Drama | Frankreich 2020 | 101 Minuten

Regie: François Ozon

In einem normannischen Küstenort Mitte der 1980er-Jahre verliebt sich ein 16-Jähriger in einen älteren Jungen und verbringt mit ihm einen intensiven Sommer. Als der Ältere überraschend stirbt, verarbeitet der Jüngere die schmerzhafte Erfahrung, indem er sie aufschreibt. Ein klug und doppelbödig konstruiertes, auf zwei Zeitebenen erzähltes Coming-of-Age- und Liebesdrama, das anhand der Liaison der beiden Jungen übers Wesen der Liebe als Projektion und Illusion reflektiert und den Menschen als schöpferischen Dichter der eigenen Lebensgeschichte definiert. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
ÉTÉ 85
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2020
Regie
François Ozon
Buch
François Ozon
Kamera
Hichame Alaouie
Musik
Jean-Benoît Dunckel
Schnitt
Laure Gardette
Darsteller
Félix Lefebvre (Alexis Robin) · Benjamin Voisin (David Gorman) · Philippine Velge (Kate) · Valeria Bruni-Tedeschi (Madame Gorman) · Melvil Poupaud (Monsieur Lefèvre)
Länge
101 Minuten
Kinostart
08.07.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Capelight
Verleih Blu-ray
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Regisseur François Ozon macht aus einer in der Normandie der 1980er-Jahre angesiedelten Coming-of-Age- und Love-Story um die Liaison zweier Jungs eine Reflexion übers Wesen der Liebe.

Diskussion

In Homers „Odyssee“ hält die Meernymphe Kalypso den schiffbrüchigen Helden sieben Jahre auf einer Insel fest. Als der 16-jährige Alex (Félix Lefebvre) in François Ozons neuem Film bei einem Sturm über Bord geht, erscheint wie aus dem Nichts ein Segelboot, das den Namen eben dieser Göttin trägt. Retter in der Not ist der etwas ältere David (Benjamin Voisin), der mit den langen, ins markante Gesicht hängenden Haarsträhnen und dem flatternden offenen Hemd wie der Posterboy aus einer Jugendzeitschrift aussieht. Und so wie Odysseus von Kalypso vereinnahmt wurde, wird bald auch der unbeholfen im Wasser strampelnde Junge nicht mehr von seinem Retter loskommen.

David ist ein subtiler Verführer, der keine offenen Avancen macht, sondern so lange Köder auswirft, bis der Andere anbeißt. Er wirkt ungreifbar, aber nicht geheimnisvoll. Sofort taucht Alex in das Leben des neuen Freundes ein, lernt seine etwas verrückte, aber sympathische Mutter (Valeria Bruni Tedeschi) kennen und beginnt im Souvenirladen der beiden zu arbeiten. Ging ihm am Anfang noch alles zu schnell, ist Alex bald derart in David vernarrt, dass er gar nicht bemerkt, wie dieser ihm schon wieder entgleitet.

Die Liebe als subjektive Täuschung

Schon davor steht die nostalgisch angehauchte, in der Normandie der 1980er-Jahre angesiedelte Liebesgeschichte unter einem dunklen Stern. Der auf Aidan Chambers' Jugendroman „Tanz auf meinem Grab“ basierende Film beginnt mit einer in kaltes Licht getauchten Gegenwart, einem verzweifelten Alex und dem Spoiler, dass David bereits tot ist. Während wir also beobachten, wie sich die Beziehung langsam zur Tragödie zuspitzt, bringt Alex die bittersüßen Erfahrungen für seinen Lehrer (Melvil Poupaud) in eine literarische Form. Entscheidend ist diese Ebene für den Film, weil die Erinnerungen dadurch mitunter konstruiert wirken und misstrauisch machen.

Bereits in mehreren Filmen, zuletzt etwa in „Frantz“, zeichnete Ozon die Liebe nicht als unumstößliche Wahrheit, sondern als subjektive Täuschung. In der Disco setzt David seinem Freund einmal die Kopfhörer seines Walkmans auf, und während der eine weiterhin ausgelassen auf der Tanzfläche abgeht, wiegt sich der andere sanft im Takt zu Rod Stewarts Ballade „Sailing“. Schon hier ist klar, dass die Jungs in unterschiedlichen Welten leben. Statt um den Geliebten geht es zunehmend nur noch um den Liebenden, seine Ergebenheit und schließlich seinen Schmerz.

Der Geliebte als Projektionsfläche

Das britische Au-pair-Mädchen Kate (Philippine Velge), das zwischen die Fronten der beiden Jungen gerät, stellt Alex irgendwann die Frage, ob er sich vielleicht gar nicht in David, sondern nur seine Vorstellung von ihm verliebt habe. Was, wenn man in der Liebe gar niemanden braucht, der zu einem passt, sondern nur eine dankbare Projektionsfläche? Ozon legt nahe, dass sein junger Protagonist die Beziehung nicht erst zur Fiktion werden lässt, als er sie aufschreibt, sondern es bereits über seine Wahrnehmung getan hat. Von seinem ersten Auftritt an hat David etwas seltsam Idealisiertes. Und die Harmonie, die Alex bei ihm und seiner Mutter zu finden glaubt, ist dem entfremdeten Verhältnis zu seinen eigenen Eltern auffällig entgegengesetzt.

Das Ende als neuer Anfang

Illusion und Lüge sind in „Sommer 85“ allerdings weniger schuldbehaftet als befreiend. Etwas zu erfinden ist ein spielerischer Vorgang. Als Kate etwa Alex hilft, noch einmal den Leichnam seines Liebhabers zu sehen, entwirft sie dafür ein dick aufgetragenes, melodramatisches Szenario inklusive Crossdressing. Vielleicht nicht ganz zufällig erinnert diese Episode an Ozons frühen Kurzfilm „Ein Sommerkleid“.

Später verwandelt Alex sich kurzzeitig in einen Heterosexuellen, um seine Haut zu retten. Während er zuvor von seiner Mutter erfahren hat, dass ein schwuler Onkel aus der Familie getilgt wurde, muss er seine eigene Geschichte erst noch schreiben. Das Outing vor den Eltern kann aber noch warten, das passt auch zur Offenheit von „Sommer 85“. Das Ende erweist sich schließlich nur als neuer Anfang einer Liebesgeschichte, in der sich wohl viel wiederholen, aber auch einiges anders sein wird. 

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