Alles außer gewöhnlich

Drama | Frankreich 2019 | 115 Minuten

Regie: Eric Toledano

Der jüdische Leiter einer privaten Hilfseinrichtung für autistische Menschen im Großraum Paris kümmert sich wenig um Regeln und Vorschriften, wenn es darum geht, seinen Schützlingen mehr Handlungsfreiheit zu ermöglichen. Deshalb kooperiert er auch mit einem ähnlich unkonventionellen Projekt eines Muslims, der sich um sozial auffällige Jugendliche kümmert. Die mit dezentem Humor und einer großen Leichtigkeit inszenierte Dramödie stützt sich auf reale Vorbilder und eine mehrjährige Beobachtung des Alltags in der Einrichtung des Vereins „Le Silence de Justes“. Auf spielerische und höchst unterhaltsame Weise trägt der Film zum Abbau von Berührungsängsten bei und leistet insbesondere viel für das Verständnis von Autismus. - Sehenswert ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
HORS NORMES
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Eric Toledano · Olivier Nakache
Buch
Eric Toledano · Olivier Nakache
Kamera
Antoine Sanier
Musik
Grandbrothers
Schnitt
Dorian Rigal-Ansous
Darsteller
Vincent Cassel (Bruno) · Reda Kateb (Malik) · Hélène Vincent (Hélène) · Bryan Mialoundama (Dylan) · Alban Ivanov (Menahem)
Länge
115 Minuten
Kinostart
05.12.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 12.
Genre
Drama | Komödie

Heimkino

Verleih DVD
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Dramödie um den jüdischen Leiter einer Hilfseinrichtung für autistische Menschen im Großraum Paris, der sich unkonventionell über Regeln und Vorschriften hinwegsetzt, wenn er seinen Schützlingen ein klein wenig mehr Handlungsfreiheit ermöglichen kann.

Diskussion

Eine junge Frau rennt durch die Straßen, als ob es um ihr Leben ginge. Ohne den schmerzverzerrten Blick vom Boden zu heben, kollidiert sie ungestüm mit ihrer Umgebung. Ein Fahrradfahrer bremst und stürzt, ohne dass die Flüchtende davon auch nur Notiz nehmen würde. Ihr blinder Lauf endet abrupt in den Armen des Sozialarbeiters Malik (Reda Kateb), dessen fester Griff sie vor ihren eigenen Gefühlen zu schützen versucht. Denn wie viele andere vom Autismus Betroffene ist Emilie (Suzanne-Marie Gabriell) der Offenheit ihrer eigenen Wahrnehmung hilflos ausgeliefert. Wo die meisten anderen Menschen die Vielzahl sinnlicher Eindrücke filtern und ausblenden, sehen sich Autisten Umweltreizen oft extrem stark ausgesetzt. Eine Überforderung, die zu gewalttätigen Reaktionen führen kann, wenn man ihre besondere Sensibilität missversteht.

„Le Silence de Justes“

Bereits in „Ziemlich beste Freunde“ (2011) haben sich die Regisseure Éric Toledano und Olivier Nakache für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen starkgemacht, indem sie ihnen mit Humor und ohne falsches Mitleid begegneten. Die Adaption der wahren Geschichte des vom Hals abwärts gelähmten Philippe und seines auf Bewährung entlassenen Pflegers Driss rührte das Publikum und sorgte weltweit für Neuverfilmungen.

„Alles außer gewöhnlich“ nimmt sich nicht ohne Grund eines ähnlichen Sujets an, denn Toledano ist selbst Angehöriger eines vom Autismus Betroffenen und plante schon lange ein Filmprojekt, das auf einer persönlichen Begegnung beruht. Im Jahr 1994 gab Toledano sein Familienmitglied in eine unkonventionelle Ferienbetreuung für besonders schwere Fälle von Autismus und ist Stéphane Benhamou, dem Gründer des Vereins „Le Silence de Justes“, bis heute freundschaftlich verbunden.

Gemeinsam mit seinem Co-Regisseur Olivier Nakache drehte er bereits einen Imagefilm und eine Canal+-Dokumentation über Benhamous außergewöhnliche Arbeit. Die Entscheidung, einen abendfüllenden Spielfilm zu realisieren, entstand dann aber erst aus der Dringlichkeit, dass dem Verein die Schließung durch die Behörden drohte.

Unerwartete Gemeinsamkeiten

Die Fiktionalisierungen in „Alles außer gewöhnlich“ basieren auf teilnehmender Beobachtung des Alltags im Verein, die sich über zwei Jahre hinzog. Aus Stéphane Benhamou wird Bruno, der von einem kaum wiederzuerkennenden Vincent Cassel mit erstaunlicher Feinsinnigkeit verkörpert wird. An seiner Seite spielt Reda Kateb den sensiblen Betreuer Malik, der an der gesellschaftlichen Reintegration von Jugendlichen aus sozial schwierigen Problemvierteln der Stadt arbeitet. Malik bildet sie für die Arbeit in Pflegeberufen aus und bringt sie mit autistischen Menschen aus Brunos Verein zusammen; Maliks Pendant in der realen Welt heißt Daoud Tatou.

Die ungewöhnliche Konstellation Autisten/schwierige Jugendliche ruft die skeptische Gesundheitsbehörde auf den Plan. Doch die gemeinsamen Begegnungen entfalten ein erstaunliches Potenzial. Da ist zum Beispiel der autistische Junge Valentin (Marco Locatelli). Er kann nicht sprechen und muss zum eigenen Schutz einen Helm tragen, weil er bei Überforderungen seinen Kopf rücksichtslos gegen Wände, Gitter oder Scheiben schlägt. Doch als ihn der introvertierte Dylan (Bryan Mialoundama) bei gemeinsamen Ausflügen begleitet, ist Valentin sichtlich berührt, auch wenn er noch keine Erfahrung mit Behinderungen hat. Aber er weiß, wie es sich anfühlt, wenn sich niemand zuständig fühlt und man an den Rand der Gesellschaft geschoben wird.

Wie viele andere Jugendliche aus den Banlieues hat Dylan üble Gewalt erfahren und ist durch alle disziplinarischen Maßnahmen des Staates gerauscht. Er spürt die Verwundbarkeit hinter Valentins unkontrollierter Aggression. Anstatt sich wie die meisten davor zu fürchten, möchte er verstehen, wie sich der Junge fühlt. Durch die Verantwortung, die er für Valentin übernimmt, findet er auch einen Bezug zu den eigenen Verletzungen.

Inklusion braucht Verständnis

Für den Autisten Joseph (Benjamin Lesieur) ist die Lage nicht leichter, obwohl er sprechen kann und ein offenes Wesen hat. Er liegt Bruno besonders am Herzen, da er zu den ersten gehörte, die er betreut hat, und dessen Fortschritte Grund zur Hoffnung geben. Joseph schlägt nicht mehr um sich, sondern hat gelernt, seine Gefühle zu verbalisieren. Die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist allerdings noch immer eine Herausforderung, da ihn auf der Brücke der Zwang überkommt, die Notbremse zu ziehen. Bruno eilt dann schnell zur Hilfe, doch die Bahnbeamten haben kein Verständnis für die Situation. Auch das unbezahlte Praktikum bei einer Firma, die Waschmaschinen repariert, entwickelt sich für Joseph schwierig, da die Mitarbeiter mit seinen besonderen Bedürfnissen nicht umgehen können. Dabei kennt er sich wie kaum ein anderer mit der Technik der alten Maschinen aus; in seiner Freizeit schaut Joseph am liebsten Werbefilme über die Einführung der Geräte.

Neben den beiden bewegenden Geschichten der autistischen Jungen Valentin und Joseph wirft „Alles außer gewöhnlich“ auch einen Blick auf die Dynamiken der Organisation, die von Bruno und Malik getragen werden. Deutlich wird dabei, dass es für die Sozialarbeiter keinen Feierabend gibt und eine Trennung zwischen Beruf und Privatleben fast unmöglich ist. Mit erstaunlicher Beiläufigkeit enthüllt der Film überdies, dass Bruno jüdisch und sein Freund und Kollege Malik Muslim ist. In der Wohngemeinschaft für die autistischen Jugendlichen kreuzen sich mit großer Selbstverständlichkeit unterschiedliche kulturelle Zusammenhänge. Ihre Identitäten treten jedoch vor dem menschlichen Leid zurück, das sie gemeinsam lindern wollen.

Autismus hat viele unerforschte Facetten

Das ist ein Setting, das Toledano und Nakache in fast allen ihren Filmen aufgreifen, um die sozialen und kulturellen Differenzen dann zugunsten eines empathischen Miteinanders aufzulösen. Dass das unwahrscheinliche Zusammentreffen der Protagonisten in „Alles außer gewöhnlich“ auf wahren Begebenheiten basiert, zeigt, dass sehr viel mehr möglich ist, als man den betroffenen Menschen in der Regel zutraut.

Auch für das Verständnis von Autismus leistet der Film einen großen Beitrag, besteht das gesellschaftliche Bild doch noch immer hauptsächlich aus Figuren wie dem sonderbaren Genie in Barry Levinsons „Rain Man“.

Erst vor kurzem wurde die medizinische Definition des Autismus dahingehend revidiert, ihn als „Spektrum“ aufzufassen. Auch dies thematisiert „Alles außer gewöhnlich“ in mehrfacher Hinsicht: Man erkennt durchaus graduelle Unterschiede in der Schwere der autistischen Symptome; der Film zeigt aber auch ihre sukzessive Veränderbarkeit durch einen respektvollen und sensiblen Umgang mit den Betroffenen. Viele ihrer Schwierigkeiten und Nöte entstehen ja erst, weil die Mitmenschen ihnen nicht empathisch begegnen.

Die Dringlichkeit, mit der Toledano und Nakache die Arbeit des Vereins in Szene setzen, ist Plädoyer dafür, diese Arbeit endlich anzuerkennen und von staatlicher Seite für mehr Sicherheit und Unterstützung zu sorgen. Die Überforderung durch Personalmangel, aber auch der Kampf um jeden verfügbaren Platz wirkt stellenweise fast wie ein Thriller mit realistischer Qualität. Dazu kommt noch die Auseinandersetzung mit zwei Inspekteuren der Gesundheitsbehörde, die gegen Bruno ermitteln, um seinem Verein Unprofessionalität und Fahrlässigkeit nachzuweisen.

Autistische Schauspieler

„Alles außer gewöhnlich“ ist ein sehr viel ernsthafterer Film als Komödien wie „Heute bin ich Samba“ oder „Das Leben ist ein Fest“. Dennoch gelingt es Toledano und Nakache erneut, mit dezentem Humor eine große Leichtigkeit in die herausfordernden Situationen zu tragen. Gerade bei schweren Behinderungen wird oft schlicht weggesehen und von staatlicher Seite aus sogar weggeschlossen, wie der Film in eindringlicher Weise zeigt.

„Alle außer gewöhnlich“ gelingt es hingegen auf spielerische Weise und in vielerlei Hinsicht, Berührungsängste abzubauen. Dazu gehört auch, dass einige Autisten als Schauspieler im Film mitwirken, darunter Benjamin Lesieur. Obwohl seine Eltern der Ansicht waren, dass die Dreharbeiten für ihn kaum zu bewältigen sein würden, war das Gegenteil der Fall. In einer der berührendsten Szenen sieht man Lesieur bei einer Tanzaufführung in seine Ausdrucksbewegungen versunken, aber zugleich sichtlich auf das ihn umgebende Ensemble konzentriert. Man erlebt einen Jungen, an den niemand glaubte, der jetzt aber für den Preis des besten französischen Nachwuchsdarstellers vorgeschlagen ist.

Es sind diese fast dokumentarischen Bezüge, die „Alles außer gewöhnlich“ über allen erzählerischen und filmästhetischen Qualitäten hinaus zu einem echten Ausnahmefilm machen.

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