Science-Fiction | Großbritannien/Ungarn/USA 2020 | 105 Minuten

Regie: Gavin Rothery

In einer nahen Zukunft entwickelt ein Programmierer auf einer abgelegenen Forschungsstation Roboter mit künstlicher Intelligenz, die immer menschenähnlicher werden und Gefühle entwickeln. Während er mit dem Bau der Maschinen seine eigenen Ziele verfolgt, wächst die Bedrohung seines Projekts durch äußere Kräfte. Der als visuell kraftvolles futuristisches Kammerspiel vor imposanter Kulisse konzipierte Science-Fiction-Film ist im Kern ein Psychodrama und erzählt im Spiegel der Maschinen von allzu menschlichen Themen wie Liebe, Eifersucht und Vergänglichkeit. - Sehenswert ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
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Produktionsland
Großbritannien/Ungarn/USA
Produktionsjahr
2020
Produktionsfirma
Independent/Quickfire Films
Regie
Gavin Rothery
Buch
Gavin Rothery
Kamera
Laurie Rose
Musik
Steven Price
Schnitt
Adam Biskupski
Darsteller
Theo James (George Almore) · Stacy Martin (Jules Almore) · Rhona Mitra (Simone) · Peter Ferdinando (Tagg) · Toby Jones (Vincent Sinclair)
Länge
105 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Science-Fiction
Externe Links
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Heimkino

Die Extras umfassen u.a. Interviews mit Gavin Rothery (6 Min.), Theo James (6 Min.) und Stacy Martin (9 Min.). Das Mediabook enthält u.a. ein 28-seitiges Booklet mit Texten zum Film.

Verleih DVD
EuroVideo & Capelight (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt.)
Verleih Blu-ray
Capelight (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt.)
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Ein kammerspielartiges, philosophisch grundiertes Science-Fiction-Drama um einen einsamen Wissenschaftler und Maschinenwesen, die zu Gefühlen fähig zu sind.

Diskussion

Sie hatte einen Traum. Von einer Autofahrt. Behauptet sie zumindest. Auf die Frage, ob die Fahrt schön gewesen sei, weiß sie jedoch keine Antwort. Sie ist eben nur ein Prototyp, mit dem man Geduld haben muss, weil er noch nicht ausgereift ist. George (Theo James) mag seinen kastenförmigen Roboter J2 trotzdem gerne. Schon deshalb, weil ihn J2 seinem Traum ein Stück nähergebracht hat. Der Programmierer will die perfekte Maschine erschaffen. Eine Künstliche Intelligenz, die innerlich wie äußerlich seiner großen Liebe (Stacey Martin) nachempfunden ist.

Das bild- und tongewaltige Regiedebüt von Gavin Rothery auf den Spuren von Roboter-Filmen wie „Ex Machina“ setzt durch seine Atmosphäre von Anfang an ein Ausrufezeichen. Die Kamera schwebt über verschneite Wälder, bis sie bei einem Forschungszentrum auf dem Gipfel eines Berges über einem kleinen Wasserfall Halt macht. Hier ist alles eckig und kantig und erinnert mehr an einen Hangar aus einem „Star Wars“-Film als ein stylisches Labor.

Ein Hauch von „Frankenstein“ weht durch den Film

Genau so sehen auch die ersten Roboter aus, mit denen George hier hantiert. Es sind große, unmodern wirkende Kästen, die sich aber in einem Punkt von allen bekannten Maschinen unterscheiden: Sie scheinen Gefühle zu besitzen. Sanft berührt J2 sein Vorgängermodell J1 mit dem Arm, um die „Schwester‟ zu trösten. Traurig zieht sich J2 zum Wasserfall zurück, wenn sie sich von George vernachlässigt fühlt. Ja, diese Maschine hat echte Gefühle; man kann sogar mit ihr mitfühlen. J2 bewegt sich intellektuell auf dem Stand einer Teenagerin und ist eifersüchtig, weil George sich in letzter Zeit nur noch um den neuen Prototyp kümmert. Um J3, die humanoid aussieht und eine neue Stufe der Entwicklung darstellt.

Äußere Umstände treiben die Handlung des weitgehend als Kammerspiel angelegten Ein-Personen-Stücks voran. George, dessen Gesicht von Narben gezeichnet ist, verschweigt seiner Auftraggeberin die Fortschritte seiner Arbeiten. Was nicht gerade für Begeisterung sorgt. Er hat nicht mehr viel Zeit, bis das Labor geschlossen wird. Gleichzeitig aber besuchen ihn merkwürdige Personen, die nach dem Rechten sehen wollen. Ihr Interesse gilt vor allem dem digitalen Archiv, das sich in dem Labor befindet – und das quasi die Persönlichkeit eines verstorbenen Menschen für eine sehr begrenzte Zeit konserviert.

Eine obsessive Liebe

Trotz des markanten futuristischen Settings, bei dem man Rotherys Erfahrungen in den Effekt- und Design-Abteilungen bei Filmen wie „Moon“ spürt, ist „Archive‟ über weite Strecken vor allem ein Psychodrama und erzählt über Schuldgefühle und eine geradezu obsessive Liebe. Jene ist es, die zu den spannendsten Situationen führt. Was bedeuten George J1 und J2 – und wie weit würde er gehen, um diese für die Weiterarbeit an J3 zu opfern? Wie vertretbar ist es generell, eine denkende Maschine zu bauen, um seine eigenen Interessen zu befriedigen? Ein Hauch von Frankenstein weht durch Rotherys „Archive“, der sich mit einer grandiosen Szene vor der Eröffnungssequenz des philosophischen Anime-Klassikers „Ghost in the Shell‟ von Mamoru Oshii verneigt. Der Film beschäftigt sich spielerisch mit den Irrwegen der Liebe, konfrontiert aber auch mit (analoger wie digitaler) Vergänglichkeit und der Angst vor dem Abschiednehmen. Androiden mögen hier zwar nicht von elektrischen Schafen träumen, wohl aber von der Sehnsucht nach Nähe, bedingungsloser Liebe und personaler Einzigartigkeit.

 

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