© imago/Everett Collection (Hazel Brooks in "Sleep My Love" von Douglas Sirk)

Der andere Douglas Sirk

Donnerstag, 25.08.2022

Eine Retrospektive beim Filmfestival in Locarno zeigte den berühmten Regisseur von bislang eher unbekannten Seiten

Diskussion

Mit Filmen wie „Was der Himmel erlaubt“ und „In den Wind geschrieben“ hat sich Douglas Sirk als der großer Melodramatiker in der Filmgeschichte verewigt. Die Retrospektive beim Filmfestival in Locarno 2022 zeigte jedoch unbekanntere Werke des Regisseurs und deckte seine stilistische Finesse auch in anderen Genres auf. Eine Passage durch ein vielseitiges Werk.


Zwei Männer bewerben sich im Büro einer Firma um die Stelle als Buchhalter. Durch einen Zufall halten sie sich gegenseitig für den Chef. Das Einstellungsgespräch bringt keine Aufklärung, im Gegenteil: Die beiden Männer schließen einen Geschäftsvertrag mit irrwitzigem Startkapital. Mit dem Vertrag in der Hinterhand luchsen sie anderen Industriellen weiteres Geld ab. Als sich der Schwindel endlich aufklärt, haben sie so viel Kapital, dass sie die Firma, bei der sie sich eigentlich bewerben wollten, kaufen können.

„Zwei Genies“ heißt dieser 29-minütige Kurzfilm, mit dem Douglas Sirk noch unter seinem ursprünglichen Namen Detlef Sierck 1934 bei der UFA sein Filmdebüt gab; wegen seiner angeblichen Unmoral wurde der Film prompt verboten, im März 1935 aber unter dem Titel „Zwei Windhunde“ und um drei Minuten gekürzt wieder freigegeben. Eine freche, selten gezeigte Burleske voller Missverständnisse und Streiche, die den späteren Melodramatiker schon früh als versierten Komiker auszeichnete.


Mehr als ein Melodramatiker

„Ich habe sechs Filme von Douglas Sirk gesehen. Es waren die schönsten der Welt dabei.“ Mit dieser Hymne von Rainer Werner Fassbinder, die 1971 in der Zeitschrift „Fernsehen und Film“ erschienen, wurde in Deutschland die Aufmerksamkeit schlagartig auf einen Regisseur gelenkt, der zuvor ein wenig in Vergessenheit geraten war, obwohl er vor dem Krieg Zarah-Leander-Klassiker wie „Zu neuen Ufern“ und „La Habanera“ (beide 1937) gedreht hatte. Fassbinders sechs Filme waren „Was der Himmel erlaubt“ (1955), „In den Wind geschrieben“ (1955), „Der letzte Akkord“ (1956), „Duellin den Wolken“ (1957), „Zeit zu lieben und Zeit zu sterben“ (1957) und „Solange es Menschen gibt“ (1958), allesamt Melodramen, die Fassbinder überwältigten.

Das Filmdebüt von Detlef Siereck: der Kurzfilm "Zwei Genies" (Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung)(19
Das Filmdebüt von Detlef Siereck: der Kurzfilm "Zwei Genies" (© Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung)(19

Hierin liegt eine kleine Crux verborgen: Fassbinder hat Sirk für viele Cineasten entdeckt. Und gleichzeitig die Sicht auf ihn verengt. Fortan wurde Sirk ausschließlich als Melodramatiker rezipiert, auf einer Stufe mit John M. Stahl, Frank Borzage und Vincente Minnelli. Die schöne Erkenntnis der 2022er-Retrospektive in Locarno aber besteht darin, dass Sirk auch andere Genres beherrschte: Er drehte Western („Taza, der Sohn von Cochise“, 1953) und Film-noir-Krimis („Schlingen der Angst“, 1947), Komödien („No Room for the Groom“, 1952) und Musicals („Meet Me at the Fair“, 1952). Locarno bot damit die Gelegenheit, einen zwar nicht neuen, aber doch etwas anderen Douglas Sirk kennenzulernen.

Zum Beispiel „Boefje“ (1939), den Sirk kurz vor seiner Abreise in die USA drehte, nachdem Goebbels bereits 1937 Druck auf ihn ausgeübt hatte, das er mit einer jüdischen Frau verheiratet war. Dervon einem niederländischen Kinderbuchklassiker inspirierte Film erzählt die Geschichte des 16-jährigen Titelhelden, der mit seinem Freund Pietje Puck am Hafen von Rotterdam rumlungert und von Amerika träumt. Was wohl die Überfahrt kostet? Zusammen mit seinen Eltern und drei kleinen Geschwistern wohnt er auf beengtem Raum in einer heruntergekommenen Wohnung. Mit Gelegenheitsdiebstählen hält er sich über Wasser; hier ein Eimer mit Fischen, dort eine Luftpumpe. Ein wohlwollender Priester nimmt Boefje unter seine Fittiche, doch im Erziehungsheim fühlt sich der Junge gar nicht wohl: „Ich will hier raus!“ Als er in das Haus des Priesters einbricht, aber eine Unschuldige dafür verhaftet wird, stellt er sich der Polizei.

Boefje wird von Annie van Ees dargestellt, diese die Rolle auch schon in der Bühnenversion übernommen hatte. Eine Hosenrolle also – das gibt Boefje etwas seltsam Androgynes, was die Härte des Realismus immer wieder auffängt. „Ich habe den Film in Holland gedreht. Geschnitten wurde er aber, nachdem ich ausgereist war. Die endgültige Fassung habe ich nie gesehen, denn meine Frau und ich verließen Holland am letzten Drehtag, mit dem letzten Schiff, mit dem man aus Holland rauskam, der Staatendam“, so Douglas Sirk im Gespräch mit Jon Halliday.


Erste Arbeiten in Hollywood

Sirks erster Film in Hollywood ist dann 1943 „Hitler’s Madmen“. Er erzählt, ähnlich wie Fritz Lang in „Auch Henker sterben“, die Geschichte der Ermordung von Reinhard Heydrich (dargestellt von John Carradine) und des anschließenden Massakers von Lidice. „Der Film beeindruckt trotz seiner dokumentarischen Haltung als ein Melodram, das in jeder Hinsicht Sirks europäischer Handschrift entspricht: Selbst die berühmten Spiegel-Einstellungen setzt er hier ein. So zeigt er Heydrichs Tod im Spiegel, um dem Zuschauer die Chance zur Reflektion zu geben“, so Rainer Rother.

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Linda Darnell und Edward Everett Horton in "Sommerstürme" (© imago/Everett Collection)

Ein Jahr später folgt mit „Sommerstürme“ (1944) die Adaption der Tschechow-Novelle „Eine Jagdpartie“, die Sirk bereits für die UFA realisieren wollte. Linda Darnell ist als einfaches, sinnliches Bauermädchen Olga zu sehen, das George Sanders als Fedor Petroff den Kopf verdreht. Doch Olga liebt ihn nicht. Stattdessen flirtet sie mit anderen Männern, will einen von ihnen sogar heiraten. Das führt zu einer Gewalttat, die von der Rahmenhandlung zu Beginn – Fedor liest als angesehener Richter dem Zuschauer im Voice-over die Geschichte aus seinem Tagebuch vor – angedeutet wird. Das Ende ist also vorbestimmt, das Schicksal legt sich wie Tau über die Erzählung. Dabei ist sich Fedor stets bewusst, dass die dekadente Aristokratie, der er angehört, bald untergehen wird; die russische Revolution kündigt sich an.

Typisch für Sirks Stil sind Spiegel und Statuen, die als emblematische Zeichen die Szenerie in die Tiefe staffeln. Linda Darnell ist als Femme fatale mit ihrer Mischung aus Naivität und Berechnung, Schönheit und Verführbarkeit eine Wucht. „Das Bauernmädchen als lockende Göttin der Begierde“ (Hans Schifferle), womit sie ihre Rolle in „Fallen Angel“ (1945) von Otto Preminger vorwegnimmt.

Spaß macht auch „Ein eleganter Gauner“ (1946) über den Aufstieg von Eugène Francois Vidocq vom schlitzohrigen Ganoven bis zum gefürchteten Direktor der französischen Sureté. Eugen Schüfftan war der Kameramann, Hanns Eisler trug zum Soundtrack bei. In der Hauptrolle überragt George Sanders – clever, zynisch, schillernd, arrogant und selbstsicher. So entstand ein pikaresker, zutiefst ironischer Film, der zu seiner Entstehungszeit von den Kritikern aber nicht geschätzt wurde. Trotzdem zählt Sirk ihn im Gespräch mit Jon Halliday zu seinen besten Werken.


Schein und Sein

Leicht französisch” (1948) ist Sirks erster Film für Columbia. Don Ameche spielt darin den arroganten Regisseur John Gayle, der seine Hauptdarstellerin in einem Musical so sehr mit seinem Perfektionismus nervt, dass sie wütend das Studio verlässt. Gayle wird entlassen. Um sich zu rehabilitieren, sucht er eine neue Hauptdarstellerin – und trifft auf dem Jahrmarkt in Coney Island auf Mary O’Leary alias Dorothy Lamour, die als Revuetänzerin der Folies Bergère in einem Theater auftritt. Eigentlich kommt sie aus der Bowery in Manhattan. Doch der französische Akzent, auf den im Filmtitel angespielt wird, steht ihr gut. Bis sie einmal so verärgert über den Regisseur ist, dass sie den Akzent vergisst und der Schwindel auffliegt. Bis zum Happy End – natürlich sind der Regisseur und sein neuer Star ineinander verliebt, ohne es zu merken (oder zuzugeben) – dauert es dann noch ein wenig. Doch bis dahin hat man sich mit leichtem Humor, einigen Liedern und fröhlichen Can-Can-Nummer angenehm unterhalten. „Selbst in der Komödie wird Sirks Thema von Sein und Schein offenbar. In ,Slightly French’ verwischen sich die Grenzen von Spiel und Wirklichkeit, so an der Stelle, wo Gayle mit Mary eine Liebesszene probt.“ (Elisabeth Läufer)

"Leicht französisch" mit Don Ameche und Dorothy Lamour (imago/Everett Collection)
"Leicht französisch" mit Don Ameche und Dorothy Lamour (© imago/Everett Collection)

Ganz anders „Beichte eines Arztes – Die erste Legion“ (1950), der in einem Jesuitenkloster in Kalifornien spielt. Ausgerechnet in dem Moment, als ein junger Priester seinen Glauben verliert und das Kloster verlassen will, ereignet sich ein Wunder: Der gelähmte Pater Sierra erhebt sich von seinem Totenbett und kann wieder laufen. In der Hauptrolle ist Charles Boyer als Pater Arnoux zu sehen, der – früher einmal ein Strafverteidiger – dem Wunder skeptisch gegenübersteht, zumal das Kloster über Nacht zum begehrten Wallfahrtsort wird.

Schließlich erfährt er, dass ein Arzt im Ort dem berühmten Wunder mit medizinischen Mitteln nachgeholfen hat. „Religion betrifft das Unbekannte, das dem Menschen innewohnt“, sagte Sirk über den Film und verbindet so das Melodram mit dem Glauben. Der Film endet mit einem erneuten Wunder – Barbara Rush als gelähmte Freundin des Arztes kann wieder laufen –, doch es erscheint so ominös und aufgesetzt, dass es keine befreiende Wirkung entfaltet. Es bleibt ein Effekt, den man kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt.


Ein wahnwitziger Showdown

„Mystery Submarine“ (1950) ist der erste Film, den Sirk für Universal drehte, jenem Studio, bei dem zwischen 1953 und 1958 seine großen Meisterwerke entstanden. Der Film erzählt die Geschichte eines deutschen U-Bootes, das eigentlich als verschollen gilt. Hier begegnen sich, nicht ganz freiwillig, Madeline Brenner, eine junge Deutsche, und der deutsche Atomwissenschaftler Dr. Adolph Guernitz. Der U-Boot-Kommandant hat sie beide entführen lassen, um für den Wissenschaftler im Auftrag eines ungenannten Staates ein erkleckliches Lösegeld zu erpressen. Ein US-Geheimagent schleicht sich als Marinearzt im U-Boot ein und verhindert Schlimmeres.

Erzählt wird das als Rückblende, weil Madeline (Marta Toren) sich gegen den Verdacht wehren muss, eine Spionin zu sein. Eine ziemliche Räuberpistole, die allerdings mit einem wahnwitzigen Showdown aufwartet. Drei Marine-Zerstörer lassen ihre Fassbomben ins Meer rollen, um das U-Boot von oben zu treffen. Da spritzt das Wasser, türmt sich zu riesigen Wänden auf, um dann krachend zusammenzufallen, wieder und wieder. Hinweise auf Dokumentar- oder Archivaufnahmen gibt es nicht. Man muss annehmen, dass die Szene aufwändig für den Film konstruiert wurde. Michael Bay hätte bestimmt seinen Spaß an diesem Finale.


Ein großer Stilist

Diese Filme, schnell und kostengünstig gedreht, weisen Sirk schon in seiner frühen Hollywood-Zeit als großen Stilisten aus, der anderen Regisseuren wie Fred Zinnemann, Elia Kazan oder Robert Wise durchaus ebenbürtig war. Sirk dachte stets über Lichtsetzung, Kamerabewegungen, Bildkomposition, Produktionsdesign und Kostüme nach. Es gibt keine hässlichen oder abstoßenden Einstellungen in seinen Filmen; das macht seine Werke in dieser Zeit so besonders. Dabei interessiert ihn – darauf hat Bernard Eisenschitz, der Kurator der Retrospektive, verwiesen – besonders die Wandelbarkeit der Gefühle seiner Figuren.

Das Töchterchen redet ein Wort mit: "Spielschulden" (Park Circus/Universal)
Das Töchterchen redet ein Wort mit: "Spielschulden" (© Park Circus/Universal)

In „Spielschulden“ (1951) ist erneut Linda Darnell zu sehen, und zwar als schöne Schullehrerin, die soeben zur „Professorin des Jahres“ gekürt wurde und darum auf dem Cover eines großen Magazins prangt. Grund genug, sich in Reno zu betrinken und ihr Glück in einem Casino zu versuchen. Allerdings hat sie sich Illusionen über den Wert der Chips gemacht. Die Folge sind 7.000 Dollar Spielschulden, die sie nicht begleichen kann. Darum zwingt sie der Casino-Besitzer (Stephen McNally), seiner Tochter mehrere Wochen lang Nachhilfe zu erteilen. Kein guter Ausgangspunkt für eine Liebesgeschichte, doch weil die Tochter auch ein Wörtchen mitredet, kommt es zum unvermeidlichen Happy End. „Spielschulden“ ist Sirks erste Universal-Komödie, angesiedelt in einer Kleinstadt und somit Schablone für jene Kleinstadtgeschichten, die er fortan erzählt.


Hintergründige Sozialkritik

Auch „No Room for the Groom“ (1952) ist ein Lustspiel. Tony Curtis heiratet als GI heimlich in Las Vegas die schöne Piper Laurie, bevor es am nächsten Tag nach Korea geht. Doch die Hochzeitsnacht muss ausfallen – Tony Curtis kriegt die Masern, und als er nach zehn Monaten aus dem Krieg heimkehrt, haben die Verwandten seiner geldgierigen Schwiegermutter sein großzügig geschnittenes Haus bis aufs letzte Zimmer besetzt. Es wird also wieder nichts mit dem Sex, und weil darüber hinaus das Grundstück für die Eisenbahnschienen eines Industriellen verscherbelt werden soll, ahnt man, dass sich Curtis bald emanzipieren muss, wenn er nicht als der große Verlierer dastehen will.

Tony Curtis und Pa Laurie in "No room for the groom" (imago/Everett Collection)
Tony Curtis (l.) und Piper Laurie in "No room for the groom" (© imago/Everett Collection)

Sirk nutzt hier die Möglichkeiten des Slapsticks nur verhalten; die vielen Verwandten hätten für sehr viel mehr Trubel und Gags sorgen können. Durch die Nebenhandlung des unkontrollierten Fortschritts, der die ganze Stadt zum Nachteil verändern wird, schleicht sich aber auch Sozialkritik in den Film.

„Meet Me at the Fair“ (1953) ist, nach „Leicht französisch“, ein weiteres Musical. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts reißt ein Junge aus einem Waisenhaus aus und freundet sich unterwegs mit dem reisenden Jahrmarktunterhalter Tilbee an, der eine sogenannte Medicine Show betreibt, und seinem schwarzen Helfer. Das bringt Tilbee prompt den Vorwurf ein, den Jungen entführt zu haben. Ein korrupter Anwalt, der das Waisenhaus um 75.000 Dollar Zuschuss betrügen will, und eine strenge, aber schöne Sozialarbeiterin sorgen für zusätzliche Komplikationen.

Wie in seinen späteren Melodramen versteckt Sirk auch in „Meet Me at the Fair“ fast unmerklich Sozialkritik, die unhaltbare Zustände benennt und sich über spießige Kleinstadtmoral mokiert. Noch schöner ist, neben den gelungenen Tanznummern, die Idee, Tilbee als begnadeten Geschichtenerzähler zu präsentieren, der bei jedem weltbewegenden Ereignis in den USA dabei gewesen sein will, sogar bei der Schlacht am Little Big Horn: „I Was There“.

Ein Jahr später inszenierte Douglas Sirk dann mit „All meine Sehnsucht“ und „Die wunderbare Macht“ die ersten beiden seiner großen Melodramen, für die er berühmt wurde. Doch das ist eine andere Geschichte.


Hinweis

Zur Retrospektive ist ein reich bebildertes Buch in französischer Sprache erschienen: „Douglas Sirk, né Detlef Sierck“. Von Bernard Eisenschitz. Montreuil 2022, 416 S., 35 EUR. Bezug: hier

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