Drama | Österreich 2020 | 102 Minuten

Regie: Arman T. Riahi

Der Ex-Drummer einer Rockband tritt als Aushilfslehrer eine Stelle in einem Wiener Gefängnis für Jugendliche an, wo er als Ersatz für die bisherige Pädagogin eingearbeitet werden soll. Deren unkonventionelle Methoden stimulieren seine eigene Kreativität, auch wenn er sich gegen die rabiaten Insassen nur schwer durchsetzen kann. Das packende Milieudrama setzt durchaus erfolgreich aufs komische Format, ohne die Kompliziertheit und Aggressivität der Haftbedingungen zu nivellieren. Ein mitunter etwas ausfranzender, aber sehr kraftvoller Film über Buße, Selbstaufgabe, Sinnstiftung und Akzeptanz. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
FUCHS IM BAU
Produktionsland
Österreich
Produktionsjahr
2020
Regie
Arman T. Riahi
Buch
Arman T. Riahi
Kamera
Mario Minichmayr
Musik
Karwan Marouf
Schnitt
Karina Ressler
Darsteller
Aleksandar Petrovic (Hannes Fuchs) · Maria Hofstätter (Elisabeth Berger) · Luna Jordan (Samira) · Andreas Lust (Weber) · Karl Fischer (Rudolf Vanicek)
Länge
102 Minuten
Kinostart
19.05.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Gefängnisfilm

Dramödie um einen unsicheren Aushilfslehrer, der in einem österreichischen Gefängnis jugendliche Insassen unterrichten soll.

Diskussion

Hannes Fuchs (Aleksandar Petrović) war mal ein erfolgreicher Schlagzeuger und Komponist. Doch nach dem Selbstmord seines Sohnes hat er die Sticks zur Seite gelegt und gewissermaßen „zur Bewährung“ einen Job als Gefängnislehrer angenommen. Das ist eine echte Herausforderung, wie schon der erste Arbeitstag zeigt. Denn die multikulturell gemischte Schülertruppe besteht aus lauter harten Brocken, für die der Unterricht bestenfalls Entertainment-Charakter besitzt, sofern nicht verbal gedisst wird oder gleich die Fäuste fliegen.

Eine komplizierte Hackordnung

Fuchs ist für diesen Job kaum die Idealbesetzung; sein Auftreten wirkt unsicher bis verschlossen. Wenig hilfreich ist auch, dass ihn die erfahrene Gefängnispädagogin Berger bestenfalls als kaum qualifizierten Assistenten behandelt, obwohl er doch ihr Nachfolger werden soll. Den Schülerinnen und Schülern bleibt das nicht lange verborgen, und entsprechend reagieren sie. Berger ihrerseits ist mit ihrer unkonventionellen Pädagogik beim Wachpersonal nicht beliebt, wird aber vom Anstaltsleiter protegiert. Der „Fuchs im Bau“ merkt schnell, auf welch unübersichtliche Gemengelage widerstreitender Interessen er sich da eingelassen hat, zumal auch den jugendlichen Straftätern klar ist, dass ihnen ein halbwegs akzeptables Abschlusszeugnis draußen kaum weiterhelfen wird.

Allerdings untergräbt dieses dunkle Setting zumindest das Potenzial für schwungvoll-pathetische, dem pädagogischen Impetus geschuldete Gemeinschaftserlebnisse, die dem Schulfilmgenre von „Der Club der toten Dichter“ bis zu „School of Rock“ meistens innewohnen. Ganz so reflexiv-subversiv erweist sich der Film von Arman T. Riahi am Ende dann zwar doch nicht, auch wenn er sich viel Zeit nimmt, in dieser Zwischenwelt zumindest ansatzweise einer Vielzahl von Spuren nachzugehen, um die Kompliziertheit und Aggressivität der Verhältnisse abzubilden.

Vom Apfel bis zum Strudel

Das Wachpersonal versucht, Fuchs gegen Berger auszuspielen, behandelt dabei aber auch Fuchs von oben herab. In der Folge verhandelt der Film durchaus konkret eine Reihe abstrakter Fragestellungen: Wie wendet man sich jugendlichen Straftätern zu, wenn man etwas erreichen will? Welche Inhalte sollten im Unterricht verhandelt werden? Wo ist die professionelle Grenze pädagogischen Engagements? Wie gestaltet sich Kollegialität in der Praxis unter dauernder Beobachtung?

Die Behandlung solcher durchaus seriöser Fragen in zumeist komödiantischer Form ist eine große Kunst, deren Umsetzung dem Film schon allerlei Auszeichnungen eingetragen hat. So schaut man mit größtem Vergnügen der abgebrühten Pädagogin Berger (absolut brillant: Maria Hofstätter) zu, wie sie quasi abwesend und dennoch punktgenau ihrem Flohzirkus Impulse zu geben versteht, wenn sie von der Steiermark über die Apfelernte zur kollektiven Produktion von Apfelstrudel in der Gefängnisküche gelangt, um sämtliche Schulfächer von Geografie über Biologie bis zur kreativen Backkunst in einem staunenswerten Flow zu bedienen. Im Augenblick des Gelingens aber muss sie dann doch einsehen, dass ihre Tage „im Bau“ gezählt sind. Andererseits hat sie mittlerweile kapiert, dass ihr „Assistent“ Fuchs durchaus über jene empathischen Qualitäten im Umgang mit den Jugendlichen verfügt, die ihn zur Nachfolge befähigen.

Wieviel versteht man vom Gegenüber?

Vielleicht ist „Fuchs im Bau“ etwas zu sehr mit spannenden und interessanten Konflikten und Charakteren überfrachtet, weshalb manches zwischen Buße, Selbstaufgabe, Identität, Sinnstiftung und Akzeptanz etwas skizzenhaft und zu wenig ausgearbeitet bleibt. Andererseits ist gerade das mangelnde Wissen ums Gegenüber das zentrale Thema des Films, sodass das Lückenhafte der Figurenzeichnung und der Handlungsführung durchaus als notwendig offene Form verstanden werden kann, getragen von einem großartig gecasteten Jugend-Ensemble, dessen Potential nur angedeutet, aber nicht ausgeschöpft wird.

Ein paar Ausflüge in die andere Realität jenseits des „Baus“ fallen deshalb gleichzeitig zu knapp und dafür dann zu wichtig aus. Doch trotz mancher Einwände erweist sich „Fuchs im Bau“ als sehenswertes Werk, dessen finale Pointe den traumatisierten Ex-Musiker Fuchs durchaus im Genre-Rahmen als versöhnlich-würdigen Nachfolger von Berger präsentiert. Alles andere wäre aber auch eine Überraschung zu viel gewesen.

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