Verbündete Feinde

Drama | Frankreich/Belgien 2018 | 111 Minuten

Regie: David Oelhoffen

Zwei Männer, die einst beide in den Pariser Banlieues aufwuchsen und beste Freunde waren, haben komplett unterschiedliche Lebenswege beschritten: Der eine ist noch vor Ort und als Drogendealer Teil einer Bande, die die Gegend dominiert, der andere hat sich als Polizist von seinen Wurzeln gelöst. Als der Dealer auf dem Weg zu einem wichtigen Geschäft in einen brutalen Angriff gerät und nur mit knapper Not entkommt, lässt er sich notgedrungen auf die Zusammenarbeit mit seinem alten Freund ein, um herauszufinden, wer hinter dem Angriff steckt. Ein packender Gangsterfilm, der genaue Milieubeobachtung mit packender Action verbindet und von differenziert gezeichneten Figuren lebt, deren zwischenmenschliche Spannungen den Film genauso vorantreiben wie die Suche nach den Hintermännern des Attentats. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
FRÈRES ENNEMIS
Produktionsland
Frankreich/Belgien
Produktionsjahr
2018
Regie
David Oelhoffen
Buch
David Oelhoffen
Kamera
Guillaume Deffontaines
Schnitt
Anne-Sophie Bion
Darsteller
Matthias Schoenaerts (Manuel Marco) · Reda Kateb (Driss) · Adel Bencherif (Imrane Mogalia) · Sofiane Zermani (Fouad) · Sabrina Ouazani (Mounia)
Länge
111 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama | Thriller

David Oelhoffens Thriller um einen Cop und einen Gangster aus den Pariser Banlieues, die zusammen aufwuchsen und sich wieder zusammenraufen, um einen Mord aufzuklären

Diskussion

„Ich spreche kein Arabisch“, entgegnet Driss (Reda Kateb) einem hochgenommenen Drogendealer während einer dieser Razzien in der Banlieue von Paris. Driss ist leitender Polizist im Drogendezernat und alleinerziehender Vater einer Teenie-Tochter. Vor allem aber ist er selber Sohn von Eltern mit nordafrikanischen Wurzeln, die er mal nutzt, mal verleugnet, um dann wieder selbst verleugnet zu werden: Sein eigener Vater wechselt nur ein paar knappe Worte Arabisch mit Driss, bevor er schnell den Raum verlässt und sich der unwillkommene Sohn wieder zu gehen gezwungen sieht. Gemeinsam mit den Drogendealern Manuel (Matthias Schoenaerts) und Imrane (Adel Bencherif) ist Driss in einem der berüchtigten Hochhausnester der französischen Vorstädte aufgewachsen. Das einzige, was hier im grau-diesigen Licht aufwärts zeigt, sind die Gebäudefassaden; ansonsten droht den Jugendlichen ein Abwärtsstrudel aus Drogen, Kriminalität und Gewalt, gerne auch in dieser Abfolge.

Ein Cop und ein Gangster mit gemeinsamen Wurzeln

Wer kann, der zieht weit weg. Zum Beispiel in eines der schönen Altbauviertel, wo auch Manuel seinen kleinen Sohn mitsamt Ex-Freundin untergebracht hat. Leisten kann er sich das durch seine Geschäfte im Drogenkartell des mächtigen Raji. Der beherrscht die dicht beieinanderstehenden Wohnhaus-Blöcke, durch die Driss einst gespäht hat, um ein Stück vom Himmel zu sehen. Driss ist ausgestiegen – nur um auf der richtigen Seite des Gesetzes wieder einzusteigen: Durch seine alten Verbindungen ist er in der Lage, seine ehemaligen Freunde erst hochgehen und dann für sich arbeiten zu lassen. So auch Imrane, der eine einflussreiche Großfamilie ans Messer liefern soll. Doch die Reyes sind zögerlich. Driss macht Druck. Und plötzlich ist der zweifache Vater Imrane tot – erschossen auf dem Weg zur Drogenübergabe, direkt neben Manuel, dem ganz knapp die Flucht gelingt.

Es beginnt eine Doppelsuche nach den Tätern – zum einen durch die Mordkommission, die ohne Driss und Manuel im Dunkeln tappt, zum anderen durch Manuel selbst, der zum Jäger und Gejagten gleichzeitig wird. Im Viertel wird gemutmaßt, dass Manuel, der Franzose, Imrane, den Araber, auf dem Gewissen habe. Für den von Schuldgefühlen geplagten Driss hingegen wird Manuel zum Dreh- und Angelpunkt seiner ursprünglichen Ziele – Köder, Angel und Fisch zugleich. „Frères Ennemis“, feindliche Brüder, heißt der Film denn auch im Original. Und das ließe sich auch auf das Verhältnis von angestammten und arabischstämmigen Franzosen sagen, das hier aufgespannt wird. „Wo sonst hätte ich mit diesem Gesicht solche Chancen gehabt“, führt Driss einmal als Erklärung für seinen Seitenwechsel an.

Im Bauch der Banlieue

Das sind Wurzeln, von denen man sich schlecht losreißen kann und die mit dem bitteren Witz korrespondieren, den Raji auf der Willkommensfeier eines gerade aus dem Gefängnis entlassenen Handlangers erzählt. Zwei aus Nordafrika stammende Bittsteller treten in den Wettstreit, wobei nur derjenige von den Franzosen Geld zugesteckt bekommt, der behauptet, es für ein Rückfahrticket zurück nach Hause zu brauchen.

Dementsprechend fängt Kameramann Guillaume Deffontaines denn auch die Banlieue ein – dieses architektonische Mahnmal der Segregation, in das die unliebsamen Einwanderer ausquartiert werden: Wie ein kühl atmender, ganz eigener Organismus mit eigenen Spielregeln, der einen schnell ausspucken oder verschlingen kann, wenn man sich nicht an eben diese hält.

Zwei überragende Hauptdarsteller: Reda Kateb und Matthias Schoenaerts

Elegant und atmosphärisch dicht entspinnt Regisseur David Oelhoffen hier ein Beziehungsgeflecht, dessen erste Knoten bereits in der Kindheit geflochten wurden. Das ist vom Sujet her, man denke an Martin Scorseses „Departed – Unter Feinden“, nicht neu, wird aber von zwei der besten Charakterdarsteller getragen, mit denen das französischsprachige Kino gerade aufwarten kann: Ein innerlich zerrissener Reda Kateb („Django – Ein Leben für die Musik“) als Driss und dann der Belgier Matthias Schoenaerts (Der Geschmack von Rost und Knochen) als sein Partner und Gegenspieler Manuel, der seine „Softness“ als liebender Vater und Ex-Freund immer wieder durch die knallharte Hülle durchscheinen lässt.

Trefflich lässt Oelhoffen seine zwei Antagonisten in dieser auch sozialpolitisch aufgeladenen Inszenierung mit Spannung erzeugenden Leerstellen aufeinander zulaufen, sich abstoßen und dann doch immer wieder tangieren. Das ist ein persönliches und gesellschaftliches Gemisch, das immer kurz vor der Explosion zu stehen scheint – und, so schimmert es hintergründig immer wieder durch, auch in den Nachfolgegenerationen nicht zu destillieren sein wird.

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