Szene aus „Wild Horse Nine“
Szene aus „Wild Horse Nine“ (© Searchlight Pictures/Diego Araya Corvalán)

Orkneys & Osterinsel

83. Filmfestspiele Venedig: Notizen zu Werner Herzogs „Bucking Fastard“ und „Wild Horse Nine“ von Martin McDonagh

Aktualisiert am
04.09.2026 - 16:47:11
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Die 83. „Mostra“ in Venedig hat mit dem Anfang alles richtig gemacht und gleich zu Beginn große Filme platziert. Neben Werner Herzogs skurril-romantischem „Bucking Fastard“, der von zwei eng miteinander verbundenen Schwestern erzählt, ist das vor allem Martin McDonaghs so urkomisches wie tieftrauriges Drama „Wild Horse Nine“ um zwei CIA-Agenten kurz vor dem Putsch gegen den chilenischen Präsidenten Salvador Allende.

 

Beim Filmfestival in Cannes hatte man Werner Herzogs jüngstes Werk „Bucking Fastard“ für den Wettbewerb verschmäht. Nun konkurriert der Film in Venedig um den „Goldenen Löwen“. Man kann die Zurückhaltung des Auswahlgremiums in Cannes im Rückblick durchaus verstehen: Die Geschichte um zwei Schwestern, die zur Verblüffung ihrer Mitmenschen völlig synchron agieren, so als existiere eine Seele in zwei Körpern, ist selbst für Herzog-Maßstäbe wunderlich. Aber in dieser Wunderlichkeit absolut zauberhaft.

 

Im Missklang mit der Welt

Auch wenn der Film in Irland angesiedelt und von der Geschichte realer britischer Zwillingsschwestern, Freda und Greta Chaplin, inspiriert ist, weht ein Hauch deutscher Romantik durch den Film. Ein bisschen fühlt man sich an Herzogs Kaspar-Hauser-Film „Jeder für sich und Gott gegen alle“ (1974) erinnert. Denn auch die Protagonistinnen in „Bucking Fastard“ existieren in einem anderen Modus als die Menschen um sie herum; sie werden als Kuriositäten wahrgenommen, die Schaulust, Ablehnung, Begehrlichkeiten und/oder Hilfsbereitschaft wecken. Im Gleichklang miteinander, aber durch die verblüffende Form dieses Gleichklangs im latenten Missklang mit der Welt, sehnen sie sich nach Liebe, sträuben sich aber zugleich hartnäckig gegen jede Anpassung.

 

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Der Film folgt Jean und Joan Holbrooke (gespielt von Kate Mara und Rooney Mara) über drei Stationen bis in einen Bereich, in dem das Reale ins Wunderbare flirrt, so als hätte E.T.A. Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“ Pate gestanden. Zunächst entfaltet sich ihre Geschichte als Gerichtsdrama über eine unselige Obsession der beiden Schwestern und dessen juristisches Nachspiel. Die Holbrookes verlieben sich in einen gutaussehenden, aber windigen Nachbarn (Orlando Bloom), der sich willig auf eine Affäre mit dem weiblichen Doppelpack einlässt, die Frauen dann aber abserviert, um zu heiraten. Das wollen die Schwestern nicht einfach hinnehmen, sondern kontern dies mit Aktionen, die ihnen eine Unterlassungsklage und in deren Folge eine sensationslüsterne Öffentlichkeit einhandeln.

Rooney Mara, Kate Mara in „Bucking Fastard“
Rooney Mara, Kate Mara in „Bucking Fastard“ (© Lena Herzog/Gateway to Orkney LLC)

 

Das zweite Kapitel handelt von einem Neuanfang in einer Bleibe in den Docks von Dublin, wo ein wohlmeinender Sozialarbeiter (Domhnall Gleeson) sie sanft dazu bringen will, ihre Synchronität zumindest gelegentlich aufzugeben, um den Alltag besser zu meistern. Das klappt bei kleinen Dingen, wenn es um das Öffnen einer Sardinenbüchse geht, ändert an ihrem grundsätzlichen Dilemma der Andersartigkeit aber nichts.

 

Im Herz des Berges

Das dritte Kapitel führt die Protagonistinnen schließlich zu einer Tante aufs Land, wo sie bald von den Höhlen eines nahegelegenen Berges in Bann gezogen werden. Vor allem ein nie vollendetes Tunnelprojekt, wo vor 200 Jahren ein Mann ein „Gateway to the Orkneys“, seiner Heimat, in den Fels schlagen wollte, befeuert ihre Fantasie. Der klangvolle Name der Inselgruppe wird zum Fokus für die Sehnsüchte der Frauen, ihrer geteilten Einsamkeit zu entkommen. Sie beginnen, den Tunnel weiter in den Berg zu treiben – eines jener unmöglichen Projekte, wie sie Herzog-Helden seit „Aguirre“-Zeiten immer wieder umtreiben. Vielleicht ist es in diesem Fall doch nicht so unmöglich. Denn tatsächlich tut sich im Berg etwas auf, was die Hoffnungen der Holbrookes zu erfüllen scheint.

Die Mara-Schwestern setzen das kongenial um. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie viele Proben es gebraucht hat, um das perfekte Timing hinzubekommen, mit dem sie die Synchronität der Figuren spielen. Die Kamera von Peter Zeitlinger scheint den Frauen jene Liebe entgegenbringen zu wollen, die sie in der Handlung so hartnäckig suchen. Vom Set- und Kostümdesign mit zeitlosem Flair erfüllt, rundet sich das Ganze zur bittersüßen Herzog-Version eines romantischen Kunstmärchens. Wie einst in „Kaspar Hauser“ gelingt dem Regisseur eine ergreifende Feier des Eigenartigen und dessen Anrecht darauf, in der Welt zu sein.

 

Agententhriller als absurdes Theater

Der neue Film von Martin McDonagh mit dem Titel „Wild Horse Nine“ glänzt mit einer wunderbaren Altersrolle für John Malkovich. Der spielt einen CIA-Agenten, der in den 1970er-Jahren in Chile stationiert ist und kurz vor dem Pinochet-Putsch 1973 mit seinem jüngeren CIA-Partner und Freund (Sam Rockwell) auf die Osterinsel reist – was sich bald als Freitod-Mission entpuppt. Denn der flamboyante Geheimdienst-Veteran, der jahrzehntelang im Auftrag der CIA in die Politik anderer Länder hineingepfuscht hat und auch beim Staatsstreich gegen den linken chilenischen Präsidenten Salvador Allende die Hände im Spiel hat, ist unheilbar an Krebs erkrankt. Er leidet an Gedächtnislücken und hat seinen Partner gebeten, sein Sterben auf der Osterinsel mittels Kopfschuss zu verkürzen. Was ihm zwischendurch allerdings wieder entfallen ist, wodurch sich der Aufenthalt auf der Insel mit den mythischen Steinköpfen in die Länge zieht.

John Malkovich, Sam Rockwell in „Wild Horse Nine“
John Malkovich, Sam Rockwell in „Wild Horse Nine“ (© Searchlight Pictures/Diego Araya Corvalán)

 

Dies passt allerdings seinem Arbeitgeber nicht, der von Steve Buscemi repräsentiert wird. Dem kann der Tod seines Agenten nicht schnell genug kommen, da sich der zu einem Risikofaktor entwickelt hat, weil er es mit der Geheimhaltung nicht mehr so genau nimmt und CIA-Aktivitäten ausplaudert; nicht nur Details über den geplanten Putsch, sondern auch über das Attentat auf John F. Kennedy zehn Jahre zuvor. Obendrein arbeitet er an Memoiren, die er auf Tonband bannt. Sein jüngerer Kollege sitzt zwischen den Stühlen. Er versucht den Älteren, dem er freundschaftlich zugetan ist, irgendwie in der Spur zu halten, und gleichzeitig seinen Boss daran zu hindern, härtere Maßnahmen zu ergreifen. Was nicht allzu lange gutgeht.

 

Schuld und Sühne

Martin McDonagh, der auch das Drehbuch zu dem Film geschrieben hat, gelingt mit dieser Polit-Satire das Kunststück, gleichermaßen urkomisch wie tieftraurig zu sein – dank herrlich pointierter Dialoge, brillanter Darstellerleistungen und dem typischen McDonagh’schen Sinn für Lakonie, gekoppelt mit einem Sensus für die Tragik der Charaktere und einer Dosis Bitterkeit im Blick auf die politischen Umtriebe.

John Malkovich spielt eine denkwürdige Figur, in der sich in karikierender Überspitzung US-amerikanische Absurditäten verkörpern, ohne dass sie sich in der Karikatur erschöpfen würde. Das Osterinsel-Szenario – blauer Himmel, grüne Hügel mit den archaischen Steinmonumenten und wilden Pferden, die eine Art Western-Flair beisteuern – wird zum Hintergrund für eine Schuld-und-Sühne-Geschichte. Malkovichs Figur blickt an der Schwelle zum Tod auf ihr Leben zurück. Angesichts eines absurden Theaters der Grausamkeit macht er sich auf eine späte Suche nach so etwas wie Erlösung.

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