Drama | USA 2020 | (10 Folgen) Minuten

Regie: Yann Demange

In der Serienadaption des gleichnamigen gesellschaftskritischen Horrorromans von Matt Ruff macht sich ein junger Afroamerikaner in den 1950er-Jahren mit einer Jugendfreundin und seinem Onkel auf die Suche nach seinem verschwundenen Vater. Dabei verschlägt es sie nach „Lovecraft Country“ Neuengland, wo die schärfsten Rassengesetze in den USA gelten. Ihre Suche führt zum Anwesen einer einflussreichen Familie, das sich als Heimstatt einer rassistischen Loge entpuppt und monströse Geheimnisse birgt. Eine thematisch wie ästhetisch fesselnde Verfilmung, die klug eigene Akzente setzt und ihre Jump’n’Run-Dramaturgie mit bisweilen überraschend blutigen Actionszenen mit spannenden Reflexionen rund um die Erfahrung von Rassismus und Diskrimierung verbindet. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
LOVECRAFT COUNTRY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Yann Demange · Daniel Sackheim · Cheryl Dunye · Victoria Mahoney · David Petrarca
Buch
Misha Green · Jordan Peele
Kamera
Robert McLachlan · Michael Watson
Schnitt
Bjørn T. Myrholt · Ian S. Tan · Joel T. Pashby · Chris Wyatt · Sean Albertson
Darsteller
Jonathan Majors (Atticus) · Jurnee Smollett-Bell (Letitia Dandridge) · Courtney B. Vance (Onkel George) · Michael Kenneth Williams (Montrose, Atticus' Vater) · Wunmi Mosaku (Ruby Dandridge)
Länge
(10 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama | Horror | Literaturverfilmung | Serie

Heimkino

Verleih DVD
Warner
Verleih Blu-ray
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Horror-Serie nach dem satirischen Roman von Matt Ruff, in dem es einen jungen Afroamerikaner in den 1950er-Jahren auf der Suche nach seinem Vater nach Neuengland verschlägt, wo die strengsten Rassengesetze herrschen.

Diskussion

Um den Soldaten Atticus Freeman tobt der Grabenkampf. Die Granateinschläge kommen immer näher, und er stürmt nach vorne. „Dies ist die Geschichte eines Jungen und seines Traums. Mehr noch: Es ist die Geschichte eines amerikanischen Jungen und eines Traumes, der wahrlich amerikanisch ist“, tönt es mit Pathos aus dem Off. Mit Atticus’ Blick schwenkt die Kamera in Richtung Front und erfasst das ganze Ausmaß dieser Schlacht. Ihm steht keine Menschenarmee gegenüber; eine ganze Armada von Außerirdischen und Ufos legt die Erde in Schutt und Asche. Atticus reißt die Augen auf und bleibt stehen. Ein Riesenoktopus mit Flügeln greift ihn an und thront über ihm, als plötzlich der Baseballspieler Jackie Robinson in voller Montur das Monster mit seinem Schläger in zwei Hälften aus grünem Glibber zerteilt. Er dreht sich um und zwinkert Atticus zu. Als sich das Ungeheuer hinter Robinson wieder aufrichtet, schreckt Atticus aus dem Schlaf hoch. Alles nur ein Traum.

Verwicklungen um eine Zauberer-Loge

Einen schlaueren Einstieg hätten sich die Macher der Serie „Lovecraft Country“ nicht ausdenken können, denn er setzt den Ton für die Serie. Showrunnerin und Drehbuchautorin Misha Green hat sich 2016 bereits mit der Serie „Underground“ einen Namen gemacht, über die „Underground Railroad“, ein Fluchtnetzwerk für Sklaven. Mit Jordan Peele und J.J. Abrams stehen ihr zudem zwei der wichtigsten Genre-Produzenten zur Seite, was schon erahnen lässt, dass „Lovecraft Country“ thematisch wie ästhetisch ausgeklügelt ist.

Die zehnteilige Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman des US-Schriftstellers Matt Ruff, setzt aber dennoch eigene Akzente. Wie das Buch besteht die Serie aus lose verknüpften Kapitel, in denen Atticus in immer neue übernatürliche Verwicklungen um eine Loge aus Zauberern gerät, die ihn in ein Spukhaus oder in ein unterirdisches Labyrinth führen.

Es mangelt der Serie nicht an rasanten und bisweilen überraschend blutigen Actionszenen, die sich sehr kurzweilig in das einer Anthologie ähnelnde Format einfügen. Denn die übersichtliche Jump’n’Run-Dramaturgie lässt durchaus Platz für weitere Reflexionsebenen, die das Drehbuch kunstvoll in die Handlung webt, etwa jene Traumsequenz, die der ersten Folge vorgeschaltet ist. Atticus Freeman wacht anschließend in einem Reisebus auf – im abgetrennten Bereich für die Afroamerikaner. Es ist das Jahr 1955, also mitten in der Jim-Crow-Ära. Reisen ist für Schwarze ein gefährliches Unterfangen und der Zugang zum amerikanischen Traum sehr viel holpriger als für Weiße.

Der Horror des Rassismus als Genrestück

Atticus ist ein Science-Fiction-Fan und träumt deshalb von schwarzen Helden in einem durch und durch weißen Literatur- und Filmgenre. Der Romanautor Ruff hat sein Werk stets als Antwort auf einen Essay der Autorin Pam Noles gedeutet. In „Shame“ weist Pam Noles auf das „Whitewashing“ in einem Großteil des Science-Fiction-Kanons hin und berichtet aus ihrer eigenen Jugend, was das Fehlen von Identifikationsfiguren mit dem Selbstwertgefühl anzurichten vermag. Dass der Horror des alltäglichen wie des systemischen Rassismus sich als Genrestück perfekt transportieren lässt, ist spätestens seit Jordan Peeles „Get Out“ (2017) und „Wir“ (2019) deutlich geworden, aber auch die Serienadaption der Superhelden-Comics „Watchmen“ (2019) hat diese Kombination aufgegriffen.

Atticus ist zu Beginn der Serie auf der Heimreise von Florida nach Chicago, denn sein Vater ist verschwunden. Zuvor aber hat er ihm eine mysteriöse Nachricht über ein Familiengeheimnis zukommen lassen. Neben seiner Freundin Leticia begleitet ihn auch sein Onkel George, denn dieser ist der Verfasser eines Reiseführers für Afroamerikaner; „Green Book“ (2017) kommt hier in Erinnerung, wobei dieser Film rassistische Klischees nicht nur reproduzierte, sondern auch verstärkt hat. „Lovecraft Country“ hingegen geht es darum, die reale Angst zu vermitteln, die auf Schwarzen lastete, wenn sie beispielsweise in den sogenannten „Sundown Towns“ vor Sonnenuntergang von der Straße verschwunden sein mussten. Für Atticus’ Entourage gipfelt eine solche Situation in einer regelrechten Verfolgungsjagd mit einem Sheriff, der nur darauf wartet, sie vor die Flinte zu bekommen.

Tentakel-Monster und noch monströsere Menschen

Ziel der Reise ist ein Landstrich in Neuengland, jenes „Lovecraft Country“, wie es von Fans genannt wird, denn mehrerer Erzählungen des Horrorschriftstellers H.P. Lovecraft spielen hier. Atticus und seine Begleiter sind mit dessen Werk vertraut und werden immer misstrauischer, je näher sie ihrem Ziel kommen. Dieses „Lovecraft Country“ ist ein Horrorland, bevölkert von Monstern, die Krustentieren, Fischen und Oktopussen ähneln.

Schleimige garstige Viecher sind das, und doch scheint sich der wahre Horror hinter den über Generationen weitervererbten Ressentiments der Menschen zu verbergen. Diese rassistische Grundhaltung rührt nicht zuletzt von Lovecraft selbst her – der Schriftsteller ist bekannt für seine Weltsicht der „White Supremacy“; er hat einige Texte mit offen rassistischer Grundhaltung verfasst. Atticus und George diskutieren auch, in welches Dilemma dieser Umstand schwarze Science-Fiction-Fans bringt.

Wie aktuell „Lovecraft Country“ ist, obwohl die Serie in den 1950er-Jahren angesiedelt ist, wird in kleinen, wunderbar filmisch konzipierten Details deutlich. Etwa, wenn die Reisegruppe an einer Tankstelle mit Affenlauten verhöhnt wird und dann an einer Werbetafel für „Aunt Jemima’s Pankakes“ vorbeifährt – einer Marke, die bis ins Jahr 2020 mit einer schwarzen Frau im Logo warb. Erst die Proteste nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bewegten die Firma, das rassistische Stereotyp zu entfernen. Aus dem Autoradio lässt die Inszenierung auf derselben Fahrt in einem Kunstgriff den Schriftsteller James Baldwin sprechen. In seiner berühmten Rede an der Cambridge University 1965 fragt der Bürgerrechtler, ob der amerikanische Traum nicht ein durch und durch weißes Konzept sei, das nur auf Kosten der Afroamerikaner aufrechterhalten werde. Baldwin, so scheint es, ist der gute Hausgeist, den die Serienmacher dem kosmischen und rassistischen Horror des „Lovecraft Country“ entgegensetzen.

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