Little Fires Everywhere

Drama | USA 2020 | Minuten

Regie: Lynn Shelton

Eine sich sozial engagiert und großherzig gebende Journalistin nimmt eine frisch in die Kleinstadt in Ohio gezogene alleinerziehende Mutter und ihre Tochter unter ihre Fittiche. Doch die schwarze Künstlerin aus New York scheint Geheimnisse aus der Vergangenheit zu verbergen, was den investigativen Instinktder vereinnahmenden Frau anstachelt. Doch auch unter der Oberfläche der vermeintlichen Bilderbuchfamilie brodelt es. Die Miniserie bündelt die Bigotterie der US-amerikanischen Gesellschaft mit ihrer von latenten Vorurteilen durchsetzten Großherzigkeit wie unter einem Brennglas. Ein fesselndes, in seiner Figurenzeichnung nicht durchgängig überzeugendes, aber formal gewinnendes Sittenbild der 1980er- und 1990er-Jahre. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LITTLE FIRES EVERYWHERE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Lynn Shelton · Nzingha Stewart · Michael Weaver
Buch
Liz Tigelaar · Harris Danow · Rosa Handelman · Shannon Houston · Attica Locke
Kamera
Trevor Forrest · Jeffrey Waldron
Musik
Mark Isham · Isabella Summers
Schnitt
Tyler L. Cook · Amelia Allwarden · Phyllis Housen
Darsteller
Reese Witherspoon (Elena Richardson) · Kerry Washington (Mia Warren) · Lexi Underwood (Pearl Warren) · Joshua Jackson (Bill Richardson) · Rosemarie DeWitt (Linda McCullough)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung | Serie

Miniserie über eine alleinerziehende Künstlerin und ihre Tochter, die in eine Kleinstadt nach Ohio zieht und unter die Fittiche einer überambitionierten Journalistin und deren Bilderbuchfamilie gerät.

Diskussion

Wer hat das Haus der Richardsons angezündet? Tatsächlich ist das Anwesen, das im Vorspann so wunderbar flackert, nur ein McGuffin. Die kleinen Feuer lodern woanders. In den Körpern und Seelen von Mia Warren (Kerry Washington), von Elena Richardson (Reese Witherspoon) und ihren insgesamt fünf Kindern. Die kleinen Feuer brennen stetig und breiten sich aus. Schon seit den frühen 1980er-Jahren, in denen Elena und Mia noch grundverschiedenen Lebensentwürfen nachgingen. Die eine in New York als Kunststudentin, mit viel Talent, wenig Geld und noch weniger Chancen – als Frau, und als Schwarze zumal. Die andere in den Suburbs als ambitionierte Journalistin aus gutem Hause, mit einem strikten Lebensplan, der durch vier Kinder und einen treusorgenden Mann nur peripher tangiert scheint.

Als Mia in den 1990er-Jahren mit ihrer Tochter Pearl nach Shaker Heights in Ohio kommt, ist sie auf der Flucht. Diese Flucht währt schon so lange, dass sie Alltag geworden ist. Sie schiebt diese Rastlosigkeit auf ihr Leben als Künstlerin. Doch es gibt noch etwas anderes in ihrer Vergangenheit, das sie nie lange an einem Ort verweilen lässt – ganz zum Leidwesen ihrer Teenager-Tochter, die sich nach einem Anker, nach Freunden und einem Zuhause sehnt.

Aufeinanderprallende Lebenskonzepte

Doch als Mia in den Radius von Elena gerät, wird alles anders. Die Hausfrau, Mutter und Journalistin hat die ganze Kleinstadt Shaker Heights fest im Griff. Ihre Absicht, alles unter Kontrolle zu haben, ist bislang gut aufgegangen. Wer braucht schon New York, wenn man gefühlt ganz Ohio hat! Es dauert deshalb nicht lange, bis Elena auch Mia okkupiert. Die Künstlerin darf in ihrem Zweifamilienmietshaus für wenig Geld leben, darf sich künstlerisch verwirklichen, bekommt sogar Nebenjobs im Anwesen der Richardsons – und Pearl erfährt erstmals, wie es ist, Familienanschluss zu finden. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt.

Doch während Pearl sich den Richardsons nähert, geht Mia zunehmend auf Distanz. Ihr ist das Lebenskonzept von Elena suspekt; zumal diese als Journalistin Recherchen über jene Frau anstellt, die so unvermittelt in Shaker Heights aufgetaucht ist.

Feuer lodern überall. Das sind ideale Randbedingungen für eine spannende Serie, die Liz Tigelaar nach dem gleichnamigen Bestseller von Celeste Ng konzipiert hat. Acht Episoden werden mühelos durch die mehr oder minder erfolgreichen Löscharbeiten gefüllt, die sämtliche Protagonisten an ihre Grenzen bringen – und darüber hinaus. Einmal mehr eine Paraderolle für Reese Witherspoon, die nach einer fulminanten Kinokarriere zunehmend die Miniserie für sich entdeckt. „Big Little Lies“, „The Morning Show“ und nun „Little Fires Everywhere“ – wer braucht da noch das Kino? Vielleicht in der Tat: Reese Witherspoon! So souverän sie sich als Elena hier wieder schlägt, täten ihr doch Rollen wie in „Wild“ oder „Inherent Vice“ gut, um dem Typecasting der erfolgreichen „White Society Bitch“ auf Dauer entgegenzuwirken.

Über die Widersprüchlichkeiten der US-Seele

Die Rolle der Elena Richardson ist keine dankbare Aufgabe. Der Figur werden keine großen Geheimnisse zugestanden, nur die allernötigsten Brüche, die den Charakter eher limitieren und von den ersten bis zu den letzten Minuten als „good to hate“ definieren. Auch die mannigfaltigen Nebenrollen stehen alle im Schatten des eigentlichen Zentrums der Serie: Mia Warren. Ihre Geheimnisse sind es, die über die acht Folgen tragen. Ihr billigen die Drehbuchautorinnen das zu, was eine erfolgreiche und hochwertige Serie ausmacht: ein außergewöhnliches Leben, in dem die „Heldin“ oft Verwundungen davonträgt, aber nie ganz fällt.

Dramaturgisch ist es gefährlich, sich derart auf eine einzige Figur zu verlassen, zumal das Potenzial der anderen dadurch verschenkt wird oder sie im Extremfall sogar zur Staffage degradiert werden. Dennoch ist die Tragödie um Mia derart stark, dass die Serie nicht zerbricht. So vorhersehbar auch all die anderen Figuren sein mögen, folgt man ihren Zündeleien dennoch gerne, weil neben den Akteuren auch die erzählerische Form stimmt.

Großartig ist der in US-amerikanischen Mini-Serien so immens wichtige Zusammenklang zwischen Songs (hier mitunter neuinterpretierte moderne Pop- & Soul-Klassiker) und der Stimmung, die sie untermalen. Es wird viel geweint in „Little Fires Everywhere“, und die damit verbundenen Gefühle kommen beim Publikum vor allem dann an, wenn die Musik spielt und die Bilder ohne Worte auskommen.

Die Probleme von damals sind aktueller denn je

An das fein ziselierte Lügengespinst und die gefeilte Dramaturgie aus „Big Little Lies“ reicht „Little Fires Everywhere“ zwar nicht heran. Dennoch erfährt mal viel vom Widersinn der einerseits latent rassistischen und doch so offenherzigen US-amerikanischen Seele. Man kann nachempfinden, wie es ist, Tochter einer Mutter zu sein, der man nicht genügen kann – oder will. Das alles in einer Zeit, als Telefone noch an Kabeln in Autos steckten. Die Probleme, die es damals gab, sind aktueller denn je!

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