© Cannes 2022/Elastic Film/Menuet Prod./Pyramide Prod./Rufus/Wildside (aus „Le otto montagne“)

Cannes 2022: Zu wenig Strahlkraft

Montag, 23.05.2022

Cannes 2022: Das klassische Autorenkino gefällt sich in Traurigkeit

Diskussion

Die Stimmung beim Filmfestival in Cannes ist nach Medienberichten über die lauen Zuschauerzahlen in den französischen Kinos gedrückt. Die Filme sind bislang nicht die erhofften Aufheller, die auch größeres Publikumspotenzial haben. Dafür bieten „Frère et Soeur“ mit Melvil Poupaud und Marion Cotillard, „Corsage“ mit Vicky Krieps als Kaiserin Elisabeth von Österreich und insbesondere „Le otto montagne“ mit Luca Marinelli und Alessandro Borghi preiswürdiges Schauspielkino.


Im Vorjahr herrschte im Juli in Cannes vor allem in den französischen Medien eine gewisse Euphorie. Die Wettbewerbsfilme waren überdurchschnittlich gut und die Besucherzahlen wenige Wochen nach der „réouverture“, also der Wiedereröffnung der Kinos nach Monaten der Schließung durch den Covid-bedingten Lockdown, erfreulich. Nach fünf Tagen Festival ist die Stimmung in diesem Jahr gedrückter. In den französischen Medien sorgt man sich um die Zukunft des Kinos, weil im Jahr 2022 etwa ein Drittel weniger Besucher in die Kinos strömten als noch 2019, im letzten Jahr vor der Pandemie. Mit Sorge schreibt man über den Erfolg der Streamingdienste. 55 Prozent der Franzosen verfügen über ein Abo für einen Streamingdienst. Ein Drittel dieser Kunden schloss das Abo erst während der Kinoschließungen ab. Auch der Eröffnungsfilm „Coupez“ von Michel Hazanavicius hat beim Publikum nicht sonderlich gezündet. In den ersten zwei Tagen wollten ihn lediglich 22.000 Zuschauer sehen. Hazanavicius’ zuckersüßer Filmbonbon „Der verlorene Prinz und das Reich der Träume“ mit Omar Sy hatte dagegen an seinem Starttag im Februar 2020 noch über 100.000 Besucher erreicht.

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Überdramatisiert: Der neue Film von Arnaud Desplechin

Auch der erste französische Wettbewerbsfilm „Frère et soeur“ von Arnaud Desplechin, der zeitgleich zur Cannes-Premiere in den französischen Kinos startete, dürfte das Publikum eher kalt lassen. Sonntag früh saßen in einer Vorstellung in Nizza, bei der ich das Werk sah, weniger als 10 Zuschauer. Schon der Beginn ist düster, traurig und hysterisch. Bei der Trauerfeier anlässlich des Todes seines sechsjährigen Sohnes schmeißt der Vater Louis seine Schwester Alice mit ihrem Mann aus seiner Wohnung. Zwischen den beiden Geschwistern herrschte nicht nur seit über 10 Jahren Funkstille, sondern auch blanker Hass.

In „Frère et soeur“ wird eine Geschwisterbeziehung in düsteren Farben gezeichnet (© Cannes 2022/Arte France Cinéma/Why Not Prod./Shanna Besson)
In „Frère et soeur“ wird eine Geschwisterbeziehung in düsteren Farben gezeichnet (© Cannes 2022/Arte France Cinéma/Why Not Prod./Shanna Besson)

Autor und Regisseur Arnaud Desplechin mutet dem Zuschauer nach diesem Prolog und einem Zeitsprung von fünf Jahren sofort noch einen tragischen Autounfall zu. Die Eltern der verfeindeten Geschwister liegen schwer verletzt im Krankenhaus. Louis, der sich mit seiner Frau in die Berge zurückgezogen hat, kehrt widerwillig in seine Heimatstadt Lille zurück und besteht darauf, im Krankenhaus nie auf Alice zu treffen. Das sehr konstruierte Geschwisterdrama bleibt einzig und allein wegen Melvil Poupaud und Marion Cotillard interessant, die mit großer Verletzlichkeit und Wut Louis und Alice verkörpern. Ohne diese beiden könnte „Frère et soeur“ einfach unerträglich in seinem Hang zum depressiven und überdramatisierten Drama sein. Der Film ist eine Enttäuschung.


Glänzend: Luca Marinelli und Alessandro Borghi in „Le otto montagne“

Von seinen männlichen Schauspielstars Luca Marinelli und Alessandro Borghi in den Rollen der ungewöhnlichen Freunde Pietro und Bruno lebt auch „Le otto montagne“ („Der achte Berg“). Es ist der erste italienischsprachige Film des flämischen Regisseurs Felix van Groeningen, den er gemeinsam mit seiner Partnerin und Drehbuchautorin Charlotte Vandermeersch realisierte. Gedreht im klassischen 4:3-Format, setzt die Handlung in den 1980er-Jahren ein. Pietro ist ein 12-jähriger Stadtjunge aus Turin, der mit seinen Eltern im Sommer immer Ferien in einem abgelegenen Bergdorf macht. Bruno ist der letzte Junge des Dorfes, lebt bei seinem Onkel, weil sein Vater als Maurer in der Schweiz oder Österreich sein Geld verdient. Die beiden so ungleichen Jungs freunden sich an, ergänzen sich, und Pietros Eltern wollen Bruno sogar mit nach Turin nehmen, damit er dort auf eine ordentliche Schule gehen kann. Dazu kommt es jedoch nie, denn Brunos Vater sträubt sich dagegen, nimmt seinen Sohn mit auf seine Wanderschaft. Danach sehen sich die beiden Freunde nach Jahren als junge Männer einmal kurz in einer Bar und danach erst 15 Jahre später, wenn sie Anfang 30 sind, kurz nach dem Tod von Pietros Vater. Wie es Luca Marinelli und Alessandro Borghi gelingt, mit oft nur wenigen Dialogen ihre Figuren so lebensecht und überzeugend zu verkörpern, ist ganz wunderbares Schauspielkino. Beide hätten jetzt schon eine „Palme“ als Beste männliche Darsteller verdient.

Bruno soll aus einer Ruine, die Pietros Vater einst erwarb, ein Haus bauen. Das hat er versprochen, und dabei bleibt er. Pietro muss ihm dabei als ungelernter Geselle helfen. Vier Monate brauchen die beiden für das Haus, leben dabei nur in den Bergen, reden kaum und verstehen sich dennoch intuitiv. Gerade diese Einfachheit der Geschichte und der Inszenierung besticht und verzaubert die Zuschauer. Es war immer die Stärke von Felix van Groeningen, proletarische Männergeschichten zu erzählen. Diesmal stammen seine Helden aus unterschiedlichen sozialen Klassen, ergänzen sich dabei aber ideal. Der bodenstämmige Bruno liest in seiner Freizeit und hat einen Traum. Er will wieder als Bauer arbeiten, Kühe haben, Mich und Käse produzieren und in seinem Dorf bleiben. Pietro, den viel zielloseren, verschlägt es nach Nepal in den Himalaya. Dort avanciert er zu einem recht erfolgreichen Reiseschriftsteller. Im Sommer sehen sich die Freunde dann jahrelang immer wieder.

„Le otto montagne“ bildet eine Männerfreundschaft über Jahrzehnte ab (© Cannes 2022/Elastic Film/Menuet Prod./Pyramide Prod./Rufus/Wildside)
„Le otto montagne“ bildet eine Männerfreundschaft über Jahrzehnte ab (© Cannes 2022/Elastic Film/Menuet Prod./Pyramide Prod./Rufus/Wildside)

Im letzten Drittel wird es dann dramatisch – fast zu dramatisch. Auch diesmal vermögen es Felix van Groeningen und Charlotte Vandermeersch, die schon zusammen das Drehbuch zu „The Broken Circle“ schrieben, ein tieftrauriges Melodrama zu schaffen; nach dem so lebensbejahenden ersten Teil des Films wirkt die sich entwickelnde Tragik umso niederschmetternder.


Wo bleibt der Spaß???

Generell stellt man sich nach den ersten Tagen in Cannes die Frage, ob dieses düstere, schwere Autoren- und Arthauskino nicht ein wenig überholt wirkt, wenn man um die Zukunft des Kinos bangt. Große Publikumsfilme, die auch ein wenig Hoffnung geben oder Spaß machen, sind jedenfalls nicht zu sehen. Das trifft auch auf den österreichischen Beitrag „Corsage“ von Marie Kreutzer zu, der vom Verleih als erster „deutscher Sisi-Film“ gepriesen wird, der die Habsburger Kaiserin Elisabeth als „authentischen Menschen und Frau“ zeige, die nun endlich „nahbar und nachvollziehbar“ sei. Gepriesen wurde „Corsage“ dann auch vor allem von österreichischen und deutschen Medien, während die internationale Kritik zwar wohlwollend, aber nicht so euphorisch ausfiel.

Vicky Krieps verkörpert die Kaiserin als ständig kränkelnde und rastlose Frau, die mit 40 Jahren einfach nicht mehr nur repräsentieren möchte. Sie ist besessen von ihrer Taille, isst kaum und will einfach immer nur verreisen und reiten. Mit ihrer Tochter redet sie vornehmlich Ungarisch, ihrem Sohn ist sie zu flirty, wenn sie sich in England mit ihrem Reitlehrer sehr vertraut gibt. „Corsage“ ist überzeugend, wenn der Film die große Leere und Langeweile am königlich-kaiserlichen Hof einfängt, und Vicky Krieps ist eine Idealbesetzung, die auch sprachlich flüssig zwischen Hochdeutsch, Ungarisch, Englisch und Französisch agiert. Dennoch ist „Corsage“ wie viele Filme bisher mit etwa zwei Stunden überlang, und irgendwann hat man die Intention der Filmemacherin verstanden und sieht nicht mehr viel Neues.

Und so wartet man in Cannes bisher noch auf einen Film, der wettbewerbsübergreifend wirklich begeistert, dem Kino Hoffnung auf eine den Streamingdiensten trotzende Zeit macht und dabei durchaus auch kommerzielles Potential besitzt.

Vicky Krieps als Kaiserin Elisabeth jenseits von „Sisi-Klischees“ (© Komplizen Film)
Vicky Krieps als Kaiserin Elisabeth jenseits von „Sisi-Klischees“ (© Komplizen Film)

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