Der Zauberer von Oz (1925)

Komödie | USA 1925 | 98 Minuten

Regie: Larry Semon

Eine Stummfilm-Adaption des Kinderbuchklassikers durch den Komiker Larry Semon: Im fantastischen Land Oz hat eine Reihe von Schurken das Sagen. Rechtmäßige Herrscherin ist, ohne es zu wissen, die junge Dorothy. Diese lebt auf der Farm ihres Onkels in Kansas, wo es ziemlich turbulent hergeht, und soll an ihrem 18. Geburtstag einen Brief bekommen, der ihren Thronanspruch bestätigt. Doch die Schurken versuchen alles, um das zu verhindern. Obwohl sie die eigentliche Hauptfigur des Stoffs ist, tritt Dorothy hinter die von Larry Semon selbst gespielten Figuren der Vogelscheuche, eines Farmarbeiters und des Erzählers in einer Rahmenhandlung zurück; im Zentrum stehen auf Semon zugeschnittene Slapstick-Szenen. Dabei erinnern manche der visuellen Gags an die gewagten Stunts eines Buster Keaton, auch wenn durch ihre Fülle die Buchadaption insgesamt dramaturgisch unausgewogen wirkt. - Ab 6.

Filmdaten

Originaltitel
THE WIZARD OF OZ
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
1925
Regie
Larry Semon
Buch
Larry Semon · Leon Lee
Kamera
Frank B. Good · Hans F. Koenekamp · Leonard Smith
Schnitt
Sam Zimbalist
Darsteller
Larry Semon (Spielzeugmacher/Farmarbeiter/Vogelscheuche) · Dorothy Dwan (Dorothy) · Oliver Hardy (Farmarbeiter/Ritter/Waldmann) · Mary Carr (Tante Em) · Josef Swickard (Kruel)
Länge
98 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0
Pädagogisches Urteil
- Ab 6.
Genre
Komödie | Literaturverfilmung | Stummfilm

Heimkino

Verleih DVD
Studio Hamburg
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Eine Stummfilm-Adaption des Kinderbuchklassikers durch den Komiker Larry Semon, in dem die Geschichte des Mädchens Dorothy, das ins Wunderland Oz reist, hinter den Slapsticknummern zurücktritt.

Diskussion

Beim „Zauberer von Oz“ denkt man gleich an Victor Flemings Filmfassung von 1939, an Judy Garland und ihre Darbietung von „Somewhere Over The Rainbow, an „The Yellow Brick Road“ und die wundervolle Filmmusik von Herbert Stothart. Die Lieder von Harold Arlen und E.Y. Harburg boten Gelegenheit für Aufregung und Spektakel, aber auch für Anrührendes und Komisches. Das ist bezaubernde Unterhaltung, heute noch so frisch wie vor 80 Jahren. Der Film beruht auf dem gleichnamigen Buch von L. Frank Baum (1856-1919), das zum Kulturgut der US-amerikanischen Nation gehört. Doch Victors Fleming Adaption ist nicht die erste Leinwandfassung. Bereits 1925 hatte der Komiker Larry Semon (1889-1928) einen Stummfilm über das Land Oz gedreht.

In einer Rahmenhandlung liest ein alter Spielzeugmacher, dargestellt vom Regisseur, seiner Enkelin aus L. Frank Baums Buch vor. So lernt der Zuschauer zunächst das Land Oz kennen, das von einer Reihe böser Despoten regiert wird. Da ist der Premierminister Kruel (nomen est omen), sein Botschafter Wikked, Lady Vishuss und der gemeine Zauberer, der das unzufriedene Volk mit seinen Tricks bei Laune hält. Kruel ist zu Unrecht an der Macht. Die eigentliche Thronfolgerin ist Dorothy, die allerdings nichtsahnend bei ihrem Onkel Henry auf einer Farm in Kansas lebt. Hier machen ihr zwei Gehilfen, dargestellt vom jungen Oliver Hardy und erneut Larry Semon, den Hof.

In der Folge geht es um einen alten Brief, der Dorothy an ihrem 18. Geburtstag ausgehändigt werden soll und ihren Anspruch auf den Thron bestätigt. Kruels finstere Vasallen wollen die Übergabe des Briefes verhindern und machen Jagd auf das Mädchen und seine Freunde. Bei einem heftigen Sturm erhebt sich die Hütte, in die sie sich geflüchtet haben, in die Luft und landet nach einigen Turbulenzen in Oz. Gemeinsam mit den bekannten Figuren des Zinnmanns, der Vogelscheuche und des Löwen muss sie sich dort gegen Kruels Machenschaften wehren

Larry Semon macht sich selbst zur Hauptfigur

Larry Semon war in den 1920er-Jahren einer der höchstbezahlten Komiker Hollywoods und so populär wie Buster Keaton, Charlie Chaplin oder Harold Lloyd. Die Geschichten seiner Kurzfilme waren zumeist um visuelle Gags und schnelle Verfolgungsjagden herum angelegt, seine Leinwandfiguren blasse Dummköpfe mit doofem Grinsen und übergroßen Hosen. In „Der Zauberer von Oz“ spielt Semon auch die Vogelscheuche, ist also gleich in einer Dreifachrolle präsent, womit sich der Fokus von Dorothy merklich auf den Komiker verschiebt. Das bedeutet: Hier steht der Slapstick im Vordergrund!

Einmal stopft sich Semon in einer Scheune von oben herunterfallende Hühnereier in die Po-Taschen – bis ihm Onkel Henry ordentlich in den Hintern tritt und aus den Hosenbeinen Küken schlüpfen. Ein anderes Mal lenkt er die Aufmerksamkeit eines Bienenschwarms auf sich, den er trickreich an andere weiterleitet – bis sich Onkel Henry der Bienen nur durch einen beherzten Sprung in eine große Pfütze entledigen kann. Manche Szenen erinnern auch an die gewagten Stunts eines Buster Keaton, etwa wenn Semon von einem hohen Silo springt, um der Wut seines Nebenbuhlers (Oliver Hardy hier noch vor seiner Zusammenarbeit mit Stan Laurel) zu entgehen. Der Sturm hingegen, der die Hütte nach Oz bringt, könnte Buster Keaton zu seiner Zyklon-Sequenz aus „Steamboat Bill jr.“ von 1928 inspiriert haben.

Die Vorlage tritt hinter dem Slapstick zurück

Diese visuellen Attraktionen sind für sich genommen aufregend und trickreich inszeniert, nehmen der ursprünglichen Geschichte aber viel von ihrem Charme. Semon hat die Vorlage zum großen Teil verändert, um sich auch in der zweiten, in Oz spielenden Hälfte des Films in den Vordergrund zu spielen. Darüber hinaus stören die ausufernden Slapstick-Szenen den Spannungsbogen und die Dramaturgie des Films; der Erzählteil in Kansas ist im Vergleich zum Fantasieland Oz viel zu lang geraten. Wenn das kleine Mädchen aus der Rahmenhandlung seinen Großvater unterbricht und ihn bittet, doch mehr von Dorothy zu erzählen, spricht es auch dem Zuschauer aus dem Herzen.

Immerhin: Als schüchterner Liebhaber, der das Herz von Dorothy mit einem versteckt zugestellten Lutscher erobern will, findet Semon gelegentlich auch leisere Töne – auch wenn sich diese Szene auf unglaubliche Weise auflöst, fast so, als hätte der Regisseur der Stille und Schlichtheit der ursprünglichen Idee nicht getraut.

Die kürzlich erschienene DVD präsentiert den Film in einer kolorierten (nicht viragierten) Fassung, die in ihrer Buntheit die Naivität des Geschehens zu unterstützen scheint. Wahlweise kann man aber auch die Schwarz-weiß-Fassung anschauen. Wählen kann man auch zwischen zwei Musiktonspuren, über die es allerdings weder auf dem Cover noch im Menü Informationen über Musiker oder Komponisten gibt. Ein diesbezügliches Zitat, abgedruckt auf dem Wendecover, stammt aus einer zeitgenössischen Kritik in der „New York Times“, als Musik noch live im Kino gespielt wurde. Es kann sich darum eigentlich nicht auf die DVD-Ausgabe beziehen.

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