© StudioCanal/Elite Film (aus „Die wundersame Welt des Louis Wain“)

Kinomuseum-Blog (2) - Sneak-Preview

Montag, 25.04.2022

Eine kleine Bestandsaufnahme der „Zuschauer-Aufmerksamkeit“

Diskussion

Daniel Kothenschulte war Ostermontag in einer Sneak-Preview – als Teil eines leider nicht gerade großen Publikums, das dieser Art von Überraschungsei-Kino noch huldigt. Anlass für eine kleine Bestandsaufnahme, wie es im aktuellen Kampf um den Heiligen Gral „Zuschauer-Aufmerksamkeit“ derzeit steht.


Das Jahr 2022 wird vielleicht einmal als ein Schicksalsjahr der Kinogeschichte gelten. Mit dem Wegfall der Pandemie-Beschränkungen öffnen sich überall auf der Welt auch wieder die Kinos, viele davon sogar in neuem Glanz, renoviert im Lockdown. Der große Ansturm des Publikums aber blieb bislang aus. Erscheint die wiedergewonnene Freiheit vielleicht zu kostbar für die Wiederaufnahme einer alten Gewohnheit wie dem Kinobesuch?

Auch die liebsten Gewohnheiten mögen nun einmal keine Unterbrechungen. Kinosüchtige wurden, ob sie es wollten oder nicht, während der Lockdowns per Entzug geheilt. Nicht alle glücklicherweise, wie eine Pressemeldung der vergangenen Tage suggeriert: Der US-Amerikaner Ramiro Alanis, war da zu lesen, habe einen neuen Weltrekord aufgestellt, indem er sich „Spider-Man: No Way Home“ 292 Mal im Kino angeschaut habe, für insgesamt 3400 Dollar. „Und zwar komplett, ohne eine Toilettenpause einzulegen.“


In deutschen Kinos dümpeln die Besucherzahlen

In den deutschen Kinos feiert man dagegen gerade keine Weltrekorde. Weniger als eine Million Kinokarten wurden am Osterwochenende in Deutschland verkauft, im späten April vor der Pandemie im Jahre 2019 waren es noch 2,5 Millionen. Natürlich steht und fällt ein solches Ergebnis mit den attraktiven Blockbustern, und der Spitzenreiter „Phantastische Tierwesen 3“ (60.000 verkaufte Eintrittskarten am Startdonnerstag) gilt bereits weltweit als größter Flop des Harry-Potter-Franchises.

Ein Lichtblick für die Kinos: „Spider-Man: No Way Home“ (© CTMG. All Rights Reserved./MARVEL/Sony)
Ein Lichtblick für die Kinos: „Spider-Man: No Way Home“ (© CTMG. All Rights Reserved./MARVEL/Sony)

In den kleinen Kinos erscheint der Besucherrückgang dagegen weniger dramatisch. Im Hamburger B-Movie zog trotz Maskenpflicht Pasolinis Debüt „Accattone“ zuletzt an einem Abend rund zwanzig Zuschauer an, was das cinephile Kleinod in St. Pauli bereits recht gut füllt. In seiner Organisationsform ist dieses anspruchsvolle Programmkino ein gemeinnütziger Filmclub. Überlebenssorgen macht man sich dort nicht, im Gegenteil: Dem Vereinsmitglied an der Kasse macht eher die Situation der kommerziellen Häuser Sorgen.


Die Sneak-Preview ist auch nicht mehr das, was sie mal war

Im Kölner Filmpalast wirkt die geschätzt gleiche Besuchermenge bei der Sneak-Preview am Ostermontag schon etwas verloren. Aber das heutige Sneak-Publikum ist auch nicht mehr zu vergleichen mit den Hundertschaften, die in den 80er- und 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts dieser günstigen Kino-Wundertüte Kultstatus verliehen. Anstatt des vielleicht erwarteten Blockbusters „The Northman“ ist für ganze 6 Euro „Die wundersame Welt des Louis Wain“ zu sehen, aber niemand im Saal beklagt sich. Das melancholische Biopic des fast vergessenen Katzenmalers aus viktorianischen Zeiten kommt recht gut an. Am Donnerstag nach Ostern, dem regulären Starttag, kamen deutschlandweit ganze 600 Menschen ins Kino, um Benedict Cumberbatch in der Rolle des exzentrischen Künstlers zu sehen. Damit schafft man es heutzutage bereits auf Platz 17 der „Top 20“.

Für mich waren Sneak-Previews in den 1980er-Jahren eine Einladung zur Kinosucht. Es war der billige Stoff, der mich als Studenten auch wirtschaftlich in die Lage versetzte, zu sagen: Ich liebe Kino, egal was läuft. Das ist auch heute noch die Einstellung der Kinofans, die den „Sneaks“ die Treue halten. Es sind nur etwas weniger geworden. Im Rausgehen höre ich eine junge Frau zu ihrem Begleiter sagen: „Das war ja mal ein Film, den man sich ansehen konnte“ – was im Umkehrschluss bedeutet, dass das Paar auf diesem Programmplatz regelmäßig Filme durchsteht, bei denen das eigentlich nicht der Fall wäre. Wahrscheinlich würden sie sich kaum als „cinephil“ bezeichnen, aber genau daran erkennt man Kinoliebe: An der Freude, sich einfach hineinfallen zu lassen in einen Film. Denn auch wenn ein Film enttäuscht, ist es doch immer noch Kino; ist da ein Sessel, eine Leinwand und ein Publikum. Man ist ausgegangen, und jetzt sitzt man eben da – und wo man beim Streamen längst vorgespult oder weggeklickt hätte, bleibt man eben sitzen. Was immer auch von einem enttäuschenden Film im Gedächtnis bleibt, es verbindet sich mit einem bestimmten Ort und einem bestimmten Abend, den man nicht zu Hause verbringen wollte.

„Accattone“ findet in bescheidenem Rahmen immer noch sein Publikum (© IMAGO / United Archives)
„Accattone“ findet in bescheidenem Rahmen immer noch sein Publikum (© IMAGO / United Archives)

Auch Netflix lässt Federn

Noch eine Nachricht warf einen Schatten auf die Zukunft der Filmbranche. Die Firma Netflix verlor am vergangenen Mittwoch an den Börsen 35 Prozent ihres Werts. Am Vorabend hatte man die für die Aktionäre wichtigen Quartalszahlen bekannt gegeben, und erstmals waren die Nutzerzahlen rückläufig. Nicht nur der Ausstieg aus dem Russlandgeschäft setzte der Firma zu; die rasant steigende Inflation führt dazu, dass sich viele NutzerInnen zweimal überlegen, welchen Streamingdienst sie sich leisten wollen. Und dann ist da auch noch eine andere Größe, die buchstäblich niemand „auf dem Schirm“ zu haben schien: Bildschirmzeit ist begrenzt, und Streamingdienste konkurrieren nicht nur mit dem Fernsehen, dem Kino oder Youtube. Sie müssen sich auch gegen Angebote wie TikTok durchsetzen. Bereits im November 2018 betrug die durchschnittliche tägliche Nutzungsdauer bei der besonders bei Jugendlichen beliebten Onlineplattform in Deutschland 39 Minuten pro Tag, aktuell nennt ein amerikanischer Börsendienst eine durchschnittliche Nutzungsdauer von 26 Stunden pro Monat. Es ist wohl nicht nur das Kino, das gerade in einer Krise steckt. Alle Medien sitzen im selben Boot, und das heißt Lebenszeit.


Hinweis

Die Beiträge des Kracauer-Blogs „Kinomuseum“ von Daniel Kothenschulte und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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