Drama | Italien 2021 | 129 Minuten

Regie: Paolo Sorrentino

Während sich 1984 ganz Neapel über Gerüchte ereifert, dass der argentinische Fußballstar Diego Maradona zum Verein der Stadt wechseln könnte, ahnt ein junger, filmbegeisterter Mann noch nicht, dass sein behütetes Leben mit Mutter, Vater, Bruder und skurriler Großfamilie bald eine tragische Wende nimmt. Ein persönlich gefärbter Film des Regisseurs Paolo Sorrentino über eine Jugend in Neapel während der 1980er-Jahre, der sich als sinnlich-bunter, tragikomischer Reigen entfaltet. Der Humor fällt dabei allerdings oft etwas gewöhnungsbedürftig aus; die in der zweiten Hälfte in Gang gesetzte Entwicklung des Protagonisten gibt dem Film dennoch Substanz. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
È STATA LA MANO DI DIO
Produktionsland
Italien
Produktionsjahr
2021
Regie
Paolo Sorrentino
Buch
Paolo Sorrentino
Kamera
Daria D'Antonio
Musik
Lele Marchitelli
Schnitt
Cristiano Travaglioli
Darsteller
Filippo Scotti (Fabietto Schisa) · Toni Servillo (Saverio Schisa) · Teresa Saponangelo (Maria Schisa) · Marlon Joubert (Marchino Schisa) · Luisa Ranieri (Tante Patrizia)
Länge
129 Minuten
Kinostart
02.12.2021
Fsk
ab 12
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama

Ein persönlich gefärbter Film des Regisseurs Paolo Sorrentino über eine Jugend im Neapel während der 1980er-Jahre, der sich als sinnlich-bunter, tragikomischer Reigen entfaltet.

Diskussion

Bevor Fabietto (Filippo Scotti) auf der Bildfläche erscheint, der jugendliche Protagonist von „Die Hand Gottes“, führt ein mysteriöser Prolog Fabiettos Tante Patrizia ein. Im abendlichen Neapel der 1980er-Jahre steigt die junge Frau in einen alten Rolls Royce, in dem niemand Geringerer als San Gennaro, der seit 1700 Jahren tote Schutzpatron von Neapel, durch die Stadt chauffiert wird. Der Bischof aus frühchristlicher Zeit, in einem modernen Anzug gekleidet, weiß um Patrizias unerfüllten Kinderwunsch und bringt sie zu einem verfallenen Haus. Dort treffen sie auf den sagenhaften „Munaciello“, den kleinen Mönch aus Neapel, der Patrizia Geld zusteckt, während San Gennaro der Frau ans Hinterteil fasst. So, erklärt San Gennaro scheinheilig, könne sie endlich ein Kind bekommen. Doch das Wunder bleibt aus. Nach Patrizias Heimkehr glaubt ihr ihr Ehemann Franco kein Wort; er wittert Untreue und schlägt brutal zu. Patrizia, die um ihr Leben fürchtet, ruft ihren Bruder an; die Schisa-Familie – Saverio, Maria und ihr Sohn Fabietto – eilt ihr zu dritt auf einem Motorroller zur Hilfe.

„The Hand of God“ ist eigentlich ein Film über die Jugend von Fabietto und zugleich die frei erzählte Autobiografie des Regisseurs Paolo Sorrentino. Tante Patrizia, deren Schönheit die erotischen Wünsche des Jungen weckt, bleibt eine bis zum Filmende gegenwärtige Figur. Früh ahnt man, dass Patrizias gewalttätiger Mann für die Kinderlosigkeit des Paars verantwortlich ist. Patrizia erleidet mehrere Fehlgeburten und landet schließlich in der Psychiatrie.

Trotz des legendenhaften Anfangs und auch entgegen des Filmtitels scheinen sich weder Gott noch seine Heiligen in das Schicksal der Familie Schisa einzumischen. Vielmehr stützt Sorrentinos ausgesprochen lapidare Inszenierung der Geschichte eines neapolitanischen Verwandten- und Bekanntenkreises die Vermutung, dass allein der Zufall seine sprichwörtliche Hand im Spiel haben kann.

Diego Maradona als Schutzpatron

Fußball verbindet die Menschen – über alle Kulturen hinweg. Insofern hat Sorrentino gut daran getan, einen Fußballstar wie Diego Maradona zum Patron eines Films zu machen, der ansonsten oft wenig polyglott zu Werke geht, einen bisweilen gewöhnungsbedürftigen, sehr italienischen Humor an den Tag legt und (lobenswerterweise) viel Lokalkolorit besitzt. Der Titel bezieht sich auf das umstrittene Siegestor Maradonas im Viertelfinale der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko, als Argentinien England 2:1 bezwang, nachdem der Schiedsrichter den vermeintlichen Kopfballtreffer von Maradona als reguläres Tor gewertet hatte.

In Wahrheit hatte der Argentinier den Ball mit seiner Rechten ins Netz gelenkt. „Es war ein Treffer durch die Hand Gottes und den Kopf Maradonas“, behauptete dieser selbst. Erst zwei Jahrzehnte nach dem Turnier, das Argentinien im Finale gegen Deutschland für sich entschied, gab Maradona zu, den Ball abgefälscht zu haben.

Maradona spielte zwischen 1984 und 1991 für den SSC Neapel, was in „Die Hand Gottes“ eine Art roten Faden liefert. Das Mitfiebern der Neapolitaner, ob und wie die Fußball-Ikone ihren Glanz auf den SSC Neapel scheinen lässt, bildet den Hintergrund der Familiengeschichte. Und es fließt auch noch ein biografisches „Wunder“ mit ein: Ein Auswärtsspiel des SSC, zu dem der 16-jährige Sorrentino einst reisen durfte, rettete dem Jungen das Leben, was sich in Fabiettos Geschichte widerspiegelt. Dieser Aspekt sorgt dann auch dafür, dass sich der Tonfall im letzten Drittel des Films zunehmend verdüstert, weil es dabei auch um einen tragischen Unfall in der Familie geht, der Fabietto zutiefst erschüttert.

Eine lebenspralle Großfamilien-Saga

Am besten gelingen Sorrentino die lakonisch erzählten und oft souverän zu einem Bildteppich verknüpften Episoden des Großfamilienlebens. Fabiettos Eltern Saverio (Toni Servillo) und Maria (Teresa Saponangelo) werden als munteres und krisenfestes Ehepaar dargestellt. Fabiettos Mutter ist für ihre ausgefallenen Streiche berüchtigt. So ruft sie mit verstellter Stimme bei einer Nachbarin an, die sich etwas auf eine flüchtige Begegnung mit Franco Zeffirelli einbildet. Als vorgebliche Assistentin des Starregisseurs bietet Maria der Bekannten eine Filmrolle an. Als der Schwindel auffliegt, spricht die Nachbarin kein Wort mehr mit Fabiettos Mutter.

Weiter treten auf: Signora Gentile, die wohl bösartigste Frau Neapels, die stets ihren Pelzmantel zur Schau trägt, sowie ihr Sohn Guppino, ein korrupter Veterinärinspektor. Fabiettos Tante Luisella betont mit ihren geblümten Bikinis ihre üppige Figur; ihr Verlobter Aldo ist ein ehemaliger Polizist, der fürs Kochen schwärmt und die ganze Familie mit dem Rezitieren von Rezepten nervt. Da er zum Sprechen auf eine elektronische Sprechhilfe angewiesen ist, lässt sich sein Redefluss allerdings problemlos deaktivieren.

Während Fabiettos Schwester Daniela das familiäre Badezimmer über Jahre hinweg kein einziges Mal zu verlassen scheint – hier verbiegt Sorrentino die familiäre Realität definitiv ins Absurde –, träumt der ältere Bruder Marchino (Marlon Joubert) von einer Schauspielkarriere, die er nach einem gescheiterten Vorsprechen bei Federico Fellini aber begraben muss.

Allein bei Fabietto zeichnet sich eine Laufbahn beim Film ab, eine Zukunft, für die der neapolitanische Filmemacher Antonio Capuano steht, der auch im wahren Leben für Sorrentino ein Vorbild war.

Gespielt wird Sorrentinos Alter ego von Filippo Scotti, der die Empfindsamkeit und den Lebenshunger des pubertierenden Jugendlichen überzeugend verkörpert. Am trefflichen Ensemble liegt es ohnehin nicht, dass „Die Hand Gottes“ am Ende nicht mit Sorrentinos bisher bestem Film „La Grande Bellezza“ mithalten kann. Die neue Geschichte ist so übervoll von heiteren, grotesken und traurigen Episoden, dass sie mindestens drei Filme ergäben, sich aber offenbar nicht zu einem richtig guten Film vereinen lassen. Das Problem ist leichter zu benennen, als dass man erklären könnte, warum Fellinis „Amarcord“ oder Alfonso Cuaróns „Roma“ als autobiografische Werke so grandios geworden sind.

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