© MFA+ (Charlotte Gainsbourg in "Antichrist")

Vom Garten Eden nach Armageddon

Sonntag, 10.09.2023 11:04

Eine theologische Filmlektüre von „Antichrist“ als Waldspaziergang mit Lars von Trier

Diskussion

Wenige Filme des frühen 21. Jahrhunderts haben die Auseinandersetzung um eine grundlegende Deutung der Welt so stimuliert wie Lars von Triers „Antichrist“. Die Leidensgeschichte eines Mannes und einer Frau, die mit dem Tod ihres kleinen Sohnes ringen, ist so radikal wie raffiniert verschlüsselt. Eine theologische Lektüre rückt den Film entlang der Begriffe „Antichrist“, „Garten Eden“ und „Armageddon“ in ein überraschend neues Licht.


Vor 15 Jahren entstand im Sauerland ein Film, in dem der heute sterbende deutsche Wald so etwas wie eine Hauptrolle spielt, Pornodarsteller als Body-Doubles von Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe zum Einsatz kamen, und der einen Titel trägt, der kryptischer (und theologischer) kaum gedacht werden kann: Antichrist“ (2009) von Lars von Trier. Der für seine tiefgründigen und ästhetisch innovativen Reflexionen über Gnade, Heiligkeit, Weltuntergang und sexuelle Obsessionen bekannte dänische Regisseur präsentierte darin die „ultimative Kulmination“ (Jan Simons) seines bedeutsamen Gesamtwerkes.

Der Film greift zahlreiche zentrale Motive und dramaturgische Konstellationen seiner früheren Filme auf und setzt sie miteinander in Verbindung. So findet sich etwa die Paarkonstellation als Ausgangspunkt für einen Konflikt auch in „Europa“ und „Breaking the Waves“. Das Motiv des Gynozids ist schon in Filmen wie „Idioten“, „Dancer in the Dark“ oder „The Element of Crime“ sowie in dem brutalen Horrorfilm „The House that Jack built“ präsent und zieht sich als roter Faden durch alle Filme von Lars von Trier. Auch das Dilemma „Strafen oder Sterben“ ist bei ihm ein Konflikt, der in abgewandelter Form auch in anderen Filmen eine grundlegende Rolle spielt, etwa in „Dogville“. „Antichrist“ ist also kein Bruch, sondern die konsequente Fortsetzung von früheren Filmen sowie die Ankündigung der nachfolgenden Werke des inzwischen schwer an Parkinson erkrankten Regisseurs.


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Beim Filmfestival in Cannes löste die Premiere von „Antichrist“ 2009 heftige Diskussionen aus, insbesondere über die Frage nach der Frauenfeindlichkeit des Regisseurs. Eine andere, vielleicht noch profundere Kritik glaubt, dass Lars von Trier nichts mehr zu sagen habe und deshalb krude Bilder der Verstümmelung des Selbst und des Anderen loslassen müsse oder dass er seine Depression mit Hilfe dieses Films zu therapieren versuche. Gleichwohl ist zu vermerken, dass Charlotte Gainsbourg in Cannes für „Antichrist“ als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, während die Ökumenische Jury dem Film erstmals in ihrer Geschichte einen „Anti-Preis“ verlieh, was ihr wiederum Zensur-Vorwürfe eintrug.



Monate später gewann der Film den Europäischen Filmpreis für die beste Kamera. Im Herbst 2009 wurde „Antichrist“ mit dem Filmpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet und die Dänische Filmakademie kürte ihn zum besten dänischen Film des Jahres; sie zeichnete außerdem Regie und Drehbuch, die Kameraführung von Anthony Dod Mantle, sowie Spezialeffekte/Beleuchtung, Schnitt und Ton aus. Ein bedeutendes Werk des religiösen Films also, mit starken zeitdiagnostischen Elementen, das gerade in seiner Opakheit und seiner metaphysisch-symbolistischen Offenheit nach religionswissenschaftlicher Deutung ruft.


Ein Drama in vier Kapiteln

„Antichrist“ ist in vier Kapitel eingeteilt, „Trauer“, „Schmerz“, „Verzweiflung“ und „Die Drei Bettler“; der Film wird aber auch von einem Prolog und einen Epilog gerahmt. Der Plot handelt von einem namenlosen Ehepaar, das seinen kleinen Sohn verliert, weil dieser aus dem Fenster fällt, während seine Eltern Sex miteinander haben. Der Mann, ein Psychotherapeut, begibt sich mit seiner Frau und dem Ziel, sie von ihrer exzessiven Trauer und ihren Schuldvorwürfen zu heilen, in eine einsam gelegene Waldhütte namens „Eden“. Der Ort hat eine Vorgeschichte im Leben des Paares und im Verhältnis zwischen Mutter und Sohn und gipfelt in einer apokalyptischen Situation, einem Beziehungs-Armageddon. Es kommt zu gegenseitigen Gewalttaten des Paares inklusive Genitalverstümmelung, bis der Mann die Frau in Notwehr tötet.

Hineinverwoben in diese verstörende, an vielen Stellen mit Horroreffekten unterlegte Handlung sind auf mehreren Ebenen das Motiv der Frau als Hexe, aber auch als perfider Kinderquälerin sowie das Verhältnis zwischen Frau und Natur, das in Lars von Triers Perspektive vor allem von Tod, Bedrohung und Vergänglichkeit geprägt ist.

Nachdem von Trier lange Jahre formal den Nimbus des „Dogma 95“-Puristen aufrechterhalten hatte, beginnt „Antichrist“ mit einer Super-Zeitlupe, die auch den ausgesprochen körperlich und pornografisch inszenierten Sexualakt der Eltern umfasst. In Schwarz-Weiß erfährt diese Szene durch ihre dezidierte Künstlichkeit eine große Eindringlichkeit, eine geradezu metaphysische Aufladung. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass außer der Arie „Lascia ch’io pianga“ aus der Oper „Rinaldo“ von Georg Friedrich Händel, die überdies im Epilog erklingt, kein anderer Ton zu hören ist. Die dramatische Eingangsszene bleibt also stumm; auch während des restlichen Films wird keine Musik eingesetzt; stattdessen dominieren die Geräusche des Waldes wie Blätterrauschen oder Vogelgeschrei. Darüber hinaus sind Töne aus dem Inneren des menschlichen Körpers zu hören.



Der Film ist dem russischen Filmemacher Andrej Tarkowski und dessen metaphysischem Slow Cinema gewidmet. Als Vorbereitung auf die Dreharbeiten wurde den beiden Hauptdarstellern Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe Tarkowskis Drama „Der Spiegel“ (1975) gezeigt, den Lars von Trier angeblich mehr als dreißig Mal gesehen hat. Darin spielt der Wald – wie auch in Tarkowskis „Opfer“ – eine besondere Rolle. Während in „Der Spiegel“ der Wald für die schöne Kindheit des Regisseurs steht, erinnert in „Antichrist“ die Hütte an „Der Spiegel“ oder „Opfer“. Auch mit seinen stark subjektiven Bildern lehnt sich „Antichrist“ an das Werk von Tarkowski an. Zudem verweist er auf das Inferno in Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“, worin der Protagonist ebenfalls durch einen finsteren Wald irrt. Ein weiterer Bezugspunkt sind die Beziehungsdramen von Ingmar Bergman, vor allem „Szenen einer Ehe“, vielleicht auch „Fanny und Alexander“.

Während zunächst die Figur der Frau und ihre Trauer im Zentrum steht, gerät mit dem Wechsel des Films in den Wald die Natur in den Blickpunkt. Die feindselige, unwirkliche Seite der Natur wird besonders betont und mit dem Schicksal des Paars in Verbindung gesetzt, etwa durch die Totgeburt eines Rehs oder durch ein Vogelküken, das aus dem Nest fällt und vom elterlichen Vogel gefressen wird. Die nachts auf die Hütte prasselnden Eicheln und die Worte eines Fuchses – „Chaos regiert!“ – verstärken diesen Eindruck. Die Frau fasst dies zusammen: „Die Natur ist Satans Kirche.“


Zentrale Themen in „Antichrist“

Traditionell ist der Wald Ort deutscher Heimat-Ideologie wie auch des Unheils. Man kann an Grimms Märchen denken, vor allem an „Schneewittchen“ und „Rotkäppchen“, und genau diese Seite betont Lars von Trier. Im Wald begegnet man dem Unheimlichen, dort ist das Leben und die Existenz bedroht. Der Wald ist der Ort, an dem Natur ganz zu sich kommt. Er bildet das Gegenteil zur Kulturleistung des Menschen und der Zivilisation, die sich dem Wald gegenüber durch Rodung oder das Anlegen eines Wegesystems, also durch die Ökonomisierung des Waldes zur Holzproduktion, behauptet.

Man kann „Antichrist“ als Bearbeitung des Verhältnisses oder gar als Kampf zwischen der von dem rationalen Therapeuten verkörperten Kultur und der an der eigenen Rationalisierung gescheiterten Mutter als Verkörperung der Natur verstehen.



Zugleich aber erscheint die fast promovierte Historikerin auch als von der Natur verschrecktes Kulturwesen; die Natur um die Hütte erweckt auch in ihr zunächst Angstzustände. Sie fürchtet das Berühren des Grases; nachts prasseln unaufhörlich Eicheln aufs Hüttendach. Von Beginn an wird auch der Mann von der Natur angegriffen: Am Morgen sitzen blutsaugende Zecken auf seiner Hand. Ganz zu schweigen von den mit großem Aufwand inszenierten drei Bettlern in Tiergestalt. Man begegnet ihnen als einem Reh, das eine Totgeburt hinter sich herschleift, und einem Fuchs, der seine eigenen Gedärme frisst, sowie einer untoten krächzenden Krähe, die den Mann in Lebensgefahr bringt.

Lars von Trier wurde von Schauspielerinnen aus früheren Filmen als unmenschlicher und brutaler Regisseur kritisiert. Umso mehr hätte man das in seinem – zumindest was die Explizitheit der Darstellungen angeht – brutalsten Film befürchtet. Doch das Gegenteil ist der Fall; Charlotte Gainsbourg hat jüngst sogar noch einmal die Bedeutung von „Antichrist“ für ihr schauspielerisches Œuvre hervorgehoben und überdies in weiteren herausfordernden von-Trier-Filmen wie „Melancholia“ und „Nymphomaniac“ mitgewirkt. Willem Dafoe meldete sich bei Lars von Trier persönlich und merkte nach Abschluss der Dreharbeiten an: „Ich glaube, das Dunkle, das Unausgesprochene ist für einen Schauspieler vielversprechender. Es ist das, worüber wir nicht sprechen. Wenn man also die Gelegenheit hat, sich dem in einer spielerisch-kreativen Art und Weise zu nähern, dann reizt mich das.“

Mein spezifischer Zugang zum Film hängt an drei theologischen Begriffen: Antichrist, Garten Eden und Armageddon, die eine säkulare Filmkritik vielleicht nicht mit Lars von Trier in Verbindung bringen würde. Sie sollen im Folgenden als horizonterschließende Interpretamente für diesen sperrigen Film durchbuchstabiert werden.


Antichrist

Der „Antichrist“ (deutsch auch: Widerchrist, Endchrist) ist eine Figur der Endzeit, der Apokalypse, die als Gegenspieler und Gegenmacht zum guten Erlöser und Weltherrscher Jesus Christus vor dessen Wiederkunft erwartet wird. Der Begriff stammt aus dem Neuen Testament, wird dort vor allem in den Johannesbriefen benutzt und bezeichnet einen Menschen, der „gegen den [von Gott] Gesalbten“ auftritt und falsche Lehren über ihn verbreitet. In den Johannesbriefen steht er nicht für eine bestimmte Person, sondern bezeichnet gewisse Gegner des Christentums. Der Begriff wurde in der Kirchengeschichte auf viele verschiedene Personen und Mächte bezogen und ausgedeutet. Auch die neuzeitliche europäische Kulturphilosophie und Literatur haben sich mit ihm befasst. Was bedeutet dieser Filmtitel bei Lars von Trier? Die Theologin Theresia Heimerl verweist auf ein Zitat der von Charlotte Gainsbourg gespielten Frau: „Wenn die menschliche Natur böse ist, dann gilt das auch für … für die Natur von … von den Frauen? Der weiblichen Natur? Der Natur von allen Schwestern?“

Die These, dass Frau und Natur wesentlich böse seien und also Gegenmächte zu Mann, Kultur und Christus, könnte genauso aus dem berüchtigten „Hexenhammer“, dem Handbuch der europäischen Hexenverfolgungen, stammen. Ein Buch, das oft als Vulgärform der Hochscholastik begriffen wird, obwohl die Wurzeln christlicher Misogynie viel älter sind und bis zu Aristoteles zurückreichen. In ihrem Buch „Frau und Natur“ hat die Kulturwissenschaftlerin Susan Griffin dazu Erhellendes zusammengetragen: „Wie der Mann die Frau und die Natur betrachtet und sie sich zunutze macht.“



Ob Lars von Trier „den Zuschauern und Zuschauerinnen vor allem am Ende des Films die Protagonistin als von Grund auf böse Frau förmlich aufdrängt“, ist dennoch fraglich. Theresia Heimerl stellt immerhin fest, dass die „Frau“ von Beginn an nicht den Stereotypen einer Femme fatale entspricht, dem klassischen Topos der bösen Frau in cineastischer Tradition: „Vielmehr begegnen wir in der ersten Szene einer sprachlosen, auf ihren nackten, begehrenden Körper fokussierten, um nicht zu sagen: ‚reduzierten‘ Frau. Diese Betonung des bloßen Körpers in seiner unvermittelten Fleischlichkeit und Geschlechtlichkeit verunmöglicht bereits zu Anfang jenen Eindruck, der gerade die Femme fatale auszeichnet, nämlich eine Aura von Macht und Souveränität, in welcher das Ablegen der Kleider ein bewusster Akt der Verführung ist und selbst der Geschlechtsakt (wo er gezeigt wird) eine Inszenierung ist, in welcher die Regie bei der Frau liegt.“

Dieses Bild der körper- und emotionsgeleiteten Weiblichkeit wird in „Antichrist“ konstant verstärkt, allerdings mit einer Zäsur, welche die Wende von der guten zur bösen Frau markiert. Bis dahin begegnet man einer durch den Tod ihres Kindes psychisch gebrochenen, hochgradig labilen Frau, deren zeitweise aufblitzende Aggressionen als hilflose Akte der Trauer und Irrationalität von männlicher Souveränität und Vernunft gedeutet werden. Lars von Trier inszeniert ein ironisch gebrochenes, aristotelisch-bürgerliches GeschlechterrollenTableau und damit das Gegenbild zur bösen Frau.

Alles sieht also zunächst nach einer Fortsetzung seiner opfertheologischen Filme der „Golden-Heart-Tetralogie“ aus. Eine machtlose, von männlicher Vernunft abhängige Frau, die unfähig ist, ihr Leben strategisch zu planen, die ihre Ambitionen zur höheren Bildung längst zurückgestellt hat, eine Mutter mit tiefer Kindesliebe und Angst vor den destruktiven Seiten der Natur, wird hier von Charlotte Gainsbourg verkörpert. Allein ihr suchtartiger Umgang mit Sexualität (den Lars von Trier in „Nymphomaniac“ dann ganz in den Mittelpunkt stellt) will nicht so recht in das Bild passen.

Die Wende im Bild dieser Frau beginnt mit der Entdeckung der Notizen zu ihrer unvollendeten Dissertation über frühneuzeitliche Hexenprozesse durch den Mann. In der Folge begegnet man einer Frau, die aktiv zu handeln beginnt und sich nun in vielem als das herausstellt, was man eine „böse Frau“ nennen kann: mit einer aktiven, fordernden, aggressiven Sexualität, einem radikalen und in letzter Konsequenz destruktiven Umgang mit dem eigenen Körper, Gewalt gegenüber dem eigenen Kind, einer ambivalenten Beziehung zur Natur und einer Nähe zu deren tödlichen Aspekten sowie einem aggressiven Verhalten gegenüber dem Mann. Hinzu kommt das Wissen der Zuschauer um ihre Bildung.



Was fehlt, ist die Betonung der ästhetischen Dimension, nämlich der „bösen Frauen“ in vielen Fällen zugeschriebenen Eitelkeit. Das erscheint durchaus konsequent, wenn man die Frau hier als radikale Zuspitzung des Typus der „bösen Frau“ und gerade dadurch als durchaus zynische Offenlegung der inneren Logik dieses Stereotyps versteht, als postmodernen Kommentar: Der Zauberspiegel aus „Schneewittchen“, dem die ängstliche Frage nach der eigenen Schönheit und dem Kurswert fremden Begehrens gilt, ist kein magisches Objekt mehr. Vielmehr ist der als Therapeut zusätzlich mit Macht ausgestattete Ehemann alleiniger Bezugspunkt für die Bewertung des weiblichen Selbst geworden. Nicht mehr wie im Film noir die junge Konkurrentin oder der Mann einer anderen sind Objekt des Begehrens und Hasses, sondern der eigene Mann und Vater des verstorbenen Kindes. Die sogenannte Kernfamilie, die in vielen Filmen der 1980er- und 1990er-Jahre noch als bedrohter Hort des Guten inszeniert wurde, wird hier zum bevorzugten Ort des weiblichen Bösen.

In diesem Nukleus spätbürgerlicher Idylle gibt es keine Stieftochter mehr wie im Märchen, sondern nur mehr ein eigenes Kind, demgegenüber jedwede Grausamkeit eigentlich eine Denkunmöglichkeit ist. Der exzessive Gewaltakt und die Tötung der Frau durch den Mann wird schließlich als notwendige Rache für den Tod des Kindes erlebbar gemacht. Nicht wenige Zuschauer werden zumindest innerlich gemurmelt haben, was das Publikum des Film noirs „Verhängnisvolle Affäre“ laut gerufen haben soll: „Kill the bitch.“


Garten Eden

Der zweite Begriff ist der Name der Hütte im Wald, „Eden“. „Gan Eden“ bedeutet in der hebräischen Bibel „Garten der Wonne“ oder geläufiger: „das Paradies“. Jener Ort also, in dem im Film die exzessiv thematisierte Heilung stattfinden soll, traditionell ein Garten der Lüste, des Heils und der ewigen Freuden. In der Kunstgeschichte unendlich oft dargestellt, im Schlaraffenland und in neuzeitlich-modernen Utopien säkularisiert und idealisiert. Ein Sehnsuchtsort aller eurasischen religiösen Kulturen. Vom Regisseur wird diese Tradition benannt und vom ersten Moment an dekonstruiert. Der Film zeigt einen Wald, an dem für das Paar vielleicht gute Erinnerungen hängen, deshalb flieht es dorthin. Von Beginn an hält der Film aber vor allem Bilder der existentiellen Bedrohung und des Unheimlichen bereit, die sich schließlich zu einem apokalyptischen Furor steigern. Manche haben von Trier eine Ironisierung unterstellt. Mir scheint seine Auseinandersetzung mit dem Garten Eden aber existentieller. Wie später in „Melancholia“ zeichnet er ein Gegenbild zur christlichen Heilsgeschichte, die gut beginnt und gut endet. „Antichrist“ hingegen endet nicht gut für das Paar und die Frau; nur der Mann humpelt am Ende von einer schweren Verletzung gezeichnet ins Tal. „Antichrist“ ist vor allem eine apokalyptische Unheilsgeschichte. Heil ist bestenfalls im Prolog zu finden, der doch zugleich auch den Beginn allen Übels darstellt.



Doch von Trier thematisiert mit dem Wald noch ein anderes Menschheitsthema: Natur im Gegensatz zu Zivilisation und Kultur; das ist nicht nur eine zum Gemeinplatz gewordene geschlechterstereotype Gegenüberstellung. „Antichrist“ erzeugt im Wald eine raffinierte Synthese aus guter, unschuldiger und böser, korrumpierter Natur, in dem just jene Tiere, die wir als lieb und kuschelig wahrzunehmen gewohnt sind, allen voran das Rehkitz und seine Mutter, als Repräsentanten der vergänglichen und in ihrer Vergänglichkeit bedrohlichen Natur fungieren. Dass der Rabe gerne auf Hexenbuckeln dargestellt wurde, darf man als Vertrautheit mit diesem Motiv perfide nutzenden animalischen Sidekick verstehen.

Der Naturbegriff entfaltet darüber seine ganze Polyvalenz: Ist es die „natura“ der scholastischen Philosophie, von der im Eingangszitat gesprochen wird, oder doch eher ein esoterisch-neopaganer Naturbegriff, welcher die Natur zur eigenständigen Entität zum para-religiösen Ort des Heils macht? Oder handelt es sich um eine augustinisch-gnostische Parabel über das Wesen der Welt nach dem Sündenfall? Vor allem aber: Ist es die Natur der Frau, böse zu sein und Böses zu tun, sobald sie nicht mehr von männlicher Ratio und Zivilisation geleitet, ja unterdrückt wird?

Theresia Heimerl ist der Ansicht, bei Lars von Trier werde aus der Utopie eine Dystopie, in welcher sich nicht die böse Frau als Lüge des Patriarchats entpuppt, sondern die gute Frau als Legende männlicher Idylle wie feministischer Lehre gleichermaßen. „Antichrist“ wurde oft als frauenfeindlicher Film bezeichnet. Diese Kritik greift zu kurz: „Antichrist“ ist die vielleicht brutalste und konsequenteste Dekonstruktion des Motivs der bösen Frau im Film.


Armageddon

Kommen wir zum dritten theologischen Begriff: „Armageddon“. Zunächst ein geografisch lokalisierbarer Ort, die Ebene bei Megiddo in Israel, wo der in der Johannes-Offenbarung beschriebene Endkampf zwischen Gut und Böse stattfinden soll. Das Gute siegt hier, und das Böse wird vernichtet. Damit kommen die Unruhe und Unklarheit, wer gut ist und wer böse, die die Menschen seit ihrer Vertreibung aus dem Paradies umtreiben, zu einem Ende. „Alles wird gut, und wenn es noch nicht gut ist, ist, ist es noch nicht das Ende.“ Gut wird es im „Antichrist“ aber nur für den von Willem Dafoe gespielten Mann; dass er der Gute und die Frau das Böse ist, war zu Beginn des Films so nicht erkennbar.



Metaphysisch im Sinne eines Endkampfes inszeniert Lars von Trier dieses Thema, indem sich die Natur als Ganzes zunächst gegen das Paar verschworen zu haben scheint, sich dann aber etwa in Gestalt der untoten Krähe auf die Seite der Frau schlägt und mit dem Mann die Rationalität und Zivilisation in den sicheren und qualvollen Tod zu treiben scheint. Dass dieser die Ekelgrenze überschreitende Auseinandersetzung ein echter Entscheidungskampf zwischen Gut und Böse ist, wird darin sichtbar, dass er über weite Strecken auch als Rache der Frau für die männliche Unterdrückung gelesen werden kann. Das Ende offenbart dann aber, wer gut und wer böse ist. Dass dem ins rettende Tal hinabsteigenden Mann Horden gesichtsloser Frauen begegnen, die wie magnetisch vom Scheiterhaufen seiner ermordeten Frau angezogen werden, scheint einen metaphysischen Ton anzuschlagen. Diese Szene gibt der Auslöschung der „bösen Frau“, die schon in der Eingangssequenz Zeugung und Schöpfung satanisch in einen Akt des Todes verkehrt hat, eine universale Bedeutung. Sollte hier in einem apokalyptischen Endkampf das Böse in Natur und Frau final und damit das Böse in der Natur und in allen Frauen ausgelöscht worden sein?

Hier ertönt erneut die Händel-Arie aus Rindalo: „Lass mich weinen über mein grausames Schicksal, und lass mich für Freiheit seufzen. Möge der Kummer brechen, die Fesseln meiner Qual, wenn auch nur um des Mitleids willen.“ Die finale Bestrafung der Frau wird damit in einen Schuld-Kontext gestellt. Damit ist der Endkampf zwischen Frau und Mann auch Jüngstes Gericht und ihr Tod entspricht der Bestrafung in der Hölle für ihre Schuld am Tod ihres Kindes.


Der Endkampf von Mann und Frau

Der Film „Antichrist“ geht damit zu Ende, eine Geschichte mit eigener Raum-Zeit, überschrieben mit „Trauer, Schmerz und Verzweiflung“. Es ist Lars von Triers Versuch, die eigene Verzweiflung in einem Endkampf zwischen Mann und Frau, Natur und Kultur zu überwinden. Aber er hat sie zur Geschichte der Menschheit überhöht. Wie legitim das ist, darüber darf man und frau streiten. Er hat diesem Kampf aber auch jede Hoffnung ausgetrieben. Der Zahn des Bösen nagt bereits an dem, was die säkulare Gesellschaft als Wurzel des Guten identifiziert: dem Geschlechtsakt zweier aufgeklärter Akademiker. Die Psychotherapie des Mannes scheitert mitsamt ihrem säkularen Heilsversprechen am metaphysischen Bösen der Frau. Auch das eine Botschaft des Regisseurs, der die Glaubenssätze einer durchsäkularisierten Gesellschaft unterläuft, dass das Gute von der Frau und das Böse vom Mann ausgeht. Dieser Glauben, für den es historisch viele gute Belege gibt, wird in „Antichrist“ umgekehrt.

Alle Bilder: Szenen aus "Antichrist" (MFA+)
Alle Bilder: Szenen aus "Antichrist" (© MFA+)

Damit endet ein Film, der zwar Elemente des Horror-, Splatter- und melodramatischen Beziehungskinos à la „Szenen einer Ehe“ bedient, seine Durchschlagskraft und verstörende Wirkung aber mindestens genauso aus der Verwendung von Allegorien, dem dauernden Anspielen metaphysischer Kategorien und biblischen oder fabel- und märchenhaften Bildbeständen bezieht.

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