Die Rolling Stones in ihren Anfängen (© arte/Bent Rej)

Die Doku „Brian Jones und die Rolling Stones“

Leders Journal (55): Der Film über den „ersten Drogentoten der Popgeschichte“ kann sich nicht zwischen Band-Historie und dem früh verstorbenen Gitarristen entscheiden

Veröffentlicht am
27.05.2026 - 15:00:19
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Der britische Gitarrist Brian Jones zählte neben Mick Jagger und Keith Richards zu den Gründungsmitgliedern der Rolling Stones. Im Unterschied zu seinen Mitstreitern kam er aber mit der Professionalisierung des Showgeschäfts nicht klar. Einige Wochen nach seinem Hinauswurf aus der Band wurde er tot in seinem Swimmingpool gefunden. Der Dokumentarfilm von Nick Broomfield kann sich allerdings nicht so recht zwischen Jones’ Lebensgeschichte und einem Porträt der Rockband entscheiden.

 

Unter den langen Dokumentarfilmen dominieren seit einigen Jahren Porträts von Prominenten. Sie finden vor allem dann ihr Publikum, wenn die jeweiligen Biografien dramatisch verliefen oder große Rätsel aufweisen. Beispielhaft für solche durch eine gewisse Spannung aufgeladenen Filme sind die mehrfach ausgezeichneten Produktionen von Asif Kapadia. So rekonstruierte der englische Regisseur in „Senna“ (2010) das Drama des brasilianischen Rennfahrers Ayrton Senna, der dreimal Weltmeister in der Formel 1 wurde, ehe er 1994 in San Marino bei einem Rennen tödlich verunglückte. In „Amy“ (2015) erzählt Kapadia vom Leben und Sterben der Soulsängerin Amy Winehouse, die innerhalb kürzester Zeit zu einem großen Star der Popmusik aufstieg, dann aber immer mehr unter ihrer Drogenabhängigkeit und dem medialen Druck litt und 2011 an einer Alkoholvergiftung starb. Auch in „Diego Maradona“ (2020) erzählt Kapadia von einem Aufstieg des argentinischen Fußballers in die Höhen weltweiter Popularität, aus denen Maradona nach dem Ende einer durchaus auch konfliktreichen Karriere jäh abstürzte und im Alter von 60 Jahren nach jahrelangem Drogenkonsum an einem Herzinfarkt verstarb.

 

Das kurze Leben des Brian Jones

Die Filme von Asif Kapadia leben vom Reichtum dessen, was er bei seinen jahrelangen Recherchen in den Medienarchiven der Welt über die Stars zutage fördert. Seine Montage dramatisiert das Material, indem sie von Anfang an den Bogen zum jeweiligen Tod und den meist unklaren Ursachen schlägt. Gleichzeitig legen seine Filme aber auch offen, wie dieses Material bei der medialen Jagd auf die Prominenz entstand. Damit kritisiert Asif Kapadia immer auch das, von dem er selbst profitiert. Was ebenso konsequent wie heikel ist.

Die Frage, wie Kapadia mit der Biografie der Person umgegangen wäre, die im Mittelpunkt von „Brian Jones und die Rolling Stones“ von Nick Broomfield steht, stellt sich fast zwangsläufig. Denn auch der britische Musiker Brian Jones (1942-1969) führte ein dramatisches Leben. In gewisser Weise ist der Aufstieg und Fall des Gitarristen, der 1962 mit Mick Jagger und Keith Richards die Rolling Stones gründete, paradigmatisch für dramatische Medienkarrieren des Pop-Zeitalters. Die Rolling Stones wurden binnen zwei Jahren auf der ganzen Welt populär und tourten bald durch Westeuropa, die USA und Australien. Im Unterschied zu den Beatles, die vor ihnen Weltruhm erlangt hatten, sorgten sie vor allem mit ihren enorm dynamischen Live-Auftritten für Furore. Wo sie spielten, brach nicht nur die für die frühe Popmusik typische Hysterie aus, sondern die außer Rand und Band geratenen Fans sorgten regelmäßig für Randale mit den Ordnungskräften.

Brian Jones an der Gitarre
Brian Jones an der Gitarre (© arte/Bent Rej)

 

Um ihre Popularität zu erhalten und von ihr auch angemessen zu profitieren, mussten sich die Musiker unter dem neuen Manager Andrew Oldham professionalisieren. Dessen Regiment führte dazu, dass der psychisch instabile Brian Jones sich von Jagger und Richards an den Rand gedrängt fühlte. Sein zunehmender Drogenkonsum ließ ihn bei Auftritten zum Risikofaktor werden. Das heizte die internen Konflikte an. Im Juni 1969 wurde Jones aus der Band geworfen. Wenige Wochen später ertrank er im Swimmingpool seines Londoner Hauses; er wurde 27 Jahre alt.

 

Material in Hülle und Fülle

Während Kapadia vermutlich den eine Weile rätselumrankten Tod als Ausgangspunkt genommen hätte, wählt Broomfield einen klassisch biografischen Ansatz. Er beginnt mit einem Streit des jungen Brian Jones mit seinen konservativen Eltern, als er sich für Jazz und Rock’n’Roll zu interessieren begann. Dieser Konflikt war für viele aus seiner Generation durchaus typisch, beschäftigte Jones aber noch in der Zeit seiner größten Popularität. Am Ende des Films zitiert Broomfield aus einem Brief, in dem der Vater seinem Sohn Fehler in der Erziehung eingestand. Diesen Brief fand man erst viele Jahre nach dem Tod des Musikers in Unterlagen einer Freundin. Broomfield legt die Zitate dieses Briefs über Bilder von den Trauerfeierlichkeiten und schlägt so einen Bogen zu den Kindheitstagen des Protagonisten.

Die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Multiinstrumentalisten rekonstruiert Broomfield anhand des reichlich vorhandenen Materials. Diese Überfülle resultiert aus dem Umstand, dass das Fernsehen parallel zum Aufstieg der angloamerikanischen Popmusik in den frühen 1960er-Jahren weltweit zum wichtigsten Massenmedium wurde. Beide profitierten wechselseitig voneinander: Das Fernsehen machte die Bands bekannt und lebte gleichzeitig von ihnen, ihrer Musik und ihren Skandalgeschichten. Das füllte die Archive auf eine Weise, wie es zuvor für Prominente nicht üblich gewesen war, egal ob sie aus der Kultur oder dem Sport kamen.

So reiht sich in „Brian Jones und die Rolling Stones“ ein Ausschnitt an den anderen. Die Anfangsjahre der Band sind von Schwarz-weiß-Aufnahmen so sehr geprägt, dass man bei den ersten Farbbildern unwillkürlich stutzt, da man mit den Rolling Stones nicht die lieblichen Popfarben verbindet, die eher den Beatles vorbehalten waren. Berichte vieler Freunde und vor allem Freundinnen ergänzen das Archivmaterial. Vor allem die Frauen zeichnen ein kritisches Bild von Brian Jones, den sie als einen narzisstischen Mann charakterisieren, der nie so recht erwachsen wurde; bei Konflikten zog er einfach zur nächsten Geliebten weiter und kümmerte sich nicht um seine vielen Kinder.

 

Im Bann einer enthemmten Zeit

Viele dieser Archivschnipsel sind zusätzlich mit Tönen unterlegt, die aus Audio-Interviews stammen. In der Fassung, die aktuell in der arte-Mediathek zu sehen ist (noch bis 13. November), sind alle englischsprachigen Passagen deutsch übersprochen, statt untertitelt; das führt gelegentlich dazu, dass man nicht mehr weiß, wer sich da gerade zu welcher Krise im Leben von Brian Jones äußert.

Als einer der Zeitzeugen der damaligen Promiskuität dient Broomfield der deutsche Filmregisseur Volker Schlöndorff. Der hatte für seinen zweiten Spielfilm „Mord und Todschlag“ (1967) die Schauspielerin Anita Pallenberg engagiert, die damals mit Brian Jones liiert war. Der Musiker sollte für den Film auch die Musik schreiben, wozu er aber wegen seines Drogenkonsums kaum in der Lage war; zudem fehlte ihm wohl auch die Motivation, da sich Pallenberg mittlerweile von ihm ab- und Keith Richards zugewandt hatte.

Brian Jones (l.), Keith Richards, Mick Jagger, Bill Wyman, Charles Watts 1968 in London
Brian Jones (l.), Keith Richards, Mick Jagger, Bill Wyman, Charles Watts © imago stock&people)

 

Nick Broomfield ist in diesen Gesprächen eher Stichwortgeber als Gesprächspartner. Das ist für ihn ungewöhnlich, weil er in vielen seiner Filme mit hartnäckigen Interviews für Aufmerksamkeit sorgte. Er konnte geradezu unerbittlich sein, wenn sich jemand seinem Gesprächswunsch verweigerte. So störte er in seinem Film „Kurt & Courtney“ (1998) einfach eine Benefizveranstaltung in Hollywood, da ihm deren Ehrengast, Courtney Love, ein Interview verweigert hatte. In „Brian Jones und die Rolling Stones“ ist von dieser Hartnäckigkeit nicht mehr viel zu spüren. Broomfield thematisiert nicht einmal, warum ihm weder Mick Jagger noch Keith Richards für ein Gespräch zur Verfügung standen. Die Qualität seiner Interviewführung ist allerdings in den Szenen zu spüren, in denen er mit Bill Wyman spricht, der von 1962 bis 1997 Bassist der Rolling Stones war. Wyman führt dabei mehrfach im Detail und augenfällig vor, was Brian Jones für die Band bedeutete und wie seine musikalischen Ideen seit Mitte der 1960er-Jahre die Platten der Band prägten. Das sind Höhepunkte des Films.

 

Strike Kontrolle der Bilder & Töne

Einmal wirkt Wyman nervös, als er sich zur Zusammenarbeit von Brian Jones mit Jimi Hendrix äußern soll; mit Rat suchendem Blick wendet er sich an jemand außerhalb des Kamerabildes. Der Grund für seine Unsicherheit wird im Film nicht erklärt. Er deutet aber darauf hin, dass sich die Popmusik mit ihrer Professionalisierung in den späten 1960er-Jahren zugleich verrechtlichte. Die Bands und ihr Management drangen bald auf immer striktere Kontrolle der Bilder und Töne, die von ihnen veröffentlicht wurden. Unzensierte „Direct Cinema“-Dokumentarfilme, wie sie beispielhaft Richard Leacock mit „Don’t look back“ über die England-Tour von Bob Dylan aus dem Jahr 1965 drehte, waren von nun an kaum noch möglich. So sorgten die Rolling Stones dafür, dass der Film „Cocksucker Blues“ von Robert Frank über ihre US-Tour im Jahr 1972 nicht gezeigt werden durfte, weil er Bilder und Szenen enthielt, die ihrem Image hätten schaden können.

Diese mediengeschichtlichen Änderungen thematisiert Broomfield nicht. „Brian Jones und die Rolling Stones“ enttäuscht nicht etwa deshalb, weil sich Broomfield der Dramatisierungsstrategie eines Asif Kapadia verweigert, sondern weil er sich nicht entscheiden kann, ob er eine Biografie des „ersten Drogentoten der Popmusik“ drehen oder die Geschichte der ersten Phase einer Band erzählen wollte, die bis heute aktiv ist. Die Rolling Stones wollen Anfang Juli 2026 ein neues Album präsentieren.

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