Mascha Schilinski mit ihren „Lolas“ (© IMAGO / APress)

Sonne satt

Zur Verleihung der 76. „Deutschen Filmpreise“, bei der „In die Sonne schauen“ mit 10 Lolas die meisten Preise abräumte

Veröffentlicht am
30.05.2026 - 16:25:36
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Die „Lola“-Verleihung 2026 verlief technisch nicht reibungslos, konnte aber oft begeistern. Neben dem mit zehn Auszeichnungen eindeutigen Siegerfilm „In die Sonne schauen“ sorgten auch andere Preisträger für denkwürdige emotionale Momente. Aber auch die gute Stimmung des Abends konnte grundlegende Probleme des deutschen Kinos nicht ganz überdecken.

 

Spannung zu schüren, statt Geheimnisse frühzeitig zu lüften, ist die hohe Kunst der Dramaturgie. Das gilt für Filmerzählungen ebenso wie für Preisverleihungen, wo die Öffnung der Umschläge mit den Namen und Filmtiteln möglichst lange hinausgezögert wird. Auch die 76. Verleihung des „Deutschen Filmpreises“ am 29. Mai 2026 bot viele Beispiele durchaus effektvoller Verzögerung. Die extremste Dehnung resultierte allerdings aus einer technischen Panne. Nach einer Stunde war die Gala gerade bei der Kategorie der besten männlichen Nebenrolle angekommen. Laudator Edin Hasanovic hatte die fünf Nominierten anmoderiert, als eine Leinwand im Saal des Berliner Palais am Funkturm ausfiel und die Show unterbrochen werden musste. Dass sie erst nach vierzig Minuten fortgesetzt werden konnte, führte zu einer rekordverdächtigen Gesamtdauer von viereinhalb Stunden; dass die Zwangsunterbrechung und auch andere Längen die Stimmung nicht trüben konnten, belegte allerdings, wie souverän Christian Friedel seine zweite „Filmpreis“-Moderation meisterte.

Der Schauspieler ging über die technische Zwangspause nonchalant hinweg und brachte die Show wieder in Tritt. Dazu passt dann auch der Gewinner des Nebendarsteller-Preises. Michael Wittenborn, in „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ als liebevoll-exzentrischer Großvater des jungen Schauspielers Joachim Meyerhoff besetzt, und seine Filmpartnerin Senta Berger hatten zuvor bereits einen Preis präsentiert und waren von Friedel zum Wunsch-Großelternpaar erklärt worden. Dem konnten sich die Mitglieder der Deutschen Filmakademie offensichtlich anschließen und mochten die beiden auch bei den Preisen nicht trennen. Nach der Auszeichnung für den als „Meister der Zwischentöne“ charakterisierten Wittenborn gewann auch die 85-jährige Senta Berger bei ihrer allerersten Nominierung ihrer Karriere die „Lola“, sichtlich ergriffen und mit dem Hinweis: „Ich liebe diesen Beruf immer noch und jetzt werde ich dafür belohnt. Das ist doch eigentlich ungerecht.“

Michael Wittenborn und Senta Berger gehörten zu den Geehrten des Abends
Michael Wittenborn und Senta Berger gehörten zu den Geehrten des Abends (© IMAGO / Eventpress)

 

Ein dick unterstrichenes „Wir“

Die Großeltern-Szenen in „Ach, diese Lücke…“, gleichermaßen geprägt von warmherzigem Umgang wie von extravagantem Verhalten, gehören zu den denkwürdigsten Augenblicken des Filmjahres 2025. Sie waren geradezu prädestiniert für die Haltung, die die „Lola“-Gala ins Zentrum stellte: das Miteinander. Während Friedel im Jahr davor noch die „Empathie“ hochleben ließ, gab er diesmal „ein dick unterstrichenes Wir“ als Ideal vor. Das griffen die preisgekrönten Filmschaffenden dankbar auf. Schon die erste Preisträgerin des Abends, die als Nebendarstellerin von „In die Sonne schauen“ geehrte Lena Urzendowsky, zog in ihrer hochemotionalen Dankesrede den Bogen vom Film – „Er zeigt, was passiert, wenn Dinge nicht aufgearbeitet werden“ – zu einer Utopie vom Filmemachen: „Gemeinsam aus Menschlichkeit und Kraft etwas Schönes schaffen.“

Das erzählerisch komplexe und formal ausgeklügelte Drama „In die Sonne schauen“ war seit seiner gefeierten Cannes-Premiere die Sensation des deutschen Kinojahres 2025 und erwies seiner Favoritenrolle auch bei den „Lolas“ alle Ehre. Die Kategorie der besten weiblichen Nebenrolle brachte gleich zu Beginn nicht nur die erste Ehrung für den Film von Mascha Schilinski; zugleich war das einzige Mal an diesem Abend zu erleben, dass eine der Nominierungen von „In die Sonne schauen“, nämlich die von Claudia Geisler-Bading, nicht in eine „Lola“ mündete. Denn im Folgenden wiederholte sich von Kamera, Schnitt, Szenenbild, Kostümen, Ton und Maskenbild bis zu Drehbuch und Regie und zuletzt natürlich auch bei der „Lola in Gold“ das gleiche Bild: Jubel und Euphorie beim Team von „In die Sonne schauen“ und Dankesreden, in denen ein ums andere Mal betont wurde, wie entscheidend das Zusammendenken und -wirken aller Gewerke für die besondere Gestalt des Films gewesen sei.

Die Dominanz von Einzelwerken beim „Deutschen Filmpreis“ setzte sich damit auch 2026 fort, nachdem bereits im Vorjahr „September 5“ neun Preise eingeheimst hatte. „In die Sonne schauen“ zog mit zehn Auszeichnungen nun sogar mit den bisherigen Rekordhaltern „Nachts, wenn der Teufel kam“ und „Das weiße Band“ gleich.

Christian Friedel bewährte sich auch musikalisch, wie im Duett mit Sarah Auster
Christian Friedel bewährte sich auch musikalisch, wie im Duett mit Sarah Auster (© IMAGO / Eventpress)

 

Allerdings lässt sich dieser Preisregen nachvollziehen. Die außergewöhnliche formale Geschlossenheit von „In die Sonne schauen“ machte es schwer, einem der Gewerke die Würdigung nicht zu gönnen. Der Schauspiel-Preis steht stellvertretend für das gesamte, überwiegend weibliche Ensemble, und auch die Regisseurin Mascha Schilinski und ihre Co-Autorin Louise Peter sind als Koordinatorinnen des Ganzen erst recht hochverdiente Preisträgerinnen. Bei aller Feierstimmung vergaßen die Geehrten zudem nicht, an die schwere Geburt des Films zu erinnern, die von einem durchaus symptomatischen Dilemma des heutigen deutschen Kinos kündet. Die Kombination aus wenig Geld, geringer Zeit, aber hohem künstlerischem Anspruch und einem beharrlich verfolgten ungewöhnlichen Ansatz mag – auch international – sehr geschätzte Filme hervorbringen; eine Regelmäßigkeit lassen so ungünstige Rahmenbedingungen aber kaum zu. Davon zeugt auch, dass „In die Sonne schauen“ erst der zweite Spielfilm von Schilinski ist; zwischen ihm und ihrem Debüt „Die Tochter“ lag eine siebenjährige Pause. Unter den „Lola“-Preisträgern der letzten Jahre steht Schilinski mit der langen Vorlaufzeit für ihr Wunschprojekt alles andere als allein da, man denke nur an Maren Ade, Andreas Kleinert oder Matthias Glasner.

 

Die bedrohte Kunstfreiheit

Als eine Art Gegengewicht erschienen die wesentlich konstanter beschäftigten Regisseure der beiden Filme, die im Schatten von „In die Sonne schauen“ wenigstens kleinere Triumphe erlebten. Simon Verhoevens formal sicher nicht wagemutigem, als Übertragung eines Erfolgsromans aber beachtlich geglücktem Film „Ach, diese Lücke…“, den er selbst als seinen „persönlichsten“ bezeichnete, sprach die Akademie neben den zwei Darstellerpreisen auch die „Lola in Bronze“ zu. Und für Ilker Çatak gab es zwei Jahre nach seinem Gewinn mit „Das Lehrerzimmer“ diesmal die „Silber-Lola“ für sein Drama „Gelbe Briefe“, für das außerdem der Filmkomponist Marvin Miller geehrt wurde.

Präsent war „Gelbe Briefe“ dennoch den ganzen Abend lang, angesichts der immer wieder beschworenen Gefahr, die der Kunstfreiheit durch die politischen Erfolge demokratiefeindlicher Kräfte droht. So zog der Regisseur Leander Haußmann als Laudator für die männliche Hauptrolle einen Vergleich zwischen der Theater-Künstlerfigur von Tansu Biçer in „Gelbe Briefe“ und den Erfahrungen seines Vaters Ezard Haußmann in der DDR, bevor er August Diehl für seine intensive Erarbeitung der Naziverbrecher-Rolle in „Das Verschwinden des Josef Mengele“ würdigte – und dem Darsteller 27 Jahre nach dem Gewinn für sein Filmdebüt „23 - Nichts ist so wie es scheint“ den zweiten „Deutschen Filmpreis“ seiner Karriere überreichen konnte.

Finales Bild mit den Gewinnern
Finales Bild mit den Gewinnern (© IMAGO / APress)

 

Auch wenn das Drama um den untergetauchten Nazi-Arzt Mengele künstlerisch unausgegoren ist, war die Auszeichnung für einen der besten deutschen Darsteller nicht nur in der Sache verdient, sondern bereicherte die Gala. Diese konnte durchaus die fehlende Abwechslung bei den prämierten Filmen auffangen, etwa indem musikalische Einlagen – fast immer mit Moderator Friedel und seiner Band „Woods of Birnam“ – manche Laudatio bereicherten. Dass viele Präsentatoren sich offensichtlich zeitlich nicht unter Druck setzen lassen wollten und ihre Auftritte ausgedehnt-blumig gestalteten, sorgte jedoch für einige zähe Momente. Diese stellten sich vor allem bei den beiden Kategorien ein, die auch in früheren Jahren schon wie Fremdkörper im Showprogramm gewirkt hatten: Die nominierten Dokumentarfilme wurden von Collien Fernandes mit Gemeinplätzen wie „oft absurder und tragischer als jede Fiktion“ einmal mehr allein auf ihre inhaltliche „Wahrheit“ festgenagelt, und die Kinderfilme wurden von Detlev Buck launig, aber wenig auf die konkreten Werke bezogen präsentiert.

 

Verhalten nachdenklich: Wim Wenders

Die Baustellen gehen dem „Deutschen Filmpreis“ auch jenseits der Leinwände also weiterhin nicht aus. Genau wie dem deutschen Kino, was bei der „Lola“-Verleihung immer wieder durch den Glanz des Abends durchschien. Ausgerechnet Ehrenpreisträger Wim Wenders sorgte für die nachdenklichste Note, als er in seiner Lebensbilanz auch auf Fehler zu sprechen kam. Eine frühe gemeinsame Arbeit mit Senta Berger bezeichnete er als gescheitert, weil es ihm als jungem Mann nicht möglich gewesen sei, sich so in die Perspektive einer Frau hineinzudenken, dass er der Darstellerin präzise Anweisungen geben konnte. Reue bekannte Wenders auch zu der Nacktszene der jugendlichen Nastassja Kinski in seinem Film „Falsche Bewegung“; er stellte aber die Frage in den Raum, was aus einer Praxis nachträglicher Schnitte an jahrzehntealten Werken zu folgern wäre. In seiner Anregung war der Ehrenpreisträger dann wieder ganz auf der Wellenlänge des Abends: eine differenzierte Diskussion über problematische Fälle beim Filmerbe - natürlich: „miteinander“.

Ehrenpreisträger Wim Wenders
Ehrenpreisträger Wim Wenders (© IMAGO / Eventpress)

 

 

Die Gewinner der 76. Deutschen Filmpreise

 

Bester Spielfilm

In die Sonne schauen

 

Bester Dokumentarfilm

Siri Hustvedt – Dance Around the Self

 

Bester Kinderfilm

Zirkuskind

 

Beste Regie

Mascha Schilinski für „In die Sonne schauen“

 

Bestes Drehbuch

Mascha Schilinski, Louise Peter für „In die Sonne schauen“

 

Beste weibliche Hauptrolle

Senta Berger für „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“

 

Beste männliche Hauptrolle

August Diehl für „Das Verschwinden des Josef Mengele“

 

Beste weibliche Nebenrolle

Lena Urzendowsky für „In die Sonne schauen“

 

Beste männliche Nebenrolle

Michael Wittenborn für „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“

 

Beste Kamera/Bildgestaltung

Fabian Gamper für „In die Sonne schauen“

 

Bester Schnitt

Evelyn Rack für „In die Sonne schauen“

 

Beste Tongestaltung

Claudio Demel, Billie Mind, Kai Tebbel, Sebastian Heyser, Jürgen Schulz für „In die Sonne schauen

 

Beste Filmmusik

Marvin Miller für „Gelbe Briefe“

 

Bestes Szenenbild

Zazie Knepper für „Gelbe Briefe“

 

Bestes Kostümbild

Sabrina Krämer für „In die Sonne schauen“

 

Bestes Maskenbild

Anne-Marie Walther, Irina Schwarz für „In die Sonne schauen“

 

Beste visuelle Effekte

Michael Wortmann, Frank Schlegel für „Momo

 

Ehrenpreis

Wim Wenders

 

Besucherstärkster Film

Das Kanu des Manitu

 

Bernd Eichinger Preis

Thomas Wöbke, Philipp Trauer

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