Fireball: Visitors From Darker Worlds

Dokumentarfilm | USA 2020 | 97 Minuten

Regie: Werner Herzog

Bildgewaltiger Dokumentarfilm von Werner Herzog und Clive Oppenheimer über die (Kultur-)Geschichte der Meteoriten sowie ihres Einflusses auf die menschliche Existenz. Der zwischen konventioneller Reise- und Wissenschaftsdokumentation mäandernde Film ist mit vielen imposanten Einstellungen voller „ekstatischer Wahrheiten“ angereichert, die von der puren Lust am Staunen, aber auch von der humoristischen Selbstironie des Filmemachers zeugen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
FIREBALL: VISITORS FROM DARKER WORLDS
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Werner Herzog
Buch
Werner Herzog
Kamera
Peter Zeitlinger
Musik
Ernst Reijseger
Schnitt
Marco Capalbo
Länge
97 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Lektionen in Staunen. Werner Herzog reist zusammen mit dem Vulkanologen Clive Oppenheimer an die entlegensten Orte, um Meteore finden und ihren Einfluss auf die Menschheitsgeschichte zu beleuchten.

Diskussion

Werner Herzog zelebriert seit Dekaden ein obsessives Autorenkino, das um radikale Träumer kreist. Als ebenso tollkühner wie neugieriger Welterkunder bereiste er schon vielfach den Globus, immer auf der Suche nach unbekannten Bildern voller „ekstatischer Wahrheit“. Dichtung und Wahrheit, Fiktion und Faktizität gingen in seinem spezifischen Blickwinkel auf die conditio humana mitunter so ungewöhnliche wie unvergessliche Allianzen ein.

Diese Grundkonstante aus Herzogs exorbitantem Filmschaffen und dessen unbändiger Lust am Staunen ist auch in „Fireball: Visitors From Darker Worlds“ zu spüren. Dafür hat er sich ein weiteres Mal mit dem Vulkanologen Clive Oppenheimer zusammengetan, den er in „Begegnungen am Ende der Welt“ (2007) kennenlernte und mit dem er den Film „Into the Inferno“ (2016) inszenierte. Ihre jüngste Reise, die sich der Bedeutung von Meteoriteneinschlägen widmet, führt sie nach Hawaii, Norwegen, Australien, Frankreich, Mexiko, Neuguinea, Indien, in die USA und sogar in die Sommerresidenz des Papstes nach Castel Gandolfo.

An der Schnittstelle von Wissenschaft und Religion

Hier arbeitet der US-amerikanische Jesuit Guy Consolmagno, ein Astrophysiker, der als päpstlicher Chefastronom die personifizierte Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Religion, Mythos und Wahrheit und damit einen idealtypischen Gesprächspartner für die Filmemacher darstellt. „Wenn kleine grüne Männchen auf die Erde kommen, würden sie sie taufen?“, möchte Herzog wissen. „Nur wenn sie danach fragen“, entgegnet ihm Consolmagno schlagfertig.

Mit dieser unterhaltsamen Mixtur aus Seriosität und Selbstironie werden noch viele andere Interviewpartner befragt und zuweilen auch zum Lachen gebracht. Denn eine Sache ist jederzeit klar: Wenn Herzog einen Film über Meteoroiden und Meteoriten dreht, geht es auch in den fachwissenschaftlichen Erzählblöcken keineswegs staubtrocken zu, nicht einmal beim Thema komplexer interstellarer Objekte, faszinierender Quasikristalle oder auch der Verteidigung der Erde gegen anstürmende Himmelskörper.

Strenge Didaktik oder abstraktes Gelehrtentum interessierten die Filmemacher nicht. Ihre spezielle Methodik des Typen- und Drehort-Castings wurde von ihnen schon bei „Into the Inferno“ höchst unterhaltsam angewandt und setzt sich hier nahtlos fort.

„Ich bin nicht aus Sternenstaub! Ich bin Bayer!“

Wenn einer der Wissenschaftler seine Ausführungen damit beginnt, in vermeintliches „Fachchinesisch“ zu wechseln („Jetzt sollte ich sie warnen. Es wird kompliziert“), hört man Herzogs markante Stimme aus dem Off: „Die Warnung war gerechtfertigt. Ja. In der Tat wird es jetzt so kompliziert, dass wir sie nicht mit weiteren Details quälen werden.“ Oder wenn ein anderer insistiert, dass „wir alle aus Sternenstaub bestehen“, unterbricht ihn Herzog: „Ich bin nicht aus Sternenstaub! Ich bin Bayer!“.

Im Kontext dieser kleinen „Trilogie“ aus „Begegnungen am Ende der Welt“ und „Into the Inferno“ ist der jüngste Teil allerdings nicht der beste Film, sondern lässt ähnlich wie „Wovon träumt das Internet?“ bisweilen dramaturgische Homogenität vermissen.

„Man kann keine Wissenschaft machen, wenn man nicht das Gefühl des Staunens in sich hat“, heißt es in diesem fabulierfreudigen Werk einmal, was sich mit Blick auf Herzogs pausenloses Filmemachen auch als künstlerisches Credo deuten lässt – immer weiter forschen, stets neugierig bleiben und dabei unentwegt versuchen, das Menschsein in all seiner Einzigartigkeit wie Komplexität zu dechiffrieren – Träumen und Herumspinnen ausdrücklich inbegriffen.

Forschen, Staunen, Träumen

Wo Herzog und Oppenheimer für „Into the Inferno“ noch tief in den Schlund der Erde schauten und über Lavabäuche sinnierten, richtet sich ihr Blick jetzt nach oben: zu den Sternen, den Geheimnissen des Weltalls und den Ursprüngen der Menschheit. Dafür treffen sie Fachleute und Nobelpreisträger, aber auch eine Reihe bizarrer Hobby-Geologen wie den norwegischen Jazzgitarristen Jon Larsen, der Mikrometeoriten auf Dächern sucht.

Auffällig ist, dass Oppenheimer das Gros der Interviews führt, während Herzog und der Kameramann Peter Zeitlinger nur selten ins Geschehen eingreifen. Auch der verhältnismäßig hohe Anteil an „Dashcam“- oder Smartphone-Aufnahmen sowie diverser Stock- und Found-Footage-Materialien, die von verwackelten Handyvideos gläubiger Mekka-Pilger, aber auch aus dem Hollywood-Blockbuster „Deep Impact“ stammen, überrascht. Konstant ist hingegen Herzogs gewohnt poetische Voice-Over-Stimme, die keine Angst vor Pathos kennt.

„Das ist Wissenschaft von ihrer besten Seite“

Immer wieder stoßen Abenteuer und Geschichte, Mythologie und Wissenschaft, Fantasie und Glauben aufeinander. Die Regisseure bemühen sich, allzu stereotype Bilder zu vermeiden. Viele der Forscher, unter denen sich auffallend viele Frauen finden, sprechen mit Feuereifer über ihre Fachbereiche, die von klassischer Höhlenarchäologie bis zu zeitgenössischer Astronomie reichen.

„Das ist Wissenschaft von ihrer besten Seite“, kommentiert Herzog das fulminante Finale in der Antarktis, wo ein südkoreanischer Forscher nach dem Fund eines außergewöhnlichen Steins in der majestätisch weißen Eiswüste in überbordender Freude durch den Schnee springt. Zusammen mit der hochemotionalen Musik von Ernst Reijseger und spektakulären Hubschrauber- und Drohnenaufnahmen ist plötzlich wieder jene unverwechselbare Herzogsche „ekstatische Wahrheit“ da.

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