Dispatches From Elsewhere

Science-Fiction | USA 2020 | 410 (10 Folgen) Minuten

Regie: Michael Trim

Vier Menschen, zwei Männer und zwei Frauen, haben aus unterschiedlichen Gründen das Gefühl, dass etwas in ihrem Leben fehlt, ohne genau definieren zu können, was das ist. Zufälle bringen alle Vier in Kontakt mit einem rätselhaften Institut und der sogenannten "Elsewhere Society" und mitten hinein in ein undurchschaubares Spiel zwischen Sein und Schein auf der Suche nach einer angeblichen Renegatin, das sie bald aus ihrem grauen Alltag hinaus in ungeahnte Dimensionen führt. Eine bildgewaltige, vielschichtige Mystery-Serie rund um ein liebenswert-lakonisches Antihelden-Gespann, die rund um die Suche nach Erfüllung und Lebenssinn einen reichen erzählerischen Kosmos an surrealen Bildwelten entfaltet und nonchalant zwischen Thrill, Humor und Romantik changiert. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
DISPATCHES FROM ELSEWHERE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Michael Trim · Keith Gordon · Alethea Jones · Ariel Kleiman · Charlie McDowell
Buch
Jason Segel · Spencer McCall · Jeff Hull
Kamera
D.J. Stipsen · Glenn Brown · Jakob Ihre
Schnitt
Peter CabadaHagan · Jennifer Van Goethem · Laura Zempel · Isaac Hagy
Darsteller
Jason Segel (Peter) · Eve Lindley (Simone) · André Benjamin (Fredwynn) · Sally Field (Janice) · Richard E. Grant (Octavio)
Länge
410 (10 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Science-Fiction | Serie

Eine vielschichtige, bildgewaltige Serie von und mit Comedy-Star Jason Segel um vier Menschen, die in Kontakt mit einem mysteriösen Institut und dadurch in ein undurchschaubares Spiel zwischen Realität und Schein geraten.

Diskussion

Obwohl er sich für Musik eigentlich gar nicht interessiert, arbeitet Peter (Jason Segel) als Datenanalyst für einen internationalen Musikstreaming-Anbieter. Mit bürokratischer Routine pflegt er dort die Algorithmen, mit denen für die Kunden neue Playlisten erstellt werden. Peter ist Anfang vierzig, mitten im Leben – und also mitten in der Krise. Allerdings dauert die bei ihm schon etwas länger. Im Grunde hatte er nie das Gefühl, wirklich dazuzugehören. Die Vorstellung deprimiert ihn, vollkommen austauschbar und unbedeutend zu sein.

Dann aber kommt er eines Tages auf dem Weg zur Arbeit an einer Reihe geheimnisvoller Flyer vorbei. In der Hoffnung, dass dies vielleicht der Anfang von etwas Neuem, Aufregendem sein könnte, wählt er die Nummer, die darauf abgedruckt ist. Wenig später sitzt er in den Räumen des „Jejune Instituts“ und bricht nach einer Videobotschaft, die ihm suggeriert, er sei etwas ganz Besonderes, ein Auserwählter, ein „special one“, in Tränen aus. Als er nach einem Stapel Karteikarten greift, die er ausfüllen soll, entdeckt er eine in dicken Lettern geschriebene Warnung. Er sei in Gefahr, steht dort, und er müsse fliehen. Sofort! Jetzt!

„How I Met Your Mother“-Star Jason Segel macht aus einem realen Stoff etwas ganz Eigenes

So könnte ein Mystery-Thriller anfangen. Ein einfacher Mann findet sich plötzlich im Zentrum einer globalen Verschwörung wieder. Oder ist vielleicht doch alles nur ein Spiel? So wie einst bei David Fincher und Michael Douglas in The Game? Das Jejune Institut gab es wirklich. Als reale Illusion. Es war Teil eines von Jeff Hull, einem Street-Art-Künstler aus Oakland, entwickelten Alternate-Reality-Games, das 2011 in San Francisco für einiges Aufsehen gesorgt hat und dem Spencer McCall 2013 den Dokumentarfilm „The Institute“ widmete. Jason Segel, der identitätskrisenerprobte „How I Met Your Mother“-Star und „Man or Muppet”-Sänger, ließ sich für die von ihm konzipierte Fernsehserie davon inspirieren. Mehr nicht. Seine Serie erzählt nicht einfach nur die damaligen Geschehnisse nach oder bastelt einen spannenden Plot daraus. Sie verwandelt sie in etwas Anderes. „Dispatches from Elsewhere“ ist zwar eine Mystery-Serie. Das allerdings eher nebenbei.

Es beginnt mit einem Gesicht. Ein Gesicht, das in die Kamera blickt. Reglos. Das Gesicht eines Mannes. In Großaufnahme. Tonlos. Letztlich nur ein paar Sekunden. Aber doch lange genug, um daheim vor dem Fernseher zwischendurch einen fragenden Blick auf die Pausetaste der Fernbedienung werfen zu können. Es ist das Gesicht des britischen Schauspielers Richard E. Grant, der, wie sich später herausstellt, Octavio Coleman, Esq. verkörpert, den charismatisch-undurchschaubaren Leiter des rätselhaften Jejune Instituts.

Nach diesem außergewöhnlichen Einstieg „schenkt“ Octavio dem Fernsehpublikum knapp zwanzig Minuten Lebenszeit, indem er die sonst in Serien übliche Standardeinführung des Protagonisten auf zwei Minuten verkürzt: „Stellt euch vor, ihr wärt Peter.“ Das sähe dann so aus: Standardklingelton auf dem iPhone, unterwegs zur Arbeit Blickkontakt vermeiden, nach der Arbeit immer im selben Laden immer das gleiche Essen kaufen, allein leben. Eine Tragödie in ihrer heimtückischsten, weil beiläufigsten Form: ein Leben voller Monotonie, „ohne Risiken, ohne echten Schmerz“. So jedenfalls beschreibt das Octavio in seiner Rolle als Erzähler.

Ein Quartett lässt sich auf ein undurchschaubares Spiel ein

Und so ähnlich präsentiert er in den weiteren Folgen dann auch Peters Mitstreiter. Simone, eine junge lebensfrohe Transfrau, die insgeheim mit sich hadert, sich nicht traut, Nähe zuzulassen oder gar eine Beziehung einzugehen. Janice, die glaubt, ihr Leben schon hinter sich zu haben, seit ihr erwachsener Sohn weggezogen und ihr geliebter Mann ein Pflegefall geworden ist. Und schließlich den unsagbar reichen und intelligenten Fredwynn, der meint, alles allein schaffen zu können und zu müssen und dabei alle, die sich für ihn interessieren könnten, vor den Kopf stößt.

Zu viert befinden sie sich auf der Flucht vor dem Jejune Institut und damit mitten im Spiel. Ihre Anweisungen erhalten sie von der ominösen „Elsewhere Society“. Das erste Mal begegnen sich die vier inmitten hunderter Mitspieler in einem Park, in dem die Teams mit Hilfe obskurer Devices in Form von Tischtennisschlägern zueinander finden. Aufgabe der nicht nur in Bezug auf Alter, Gender und Ethnie bunt gemischten und dennoch harmonischen Truppe ist es, eine junge Renegatin namens Clara zu finden.

Erinnerungen an „Twin Peaks“ werden wach

Die Frage „wo ist Clara?“ bestimmt eine ganze Zeit lang die Dramaturgie der Serie. Im Kern aber geht es darum genauso wenig, wie es in „Twin Peaks“ darum ging, den Mörder von Laura Palmer zu überführen. „Dispatches from Elsewhere“ erinnert in vielem an David Lynchs Kultserie: ein von schrägen Typen und wunderlichen Gestalten bevölkerter, bizarr-mysteriöser Parallelkosmos mit magischer Strahlkraft und von überwältigender Poesie. Ein mutiges, wider die Wahrscheinlichkeiten des Marktes entwickeltes Serien-Kunstwerk voller Experimentierlust.

Surreal opulente Bilderwelten im Stile von Terry Gilliam („Brazil“), Jean-Claude Lauzon („Léolo“) oder Jean-Pierre Jeunet & Marc Caro („Delicatessen“) vermischen sich in der Serie des US-Senders AMC mit Cartoons, Monty-Python-Humor, „Amélie-Romantik, Mystery-Thrill und am Ende mit Anspielungen an Jason Segels persönliche Biografie, seinen Auftritt im Muppets-Film, seine Alkoholprobleme.

„Göttliche Nonchalance“ lautet das Mantra

So gewagt, wild und herausfordernd das alles klingen mag, gerät es erstaunlicherweise nie anstrengend. „Göttliche Nonchalance“ lautet das Mantra, um das die Elsewhere Society eine fantasievoll skurrile Lebensphilosophie spinnt. Was genau darunter zu verstehen ist, wird nie geklärt. Aber vermutlich kommt die Art und Weise, wie Jason Segel, Andre Benjamin, die zweifache „Oscar“-Preisträgerin Sally Field und Eve Lindley ihre Figuren interpretieren, dem schon recht nahe. Jeder einzelne dieser Charaktere wäre in der Lage, eine ganze Serie allein zu tragen. Trotz ihrer gewaltigen Präsenz stehen sich die Figuren aber nie im Weg, wenn sie gemeinsam agieren. Vielmehr ergänzen sie sich zu einem liebenswert-lakonischen, melancholisch-heiteren Antiheldengespann.

Wundervoll ist auch, wie unaufgeregt Segel in der Serie Simones Transsexualität einführt, en passant, als Facette einer schillernden, faszinierenden Persönlichkeit. Transfrau Eve Lindley spielt das mit, man kann es kaum besser formulieren, göttlicher Nonchalance. Leider geht mit der Synchronisation, bei der Lindleys zärtlich-raues Timbre durch die eher klassisch-weibliche Stimme von Anja Stadlober ersetzt wird, einiges vom fragilen, kecken Charme Simones verloren.

Mäandern zwischen den Genres

Trotzdem verzaubert „Dispatches from Elsewhere“ auch in der deutschen Fassung als romantische Boy-meets-girl-Story. Unter anderem. Neun Folgen lang mäandriert die Serie zwischen den Genres, enigmatischen Symbolwelten und Deutungsebenen hindurch, bis sie in der Abschlussfolge etwas versucht, was David Lynch in „Twin Peaks“ konsequent vermied: die losen Fäden zu verknüpfen. Schon preisgekrönte Mammutserien wie J.J. Abrams‘ „Lost“ sind daran grandios gescheitert. Auch „Dispatches from Elsewhere“ gelingt die Quadratur des Kreises, die Magie des Rätsels in dessen Auflösung zu retten, nur ansatzweise. Das Enttäuschendste an diesem Ende aber ist, dass es viel zu früh kommt.

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