende überleben wird, bleibt bis zum Schluss offen.

Diese Drehbuchkonstellation wird durch eine trotz des bescheidenen Budgets brillante Ausstattung und farbintensive Kamera unterstützt, deren kontrastreiche Bilder durch einen mitunter stakkatohaften Schnitt abstrahiert werden. „Pitch Black“ ist ebenso grell wie dunkel – formal und inhaltlich ebenso unerbittlich wie ernsthaft.


Das Bonusmaterial gibt Einblick in die Entstehung

„Pitch Black – Planet der Finsternis“ gilt mittlerweile als einer der wegweisenden Science-Fiction-Filme des neuen Jahrtausends. Dank des Bonusmaterials der vorliegenden „Ultimate Edition“ wird erkennbar, wie bemerkenswert die Genese dieses Films ist. Allein der Blick auf das Drehbuch lohnt, dessen frühe Version noch einen weiblichen Killer vorsah. Doch als man Twohy den Regiestuhl anbot, empfand er diese Konstellation als unglaubwürdig. Inzwischen wäre die Situation eine andere, wie er bekennt – seitdem Charlize Theron in „Mad Max: Fury Road“ Furiosa verkörpert hat. Dennoch war das Überarbeiten des Scripts von „Pitch Black“ eine weise Entscheidung. Twohy ersetzte zwar die ursprünglich weibliche Figur durch den damals noch relativ unbekannten, dafür charismatischen HünenVin Diesel, dafür schuf er mit Fry (Radha Mitchell) eine Gegenspielerin für Riddick, die zu den außergewöhnlichsten, weil vielschichtigsten weiblichen Charakteren im modernen Actionkino avancierte. Eigensinnig, egoistisch, kämpferisch, rücksichtslos, verletzlich. Sie muss dem scheinbar gewissenlosen Pragmatiker und Übermenschen Riddick im Kampf gegen die Monster innerhalb und außerhalb der Gruppe Paroli bieten.

Starkes Gegengewicht für Von Diesel: Radha Mitchell (© Universal/Turbine Medien)
Starkes Gegengewicht für Von Diesel: Radha Mitchell (© Universal/Turbine Medien)

Auch ein zweiter weiblicher Charakter wird infolge der Drehbuchrevisionen eingeführt: Jack (Rhiana Griffith), ein Junge, der eigentlich ein Mädchen ist und infolge der Geschichte ein geradezu symbiotisches Verhältnis zum unnahbar scheinenden Riddick entwickelt. Überhaupt sind es die vermeintlich unbedeutenden Nebenrollen, die für „Pitch Black“ im Verlauf der Handlung zentral werden. Und welcher Film aus den USA bietet schon einen Imam statt eines Priesters als religiöses Gewissen und „Neu-Mekka“ als Ort des Heils? Es sind die Details, die den Actionfilm „Pitch Black“ so besonders machen.


Eine Würdigung der beteiligen Kreativen

Im 180-seitigen Booklet der „Ultimate Edition“ offenbaren sich all die Feinheiten des Films auf analytische Weise. Autor Christoph N. Kellerbach erzählt in fünf Kapiteln die ganze Geschichte um das Phänomen „Pitch Black“, das inzwischen zu einem Franchise avanciert ist, das neben Comics, Games, Animationsfilmen und zwei Folgeteilen neuerdings „Riddick 4: Furya“ avisiert. Es kommen weniger die Darsteller zu Wort als die Macher in längeren Interviews im Booklet (Kamera, Effekte, Musik, Story) und – eigens produziert vom deutschen Label Turbine Medien – als Video. Besonders bemerkenswert ist hier die kreative Aufarbeitung der ausführlichen Frage-und-Antwort-Session mit erläuternden Clips und graphischen Elementen. Hier wird bewiesen, wie man mitunter optisch minderwertiges Sekundärmaterial aus Online-Interviews so aufarbeiten kann, dass informative, kreative und unterhaltsame Features dabei entstehen. Auf eindrückliche Weise zeigt die „Ultimate Edition“ des Films auf, wie vermeintlich unbedeutende Gewerke auch hinter der Kamera zum Gelingen eines Films beitragen. Wo sonst kommt schon eine Storyboard-Artist-Ikone wie Brian Murray („Spider-Man: Far from Home“, „Ready Player One“) über 26 Minuten zu Wort (zudem im Booklet mit einem 12-seitigen Text) und kann erklären, wie wichtig ein Zeichner als Mittler zwischen Drehbuch und fertigem Film ist?

Die "Ultimate Edition" (© Turbine Medien)
Die "Ultimate Edition" (© Turbine Medien)

Es ist das Gesamtpaket, das die Edition so bemerkenswert macht. Dazu gehören Essentials wie zwei deutsch untertitelbare Audiokommentare mit dem Regisseur und seinen Hauptdarstellern Cole Hauser und Vin Diesel sowie dem Produzenten und dem „Visual Effects Supervisor“. Dazu gehören auch Gimmicks wie Poster und Postkarten. Und dazu gehört ein sorgfältig auf 4K gemasterter Director’s Cut, der den einzigen Vertreter des Rechts im Film, nämlich Cole Hauser in der Rolle des Bounty Hunter William J. Johns, in ein besseres Licht rückt. Denn während er in der Kinofassung als selbstverliebter, rücksichtloser und drogenabhängiger Destruktor innerhalb der Gruppe erscheint, hatte er in der ursprünglichen Fassung Brüche und Verwundungen, die sein Handeln begründen. Mit solch einer Fülle an Material liefert die Edition einen würdigen Rahmen für den modernen Science-Fiction-Klassiker.


Diskografische Hinweise

Pitch Black – Planet der Finsternis. USA 200. R: David Twohy. Mit Vin Diesel, Radha Mitchell, Cole Hauser, Keith David.

Erschienen als „Ultimate Edition“ (4K UHD, Blu-ray & Bonus-Disk) im Schuber beim Label Turbine Medien. Bonusmaterial u.a.: 180-seitiges Buch „Die Entstehung des Riddick-Universums“ von Christoph N. Kellerbach; Promo-TV-Prequel „Into Pitch Black“ (45 Min.), „Riddick: Krieger der Finsternis“ (Animationsfilm als direktes Sequel, 35 Min.), zwei Audiokommentare (auf Blu-ray), Interviews mit David Twohy (Regie, 24 Min.), Keith David (Imam-Darsteller, 27 Min.), David Eggby (Kamera, 15 Min.), Peter Chiang (F/X, 28 Min.), Ken Wheat (Story-Autor, 15 Min.), John Cox (Monster-Animation, 19 Min.), Brian Murray (Storyboards, 26 Min.), David Melvin (TV-Prequel-Regie, 15 Min.)

Weitere Informationen: https://turbine.de/pitch-black-directors-cut/



Weitere "Silberlinge"

"Silberling" für die Edition der Criterion Collection von Bertrand Taverniers "Roud Midnight"


Ein unbefriedigendes Filmende hat manchmal auch sein Gutes. Ohne das fehlendes Happy End in „New York, New York“ (1977) hätte es wohl nie „Um Mitternacht“ (1986) gegeben. Wenn Francine Evans (Liza Minnelli) und Jimmy Doyle (Robert De Niro) glücklich und beschwingt aus dem von Martin Scorsese inszenierten Musical geschlendert wären, hätte Bertrand Tavernier sicherlich nicht zehn Jahre später bei einem Essen mit Scorseses Produzenten Irwin Winkler gefragt, ob er mit dem Schluss des Films ähnlich unzufrieden sei wie einst das Publikum. Nichts gegen offene Enden, meinte Tavernier, „aber ich hätte den Jazzmusiker vielleicht nach Paris gehen lassen. Dort hätte er ein neues Leben beginnen können“. Das sei eine interessante Idee, konterte Winkler, ja, das habe etwas!


Der Atem des Jazz

Wenn man Winklers Ausführungen in der Dokumentation „The New York, New York Stories“ (2005) im Bonusmaterial der Blu-ray „Round Midnight“, wie der Film im Original heißt, Glauben schenken will, war just dieses Abendessen die Initialzündung für Taverniers New-York-Jazz-Films „Round Midnight“, den Winkler 1986 produzierte.

„Um Mitternacht“ ist ähnlich wie „New York, New York“ ebenfalls ein Film, dessen Qualitäten sich erst auf den zweiten Blick erschließen. Der Film „handelt“ nicht, er „fließt“. Scorseses oder Tavernier bedienen darin nicht die Struktur einer eingängigen Dramaturgie. Sie schweifen vielmehr von klassischen Heldengeschichte à la Hollywood ab, setzen nicht unbedingt auf Anfang, Mitte und Ende und legen es auch nicht darauf an, um jeden Preis eingängig zu sein. Sie schweifen ab, wie Jazzmusiker abschweifen, wenn sie sich in ihren Instrumenten verlieren. „„Um Mitternacht“ ist kein Jazz-Film, weil er im Milieu der Jazzer der späten 1950er-Jahre angesiedelt ist, sondern weil er über die formale Anordnung, die Inszenierungskunst den Atem des Jazz ausströmt“, schrieb Horst Peter Koll in seiner Kritik zum Film. Diese filmische Struktur ist der französischen „Nouvelle Vague“ näher als dem Hollywood-Bio-Pic mit seinem Hang zur abenteuerlichen Verdichtung und zur Überdramatisierung.

"Um Mitternacht" von Bertrand Tavernier (Criterion Collection)
"Um Mitternacht" von Bertrand Tavernier (© Criterion Collection)

„Um Mitternacht“ ist damit einer der Filme, die ihr Sujet tatsächlich auch formal in den Mittelpunkt stellen. Musik ist darin kein Ornament, sie ist das Zentrum. Hier wird nicht vom Sound zum Dialog überblendet, hier wird Musik gespielt. „Um Mitternacht“ ist eine Hommage an den Klang, der Menschen erfüllt, der sie aber auch zugrunde richtet. Daher handelt der Film auch von einem alternden, lebensmüden Virtuosen aus New York (dem Zugrundegerichteten), einem Fan (dem Erfüllten) und einer wundersamen symbiotischen Interaktion zwischen beiden, die im Paris der späten 1950er-Jahre zu einem Happy End führt. Zumindest fast.


Ein Verriss, aus dem eine Freundschaft erwächst

Es erscheint fast schon als Affront, dass sich in den Bonusmaterialen der Blu-ray von Criterion Collection ein Interview des Filmkritikers Gary Giddins findet, der den Betrachtungsgegenstand gelinde gesagt nicht mochte. Giddins war ein versierter Journalist und vor allem ein Jazzkritiker. Sein Verriss von „Um Mitternacht“, den er 1986 in der Wochenzeitung „Village Voice“ publizierte, war ein nicht untypisches Beispiel dafür, was passiert, wenn sich ein als Experte geschätzter Autor mit einer gänzlich anderen Sichtweise auf sein „Steckenpferd“ konfrontiert sieht. Das erstaunliche, so rekapituliert Giddins im Rückblick, aber war, dass Tavernier nicht mit Anwälten oder Schlägen drohte, sondern ihm einen langen Brief mit Entgegnungen, Erklärungen und Denkanstößen schrieb. Freundlich, aber bestimmt. Daraus entwickelte sich eine langjährige Brieffreundschaft. Erst Jahre später begegneten sich beide persönlich und wurde beste Freunde, was bis zu Taverniers Tod am 25. März 2021 anhielt.

Richtig gut findet Giddins „Um Mitternacht“ auch heute noch nicht. Ein wenig kitschig und klischeehaft sei der Umgang mit der Jazz-Community – und zu wenig Hollywood. In Giddins’ 24-minütigem, durch viele Fotos und Filmausschnitte illustriertem Monolog auf der Blu-ray begreift man jedoch wunderbarerweise die tiefe Komplexität des Films. Man lernt viel über Taverniers Ansatz, den Jazz ganz allgemein, aber auch über die Ecken und Kanten eines Films, der einen so magischen Flow wie ein Bebop entwickelt. Man sollte sich Giddins’ Interview schon vor dem Film anschauen, wenn man Berührungsängste bei Musikfilmen hat, die mehr Musik als Handlung besitzen. Der lakonische Monolog macht Lust auf das, was dann kommt: Zwei Stunden voller beiläufiger Emotionen.

Dexter Gordon (l.) und Martin Scorses in "Um Mitternacht" (Warner-Columbia)
Dexter Gordon (l.) und Martin Scorsese in "Um Mitternacht" (© Warner-Columbia)

„Um Mitternacht“ ist im deutschsprachigen Raum fürs Heimkino nur auf DVD erschienen, die derzeit allerdings schwer zu bekommen ist. Beim US- Label Criterion ist jetzt aber eine referenzwürdige Edition mit dem in Bild und Ton sorgsam restaurierten Film erschienen, der neben „Bird“ von Clint Eastwood zu den maßgeblichen Jazzfilmen zählt. Die Blu-ray-Edition ist nicht nur in der USA, sondern auch in Großbritannien erhältlich, mit hiesigem Regionalcode B, aber ohne deutsche Tonspur.

In der Bonus-Sektion findet sich unter anderem auch die 52-minütige Dokumentation „Before Midnight“, eine stimmig kompilierte und kommentierte Materialsammlung mit Aufnahmen, die der Second-Unit-Mann Jean Achache während der Dreharbeiten machte, sowie eine 39-minütige Diskussionsrunde mit Bertrand Tavernier, die 2014 an der Columbia University School of Arts stattfand. Besser, frischer und erhellender kann ein Film nicht präsentiert werden.




Diskografische Hinweise

Um Mitternacht. USA/Frankreich 1986. Regie: Bertrand Tavernier. Mit Dexter Gordon, François Cluzet, Herbie Hancock, Philippe Noiret, Martin Scorsese. 131 Min.

Die Blu-ray-Edition der Criterion Collection präsentiert den restaurierten und in 4k gemasterten Film mit einem 2.0 Surround-DTS-HD-Soundtrack. In den Bonus-Materialien finden sich unter anderem ein Interview mit dem Jazzkritiker Gary Giddins, die Doku „Before Midnight“ mit Aufnahmen von den Dreharbeiten, eine Podiumsdiskussion mit Bertrand Tavernier, John Szwed und Mark Ruffin sowie ein Essay von Mark Anthony Neal.

Die Blu-ray ist als Import aus Großbritannien mit Regionalcode B für Europa im Buchhandel, bei allen einschlägigen Internethändlern oder hier erhältlich.


"Silberling" für die Special Edition zu "New York, New York" von Martin Scorsese


Eigentlich ist die Premiere eines Kinofilms auf Blu-ray nur bedingt eine Nachricht, da dies (immer noch) der „natürliche“ Gang der multimedialen Verwertungskette ist. Die begann für das Jazz-Musical „New York, New York“ (1977), mit dem Martin Scorsese sich erstmals ins Musical-Genre wagte, schon vor 22 Jahren. Der nach einer Reihe von Disharmonien mit den Produzenten und dem Testpublikum stark gekürzte Film kam nach seiner Kinopremiere im Jahr 2005 als opulente „Gold Edition“ in der 137-minütigen „Kurz“-Fassung ins Heimkino (auf DVD waren das wegen der schnelleren Abspielgeschwindigkeit sogar nur 131 Minuten). Fans der ursprünglichen Fassung mussten bis 2011 warten, um in den Genuss der Langfassung zu kommen. Mit der 25 Minuten längeren und zudem hochauflösende Version von „New York, New York“ schien die alte Kinofassung damit endgültig passé.

Doch „Director’s Cut“ hin oder her: Filmgeschichte ist auch eine Fassungsgeschichte, und wenn man an den unendlichen Kampf zwischen Kritik respektive Publikum und den Machern bei Werken wie „E.T. – Der Außerirdische“, „Apocalypse Now“, „Der Exorzist“, „Krieg der Sterne“ oder „Blade Runner“ denkt, wird klar: „länger“ oder „moderner“ ist nicht immer „besser“; am allerbesten ist man deshalb immer dann bedient, wenn eine Heimkinoausgabe die Fassungsgeschichte eines Films spiegelt und ein Werk nicht nur in der vermeintlich „definitiven“, sondern in mehreren Versionen anbietet.

Deshalb ist die Ankündigung „Kinofassung erstmalig in HD“ mehr als nur eine Randnotiz auf dem Klappentext der Blu-ray-Special-Edition von „New York, New York“; sie ist vielmehr ein Statement, dass 17 Jahre nach dem „Director’s Cut“ nun auch die Kinofassung des Films in restaurierter, vom 4K-Master abgetasteten Qualität vorliegt, sodass man die Wahl hat, welcher Version man den Vorzug geben will.

Die neue Special Edition (© Koch Films)
Die neue Special Edition (© Koch Films)

1977 war selbst die kurze Version für Kritiker und Publikum nicht das, was sie sehen wollten. Der Film, in dem es um die unglückliche Beziehung der beiden musikalischen Individualisten Francine (Liza Minnelli) und Jimmy (Robert De Niro) geht, war für Martin Scorsese vor allem eine Huldigung an die MGM-Musicals der 1940er- und 1950er-Jahre, mit denen der Regisseur groß geworden war. Fürs Publikum war der Film allerdings zu improvisiert (in den geschwätzigen Dialogen), zu artifiziell (in den fast schon theaterhaften Kulissen) und zu deprimierend. Das machten auch die 25 Minuten nicht wett, die bereits in den 1980er-Jahren ergänzt wurden, als der Film erneut im Kino gestartet wurde. Die damals eingefügten Sequenzen bestehen in erster Linie aus zwei langen Blöcken im letzten Drittel des Films, in denen es um die Produktion des Erfolgssongs „New York, New York“ sowie eine längere Musical-Passage aus „Happy Endings“ geht, einer Broadway-Produktion, in der Francine (ohne Jimmy) Erfolge feiert.


Ein mitreißendes, auch visuell eigentümliches Werk

„New York, New York“ bleibt auch hier eine „A Star Is Born“-Variation, in der die Protagonistin beruflich zwar die Erfolgsleiter erklimmt, doch ihre Beziehung zu ihrem Kollegen Jimmy unter einen schlechten Stern gerät. Musik und Texte stehen hier dezidiert für die Gefühlswelten der Protagonisten und sind nicht nur bloße Shownummern zum Mitswingen. Das wird vor allem an der Genese von „New York, New York“, dem berühmtesten Song aus dem Film (und der Musical-Geschichte) ersichtlich, den Jimmy für Francine schreibt und der vom melancholisch-intimen Jazz-Tune bis hin zur Showtreppen-Nummer avanciert und dabei symptomatisch für die Entfremdung der beiden Figuren mit den so unterschiedlichen Charaktereigenschaften steht.

Liza Minelli in "New York, New York" (© Koch Films)
Liza Minnelli in "New York, New York" (© Koch Films)

Nichtsdestotrotz ist Scorseses Musical ein mitreißendes, auch visuell eigentümliches Werk, dessen Stellenwert im Kanon des Regisseurs immer noch um sein Standing kämpfen muss. Im Audiokommentar zum Film und auch in seiner Video-Einführung zu „New York, New York“ merkt man, wie sehr Scorsese an diesem Film hängt und sehr ihm der Misserfolg von einst immer noch nachgeht. Das üppige Bonusmaterial, das in einer Extra-DVD versammelt ist, bietet eine große Fülle an Sekundärmaterialien, die helfen, das Werk in seiner komplexen Entstehung besser zu verstehen. Neben dem Audiokommentar ist es vor allem die zweiteilige Dokumentation „The New York, New York Stories“ (52 Minuten), die viel über den Film und seine schwierige Genese erzählt. Hier kommen vor allem die Produzenten und die Crew hinter der Kamera zu Wort. Sie kommentieren den Werdegang eines Films, dessen weltberühmter Titelsong mit Liza Minnelli seinerzeit nicht einmal eine „Oscar“-Nominierung zuteilwurde. Das ist auch deshalb kurios, wenn man bedenkt, wie ikonisch das Lied in der von Frank Sinatra später eingespielten Cover-Version wurde.


Eine wahre Perle – filmisch und als Edition

Die Dokumentation „The New York, New York Stories“ ist bereits 2005 entstanden, der separat vom Film entstandene Audiokommentar von Martin Scorsese und Filmkritikerin Carrie Rickey stammt sogar aus dem Jahr 1993. Heutzutage würde man ihn wahrscheinlich als Podcast vermarkten, da er ohnehin nicht szenenspezifisch auf den Film eingeht. So berichtet Scorsese über das exzeptionelle Production-Design, in dem etwa der Schatten des unter einer Laterne Saxophon spielenden Robert De Niro fast schon expressionistisch auf den Studioboden gemalt wurde; als Zuschauer sieht man diese Szene allerdings erst eine halbe Stunde später.

Großartig ist es indes, dass der Audiokommentar mit Untertiteln versehen wurde, sodass man ihn auch tonlos zum Film einblenden kann. Dieses rare Extra ist bizarrerweise jedoch aufgeteilt. Denn für die Kinofassung erhält man die Untertitel auf Deutsch, für den „Director’s Cut“ auf einer zweiten Blu-ray ist derselbe Audiokommentar hingegen nur Englisch untertitelt.

Wem der Sinn nach einer aktuelleren Einordnung steht, dem sei der analytische Booklet-Text von Anna S. Ullman und Daniel Wagner empfohlen, die den Film aus heutiger Sicht interpretieren und dabei unterstreichen, dass es sich in beiden Fassungen um eine wahre Perle der Filmkunst handelt, unabhängig, ob man „New York, New York“ nun als Psychodrama oder als Jazzmusical interpretiert. Schön ist auf jeden Fall, dass man im Bonusmaterial zwischen „alter“ und „neuer“ Fassung wählen kann. Der Genuss wie die Erkenntnis ist in jedem Fall groß!

Robert De Niro (© Koch Films)
Robert De Niro (© Koch Films)

Diskografische Hinweise

New York, New York. USA 1977. Regie: Martin Scorsese. Mit Liza Minnelli, Robert de Niro. FSK: ab 6

Die Special Edition (2 BDs + 1 DVD) umfasst neben der ungekürzten „Director’s Cut“-Fassung die um 25 Minuten kürzere Original-Kinofassung erstmalig in HD. Zu den Bonusmaterialien zählt Martin Scorseses Einführung zu „New York, New York“, ein Audiokommentar von ihm und der Filmkritikerin Carrie Rickey, alternative und entfallene Szenen inklusive einem alternativen Ende, die Dokumentation „New York, New York-Stories: Teil 1+2“, das Feature „Liza Minnelli über ‚New York, New York‘“, Kommentare zu ausgewählten Szenen vom Kameramann Laszlo Kovacs, Trailer, eine umfangreiche Bildergalerie sowie ein 24-seitiges Booklet von Anna S. Ullmann und Daniel Wagner.

Die Special Edition ist bei Koch Media erschienen. Bezug: in jeder Buchhandlung oder im Internet.

Kommentar verfassen

Kommentieren