Ben Mendelsohn in „Company“
Ben Mendelsohn in „Company“ (© Company)

Auf der Zielgeraden

Beim Filmfestival in Venedig glänzt der Filmemacher Casey Affleck mit seinem sanften Schauermärchen „Company“, und Florian Zeller bringt mit „Bunker“ und Penélope Cruz und Javier Bardem Glamour an den Lido.

Aktualisiert am
10.09.2026 - 11:45:59
Diskussion

Das 83. Filmfestival Venedig geht auf sein Ende zu und bietet mit dem Sozial- und Ehedrama „Bunker“ mit Penélope Cruz und Javier Bardem noch einmal Starkino. Stärker präsentiert sich allerdings Casey Affleck mit dem sanften Schauermärchen „Company“, das in ineinander verwobenen Geschichten von der heilenden Kraft des Erzählens handelt.

 

Casey Affleck mag nicht ganz so prominent sein wie sein Bruder Ben Affleck, hat sich aber längst als Charakterdarsteller profiliert und mit „I’m Still Here“ und „Light of My Life“ auch als Regietalent empfohlen. Im Wettbewerb in Venedig offenbarte sich sein jüngster Film „Company“ als Afflecks bislang stärkste Arbeit: Das sanfte Schauermärchen ist ein stilles Juwel.

 

Gothic trifft „1001 Nacht“

Obwohl in winterlich-nordischen Gefilden angesiedelt, durchweht den Film ein Hauch von „1001 Nacht“. Wie die Erzählungen von Scheherazade entfaltet „Company“ einen Teppich ineinander verwobener Geschichten und kreist um die heilende Kraft des Erzählens. Die Rahmenhandlung beginnt in einer regnerischen Nacht, in der eine Fremde an die Tür eines Hauses klopft, wo gerade eine kleine Gesellschaft am Feiern ist. Die junge, schwarzgekleidete Frau hat sich, so behauptet sie, in der Adresse vertan, wird aber angesichts des unwirtlichen Wetters vom Hausherrn hereingebeten. Dort wird sie mit Tee versorgt und findet alsbald aufmerksame Zuhörer für eine Geschichte.

 

     Das könnte Sie auch interessieren:

 

Deren Grundkonstellation ähnelt ihrer eigenen Lage. In den 1950er-Jahren findet ein einsamer alter Mann im Schnee vor seiner Hütte in der Wildnis von Colorado eine Fremde, die dort zusammengebrochen ist, und nimmt sie bei sich auf. Am prasselnden Kaminfeuer beginnt sie zu erzählen: von einem Siedler-Paar im 19. Jahrhundert, das ebenfalls im tiefen Winter vor seiner Hütte einen in Not geratenen Mitmenschen findet, einen jungen Mann. Den lassen sie, nachdem er wieder auf die Beine gekommen ist, bis auf Weiteres bei sich wohnen. Ein zusätzlicher Mann im Haus, der helfen kann, nachts Wache zu halten, kommt dem wortkargen Farmer und seiner gütigen Frau gerade recht. Denn seltsame Morde an Menschen und Tieren, bei denen den Opfern das Herz aus dem Leib gerissen wurde, versetzen die Siedler in Furcht und Schrecken. Der junge Fremde entpuppt sich allerdings als launischer, mysteriöser Mitbewohner; sein Gesicht mag glatt und jugendlich sein, mal spiegelt sich die Bitterkeit und der Lebensüberdruss einer Seele darin, die schon zu viel gesehen hat. Diese könnte, wie man allmählich erahnt, auch die Sprengkraft besitzen, das bescheidene Gleichmaß des Lebens seiner Gastgeber zu erschüttern.

Adelaide Clemens in „Company“
Adelaide Clemens in „Company“ (© Company)

 

Was Menschen lebendig hält

Casey Affleck, der das kunstvolle Drehbuch des Films zusammen mit dem Schriftsteller Ron Hansen geschrieben hat, schafft es virtuos, die verschiedenen Erzählfäden und -ebenen in der Hand zu behalten und zu einem Gewebe zu verflechten, aus dem sich eine packende, zutiefst humanistische Fabel formt. Darin geht es um das Leid, das Menschen erfahren und mit sich herumschleppen, und um den Umgang, den man damit finden muss: Strebt man danach, Rechnungen zu begleichen, oder findet man einen Weg, seinen Frieden mit sich selbst, den anderen und dem Leben zu machen?

Wie schon in „Light of My Life“ nutzt Casey Affleck dabei dezent Motive des Genrekinos, obwohl er weniger an Thrills denn an existenziellen Fragen interessiert ist, die der Film wirkungsvoll zuspitzt. Der Fokus liegt dabei fest auf den zwischenmenschlichen Beziehungen. Wer andere zu sich hereinlässt und sich ihnen und ihren Geschichten aussetzt, geht ein Risiko ein – doch nur diese Offenheit und dieser Austausch halten Menschen lebendig.

Um Offenheit geht es auch in „Bunker“ von Floran Zeller, der Penélope Cruz und Javier Bardem auf den roten Teppich am Lido brachte. Die beiden spielen auch im Film ein erfolgreiches Ehepaar; er arbeitet als Architekt und hat gerade einen wichtigen Preis gewonnen, sie ist Lektorin in einem Verlag. Zusammen mit ihren Teenager-Töchtern leben sie in einem eleganten Eigenheim in einem ehemaligen Arbeiterviertel in London. Doch dann bringen zwei Faktoren Unruhe in ihr Leben. Er wird kurz nach der Preisvergabe von einem amerikanischen Tech-Billionär (Paul Dano) kontaktiert, der sich von ihm einen Luxus-Bunker bauen lassen möchte, was viel Geld und Prestige bedeuten würde. Außerdem flackert ein Konflikt zwischen dem Architekten und einem alteingesessenen Working-Class-Vertreter (Stephen Graham) aus der Nachbarschaft auf, als dieser ohne vorherige Absprache im Zug einer Renovierung ein Fenster in eine Wand seiner Garage schlagen lässt, die ans Grundstück des Paares grenzt.

Beide Faktoren treiben einen Keil zwischen die Eheleute oder machen vielmehr Risse sichtbar, die schon länger zwischen ihnen klaffen. Dass ihr Mann in Erwägung zieht, seine Fähigkeiten als Architekt an einen paranoiden Bonzen zu verkaufen, findet sie ähnlich unmöglich wie seine empfindliche Reaktion auf das Bauprojekt des Nachbarn. Warum beides die Frau so provoziert, dass daraus eine immer größere Distanz zwischen den Eheleuten erwächst, kann sie allerdings lange nicht in Worte fassen; er versteht ihren Groll dementsprechend nicht und vermutet einen anderen Mann als Grund dafür. „Bunker“ beobachtet kammerspielartig, wie diese Spannungen sich immer weiter steigern – bis irgendwann ein dramatisches Ereignis dazwischenfunkt.

Penélope Cruz in „Bunker“
Penélope Cruz in „Bunker“ (© Blue Morning Pictures/Mod Producciones/Pathé Films)

 

Zwischen Sozial-Parabel und Ehedrama

Was seine gesellschaftspolitischen Botschaften anbelangt, ist „Bunker“ alles andere als subtil. Das Drama nimmt aufs Korn, dass wachsender Erfolg und Reichtum dazu tendieren, Menschen nicht gelassener und großzügiger zu machen, sondern umso ängstlicher darauf bedacht sein lassen, nach noch mehr zu streben und sich von weniger Glücklichen abzugrenzen. Die Figur von Javier Bardem ist zwar klug genug, um zu sehen, wie egoman der Wunsch seines Kunden nach einem eigenen Bunker ist, aber lange nicht hellsichtig genug, um zu merken, dass die perfide Dynamik des Sich-Abgrenzen-Wollens auch von ihm selbst längst Besitz ergriffen hat.

Wie die Inszenierung mit dem Motiv der Architektur arbeitet, ist einigermaßen plakativ; wie sie allerdings die versierten Schauspieler einsetzt, verwandelt den Film in höchst unterhaltsames Kino. Bardem und Cruz bekommen reichlich Raum, um die wachsende Irritation der Frau über die Veränderungen ihres Mannes sowie sein wachsendes Unverständnis gegenüber der Entfremdung seiner Frau nuanciert und eindringlich auszuspielen. Als Sozial-Parabel mag der Film arg simpel ausfallen, doch als Ehedrama besitzt er eine große Sogwirkung.

Jetzt den FILMDIENST-Newsletter bestellen

Ja, ich möchte wöchentlich den FILMDIENST-Newsletter abonnieren. 
 
In jedem Newsletter befindet sich ein Link zum Abbestellen. 
 
Hinweise zum Widerruf und der Verarbeitung der Daten geben wir in unserer Datenschutzerklärung.
Kommentar verfassen

Kommentieren