Drama | Frankreich/Deutschland/Belgien 2021 | 140 Minuten

Regie: Léos Carax

Nach der Geburt ihrer Tochter scheint das Glück eines Stand-up-Komikers und einer Opernsängerin vollkommen. Der Hang des Mannes zu Ausbrüchen lässt jedoch seine Karriere scheitern, und auch die Ehe findet ein gewaltsames Ende. Fortan ganz auf seine Tochter konzentriert, entdeckt er ihre überirdische Gesangsstimme und schlachtet diese als Manager aus, kann sich dadurch aber erst recht nicht mehr vom Fluch seiner Taten befreien. Das düstere Musical-Märchen, in dem auch die Dialoge fast alle gesungen werden, greift zahllose künstlerische Dilemmata um Erfolgsstreben, Ruhm und den Umgang mit Talent auf, die in den vielschichtigen Charakteren einen intensiven Ausdruck finden. Eine Vielzahl melodiöser Songs und eine virtuose Inszenierung fügen selbst vermeintlich disparate Elemente zum filmischen Gesamtkunstwerk zusammen. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
ANNETTE
Produktionsland
Frankreich/Deutschland/Belgien
Produktionsjahr
2021
Regie
Léos Carax
Buch
Ron Mael · Russell Mael
Kamera
Caroline Champetier
Musik
Ron Mael · Russell Mael
Schnitt
Nelly Quettier
Darsteller
Adam Driver (Henry McHenry) · Marion Cotillard (Ann Desfranoux) · Simon Helberg (Der Dirigent) · Devyn McDowell (Annette) · Rila Fukushima (Krankenschwester)
Länge
140 Minuten
Kinostart
16.12.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama | Musical

Düster-grandioses Musical-Märchen um ein scheiterndes Künstler-Paar und seine mit einer übernatürlichen Stimme begabte Tochter.

Diskussion

Kunst will nicht eingesperrt sein. Ist der Schöpfungsakt aus dem Nichts erst gemeistert, geht es um darum, gesehen, gehört und gefühlt zu werden. Ein schützender Raum kann daher immer nur eine Station für echte Kunstwerke sein, und so hält es auch „Annette“ nicht lange in dem Tonstudio, in dem er seine ersten Augenblicke verbracht hat und die Anfangstakte der Musik angestimmt wurden. Unaufhaltsam drängt der Film nach draußen in die Welt außerhalb des Studios – und mit ihm die Komponisten, die Hauptdarsteller, der Regisseur und ein in Kinder und Showsängerinnen aufgeteilter Chor für die musikalische Verfeinerung. Alle gemeinsam laufen sie sich warm mit einem Lied, das die Zuschauer begrüßt und das eigene Tun reflektiert, bevor sich Meta- und Handlungsebene ebenso vorläufig trennen wie die Protagonisten. Auf einem Motorrad und in einer Limousine geht es in verschiedene Richtungen in den eigentlichen Film hinein.

Schon der Name schreit nach Bestätigung

Zwei Formen von Kultur stehen sich im wundersamen Musical-Filmkunstwerk „Annette“ des französischen Regisseurs Leos Carax und der US-amerikanischen Art-Pop-Musikerbrüder Ron und Russell Mael und ihrer Band „Sparks“ gegenüber. In einem Theater beginnt der Motorradfahrer, Henry McHenry, sein Comedy-Programm „The Ape of God“; wie ein Boxer in einen Bademantel gekleidet, betont anarchisch und provokativ, als wäre ihm nichts so gleichgültig wie das Vergnügen des Publikums. Doch wie schon sein Name in seiner Dopplung regelrecht nach Bestätigung schreit, ist bei Henry McHenrys Auftritt wenig dem Zufall überlassen; seine Unlust ist genauso Teil der Show wie Tanzschritte mit wirbelndem Mikrofonkabel. Sogar ein finaler Schock ist nur Fassade, bereit zur Wiederholung an den folgenden Abenden.

Letztlich hebt sich seine demonstrative Anti-Kultur gar nicht so sehr von der hehren Opernkunst am anderen Ende der Stadt ab, zu der sich die Frau in der Limousine hat chauffieren lassen. Ann Desfranoux ist ein Opernstar, der in den großen Partien brilliert und gefeiert wird, wenn sie allabendlich den spektakulären Bühnentod stirbt. Obwohl der Ablauf hier bis in die Details festgelegt ist, findet die zierliche Frau doch einen Weg zur Wahrhaftigkeit innerhalb der künstlichen Welt – ihre Empfindsamkeit verleiht all ihren Auftritten einen Mehrwert.

Was beide Sphären zusammenbringt, ist filmisch zunächst eine Parallelmontage, erzählerisch ist es die Liebe. Henry McHenry und Ann Desfranoux sind ein Paar, das sich nach den jeweiligen Abendvorstellungen rasch wieder vereint, die Fotos der Paparazzi über sich ergehen lässt und dann auf dem Motorrad zusammen zu einem Anwesen mitten im Wald fährt. Bei zärtlicher Zweisamkeit in der Nacht und einem Morgenspaziergang in idyllischer Landschaft bekräftigen die beiden ihre Vertrautheit. Bald darauf heiraten sie; Ann wird schwanger und bringt ihr Baby zur Welt, das sie Annette nennen. Das Glück der zwei so verschiedenen Liebenden scheint vollkommen.

Der Geist der verschwundenen Sängerin

Doch der Berufsmisanthrop Henry vermag sich der Hochstimmung nur bis kurz nach Annettes Geburt zu überlassen. Während Ann rasch wieder erfolgreich auf der Bühne steht, ergreift Henrys zerstörerische Ader immer mehr von ihm Besitz. Bei einem weiteren Comedy-Auftritt verspielt er endgültig seinen Antipathie-Bonus, als er mimt, seine Frau aus Liebe getötet zu haben. Ein Eklat, der das brutale Ende seiner Ehe vorwegnimmt: Von einem Jachturlaub der jungen Familie kehren nur Henry und Annette zurück, Anns Verschwinden in einem Sturm wird offiziell als Unglück eingestuft.

Doch der Geist der Sängerin ist weiter im Leben des Ex-Komikers präsent. Auch Baby Annette hat sich verändert; das zumeist stille Kind beginnt beim Licht von Mond und Sternen mit einzigartiger Schönheit zu singen. Nach dem ersten Schrecken sieht Henry, der gerade noch beschlossen hatte, nun wenigstens ein guter Vater zu sein, nur noch die Profitchancen des töchterlichen Talents. Statt seiner gescheiterten Komiker-Karriere weiter nachzutrauern, wird er zum Manager von Annette, die überall auf der Welt das Publikum bannt. Der Vater wird dadurch wieder reich, doch jeder Auftritt der kleinen Sternsängerin reißt den Abgrund in ihm weiter auf.

Im Zentrum von „Annette“ stehen substanzielle Fragen zur künstlerischen Integrität und den ewigen Dilemmata Ruhm oder Bedeutungslosigkeit, unberechenbar bleiben oder sich dem Wiederholungszwang ergeben, das eigene Talent ausleben oder sich selbst und andere ausbeuten. Es sind Themen, die die Band „Sparks“ in ihrer 50-jährigen Bandgeschichte oft aufgegriffen hat, um sich mit den komplexen Widersprüchen von Avantgarde-Attitüde und Drang zu Publikumserfolg auseinanderzusetzen – sowie mit hochgradig selbstironischen Songs bis hin zum Konzeptalbum „The Seduction of Ingmar Bergman“ von 2009.

Ein grandioses Musical

Dessen Kernmotiv um die fiktive Erzählung vom schwedischen Regisseur, der den Verlockungen eines Hollywood-Deals widersteht, sich dabei aber nicht davon freimachen kann, auch als unabhängiger Künstler eine Marke zu sein, nimmt auch „Annette“ auf, ebenso wie Reminiszenzen an frühere filmische Rock- und Pop-Opern. „Tommy“ (1975) von Ken Russell und „The Who“, der von den „Kinks“ Ende der 1960er-Jahre geplante, nicht realisierte Fernsehfilm „Arthur (Or the Decline and Fall of the British Empire)“ oder auch Alan Parkers „The Wall“ (1982) bringen sich in Erinnerung, zumal ihre Szenarien ebenfalls von der Konfrontation der Unschuld und Verletzlichkeit mit einer rücksichtslosen Welt erzählten.

„Annette“ folgt ihnen auch darin, fast komplett auf gesprochene Passagen zu verzichten und die Handlung in einen Wechsel von „klassischen“ Musical-Nummern und Rezitativ-Momenten aufzulösen. Von der leisen Ballade bis zum großen Orchestereinsatz, nebst einigen Zitaten aus der Bandgeschichte, gelingt den Maels dabei eine fantastische Abfolge melodiöser Kompositionen, die der archetypischen Story Strahlkraft und Spannung verleihen.

Treibender Faktor ist dabei die Hauptfigur Henry. Wie sein royaler Namensvetter Henry VIII bei seiner Anne (Boleyn), ist auch der zeitgenössische Henry zuerst bereit, für Ann Desfranoux seine selbstherrliche Art zu unterdrücken und alles für die Liebe hintanzustellen, um dann mehr denn je in fatale Muster zurückzufallen. Gegenüber der kleinen Annette verhält er sich wie ein Marionettenspieler, der herzlos handelt, von ihr aber verlangt, ihre Engelsstimme aus Liebe zu ihm erklingen zu lassen – eine „Pinocchio“-Variation, bei der Geppetto und die Ausbeuter des hölzernen Kindes in eins fallen.

Mit schwer zu zügelnder Rohheit

Diese Assoziation drängt sich auch auf, weil Carax das Mädchen tatsächlich als Holzpuppe auftreten lässt (worauf keine der Figuren, auch nicht Henry, je Bezug nimmt). Das unterstreicht Annettes Zerbrechlichkeit, während ihre liebevolle Gestaltung durch die Puppenbauer Estelle Charlier und Romuald Collinet feinste emotionale Verschiebungen gestattet. Bei ihrem leisen Charme besteht nie die Gefahr, dass sie wie im Horrorkino zum „unheimlichen Kind“ werden könnte, was angesichts der ziemlich düsteren Story durchaus denkbar wäre. Doch unheimlich ist nur ihr Vater in seiner schwer zu zügelnden Rohheit, dem Schönheit und Frieden immer zu suspekt bleiben, als dass er sie längere Zeit ertragen könnte.

„Annette“ ist erkennbar nicht nur das Ergebnis von 50 Jahren Erfahrung der Maels im Musikgeschäft mit zahllosen Höhen, Tiefen und Comebacks durch Stil-Neuerfindungen, sondern auch ihres ebenso langen Flirts mit dem Film. Ihre Sozialisierung im experimentierfreudigen 1960er-Jahre-Kino, gescheiterte Projekte mit Regisseuren wie Jacques Tati oder Tim Burton wie auch realisierte mit Tsui Hark und Guy Maddin, ihre seit den 1990er-Jahren oft mit kunstvoller Filmsprache arbeitenden Musikvideos und natürlich das „Bergman“-Album haben eine überbordende Fantasie befördert, die in Leos Carax zum ersten Mal einen idealen Realisator gefunden hat.

Dessen Entschlossenheit, sich auf einen Fluss der Einfälle und wechselnden Stimmungen einzulassen, statt konventionelle narrative Vorstellungen zu bedienen, war schon der Antrieb von „Holy Motors“. Mit Sequenzen wie dem furiosen Akkordeon-Intermezzo verriet er darin auch schon eine Begabung für das Musicalgenre, die sich nun in „Annette“ zur uneingeschränkten Einlassung auf dessen Möglichkeiten weitet.

Aus Liebe zur Kunst und zum Kino

Eine Welt, in der prinzipiell gesungen statt gesprochen wird, scheint Carax’ Kinoverständnis so sehr zu entsprechen, dass er für die Ideen und Musik der Maels über 140 Minuten immer neue innovative Formen der Umsetzung findet, ohne an Konzentration zu verlieren. Mit Unterstützung von Kamerafrau Caroline Champetier und Editorin Nelly Quettier gleitet der Film nahtlos von der Intimität eines Solos oder Duetts zur großangelegten Massenszene über und zurück; die Künstlichkeit vieler Settings wird nie verhehlt, sondern geradezu zelebriert. Trotz der Grandiosität des Unternehmens werden die Charaktere aber nicht verschluckt, sondern dürfen sich in vielen Schattierungen entwickeln und weit mehr Tiefe gewinnen, als das noch in der Episodenstruktur von „Holy Motors“ möglich war.

So enthüllen sich in einer Geschichte, die an sich von Gewalt und niederen Gefühlen vorangetrieben wird, eine unerwartete Zärtlichkeit und ein mitfühlender Blick auf diejenigen, die sich selbst um ihr dauerhaftes Glück bringen. Das Mädchen Annette mag ein unter unguten Verhältnissen geborenes Kind sein, der Film „Annette“ ist zweifellos ein Kind einer außerordentlichen Liebe – zur Kunst, zum Kino, zum Leben an sich. Und ihm beim Wachsen zuzusehen, nicht weniger als ein Privileg und eine Auszeichnung.

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