Valley of Love - Tal der Liebe

Drama | Frankreich/Belgien 2015 | 93 Minuten

Regie: Guillaume Nicloux

Zwei Ex-Eheleute werden nach dem Selbstmord ihres Sohns per Abschiedsbrief zu einem Trip ins brütend heiße Death Valley einbestellt. Der Plan des Toten sieht vor, dass sich die Eltern eine Woche lang an verschiedenen Orten einfinden, um auf seine Rückkehr zu warten. Der ganz auf die beiden Protagonisten und ihr neu formierendes Verhältnis zugeschnittene Film verbindet Alltägliches und Ereignisloses mit schmerzhaften, zärtlichen und aufwühlenden Momenten. Dabei versucht die Inszenierung nie, die Erzählung in ein melodramatisches, therapeutisches oder mystisches Register zu zwängen, was die rätselhafte Schönheit dieses nach vielen Richtungen hin offenen Dramas ausmacht. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
VALLEY OF LOVE
Produktionsland
Frankreich/Belgien
Produktionsjahr
2015
Regie
Guillaume Nicloux
Buch
Guillaume Nicloux
Kamera
Christophe Offenstein
Schnitt
Guy Lecorne
Darsteller
Isabelle Huppert (Isabelle) · Gérard Depardieu (Gérard) · Dan Warner (Paul) · Aurélia Thiérrée (Katherine) · Dionne Houle (Alte Frau)
Länge
93 Minuten
Kinostart
21.01.2016
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama

Heimkino

Die Extras umfassen u.a. ein längeres Interview mit dem Regisseur (15 Min.).

Verleih DVD
Concorde (16:9, 2.35:1, DD5.1 frz./dt., dts frz./dt.)
Verleih Blu-ray
Concorde (16:9, 2.35:1, dts-HDMA frz./dt.)
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Der französische Regisseur Guillaume Nicloux schickt Isabelle Huppert und Gérard Depardieu durchs Death Valley.

Diskussion
Der Trip ist keine Reise. Eher eine Wallfahrt. Eine Beichte, mit der Hoffnung auf Ablass oder eine Form der Bestrafung. Ein Bußgang vielleicht. Verschiedene Begriffe fallen, aber keiner trifft wirklich zu, auch wenn von allem etwas mitschwingt. „Seid am 12. November 2014 im Tal des Todes. Ihr beide. Ja, ihr lest richtig, du und Papa.“ Der Autor der Zeilen, Michael, 31 Jahre alt, hat sich das Leben genommen. Seine beiden Briefe, die dem Film seinen Erzählrahmen geben und dem Trip sein Motiv, sind weniger eine Abschiedsrede als ein Vertrag. Längst tot, dirigiert der Verstorbene Monate später die seit vielen Jahren geschiedenen Eltern, Isabelle und Gérard, ausgerechnet ins Death Valley. Alles ist vorgegeben: die Anzahl der Tage, sieben an der Zahl, die aufzusuchenden Orte, die Tageszeiten. Am Ende steht das absolut unwahrscheinliche Versprechen auf eine physische Rückkehr, ein Wiedersehen. Der Titel des Films ist prophetisch: Guillaume Nicloux erklärt das Tal des Todes zum „Valley of Love“. Der Weg dahin aber ist mühsam und vor allem: heiß. Wenn sich die Eltern in einem Motel im Death-Valley-Nationalpark nach vielen Jahren das erste Mal wiederbegegnen, prallen nicht zuletzt zwei Körperbilder aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Gérard, dick und schwitzend bis an die Leidensgrenze, eine gleichermaßen würdevolle wie komische Erscheinung in seinen kurzen Hosen und dem über dem Bauch spannenden Ananashemd. Isabelle dagegen, klein und knochig, eine dünnhäutige Frau, die in ihren nervösen Bewegungen gelegentlich an eine Eidechse erinnert. Mit dem Tod des Sohnes, den beide, so scheint es, nicht besonders gut kannten, hat jeder seinen eigenen Umgang. Der Pragmatiker Gérard zweifelt den Sinn des ganzen Unternehmens an und bricht den Vertrag durch seine vorzeitige Abreise. Isabelle, durch ihre langjährige Abwesenheit viel stärker in Schuldgefühlte verstrickt, hat zu Hause dagegen schon Kontakt mit einer Wahrsagerin und einem Graphologen gesucht. Empfänglich für Zeichen und Deutungsversuche, hält sie der Welt ihr „angsterfülltes Muttergesicht“ entgegen. So hat es Michael treffend in seinem Abschiedsbrief formuliert. Nicloux erzählt „Valley of Love“ als eine Abfolge brütend heißer Tage und Nächte. Alltägliches und Ereignisloses steht gleichberechtigt neben schmerzhaften, zärtlichen und aufwühlenden Momenten. Die trauernden Eltern sitzen im klimatisierten SUV, auf Klappstühlen in der Wüstenlandschaft, im heruntergekühlten oder glühend heißen Motel-Zimmer, im Restaurant über Hamburger und Salat. Sie reden und warten. Manchmal streiten sie, aber wirklich auszufechten gibt es nichts. Trotz der Distanz herrscht zwischen ihnen vor allem eine große Vertrautheit, die alles Übererklären und Ausagieren überflüssig macht. Einmal erkennt ein lästiges Touristenpaar den Schauspieler Gérard, der im Film ein Stück weit auch sich selbst spielt und hier tatsächlich erstmals seiner ehemaligen Schauspielerinnenkollegin Isabelle aus Maurice Pialats „Der Loulou“ (fd 22 909) wiederbegegnet. Trotz CinemaScope-Format ist „Valley of Love“ kein Natur- oder Reisefilm. Nicloux sucht weder die Seelenlandschaft noch die für das filmische Motiv der Reise so naheliegende – oder auch klischeebeladende – Figurenentwicklung. Statt auf den imposanten Wüstenlandschaften zu verweilen widmet sich die Kamera eher anderen Ereignissen: etwa dem schweren, keuchenden, schweißnassen Körper Depardieus. Oder der fast durchscheinend wirkenden Huppert, die in dem öden, abgedunkelten Motel-Zimmer fast zu verschwinden droht. Nie steuert die Dramaturgie des Films auf melodramatische oder kathartische Entladung zu. Auf einen Moment liebevoller Nähe folgt ein Gespräch über verstrahlte Pilze, auf Tränen folgt Schweiß, auf einen heißen Tag ein weiterer heißer Tag. Dieser Trip ins Tal des Todes und der Liebe ist neben allem anderen vor allem ein Ritual. Die simple Ausführung des Vorgeschriebenen stellt etwas an mit Isabelle und Gérard. Und dass Nicloux dieses „etwas“ nicht in Kategorien wie therapeutischen Fortschritt, Selbsterkenntnis, Selbstverwerfung, Mystik oder was auch immer zwängt, das macht die rätselhafte Schönheit dieses in viele Richtungen wunderbar offenen Films aus.

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