Serie | USA 2018 | 277 (Staffel 1, 10 Folgen) Minuten

Regie: Michel Gondry

Der Moderator einer populären Fernsehsendung für Kinder gerät durch den Unfalltod seines Sohnes komplett aus der Spur. Doch sein Wunsch, auch öffentlich über seine Trauer zu sprechen, stößt auf den Widerstand seines Produzenten. Da er seinen Schmerz in sich vergraben, aber weiter den fröhlichen Entertainer geben muss, nimmt seine Beschäftigung mit dem Tod immer bizarrere Züge an. Eine melancholisch-schwarzhumorige Serie, die sich zur empathischen Studie einer konstruktiven Trauerverarbeitung entwickelt. Der liebevolle Detailreichtum der Kindersendung kontrastiert dabei mit der Verlorenheit des Protagonisten, den der Hauptdarsteller kongenial als innerlich zerrissenen Menschenfreund interpretiert. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
KIDDING
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Michel Gondry · Jake Schreier · Minkie Spiro
Buch
Dave Holstein · Halley Feiffer · Mike Vukadinovich · Cody Heller · Noah Haidle
Kamera
Shawn Kim · Shasta Spahn
Musik
David Wingo
Schnitt
Ivan Victor · Kyle Reiter · Jennifer Van Goethem · Tyler L. Cook
Darsteller
Jim Carrey (Jeff) · Frank Langella (Seb) · Judy Greer (Jill) · Cole Allen (Will / Phil) · Juliet Morris (Maddy)
Länge
277 (Staffel 1, 10 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12 (Staffel 1, Folge 1-8); ab 16 (Staffel 1, Folge 9/10)
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Serie

Heimkino

Verleih DVD
Universal
Verleih Blu-ray
Universal
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Diskussion

Melancholisch-schwarzhumorige Serie mit Jim Carrey als innerlich zerrissenem Moderator einer Kindersendung, der nach dem Tod seines Sohnes weiterhin den fröhlichen Entertainer geben muss.

In der Welt von Mr. Pickles gibt es keine Schatten. Das Bild des Kindershow-Moderators ist das eines stets freundlichen, seriösen Mannes mit Weste, weißem Hemd und Krawatte – ein gelassener Erklärer, neugierig, optimistisch und alterslos, dem bei seinen Sketchen eine Horde sympathischer Puppen assistiert und ein schier unerschöpflicher Fundus aufbauender Kinderlieder zur Verfügung steht. Stimmt Jeff Pickles eines von ihnen an, kann er damit rechnen, dass seine Zuhörer den Text auswendig mitsingen.

Mit diesem Konzept ist Pickles den US-amerikanischen Kindern seit 30 Jahren ein zuverlässiger Kamerad, der ihnen auf sanfte Art Ängste nimmt und unaufdringlich als Vorbild fungiert. Seine Fernsehauftritte besitzen sogar die Kraft, Drogenabhängige von ihrer Sucht abzubringen oder zum Tode Verurteilten Mut zuzusprechen. Und als Autodiebe seine Ukulele „Uku-Larry“ im Kofferraum seines bereits zerlegten Wagens entdecken, stellen sie ihm den wieder heil vors Haus.

Hinter dem Erfolg von Mr. Pickles steckt freilich auch das Versprechen der Unveränderlichkeit, denn geliebt wird die Kunstfigur gerade für ihre zeitlose Konstanz im Auftreten.

Kein Platz für Trauer

Für Jeff Piccirillo, den Mann hinter Mr. Pickles, ist dies allerdings ein fataler Zwang, denn sein Leben erfährt heftigste Veränderungen. Ein Jahr nach dem Unfalltod seines 13-jährigen Sohnes Phil hat er für seine Trauer noch immer keinen Ausdruck gefunden. Seine Frau hat ihn vor die Tür gesetzt, sein zweiter Sohn Will entwickelt sich zum Sorgenkind, das gegen die Eltern aufbegehrt und hinter der Schule Joints raucht. Piccirillos Wunsch, seinen Schmerz in „Mr. Pickles’ Puppet Time“ zum Thema zu machen und eine Folge über die Realität des Todes zu drehen, lehnt sein Vater und Produzent Seb jedoch rundweg ab: Außer traumatisierten Kindern würde daraus nur die Gefährdung eines florierenden Geschäftsimperiums resultieren.

Was die US-amerikanische Fernsehserie „Kidding“ schon in der ersten Folge etabliert, ist von konsequenter Düsternis und Melancholie: der tödliche Autounfall eines Kindes, ein zutiefst trauriger Clown, dem aus Imagegründen keine Tränen gestattet werden, zerrüttete Ehen und Vater-Sohn-Beziehungen.

Diese Ausgangslage dominiert auch die übrigen zehn Episoden der ersten Staffel, selbst wenn sich die Akzente dabei verschieben. Denn „Kidding“ ist nicht als leichter Spaß angelegt, sondern taucht in zwischenmenschliche Abgründe und ein Geflecht verletzter, nach einem Halt strampelnder Existenzen hinab.

Damit liegt die Serie auf einer Linie mit früheren Produktionen des Bezahlsenders Showtime, die unter dem Label „Comedy“ vermarktet wurden. In „Weeds“ (2005-12) verdingte sich eine Hausfrau nach dem Tod ihres Mannes als Drogendealerin, „Nurse Jackie“ (2009-15) drehte sich um eine tablettensüchtige Krankenschwester, „Taras Welten“ (2009-11) um eine Frau mit dissoziativer Identitätsstörung. In „The Big C“ (2010-13) steht eine krebskranke Familienmutter im Zentrum, die gegen ihr eingepferchtes Dasein rebelliert, in „Shameless“ (seit 2011) macht ein selbstgefälliger Alkoholiker mit krimineller Ader seinen sechs Kindern das Leben schwer.

Neben fordernden Rollen (unter anderem für Mary-Louise Parker, Edie Falco, Toni Colette, Laura Linney und William H. Macy) eint diese Serien vor allem ihr Wille zur existenziellen Verunsicherung, die dem Humor einen bitteren Beigeschmack verleiht. Der immer wieder erhobene Vorwurf, die Showtime-Comedy-Serien seien nie wirklich witzig, ist aus traditionellem Comedy-Verständnis heraus durchaus nachvollziehbar.

Jim Carrey glänzt mit schalkhaftem Irrwitz

Auch „Kidding“ nimmt keine Rücksicht auf das Bedürfnis nach unbeschwerter Unterhaltung. Die Lebenskrise von Jeff Piccirillo wird ungeschönt mit all ihren dramatischen Folgen dargestellt, was Jim Carrey die Gelegenheit zu einer eindrucksvollen Leistung bietet. In den Fernsehshow-Szenen kann er seine Vielseitigkeit beweisen, wobei mitunter auch jener schalkhafte Irrwitz aufblitzt, mit dem er als Komiker berühmt wurde. Mehr aber noch brilliert Carrey dort, wo er einen Entertainer vorführt, dem es nicht erlaubt ist, seine innere Zerrissenheit zu zeigen. Die kindhafte Art, mit der er sich an die Wärme und Unschuld seiner Fernsehsendung klammert und diese auf die Wirklichkeit zu übertragen versucht, auch wenn diese sich noch so ernüchternd präsentiert, verbindet diese Figur mit Carreys erfolgreichsten dramatischen Filmrollen in Die Truman Show oder Vergiss mein nicht!.

So wie in Vergiss mein nicht!der Protagonist die Erinnerung an eine unglücklich endende Liebesgeschichte löschen lässt, scheint auch Jeff nur die Fähigkeit zur Verdrängung aufrechtzuerhalten. Wie sich im Laufe der Serie andeutet, wäre „Mr. Pickles’ Puppet Time“ wohl nie entstanden, wenn Jeff sich als Junge nicht mit Puppen über die Trennung seiner Eltern hinweggetröstet hätte; diese psychologische Erklärung verliert ihre Trivialität dadurch, dass „Kidding“ die heilsamen Hoffnungen in Bezug auf die Kindershow auch auf Jeffs Vater und Schwester ausdehnt. Die mit einer aufmüpfigen Tochter und einem insgeheim schwulen Mann geschlagene Schwester Deirdre hat sich als Puppenmacherin verwirklicht, Seb ist trotz zynischer Sprüche ein leidenschaftlicher Konservator der heilen Welt der Sendung.

Empathische Studie über Trauerverarbeitung

Sebs ichbezogener Wunsch nach Trost erklärt auch die ziemlich aus der Zeit gefallene Haltung, Kindersendungen dürften keine „schweren“ Themen aufgreifen – dabei brachte die „Sesamstraße“ schon im Jahr 1982 den Zuschauern die Endlichkeit des Lebens nahe, und auch der populäre Moderator Fred Rogers erzählte in „Mr. Rogers’ Neighborhood“ (1968-2001) kindgerecht vom Tod.

Serienerfinder Dave Holstein hat sich bei der Gestaltung von „Mr. Pickles’ Puppet Time“ in etlichen Punkten von den vielgeliebten Pädagogikreihen inspirieren lassen. Der dennoch eigenständige Detailreichtum der Sendung sichert „Kidding“ inmitten der schwermütigen Grundstimmung jedoch immer wieder herzerwärmend liebenswerte Momente und zeugt vom beachtlichen Aufwand der Serie.

Dass der Regisseur Michel Gondry sechs der zehn Folgen inszeniert hat, ist angesichts seiner Vorliebe für ausgefeilte Fantasy-Elemente eine treffliche Wahl für die Puppenshow-Sequenzen; Gondry setzt aber auch Jeffs ziemlich morbide Obsession für den Tod effektvoll um. Die Verlorenheit und Distanz zum Rest der Welt, die Jeff im Alltag kennzeichnen, finden in extremen Untersichten und klaustrophobischen Räumen eine visuelle Entsprechung, die ebenso farbentsättigt sind wie die Kindersendung bonbonbunt.

Vor der Tristesse bewahrt „Kidding“ indes die humanistische Ausrichtung: Jeff sorgt sich auch im Stadium von Trauer und Selbstmitleid noch aufrichtig um andere. Das betrifft seine Noch-Ehefrau und seinen überlebenden Sohn ebenso wie die übrige Familie; selbst dem Unglücksfahrer greift er finanziell unter die Arme.

Eine Affäre beginnt Jeff schließlich ausgerechnet mit einer Krebspatientin, der die Ärzte nur noch wenige Wochen geben. Trotz alle Gegenbeweise glaubt er an die Alltagstauglichkeit der Botschaften seiner Sendung, und selbst wenn dies auch zu Ernüchterungen und Rückschlägen führt, bewirkt Jeffs Optimismus immer wieder handfeste Verbesserungen in seinem Leben wie auch in seinem Umfeld. So wird „Kidding“ zur empathischen Studie einer konstruktiven Trauerverarbeitung, die durch die Wahl eines begnadeten Entertainers als Protagonisten ihre Tragik vollkommen entfalten kann.

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